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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - FÜNFTE ABTEILUNG - Strafrecht - FAHRLÄSSIGKEIT

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



FAHRLÄSSIGKEIT

(schegaga, "Versehen, Irrtum") Im Gebiete des Strafrechts ist die Schuld des Täters, d. h. ein vom Gesetz mißbilligtes geistiges Verhalten des Täters, eine Voraussetzung jeder strafbaren Handlung. F. ist die eine der Schuldarten, die auf der einen Seite durch den Vorsatz (mesid) begrenzt wird, auf der anderen Seite durch den Zufall (oness) in dem sie wohl ursprünglich aufging, indem die F. in der Geschichte des j. Strafrechts sich verhältnismäßig erst spät entwickelte. Bei der F. fehlt dem Täter die Kenntnis der Begriffsmerkmale des Verbrechens, die die Voraussetzung des Vorsatzes ist, oder er befindet sich in bezug auf sie im Irrtum. Im einzelnen können diese mangelnde Kenntnis oder der Irrtum sich auf den Tatbestand und die Kausalität der Handlung (ignorantia facti) oder auf die Rechtswidrigkeit und Strafbarkeit der Handlung (ignorantia iuris) beziehen.

Im Gegensatz zum Vorsatz, bei dem der rechtswidrige Erfolg willentlich beabsichtigt ist, liegt F. dann vor, wenn der Täter den rechtswidrigen Erfolg, ohne ihn zu wollen, dadurch herbeiführt, daß er die im Verkehr übliche Sorgfalt nicht aufwendet und dadurch in Unkenntnis verharrt oder in einem Irrtum befangen ist. Sein Verschulden besteht darin, daß er die übliche Sorgfalt, die ein vernünftiger Mensch als erforderlich anwenden würde, außer acht läßt und so den Erfolg, den er hätte voraussehen sollen und können, ermöglicht. Mangelnde Sorgfalt ist es auch, daß der Täter sich über die Rechtsfolgen nicht vergewissert hat. War diese Kenntnis aber unmöglich oder der Erfolg nicht voraussehbar, so liegt keine F., sondern Zufall (oness) vor. Im Talmud wird in einer reichen Kasuistik eine Fülle von äußeren objektiven Tatbeständen angeführt, bei deren Vorliegen aufgrund der Erfahrungen des täglichen Lebens angenommen wird, daß die Voraussicht des Erfolges bei Anwendung der üblichen durchschnittlichen Sorgfalt möglich gewesen wäre und dem Täter somit ein fahrlässiges Handeln zur Last gelegt werden kann. Die Beurteilung der F. nach dem subjektiven Maßstab, d. h. nach geistigen Fähigkeiten und seelischen Veranlagungen des Täters sowie nach seiner Einstellung und seinem mutmaßlichen Willen gemäß den besonderen Umständen des einzelnen Falles ist dem j. Rechte im allgemeinen fremd. Die meisten im Talmud gebrachten Fälle beziehen sich auf das gänzliche oder teilweise Fehlen der Kenntnis der Kausalität der strafbaren Handlung (b. B. K. 26a ff.; 32a ff.; b. Makk. 7b ff.).

Außer dem Fall der reinen F. kennt das j. Recht noch eine F., "die sich dem Vorsatz nähert" (schogeg karow lemesid) sowie eine F., "die sich dem Zufall nähert" (schogeg karow leoness); in diesen beiden Fällen tritt die für das fahrlässig begangene Delikt vorgesehene Strafe nicht ein, im ersteren Falle nicht, weil sie zu gering, im letzteren Falle nicht, weil sie zu groß wäre. In Deut. 19, 5ff. und Num. 35, 22ff. wird die F. beim Totschlag erwähnt. Die dort vorgesehene Strafe ist die Verbannung in eine der Zufluchtsstätten. Im allgemeinen wird für die aus F. begangenen Delikte in Num. 15, 27 und Lev. 4, 27 als Strafe das Sündopfer vorgesehen. Maimonides zählt in einem besonderen Buche über die aus F. übertretenen Verbote (schegagot), die Delikte auf, deren fahrlässiges Begehen mit einem Sündopfer geahndet, während die vorsätzliche Tat mit der Ausrottung bestraft wird. Besondere Regeln gelten für die aus F. begangene Verletzung der Sabbatruhe (b. Chul. 15a; b. Sabb. 67b ff.).

Für die religiösen Vorschriften wird der Grundsatz aufgestellt, daß man die fahrlässigen Gesetzesübertreter, wenn anzunehmen ist, daß sie einer Belehrung unzugänglich sind, nicht aufklären soll, denn "es ist besser, wenn sie aus Fahrlässigkeit ein Gesetz übertreten, als wenn sie es vorsätzlich tun" (b. Beza 30a). Im allgemeinen wird in der haggadischen Literatur hervorgehoben, daß dem Gesetzeskundigen alle Übertretungen, auch die aus F. begangenen, als vorsätzliche Taten angerechnet werden (P. A. 4, 13); beim Unwissenden hingegen, ferner bei dem unter Andersgläubigen Herangewachsenen, dem jede Kenntnis und Erfahrung abgeht, wird stets F. angenommen (b. B. M. 33b).