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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - FÜNFTE ABTEILUNG - Strafrecht - BELEIDIGUNG

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



BELEIDIGUNG

(boschet, rechilut, leschon hara, injuria). Die B.,eine absichtliche Beschämung oder Mißachtung einer fremden Persönlichkeit, ist im j. Recht streng verpönt. Das bibl. Recht kennt wohl urspr. nur die tätliche und nicht die wörtliche B. (Verbalinjurie). So wird z. B. die tatsächliche B. durch eine Frau nach rabbinischer Auffassung durch Geldstrafe zugunsten des Beleidigten gesühnt (Deut. 25, 11). Im Talmud (b. B. K. 85a) werden weitere Beispiele tätlicher B. genannt: das Anspucken, das Entblößen eines andern. Auch Beispiele aus der j. Geschichte zeigen, wie verletzend eine B. empfunden wurde (vgl. auch Jer. 6, 15; I. Sam. 20, 34; II.  Sam. 10, 5ff.; Rut 2, 15 usw.) Der Talmud nennt genaue Bußen für jede einzelne B.; diese Strafgelder wurden jedoch später entsprechend dem veränderten Geldwert anders festgesetzt.

Der seelische Schmerz des Betroffenen, den die B. bewirkt, kommt vor allem im Zusammenhang mit der Körperverletzung zum Ausdruck, und es wird daher im j. Recht festgesetzt (B. K. 8, 1), daß dem Verletzten nicht nur ein Anspruch auf Vergütung des wirklichen Schadens: 1. Ersatz für die Wertminderung des Körpers, 2. Schmerzensgeld, 3. Heilungskosten, 4. Vergütung für Zeitverlust und entgangenen Gewinn, sondern jeweils auch auf Entschädigung für die damit verbundene Ehrverletzung zusteht. Sie entspricht wohl der modernrechtlichen Genugtuungssumme (Buße). Diese Entschädigung für Beschämung kann freilich nur dann gefordert werden, wenn die B. absichtlich erfolgte, andernfalls fehlt ihr die Absicht und damit auch der eig. beleidigende Charakter (B.  K. 8, 2).

Die B. durch Worte, die der Talmud gleichfalls, u. zw. nach freiem Ermessen des Richters, bestraft, wird - abgesehen von der Rechtspflege - im j. Schrifttum mit besonderen Androhungen verbunden und ist sehr verpönt.  Diese Verbalinjurie findet bereits in der bibl. Norm: "Gehe nicht als Herumträger umher in deinem Volke" (Lev. 19, 16) ihre Quelle, worunter, nach Auffassung der Rabbinen, die Verbreitung einer, wenn auch wahren, Nachricht verstanden ist, die für den Betroffenen, auch ohne daß sie eine eigentliche B. enthält, unangenehm sein kann, indem sie ihn unnütz ins Gerede bringt. Das talmudische Recht unterscheidet demgemäß zwischen fahrlässiger B. (rechilut, d. h. ein überflüssiges Geschwätz) und vorsätzlicher B. (laschon hara, d. h. böse Zunge). In beiden Fällen handelt es sich jedoch um die Verbreitung einer wahren Nachricht.  Entspricht die behauptete Tatsache aber nicht der Wahrheit, so liegt eine Verleumdung vor (mozi schem ra), die besonderen Normen unterliegt.

Die B. wird im Talmud als das schwerste Delikt bezeichnet, weil der Schmerz der Beschämung stärker ist als irgendeinanderer (b. Sanh. 45a, b; Sota 8b).  Wer einen anderen beschämt, verliert nach einer anderen talmudischen Ouelle (b. B. M. 58a ff.) seinen Anteil am Jenseits. Die B. wird sogar dem Blutvergießen gleichgeachtet.  Ein weiterer Ausdruck für öffentliche B. (malbim pene chawero), "das Antlitz eines Nächsten zum Erbleichen bringen") spielt darauf an, daß die B. im Gesicht des Beleidigten einen Farbenwechsel erzeugt. Der Grad der B. ist je nach dem Ansehen und der Stellung des Beleidigten und des Beleidigers verschieden zu beurteilen (b. Ket. 40a).  Von der Frau wird gesagt, daß ihr Schamgefühl größer ist als das des Mannes und daß man sich daher bes. davor hüten soll, ihr eine B. zuzufügen. Sodann wird vor allem vor der B. des Lehrers gewarnt.  Besonders verpönt ist ferner die B. von Bußfertigen und Proselyten, die man nicht an ihre frühere Lebensweise und diejenige ihrer Vorfahren erinnern darf. Auch von einer B. der Armen und der Arbeiter soll man sich zurückhalten, "denn sie sind dir nur zur Dienstleistung übergeben, nicht aber, damit du sie beschämest", und auch vor der B. gegenüber Sündern und Verbrechern wird gewarnt und daran erinnert, daß man keinen Menschen erniedrigen soll, denn es gebe keinen Menschen, der nicht seine Fehler hätte.

In den j. Gemeinden wurden bis zur Neuzeit die Ehrenkränkungen mit Strafandrohungen belegt und bisweilen nüt dem Bann (Cherem) bestraft, der so lange andauerte, bis der Gekränkte durch Abbitte versöhnt wurde. Dem Beleidiger wird außer der Versöhnung des Beleidigten die Buße durch Fasten und eine Geldstrafe auferlegt.  Ist der Beleidigte gestorben, so muß er an dessen Grab um Abbitte ersuchen. Der Talmud erzählt wiederholt von Fällen, in denen der Beleidiger die Verzeihung des Beleidigten zu erreichen erstrebte. Als wichtigstes Moment bei der Sühne für die B. wird stets die persönliche Verzeihung von seiten des Beleidigten erblickt und somit - im Gegensatz zum modernen Recht - auf das subjektive Moment bei der B. das Hauptgewicht gelegt. Dem Beleidigten wird, außer im Falle der Verleumdung, empfohlen, dem reuig sich entschuldigenden Beleidiger zu verzeihen. - Neuerdings hat Rabbi J. M. Kahan in den Werken "Chafez chajim" und "Schemirat halaschon" alle Normen bezüglich der B. und der Verleumdung sowie ihre Bewertung im gesamten j. Schrifttum zusammengestellt und diesen Werken in Anlehnung an Ps. 34, 13 das Motto vorangestellt: "Wer Leben erstrebt (chafez chajim), bewahre seine Zunge vor Bösem"; er hat hiervon dann selbst das Pseudonym "Cho(a)fez Chajim" erhalten.