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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - FÜNFTE ABTEILUNG - Strafrecht - NOTZUCHT

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



NOTZUCHT

Der unter Anwendung von Gewalt erzwungene Beischlaf mit einer Jungfrau hat zur Folge, daß der Mann dem Vater des vergewaltigten Mädchens (anussa) eine Geldstrafe (kenass) von 50 Schekel Silber bezahlen und das Mädchen heiraten muß; auch verliert er das Recht, sich jemals von ihr scheiden zu lassen (Deut. 22, 28f.). Diese Pflicht zur Eheschließung besteht jedoch nach dem Talmud nur dann, wenn die Ehe nicht infolge Blutsverwandtschaft religionsgesetzlich verboten ist; auch steht dem Mädchen wie auch dessen Vater das Recht zu, die Eheschließung zu verweigern. Ferner wird in der Mischna (Ket. 3, 4) festgesetzt, daß außer dem dem Vater zu bezahlenden Preise dem Mädchen noch Entschädigungen für die angetane Schande, den erduldeten körperlichen Schmerz und für die Herabsetzung des Personenwertes zu zahlen sind. Im Falle der Verführung (Ex. 22, 15 - 16) steht dem Verführer (mefatte) die Heirat frei und er hat das Scheidungsrecht; auch kommt hier das der Verführten zu bezahlende Schmerzensgeld in Wegfall (b. Ket. 39b). Wurde an einer durch Kidduschin "angetrauten" Jungfrau N. verübt, so wird sie als Ehebruch angesehen, und es wird hinsichtlich der Straffolgen in der Bibel (Deut. 22, 23ff.) unterschieden, ob die N. in der Stadt oder auf dem Felde verübt wurde. Im ersten Fall wird an beiden die Todesstrafe (Steinigung) vollzogen, da angenommen wird, daß das Mädchen nicht um Hilfe gerufen hat, im zweiten Fall wird die Todesstrafe nur am Manne vollzogen, weil angenommen wird, das Mädchen habe vergeblich um Hilfe gerufen. Die gleiche Strafe tritt ein, wenn eine Frau, mit der eine Ehe unter Androhung der Todesstrafe nicht eingegangen werden darf, durch einen Dritten zum Beischlaf gezwungen wird. Bei dem zum Tode Verurteilten wird die Geldstrafe nicht auferlegt, entsprechend dem bei Gesetzeskonkurrenz geltenden j.-rechtlichen Grundsatz, daß stets nur die stärkere Strafe zur Anwendung kommt. Bei der N. wird stets vorausgesetzt, daß dem Körper der Ehefrau Gewalt angetan wird; sie selbst darf sich auch dann nicht fügen, wenn ihr mit Tötung gedroht wird und sie sich eigentlich in Notwehr befindet. Da die Strafen für N. außerhalb Palästinas von den j. Gerichten nicht mehr zur Anwendung gebracht wurden, beschäftigt sich die nachtalmudische Zeit wenig mit den bezüglichen Vorschriften.