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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - FÜNFTE ABTEILUNG - Strafrecht - RAUB

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



RAUB

(gesela). Die gewaltsame, offene Wegnahme einer Sache durch den Räuber (gaslan) vom Eigentümer oder Besitzer wird in der Bibel im Zusammenhang mit anderen Bedrückungen und mit Betrug ausdrücklich verboten (Lev. 19, 13). Dem eigentlichen unmittelbaren R. durch Überfall und Wegnahme wird in der Bibel der mittelbare R. durch Bedrückung und Vorenthaltung von fremdem Eigentum (oschek) gleichgestellt. Der R. kann sich auch auf Immobilien beziehen. Im Dekalog wird der R. nicht besonders erwähnt. Die Norm "Du sollst nicht stehlen" (Ex. 20, 13; Deut. 5, 17) bezieht sich nach rabbinischer Auffassung in erster Linie auf den Menschenraub (gonew nefesch), der zumeist zum Zwecke des Verkaufes in die Sklaverei erfolgte und im j. Recht mit dem Tode bestraft wird (Ex. 21, 16; Deut. 24, 7). Eine besondere Bestrafung für R. kennt das j. Recht nicht; der Räuber ist vielmehr nur verpflichtet, die geraubte Sache dem Eigentümer zurückzugeben. Solange dies nicht geschehen ist und der Räuber seine Tat nicht bereut hat, werden ihm die bürgerlichen Ehrenrechte entzogen.  Ist die geraubte Sache selbst nicht mehr vorhanden oder zugrundegegangen, so muß er dem Beraubten deren Wert ersetzen. Falls er den R. eines Gutes zuerst abgeleugnet hat, muß er als Strafe für den falschen Eid noch 1/5 von dessen Wert hinzufügen und ein Sühneopfer darbringen (Lev. 5, 21ff.); die Beifügung des Fünftels wird jedoch nicht als Geldstrafe, sondern als Sühne aufgefaßt.  Im Talmud wird mehrfach zum Ausdruck gebracht, daß neben der Rückgabe der geraubten Sache die damit zusammenhängende Verzeihung von seiten des Beraubten von Bedeutung ist.  So entscheidet R. Akiba (b. B. K. 103b), daß ein Räuber, der nicht weiß, welchem von fünf Personen er eine Sache geraubt hat, sich nicht mit der einfachen Rückgabe der Sache begnügen darf, sondern jeder der fünf Personen die Sache vergüten, sie also fünffach ersetzen muß, da er nur so sicher auch die Verzeihung des wirklich Beraubten erlangt.

Eigenartig ist, daß der R. demnach nicht so schwer bestraft wird wie der Diebstahl, für den zweifacher resp. vier- oder fünffacher Ersatz vorgesehen ist. Das erklärt sich wohl dadurch, daß nach j. Auffassung der Räuber, welcher seine Tat offen begeht, für die menschliche Gesellschaft weniger gefährlich ist als der Dieb, der im geheimen vorgeht und zugleich die Menschen betrügt, mit denen er scheinbar im Frieden lebt.

Dem Räuber wird gleichgestellt, wer durch Selbsthilfe sich etwas aneignet und sogar wer ohne Wissen des Eigentümers dessen Gegenstände entlehnt.  Maimonides zählt auch die Würfelspieler zu den Räubern.

Eine Fülle von Anordnungen bezweckt, den Räubern die tätige Reue zu erleichtern.  Diese Verordnungen aus der Zeit der Mischna werden unter dem Gesamtbegriff der Anordnungen zugunsten der Reuigen (takkanot haschawim) zusammengefaßt. So wurde angeordnet, daß, falls die geraubte Sache selbst nicht mehr zurückgegeben werden kann, der Beraubte auf Vergütung des Wertes lieber verzichten solle (b. B. K. 94b). Nach strengem Tora-Recht müßte die geraubte Sache stets, auch wenn sie schon verarbeitet worden ist, in natura zurückgegeben werden; um jedoch dem Reuigen die Umkehr zu erleichtern, wurde verordnet, daß der Räuber die geraubte Sache durch deren Verarbeitung erwirbt. Der Räuber muß in diesem Falle stets den Wert ersetzen, den die geraubte Sache im Zeitpunkt des Vollzuges des R. hatte (B. K. 9, 1).  Bei Immobilien hingegen ist das mos. Recht unverändert in Kraft geblieben, so daß der Eigentümer die Rückgabe seines Feldes, auch wenn es bereits durch mehrere Hände gegangen ist, fordern kann (b. B. K. 117b). Ferner ist, um dem Räuber die Reue zu erleichtern, angeordnet worden, daß die geraubte Sache, die eigentlich dem Beraubten persönlich (selbst von Palästina nach Medien) zurückgebracht werden muß, beim Gericht deponiert werden kann (B. K. 95).