Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - FÜNFTE ABTEILUNG - Strafrecht - MORD

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



MORD

(rezicha). Die Tötung eines Menschen gilt, wie in den geltenden Rechten auch im j. Recht, als schwerstes Verbrechen. Neben Inzest und Götzendienst ist M. eine der Todsünden, welche auch im Notstande nicht begangen werden dürfen; nur im Falle der offensichtlichen Notwehr, wie z. B. beim Einbruch, ist die Tötung des Angreifers gestattet.  Die grundlegende Norm (lo tirzach, "du sollst nicht morden") findet sich an sechster Stelle im Dekalog (Ex. 20, 13; Deut. 5, 17).  Jedoch gehört das Verbot des M. schon zu den noachidischen Gesetzen. An die Erlaubnis der Tötung des Tieres zur Nahrung des Menschen wird in Gen. 9, 5 angeknüpft: "Wer das Blut eines Menschen vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden." Die Gottähnlichkeit des Menschen, die ihn über das Tier erhebt, wird dort ausdrücklich zur Grundlage des Tötungsverbotes gemacht, das in gleicher Weise für alle Menschen, für die Einheimischen wie für die Fremden, galt.

Die den meisten modernen Rechten geläufige Scheidung zwischen der als M. bezeichneten überlegten vorsätzlichen Tötung und dem vorsätzlichen, aber nicht vorbedachten Totschlag ist dem j. Recht nicht bekannt. Hingegen scheidet das j. Recht schon in den bibl. Quellen scharf zwischen absichtlich (mit Vorsatz) und unabsichtlich (in Fahrlässigkeit) ausgeführter Tötung.  So steht in Ex. 21, 12ff. im Gegensatz zum M., der vorbedacht ausgeführt wird, die Tötung, "die Gott so gefügt hat"; in ähnlicher Weise wird in Deut. 19, 4 ein hinterlistiger M. einer Tötung gegenübergestellt, bei welcher jeder Vorsatz fehlt. An der gleichen Stelle wird die unvorsätzliche Tötung durch das Bild vom Holzfäller illustriert, dem bei der Arbeit die Axt entgleitet, und der seinen Nebenmann tödlich trifft. Als entscheidende Kriterien der absichtlichen Tötung werden u.a. Haß und Feindschaft von früher (also etwa der dem Begriff des M. eigene Vorbedacht), das listige Auflauern, der Gebrauch eines Werkzeugs, erwähnt.

Nicht nur der M. selbst, alles, was zu einer Gefährdung menschlichen Lebens und damit indirekt zu einer Tötung führen kann, wird als Blutschuld angesehen. Hierher gehören die Gesetze über den störrischen Ochsen (Ex. 21, 28ff.), die Vorschrift betr.die Anbringung eines Dachschutzes (Deut. 22, 8), das Gesetz betr. die Anlegung des Hundes an die Kette (b. B. K. 79b), Gesetze, die alle vermeiden wollen, daß jemand Blutschuld auf sich ladet. Maimonides behandelt daher zusammen mit den Bestimmungen über M. auch alle jene Vorschriften, welche die Erhaltung des fremden Lebens bezwecken (schemirat hanefesch), und welche in der grundlegenden Norm "Stehe nicht still beim Blute Deines Nächsten" (Lev. 19, 16) ihren Ausdruck finden.

Der M. wird grundsätzlich mit dem Tode bestraft, wobei die Bibel von der Heiligkeit des menschlichen Lebens, des Blutes, ausgeht. Die Tötung kann daher nur durch die Todesstrafe gesühnt werden; ein Ersatz der Todesstrafe durch Sühnegeld darf gemäß dem sonst in der Bibel vorherrschenden Prinzip der Talion nicht eintreten, denn "das Land wird wegen des Blutes, das darin vergossen wurde, nur durch das Blut dessen, der es vergossen hat, Sühne finden" (Num. 35, 33).  Die Todesstrafe wird durch Enthaupten (hereg) des Mörders ausgeführt (Sanh. IX, 1). Das Recht, die Todesstrafe nach vollzogenem Rechtsspruch zu vollziehen, steht (ein Rest der früher zulässigen Blutrache) dem Blutsverwandten zu.

Der in Vorsatz begangene M. muß durch zwei Zeugen bestätigt werden, welche nicht nur die Tat selbst, sondern auch die der Tat vorangegangene Verwarnung (Hatra'a) des Mörders bezeugen müssen.  Ein Zeuge genügt nicht (Num. 35, 30; Deut. 19, 15). Ein Mörder, für dessen Tat das Zeugnis der zwei klassischen Zeugen fehlt, kann aber unter gewissen Umständen mit Gefängnis (Kippa) bestraft werden (Sanh. IX, 5).  Die vollzogene Handlung muß derart sein, daß sie den Tod notwendig und unmittelbar zur Folge haben mußte. Sehr eingehend beschäftigt sich der Talmud mit der Frage des Kausalzusammenhangs. War das Mittel kein taugliches (d. h. nicht hinlänglich und unmittelbar wirkend) oder war der Ermordete nicht lebensfähig, so tritt Straflosigkeit ein. Bei der fahrlässigen Tötung wird zur Vermeidung der Blutrache, damit nicht abermals Blut vergossen wird, dem Täter in den Zufluchtsstätten ein Asyl bereitet (Num. 35, 9; Deut.19, 4). Eine Fahrlässigkeit liegt jedoch nur dann vor, wenn der Täter den rechtswidrigen Erfolg dadurch herbeigeführt hat, daß er die im Verkehr übliche Sorgfalt nicht aufwandte.  Konnte der eingetretene Erfolg aber gar nicht vorausgesehen werden, so ist die Tötung auf einen Zufall zurückzuführen und der Täter bleibt straflos. Der Talmud entscheidet für verschiedene Tatbestände, ob Fahrlässigkeit oder Zufall angenommen werden muß.  Außerdem erörtert er die in der Mitte liegenden Fälle, wo die Fahrlässigkeit sich dem Vorsatz (schogeg karow lemesid) oder dem Zufall nähert (schogeg karow leoness). Im Falle der Unkenntnis der Rechtswidrigkeit wird Halbvorsatz angenommen. Eine Kontroverse besteht über die Auslegung der Bibelstelle Ex. 21, 22f., welche die versehentliche Tötung eines anderen Menschen, als geplant war, behandelt (Sanh. 79a).