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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - FÜNFTE ABTEILUNG - Strafrecht - GEFÄNGNIS

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



GEFÄNGNIS

Da die Freiheitsstrafe im Sinne der Abbüßung eines Verbrechens durch Einsperrung in ein G. dem biblischen Recht - im Gegensatz zu Ägypten, wo das G. bereits in ältester Zeit bekannt war - zunächst fremd war, kannte man im alten Israel das G. wohl nur als Haus des Gewahrsams zur vorläufigen Unterbringung eines Angeklagten bis zur Verurteilung.  Als G. diente in ältester Zeit wahrscheinlich eine leere Zisterne, aus der nicht leicht zu entkommen war (Sech. 9, 11), ein unterirdisches Kerkergewölbe (Jer. 20, 2; 37, 15f.) oder dann ein besonderer Kerkerhof, zumeist wohl in der Nähe des königlichen Palastes (Jer. 32, 2; 38, 13; Neh. 3, 25), wo die Angehörigen den Gefangenen auch besuchen konnten (Jer. 32, 8). Bisweilen war die Gefangenhaltung mit einer Tortur (Einspannung in einen hölzernen Block, mahpechet) und einer Beschränkung der Nahrungsmittel verbunden (II. Chr. 16, 10; 18, 26). Die öfters von j. Königen angeordnete Gefangennahme, vor allem der Propheten, erweist sich als Willkürakt, dem jede gesetzliche Grundlage mangelt. Erst zur Zeit des zweiten Staatslebens wird auch in Israel die G.-Strafe neben den anderen Strafen erwähnt (Esr. 7, 26).

In der Mischna (Sanh. 9, 3 und 5) ist sodann eine besondere G.-Strafe vorgesehen.

Der Täter wird nach der Auffassung des Talmuds in einen engen Kerker (Kippa) verbracht, der nur die Höhe eines Mannes in der Länge hatte, so daß der Gefangene sich beim Schlaf nicht gehörig ausstrecken konnte.

Nach den Worten der Mischna gibt man dem in die Kippa Verbrachten "Gerste zu essen, bis sein Bauch platzt", oder man hält ihn bei "knapper Brot- und Wasserration". Diese G.-Strafe wird gemäß der Mischna (Sanh. 9, 5) und den entsprechenden Erläuterungen im Talmud dann angewandt, wenn 1. die Isolierung des wiederholt rückfälligen Übertreters derselben religiösen Verbote zweckmäßig erscheint (der Täter bereits zweimal mit der Geißelstrafe belegt worden ist) und 2. die Verurteilung zur Todesstrafe wegen Mordes aus einem rein formalen Grunde - Fehlen der Zeugen oder der Verwarnung (Hatra'a) - nicht zur Anwendung kommen kann.  Diese G.-Strafe kann somit als eine mittelbare Todesstrafe aufgefaßt werden; nach mancher Ansicht ist sie eine bedingte Freiheitsstrafe, die dann ihr Ende findet, wenn der Täter sich im G. bessert.

Die Gesetzesbestimmungen betr. das "Kippa"-G. wurden von antisemitischer Seite wiederholt als Beweis für die Grausamkeit der talmudischen Gesetzgebung herangezogen, jedoch ergibt sich aus einer genauen Prüfung der Quellen und der Ausführungen im Talmud (b. Sanh. 79b ff.) im Zusammenhang mit den anderen Vorschriften betr. die Todesstrafe, daß es sich hier um ein Mißverständnis oder um eine Entstellung der freilich sehr spärlichen Quellen handelt. Die Mischna (Sanh. 9, 3) wurde fälschlich auf den Fall bezogen, daß ein Mörder nicht in einer Reihe von Personen identifiziert werden kann; eine Bestrafung des nur Verdächtigen, nicht des der Schuld überführten Täters würde aber dem ganzen System der j. Strafgesetzgebung zuwiderlaufen; vielmehr spricht die erwähnte Nischna vom stößigen Ochsen, der zur Steinigung verurteilt war und mit anderen Ochsen vermengt wurde.