Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - FÜNFTE ABTEILUNG - Strafrecht - BESTECHUNG

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



BESTECHUNG

(schochad) Durch Geschenke jemandes Gunst erlangen. Die grundlegende biblische Norm richtet sich vornehmlich an die Richter, die davor gewarnt werden, sich in ihrem Urteil, das sie der Wahrheit gemäß zu finden bestrebt sein sollen, durch Geschenke blenden zu lassen: "Du sollst das Recht nicht beugen, du sollst kein Ansehen der Person kennen, du sollst keine Bestechung nehmen, denn die Bestechung blendet die Augen der Weisen und verdreht die Worte der Gerechten; nur der Gerechtigkeit sollst du nachjagen, damit du lebest und in Besitz hattest das Land, das der Ewige dein Gott dir gibt" (Deut. 16, 19. 20; vgl. auch Ex. 23, 8). Dem Richter, der namentlich in Strafsachen eine B. annimmt, wird ein besonderer Fluch angedroht (Deut. 27, 25).

Die B. wird als Zeichen größter Sittenlosigkeit gewertet, als Frevel, den Gott nicht ungeahndet läßt. Die Propheten wenden sich mit besonderer Schärfe gegen die B. (Jes. 1, 23; 5, 23; Ez. 22, 12; Mi. 3, 11; vgl.  Hi. 15, 34). Sie gilt als eine der schweren Sünden, um derentwillen das Land dem Verderben preisgegeben werden wird.  Den Söhnen Samuels, des letzten Richters, wird B. vorgeworfen; das Volk hält sie darum nicht als Nachfolger ihres Vaters für würdig und verlangt die Einsetzung eines Königs (I. Sam. 8, 3). Anderseits läßt sich Samuel selbst, als er vom Volke Abschied nimmt, durch Schwur bestätigen, daß er als Richter keine B. angenommen und seine Augen gegenüber niemand verschlossen habe (l. Sam. 12, 3ff.). König Josafat ermahnt die Richter, die er aufs neue im Reiche Juda einsetzt, dem göttlichen Richter gleich keine B. anzunehmen (II. Chron. 19, 7). Im Talmud (b. Jew. 63a) wird als Grund des Verbotes der B. die Erwägung angeführt, daß der Richter, der von einer Partei B. annimmt, sich zu dem Bestechenden hingezogen fühlt und mit ihm gleichsam eine Person bildet, und das Wort schochad (-inivi) bedeutet nach einer talmudischen Deutung (b. Ket. 105b) schehu chad, "denn er (der Richter) ist eins" (mit dem Bestechenden). Die B. wird mit der Fischangel verglichen, deren Lockspeise das Opfer nicht zu entrinnen mag; so blendet sie die Augen selbst des klügsten Richters.  Ein Angriff auf die freie, unabhängige und unparteiische richterliche Funktion wäre der Ruin der gesamten Rechtspflege.

Der Begriff der B. wird im j. Recht in Auswertung der bibl. Normen dahin erweitert, daß beide, der Richter oder Zeuge, die die B. annehmen, sowie der Bestechende, der vor den "blinden" Richter einen Stein des Anstoßes legt (Lev. 19, 14), schuldig sind. Nicht nur ein Geschenk an Geld oder Geldeswert, sondern auch ein freundliches Wort, eine bloße Gefälligkeit wird als B. verpönt. Im Talmud werden verschiedene Anekdoten erzählt, die zeigen, wie peinlich genau die Amoräer, die als Richter fungierten, sich auch von dem geringsten Verdacht der B. frei hielten.  So wird von Mar Samuel, dem Rektor der j. Gelehrtenschule zu Nehardea, erzählt, er habe einem Manne, der ihm beim Verlassen einer Fähre behilflich war, erklärt, er könne in dessen Streitsache, die er ihm zur Entscheidung vorlegen wollte, nicht mehr als Richter fungieren (vgl. b. Ket. 105a f.; b. Sabb. 56a; b. Makk. 24a; b. Jew. 63b).  Die in der Bibel für B. angedrohte Strafe der Erblindung wird von manchen wörtlich aufgefaßt (Pea 8, 9), von den meisten jedoch nur bildlich gedeutet. Diese Auffassung erinnert an die klassische Darstellung der personifizierten Gerechtigkeit (iustitia) mit einer Binde vor den Augen, die sich gleichsam selbst blind macht, um keine der beiden Parteien zu sehen und nur der inneren Entscheidung für die Wahrheit folgen zu können.

Hat ein Richter B. angenommen, so ist der Urteilsspruch nichtig, sogar wenn er sich seine richterliche Tätigkeit nur hat entgelten lassen (Bech. 4, 6; vgl. auch b. Bech. 29a und Tossaf. s. v. "ma"), und der Richter hat gegebenenfalls für den Schaden aufzukommen.  In gleicher Weise wie für den Richter gelten die vorstehenden Normen auch für die Zeugen, die sich, falls sie sich durch B. beeinflussen lassen, eines falschen Zeugnisses schuldig machen.