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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - FÜNFTE ABTEILUNG - Strafrecht - GELDSTRAFE

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



GELDSTRAFE

(kenass, census) Das j. Recht kennt keine G., die der Richter für begangene Vergehen dem Täter nach freiem Ermessen auferlegt und die dem Fiskus oder dem Tempel zufallen würde. Die G. ist vielmehr im allgemeinen als bestimmte Summe, die an den Verletzten zu bezahlen ist, ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Wert- und Eigentumsverhältnisse im einzelnen Fall, gesetzlich festgesetzt. Sie ist eine eigentliche Strafe und wird genau vom Schadenersatz für Schädigungen (Nesikin) unterschieden, bei dem es sich um Vergütung des tatsächlichen Schadens handelt, während die G. nur die Strafsumme, die den Betrag des verursachten Schadens übersteigt, umfaßt (Ket. 3, 9). In der Bibel werden folgende G. erwähnt: 50 Schekel bei Vergewaltigung (Notzucht) einer Jungfrau (Deut. 22, 29); 100 Schekel bei Verleumdung der Ehefrau durch den Ehemann nach der Hochzeit, der behauptet, sie sei keine Jungfrau gewesen (Deut. 22, 19); 30 Schekel bei Tötung eines Sklaven durch einen Ochsen, wobei die G. vom Eigentümer des Ochsen an den Eigentümer des Sklaven zu bezahlen ist (Ex. 21, 32). Ferner ist für einen Diebstahl die Rückerstattung des zweifachen Wertes des angeeigneten Gutes vorgesehen, bei Schlachtung oder Verkauf des gestohlenen Tieres die Zahlung von dessen vier oder fünffachem Wert (Exod. 22, 3; 21, 37). Bei Unterschlagung oder Veruntreuung von zum Heiligtum gehörenden Sachen ist außer dem Wertersatz als G. die Beifügung eines Fünftels festgesetzt (Lev. 5, 16; 5, 24). Die G. (im Sinne eines Schadenersatzes) war ferner die Sühne für Körperverletzungen, für welche nach den Grundsätzen der prinzipiellen Talion eine angemessene, möglichst gleichwertige Bestrafung einzutreten hatte (Ex. 21, 24f.). Sodann ist zu erwähnen die Verpflichtung zur Vergütung der Hälfte des durch das Horn eines Ochsen entstandenen Schadens, falls der Ochs "unbescholten" (tam) war, d. h. zuvor noch nicht dreimal gestoßen hatte (b. Sanh. 3a). - Ein freiwilliges Geständnis des Täters bewirkte Befreiung von den biblischen Geldstrafen (b. B. K. 15b). Es gilt der Grundsatz: mode bikenass patur, "wer hinsichtlich einer G. eingestellt, ist frei" (b. B. K. 41b). Im Talmud ist ferner eine G. für tätliche Beleidigungen und ehrenrührige Handlungen gegen Personen, abgesehen von den weiteren Entschädigungen, die der Täter zu leisten hat, vorgesehen: Diese G. wird unter Berücksichtigung der jeweiligen Verhältnisse sowie des Standes des Beleidigers und des Beleidigten vom Gericht festgesetzt (B. K. 8, 6). - Dem j. Gericht (Bet din) außerhalb von Palästina ist die Befugnis, jemand ein G. aufzuerlegen, früh verlorengegangen; schon zur Zeit des Talmud wurden Geldstrafen in Babylon nicht mehr verhängt (b. Sanh. 3 lb); dadurch ist die Anwendung der G. fast ganz außer Anwendung gekommen. Hingegen pflegten die j. Gerichte dem Schuldigen nahezulegen, den Geschädigten vollkommen zu befriedigen.

Auch im j. Zivilrecht hat die G. im Sinne einer Konventionalstrafe eine ausgeprägte Anwendung gefunden. Durch die Zusicherung einer Konventionalstrafe werden Verpflichtungen, die sonst keine Geltung hätten, bekräftigt, indem vom Eintritt einer bestimmten Bedingung (Nichteinhaltung oder nicht gehörige Einhaltung einer Verpflichtung) die Zahlung einer Konventionalstrafe (Kenass) abhängig gemacht wird. Bei Ausbedingung dieser ist jedoch nach den Bestimmungen des j. Rechts streng darauf zu achten, daß sie auch im Hinblick auf die Grundsätze der Assmachta nicht rechtlich unwirksam bleibt. Ferner spielt heute vor allem eine bedeutsam Rolle die G., die für den Fall des Verlobungsbruches bei der Verlobung formell (durch Kinjan) vereinbart wird, um auf diese Weise die an und für sich (als Assmachta) rechtlich unverbindliche Vereinbarung der Verlobung mit Rechtskraft auszustatten.