Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - FÜNFTE ABTEILUNG - Strafrecht - NOTSTAND

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



NOTSTAND

Ist jemand in eine Notlage geraten, die mit einer Gefahr für Leib und Seele verbunden ist, so darf er zu seiner Befreiung ein fremdes Rechtsgut verletzen. Diese N.'shandlung, die in die rechtlich geschützte Sphäre eines anderen eingreift, gilt nicht als rechtswidrig, obwohl - hier zum Unterschied von der Notwehr - kein Angriff vorliegt. Der Vorsatz, einem anderen Schaden zuzufügen, ist zwar vorhanden, nicht aber die Absicht, zu schädigen, sondern Schaden von sich abzuwehren. Bei der Kollision von zwei Interessen ist man berechtigt, zum Schutze seines eigenen, näherstehenden Rechtsgutes ein anderes zu verletzen. Im j. Recht, das den N. in beschränkterem Maße als dies in manchen anderen Rechten der Fall ist, anerkennt, wird davon ausgegangen, daß alle Gesetzesnormen stets zur Voraussetzung haben, daß der Mensch bei Einhaltung dieser Normen leben kann und nicht zugrunde geht. So darf z. B. auch der Sabbat entweiht werden, um einen Kranken zu retten; der Schwache darf am Jom kippur Speise genießen, um sich das Leben zu erhalten (vgl. b. Sabb. 133a; b. Joma 85b). Höher als die Gesetzesnorm steht somit das Leben des Menschen selbst, "der durch die Gesetze leben soll" (Lev. 18, 5) und diese daher - abgesehen von den nachstehenden Ausnahmen - übertreten darf. Freilich ist der Täter stets zur Vergütung des Schadens verpflichtet, den er zur Rettung seines Lebens verursacht hat (b. B. K. 60b). Als Ausnahme von diesen Grundsätzen setzt das j. Recht jedoch fest, daß bei drei Verbrechen - Götzendienst, Mord und Unzucht - ein N. nicht anerkannt wird, daß trotz der drohenden Gefahr für Leib und Leben diese drei Todsünden nicht begangen werden dürfen, bei ihnen vielmehr der Grundsatz gilt, "er soll sich töten lassen und nicht das Verbrechen begehen". Dieser Grundsatz, daß ein Leben für ein anderes Leben nicht aufgeopfert werden darf, gilt nach j. Recht auch für die Mutter, welche beim Gebären in Lebensgefahr gerät. Solange das Kind noch im Mutterleibe ist, darf es, um das Leben der Mutter - die gleichsam in N. sich befindet - zu retten, zerstückelt werden. Sobald das Kind aber den Kopf oder nach anderer Ansicht den größten Teil des Körpers hervorgestreckt hat, darf es auch im Falle der Gefährdung des Lebens der Mutter nicht getötet werden. Im Talmud wird der Grundsatz der allgemeinen rechtlichen Zulassung der N.'shandlungen noch hinsichtlich der Übertretung von religiösen Normen insofern eingeschränkt, als zur Zeit der Verfolgungen der j. Glaubenstreue auch das kleinste Verbot nicht übertreten werden darf, damit die Glaubensverfolger von weiteren Verfolgungen abgehalten werden.