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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - FÜNFTE ABTEILUNG - Strafrecht - STRAFRECHT

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



STRAFRECHT

Das Gebiet des j. Strafrechts (dine nefaschot) ist im talmudischen Schrifttum nicht so ausgeprägt wie die übrigen Gebiete des Rechts, weil die Kriminaljustiz nach den Angaben des Talmud schon vor dem Ende des zweiten Staatslebens verlorengegangen war. Von den über 60 Traktaten des babylonischen Talmud beschäftigen sich nur 2 Bücher vorzugsweise mit strafrechtlichen Materien: Sanhedrin mit der Struktur der Gerichtshöfe und der Anwendung der Todesstrafen; Makkot mit dem falschen Zeugnis, der Anwendung der Geißelstrafe (Malkut) und der Verbannung in die Zufluchtsstätten.  Nicht zum j. Strafrecht, das nur die Bestrafung von Personen umfaßt, gehören die unerlaubten Handlungen, die als Schädigungen (Nesikin) keine eigentlichen die Personen treffenden Strafen, sondern nur eine Haftung für Schadenersatz nach sich ziehen und daher im j. Recht in das Vermögensrecht einzusetzen sind. Aus dem Gesichtspunkte der Zuweisung der einzelnen Verbrechen an die verschiedenen Gerichte zur Beurteilung ergab sich die folgende Dreiteilung der Tatbestände des j. Strafrechts: 1. Die unbedeutenden Vergehen, welche Geldstrafe oder Geißelstrafe (Malkut) nach sich ziehen, werden von einem Dreierkollegium (Bet din) behandelt. 2. Die todeswürdigen Verbrechen, welche mit der Todesstrafe geahndet werden können, werden von einem Richterkollegium bestehend aus 23 Mitgliedern (kleines Synhedrium), abgeurteilt. 3. Das Verfahren gegen einen ganzen Stamm wegen der Anschuldigung der Anstiftung zum Götzendienst, gegen den Hohepriester, gegen einen falschen Propheten und gegen den "widerspenstigen Alten" (saken mamre) erfolgt vor dem großen, aus 71 Mitgliedern bestehenden Synhedrium. Die Normen des j. Strafrechts können ferner in solche eingeteilt werden, die sich auf Pflichten gegenüber Gott und auf Pflichten gegenüber den Menschen beziehen; diese Zweiteilung liegt bereits den Normen des Dekalogs zugrunde.

Für die einzelnen strafrechtlichen Tatbestände siehe folgende Einzelartikel: Beleidigung, Bestechung, Betrug, Diebstahl, Einbruch, Grenzverschiebung, Hehlerei, Meineid, Mord, Notzucht, Raub, Unterschlagung, Veruntreuung, Zeugen (falsche).

Im folgenden werden nur die wichtigsten allgemeinen Grundsätze des j. Strafrechts behandelt.
Die Strafe bezweckt im j. Recht durch Negation des Verbrechens eine Wiedervergeltung und Sühne.  Nicht nur der davon zunächst Betroffene, sondern die ganze j. Gemeinschaft ist durch das begangene Unrecht verletzt und erschüttert; sie soll durch einen Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit wieder beruhigt werden.  Diese Tendenz, durch die Wiedervergeltung das Verbrechen zu sühnen, kommt an verschiedenen Stellen des biblischen Schrifttums zum Ausdruck, z. B. in Deut. 19, 19 beim falschen Zeugnis: "Du sollst ihm tun, wie er seinem Bruder zu tun gedacht hat, und schaffe das Böse fort aus deiner Mitte." In dem weiteren Satz: "Und die Übrigen werden es hören und sich fürchten und nicht ferner mehr ähnliches Böses tun in deiner Mitte" zeigt sich, über die Vergeltung hinausgehend, als weiterer Zweck der Strafe die Abschreckung der Gesamtheit vor der Verübung des Verbrechens und des Täters vor dessen Wiederholung. Der Abschreckung will vor allem der öffentliche Vollzug der Todesstrafe und der Geißelstrafe dienen.

Das biblische Strafrecht geht, entsprechend dem grundsätzlichen Vergeltungscharakter der Strafe, prinzipiell vom Gedanken der Talion, d. h. der adäquaten Bestrafung aus; dieses strenge Vergeltungsrecht (ius talionis) entspricht nach biblischer Auffassung am ehesten der göttlichen Gerechtigkeit. Das Übel, das dem Täter zugefügt wird, soll ihn in einer Art und Weise treffen, die seiner Tat entspricht. Der Grundsatz, daß jede Schuld durch eine gleichwertige Strafe geahndet werden soll, "so wie er getan, soll ihm getan werden" (Lev. 24, 19), kommt in verschiedenen Strafandrohungen und Berichten der Bibel zum Ausdruck (vgl. z. B. Ex. 22, 23; Num. 14, 34; Ri. 1, 7; 15, 11; Est. 7, 10; vgl. auch P. A. 2, 6). Dieses Talionsrecht findet wiederholt bei Mord und Körperverletzungen die grundsätzliche Prägung in der bekannten Regel: "Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Beule um Beule" (Ex. 21, 23ff.; vgl. auch Lev. 24, 20; Deut. 19, 21). Insbesondere auch bei der Strafe für falsches Zeugnis findet diese Wiedervergeltung entsprechende Anwendung, indem dem Täter das gleiche zugefügt werden soll, das er mit seinem falschen Zeugnis dem anderen zugedacht hatte (Deut. 19, 19). Während die Sadduzäer und ihnen folgend die Karäer buchstäblich an diesen Strafandrohungen festhalten, fordern die Pharisäer eine sinngemäße Anwendung dieser ursprünglichen Gesetzesparoemie, welche nach ihrer Auslegung nur den möglichst adäquaten Charakter der Strafe zum Ausdruck bringen soll.  Im Talmud (B.  K. 83b ff.; Ket. 38a ff.) wird ausführlich begründet, warum die wörtliche Anwendung dieser Strafandrohungen in vielen Fällen unmöglich ist (ungleiche Gestalt der menschlichen Glieder, ungleiche Notwendigkeit einzelner Glieder, z. B. beim Lahmen und Blinden, sowie die Möglichkeiten zu weit gehender Verletzungen) und daß die angemessene Umwandlung in eine Geldstrafe dem Sinn dieser Normen entspricht.

Als todeswürdiges Verbrechen galt zu allen Zeiten die Vernichtung einen menschlichen Lebens.  "Wer das Blut eines Menschen vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden" (Gen. 9, 6). Diese Norm aus vormosaischer Zeit beherrscht das biblische Strafrecht und liegt allen Rechtssätzen, die Angriffe auf das menschliche Leben betreffen, zugrunde. Der Mörder soll selbst vom Altar weggenommen und seiner Strafe zugeführt werden (Ex. 21, 14), und nur durch eine Vergeltung am Täter findet der Erdboden, welcher vergessenes Menschenblut in sich aufgenommen hat, wiederum Versöhnung (Num. 35, 33). Dieser Gedanke kommt auch in dem eigentümlichen Sühneakt beim Auffinden eines Erschlagenen auf dem Felde zum Ausdruck, wobei die Todesstrafe an dem unbekannten Mörder symbolisch durch das Genickbrechen einer jungen Kuh (egla arufa) vollzogen wird.

In der vorbiblischen Zeit, als eine j. Rechtsordnung noch nicht bestand, war der nächste Blutsverwandte berechtigt und verpflichtet, als Erlöser (Go'el) das vergossene Blut zu rächen und Blutrache zu üben.  Später übernahm die Rechtsordnung die aus dem Gedanken der Blutrache sich ergebenden Verpflichtungen, indem sie selbst über den Mörder die Todesstrafe aussprach und sie an ihm vollzog. Der unvorsätzliche Mörder, der keiner Strafe zugeführt wurde, konnte sich durch Flucht in eine der Zufluchtsstätten vor der Blutrache retten. So wurde die Blutrache, soweit sie nicht ganz aufgehoben wurde, erheblich eingeschränkt; tatsächlich kommen auch in der j. Geschichte nur wenige Fälle des Mißbrauchs der Blutrache vor (vgl. Sam. 2, 19ff.).

Der sittliche Grundcharakter des j. Rechts findet auch im Strafrecht, vor allem auch bei den Strafarten, entsprechende Gestaltung. Das j. Recht kennt keine Strafen, welche die Menschenwürde des Verbrechers schmälern oder der niedrigen Rache des einzelnen Rechte einräumen. Bei Anwendung der Geißelstrafe wird z. B. erwähnt, daß über die Zahl von 40 Schlägen nicht hinausgegangen werden darf, "sonst würde dein Bruder in deinen Augen verächtlich werden" (Deut. 25, 3). Die Strafen werden im j. Recht hinsichtlich ihrer Rechtsquelle eingeteilt in mosaische, die ausdrücklich in der Tora genannt sind, und rabbinische, die von den Männern der "großen Versammlung" oder den späteren hierzu berufenen Instanzen innerhalb ihrer Kompetenzen angeordnet worden sind.  Außer den vom menschlichen Richter zu vollziehenden Strafen kennt das j. Recht auch Strafen, die vom göttlichen Richter zu vollziehen sind, und zwar die "Todesstrafe durch den Himmel" (mita bijde Schamajim) und die Karet Strafe (Ausrottungsstrafe). Ferner sind im mosaischen Gesetze zur Sühne für einzelne Delikte Opfer vorgesehen, die in genau vorgeschriebener Weise dargebracht werden müssen.

Als Ersatz für die Todesstrafe tritt im Fall der fahrlässigen Tötung die Strafe der Verbannung in eine der Zufluchtsstätten ein. An zweiter Stelle steht die Geißelstrafe, welche durch 40 Schläge (Malkut), nach der talmudischen Auslegung des bibl. Schrifttextes auf 39 reduziert, zur Ausführung gelangt.  Die mildeste Strafe ist die Geldstrafe, die auch noch in der nachtalmudischen Zeit, als eine Kriminaljustiz bereits verlorengegangen war, in mancher Hinsicht Geltung behält.

Außer diesen mosaischen Strafen gibt es noch besondere rabbinische Strafen, die erst in Mischna und Talmud zur Entfaltung gelangen. Die Gefängnisstrafe (Kippa), deren Charakter umstritten ist, kommt nur subsidiär in Ermangelung einer anderen Strafe zur Anwendung. Die Konfiskation von Gütern zugunsten des einzelnen oder des Fiskus war dem j. Recht ursprünglich fremd; sie wurde erst, wohl unter persischem Einfluß, von Esra erstmals angeordnet und findet auch später im Talmud Anwendung (Sanh. 46a; vgl. z. B. Ch. M. cap. 2; 231, 2). Für die Übertretung von rabbinischen Vorschriften kommt eine besondere Geißelstrafe (makkat mardut) zur Anwendung, als Ersatz für die Malkut-Strafe. Ferner erlangte als rabbinische Strafe besonders der Bann (cherem, nidduj und nesifa) Bedeutung. Über die Einzelheiten der Strafarten vgl. die Art.  Todesstrafe, Verbannung, Malkut, Geldstrafe, Gefängnis, Konfiskation.

Im allgemeinen erweisen sich die Strafarten des j. Rechts in ihrem Verhältnis zu anderen antiken Rechten als milde. Das j. Recht kennt keine Steigerung der Strafen in Wiederholungsfällen, keine Marter bei der Todesstrafe, die im Gegenteil zur Vermeidung weiterer Qualen des Verurteilten sofort vollzogen werden soll, wie auch dem j. Strafprozeß (s. Prozeßrecht und Gerichtswesen) jede Grausamkeit und Tortur im Untersuchungsverfahren fremd ist.  Die Strafen dürfen nur den Täter selbst, nicht dessen Kinder oder andere ihm nahestehende Personen treffen (Deut. 24, 16). Das Geständnis des Verbrechers allein läßt eine Bestrafung noch nicht zu.

Das Strafrecht, das mit der Androhung von Strafen bestimmte Rechtsgüter schützen will, soll schon durch die Strafandrohung den Täter von der Tat abhalten. Die Strafe kann aber nur den Täter treffen, der von der Strafandrohung wußte oder wissen mußte. Der allgemeine Grundsatz eines jeden Strafrechts, "nulla poena sine lege", daß jede Strafe ein Gesetz voraussetzt, galt auch im j. Recht.  Das fehlende Bewußtsein der Rechtswidrigkeit oder die Rechtsunkenntnis (amar muttar) schließt eine Bestrafung grundsätzlich aus. Der Vorsatz des Täters enthält im j. Recht nicht nur den bewußt rechtswidrigen Willen, sondern gleichzeitig auch das durch Zeugen nachweisbare Bewußtsein der verbrecherischen Tat und der Straffolgen im Zeitpunkt der verbrecherischen Handlung.  Nur falls eine genaue Verwarnung (Hatra'a) des Täters vorausgegangen ist, kann eine Bestrafung nach j. Recht eintreten. Der Versuch ist im j. Recht prinzipiell straflos; eine Ausnahme gilt nur hinsichtlich der Aussage von falschen Zeugen, bei denen die versuchte Handlung den verbrecherischen Tatbestand erfüllt. Eingehend geregelt ist die Straflosigkeit im Falle der Notwehr (bes. bei nächtlichem Einbruch) und des Notstandes.  Grundsätzlich wird die Anstiftung zu einer verbrecherischen Handlung nicht unter Strafe gestellt, denn "es gibt keine Vertretung hinsichtlich der Delikte".

Über den Kausalzusammenhang finden sich im Talmud eingehende Erörterungen, und es wird die Meinung vertreten, daß nur die rechtswidrige und schuldhafte Handlung strafbar ist, die in ihrer Wirkung hinlänglich und unmittelbar war, somit zwingend die Bedingungen zum verbrecherischen Erfolge gesetzt hat.  Im Falle der Gesetzeskonkurrenz, d. h. der Kollision von Strafen, wird im allgemeinen die schwerere Strafe angewandt.