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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - FÜNFTE ABTEILUNG - Strafrecht - VERBANNUNG

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



VERBANNUNG

aus dem eigenen Lande kennt das j. Recht nicht; sie mußte dem j. Recht schon deshalb fremd sein, weil ein Wohnen inmitten eines religionsfremden Volkes, welches auch andere Sitten hatte, den Verbannten nicht zur Besserung veranlassen konnte. Auch die Strafe der Ausrottung (Karet) hatte nicht den Charakter der V., vielmehr war sie eine besondere Art der Todesstrafe, welche von Gott selbst und nicht vom Gericht der Menschen vollzogen wurde. Einer V. ähnlich scheint die Ausschließung aus der Versammlung zu sein, die Esra den aus der babylonischen Gefangenschaft Zurückkehrenden androht, falls sie die eingegangenen Mischehen nicht auflösten (Esr. 10, 8). Die vom Feinde erzwungene V. in die Fremde wurde als besonderes Unglück empfunden; im Hinblick auf den in die Gefangenschaft entführten König Sallum klagt Jeremia: "Weinet nicht um den Toten und klaget nicht um ihn, weinet vielmehr um den, der fortziehen muß, er wird nicht mehr zurückkehren und sein Vaterland nicht mehr sehen" (Jer. 22, 10).

Das j. Recht kennt die Verbannung in eine der hierfür bestimmten Zufluchtsstädte als Sonderstrafe für den nicht vorsätzlichen, aus Fahrlässigkeit begangenen Totschlag, bei dem die auf Mord gesetzte Todesstrafe nicht zur Anwendung gelangen darf. Während diese V. ursprünglich wohl eine Begünstigung des fahrlässigen Mörders war, um ihn vor der Blutrache der nächsten Angehörigen zu schützen, wurde sie später doch als eigentliche Strafe, als V., aufgefaßt. Die Mischna (Makk. 2) setzt genau fest, in welchen Fällen und in welcher Weise diese Strafe der V. in eine der Zufluchtsstädte anzuwenden ist. In bezug auf die Anordnung der Zufluchtsstädte wurden genaue Vorschriften eingehalten. Im Gegensatz zu den Asylstätten der Griechen und Römer waren diese Zufluchtsstädte nicht ein Asyl für alle Verbrecher, sondern ausschließlich für denjenigen, der infolge einer fahrlässigen Tötung sich vor den Bluträchern schützen mußte. Der wirkliche Verbrecher fand dagegen dort keinen Schutz und sollte selbst vom Altare weg seiner Strafe zugeführt werden (Ex. 21, 14; I. Kön. 2, 28). Diese V. in die Zufluchtsstädte sollte zugleich als Strafe und Sühne empfunden werden. Bis zum Tode des jeweiligen Hohepriesters mußte der Täter dort verbleiben; Maimonides begründet dies damit, daß der Tod dieses Führers in Israel das ganze Volk in Trauer versetzt und daher auch die persönliche Trauer der Verwandten des Ermordeten vor dieser allgemeinen Trauer zurücktritt und sie nicht mehr auf Blutrache sinnen. Die Mischna berichtet, daß die Mutter des Hohepriesters den in die Zufluchtsstädte Verbannten Nahrung und Kleidung zu verabreichen pflegte, damit sie nicht den Tod ihres Sohnes herbeiwünschen (Makk. 2, 6). Bemerkenswert ist die Regelung, daß die V.'sstrafe unbeschränkt dauert, wenn im Zeitpunkt der Verurteilung kein Hohepriester amtiert (Makk. 2, 7).