Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - FÜNFTE ABTEILUNG - Strafrecht - SELBSTMORD

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



SELBSTMORD

(Freitod) Im ältesten j. Schrifttum findet sich zwar für den Selbstmörder keine besondere Bez., erst in späterer Zeit wird für ihn der Ausdruck me'abbed azmo lada'at, wörtlich: "ein sich selbst mit Absicht zugrunde Richtender", gebraucht. Von Selbstmördern wird an einigen Stellen der historischen Bücher berichtet. Simson reißt die Säulen ein, um sich mitsamt den Philistern unter den Trümmern zu begraben (Ri. 16, 30); Saul und sein Waffenträger stürzen sich in ihr Schwert (I. Sam. 31, 4); Achitofel, der von Absalom verschmähte Ratgeber, tötet sich durch Erwürgen (II. Sam. 17, 23); Simri zündet den Palast über sich an (I. Kön. 16, 18); Razes, einer der Ältesten von Jerusalem, nimmt sich das Leben, um nicht den Soldaten des Nikanor in die Hände zu fallen (Makk. II, 14, 41ff .). In den erwähnten Fällen tadelt der Talmud diese Selbstmörder nicht, weil sie sich nach verlorenem Kriege oder um der Schändung von Feindeshand zu entgehen das Leben nahmen; vielmehr wird sogar dem Volk verübelt, daß es König Saul, der in einer Notlage S. begangen habe, nicht genügend betrauerte (b. Jew. 78b), und auch der Midrasch (Ber. R. 34, 13) billigt ausdrücklich Sauls Handlungsweise. Unter Umständen kann der S. auch als geboten erscheinen, so wenn ein J. zu den drei Todsünden (Götzendienst, Unzucht und Mord) gezwungen wird und sich diesem Zwang nur durch S. entziehen kann (b. Sanh. 74a). Im Talmud wird vom S. mancher Märtyrer berichtet (b. Gitt. 57b).

Im allgemeinen wird jedoch der S. verpönt und die Quelle für dieses Verbot bereits im Zehngebot ("du sollst nicht morden") sowie in Gen. 9, 5 ("für euer eigenes Blut werde ich Rechenschaft fordern") erblickt. Ferner wird aus Deut. 4, 15 ("und bewahret gar sehr euer Leben") die Verpflichtung zur Lebenserhaltung abgeleitet. Der S. gilt als Frevel gegen Gott, dem der auf Erden weilende Mensch sich ebensowenig entziehen darf wie der Diener seinem Herrn.  "Wer sich selbst tötet, hat keinen Anteil an der künftigen Welt" (vgl. ARN, Kap. 36; P. A. 4, 22).  Josephus, der sich nach seinem eigenen Berichte (B. J. III, 8, 5) nach der Einnahme Jotapatas mit vierzig j. Kriegern in einer Höhle befand, die sich dem Tode weihten, um sich nicht den Römern ergeben zu müssen, wendet sich mit eindringlichen Worten gegen den S. und bemerkt, daß man den Leichnam des Selbstmörders als Strafe bis zum Sonnenuntergang unbeerdigt lasse. Sehr verpönt und der j. Lebensanschauung völlig fremd ist auch der S. aus Bußfertigkeit. Gott will nicht den Tod des Sünders, ermahnt der Prophet Ezechiel (18, 23), sondern "daß er von seinem Wandel umkehre und lebe". So wird berichtet, daß dem von den Römern zum Feuertod verurteilten R. Chananja b. Teradjon von seinen Schülern zugerufen wurde, er möge doch den Mund öffnen, damit die Flammen in ihn eindringen und ihn früher töten; er aber entgegnete: "Soll lieber derjenige, der die Seele hineingetan hat, sie holen, niemand aber tue sich selbst ein Leid an" (b. A. S. 18a).

S. liegt nur dann vor, wenn die Tat mit Vorsatz (lada'at) und freiwillig vorgenommen wurde.  Der Wille, aus dem Leben zu scheiden, muß ohne zwingenden Eingriff von außen verwirklicht werden und die Freiwilligkeit vor der Tat deutlich bekundet worden sein. Fehlt dieses Kriterium, so wird angenommen, daß ein die freie Willensbestimmung ausschließender Zustand einer krankhaften Störung der Geistestätigkeit vorgelegen hat, und es fällt somit auch die Wertung als S. dahin.  Aus äußeren Indizien allein darf daher auch nicht auf S. geschlossen werden, auch nicht, wenn z. B. jemand erhängt an einem Baum oder erstochen über seinem Schwert aufgefunden wird (Sem. 2, 1-3).

Sind der Vorsatz und die Zurechnungsfähigkeit erwiesen, so sollen die üblichen Ehrungen, vor allem religiös-ritueller Natur, bei und nach dem Begräbnis des Selbstmörders nicht erwiesen werden; jedoch muß man darauf achten, die Hinterbliebenen nicht zu verletzen. Hat jemand einen anderen aufgefordert, ihn zu töten, so ist der Täter schuldig; es ergibt sich dies aus dem Grundsatz, daß nach j. Recht eine Anstiftung zu einem Verbrechen nicht kennt und den Täter von seiner ausschließlichen Verantwortlichkeit nicht befreit, denn "es gibt keine Vertretung für Verbrechen". In der Mischna (B. K. 9, 7) wird ausdrücklich festgesetzt, daß auch bei der Körperverletzung mit Zustimmung des Verletzten der Täter schuldig ist (B. K. 92a ff.); für Tötung gilt dieser Grundsatz analog in gleicher Weise.