Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - FÜNFTE ABTEILUNG - Strafrecht - DIEBSTAHL

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



DIEBSTAHL

(genewa) Die widerrechtliche Aneignung fremden Eigentums wird bereits unter den noachidischen Gesetzen aufgeführt. Die Norm "Du sollst nicht stehlen" (Ex. 20, 15; Deut. 5, 17) bezieht sich zwar nicht auf den D. von Sachen, sondern auf den Menschenraub; jedoch ergibt sich das Verbot des D.'s aus dem 9. Stück des Zehngebots "Du sollst dich nicht gelüsten lassen nach allem, was deinem Nächsten gehört" (Ex. 20, 17), wodurch (mittels logischen Schlusses vom Kleineren auf das Größere) eine tatsächliche Wegnahme ohne weiteres als unzulässig vorausgesetzt wird. Die Norm wird in Lev. 19, 11 noch besonders statuiert. Das j. Recht geht davon aus, daß das private Eigentum zu schützen ist. Wenngleich das Eigentum zwar als ein von Gott verliehenes Gut betrachtet wird, mit dem der Mensch verpflichtet ist, Liebeswerke zu verrichten, so ist doch andererseits niemand berechtigt, das Eigentumsrecht eines Dritten zu verletzen. In den Fällen, in denen Eingriffe in das Eigentum zulässig sind, wird dies ausdrücklich bestimmt, wie z. B. beim Recht der Allgemeinheit auf den Ertrag im Schemitta-Jahre, beim Recht der Armen auf die Nachlese, die vergessenen Garben, die Ecken des Feldes (Pea) usw.  Dem Arbeiter wird sogar gestattet, an dem Obst und den Ähren seinen Hunger zu stillen, in gewissem Sinn ein zugelassener Mundraub (Selbsthilfe); jedoch ist das Recht ausdrücklich auf Stillung des Hungers beschränkt, hingegen darf keine Sichel über das Getreide geschwungen, kein Obst in einem Gefäß mitgenommen werden (Deut. 23, 25f.). Der D. ist nach j. Recht nicht möglich an Grundstücken, Urkunden und Sklaven.  Er gilt als vollendet, wenn der Dieb sich die Sache angeeignet hat (s. Kinjan).

Ähnlich wie in den meisten antiken Rechten wird der D. im j. Recht schwerer bestraft als der Raub, da der D. heimlich an einem fremden unverteidigten Gute vorgenommen wird, während der Räuber mit Gewalt etwas entreißt. Dem Räuber wird keine Strafe vom menschlichen Richter auferlegt; er hat nur den geraubten Gegenstand zu ersetzen. Umstritten ist bei den Kodifikatoren, ob Raub oder D. vorliegt, falls jemand mit Waffen in der Hand fremdes Eigentum an sich reißt, mit der Absicht, im Falle der Abwehr von seinen Waffen Gebrauch zu machen. Maimonides (Hilchot genewa 1, 3) sieht in diesem Verbrecher einen Dieb, während Abraham b. David ihn als Räuber bezeichnet (vgl. b. B. K. 79b). Gegenüber dem Einbrecher hat der Angegriffene besondere Rechte (vgl. Ex. 22, lff.; s. Einbruch).

Die Strafe für D. richtet sich nach der Stärke des verbrecherischen Willens, der in der Tat zum Ausdruck kommt.  Sie besteht in vermehrter Rückerstattung, und zwar ist der Dieb zu einer doppelten Rückerstattung verpflichtet, falls es sich um eine gestohlene Sache oder um Tiere handelt, die noch lebend beim Dieb vorhanden sind. War das Tier jedoch bereits geschlachtet oder verkauft worden, so ist der Dieb bei Kleinvieh zur vierfachen und bei Großvieh zur fünffachen Rückerstattung verpflichtet (Ex. 21, 37 und 22, lff.; vgl. auch Il.  Sam. 12, 6).  Die Strafe der vier- oder fünffachen Rückerstattung im Falle der Schlachtung oder des Verkaufes des gestohlenen Tieres sollte wohl bezwecken, daß der Dieb, solange diese Tiere noch lebend in seinem Besitze sind, sich eher bemüht, den D. reumütig wieder ungeschehen zu machen.  Andererseits wurde in dem D. von lebenden Tieren ein bes. gefährliches Verbrechen erblickt, da die vorwiegend landwirtschaftliche Betätigung der J. gerade ein vermehrtes Vertrauen in dieser Hinsicht notwendig machte; wurde das Tier daher verkauft oder vom Dieb geschlachtet, so wurde qualifizierter D. angenommen, und die erhöhte Strafe fand Anwendung. Die Unterschlagung wurde gleich dem D. (Ex. 22, 6ff.; Maimonides, H. Gen. 4, lff.; vgl.  Veruntreuung), der D. eines Menschen hingegen wurde mit dem Tode bestraft (Ex. 21, 16 und Deut. 24, 2).

War der Dieb nicht in der Lage, das gestohlene Gut zurückzugeben oder dafür Ersatz zu leisten, so konnte von Gesetzes wegen die Schuldknechtschaft eintreten, indem der D. als unfreier Arbeiter verkauft wurde und durch seine Arbeit den D. wiedergutmachen mußte (Ex. 22, 2).  Durch ein freies Geständnis wird der Dieb von der eigentlichen Strafe befreit; er hat dann nur den einfachen Wert zu ersetzen.

Der D. an einer gestohlenen Sache ist im Gegensatz zum röm.  Recht straffrei. Die Hehlerei oder irgendwelche andere Begünstigung des D.'s aber ist streng untersagt.  So wird z. B. ausdrücklich normiert, daß man von Hirten keine Wolle, von Handwerkern keinen Stoff, der ihnen zur Verarbeitung dient, kaufen darf, weil die Möglichkeit eines D.'s vorliegt (B. K. 10, 9).

In Ausdehnung des Begriffes wird auch der D. an Worten (genewat dewarim), d. h. der D. an geistigem Eigentum (Plagiat), im j. Recht als D. aufgefaßt. Schon in der Mischna (P. A. 6, 6) wird ausgesprochen, daß jeder, der einen Gedanken eines anderen zitiert, dessen Namen erwähnen soll, und nach einer anderen Talmudstelle gereicht diese Erwähnung einem verstorbenen Gelehrten zur besonderen Ehre (b. Jew. 96a). Der Plagiator wird als "Dieb an den Worten" bezeichnet.  Auch der D. an Gesinnung (genewat da'at) wird im j. Recht als D. bezeichnet, und es werden hierzu auch Höflichkeitsreden und Schmeicheleien gezählt, die einen günstigen Eindruck beim Hörer hervorrufen wollen und gleichsam einen D. von dessen guter Gesinnung bewirken (b. Chul. 94a).