Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - ZWEITE ABTEILUNG - Schuldrecht - WIDERRUF

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



WIDERRUF

(moda'a, wörtlich: Kundgebung). Nach j. Recht hat auch ein erzwungener Kaufvertrag Geltung und kann durch den späteren Hinweis darauf, daß der Vertrag durch Ausübung eines äußeren Zwanges (Oness) zustandegekommen war, nicht angefochten werden (b. B. B. 48a). Aus diesem Grunde kennt das j. Recht einen speziellen W., genauer eine vorsorgliche Protesterklärung, die vor zwei Zeugen abzugeben ist und durch die der nachher abgeschlossene Kaufvertrag wie auch die Schenkung oder Verzichterklärung angefochten werden kann.

An und für sich genügt es, wenn dieser W. mündlich vor Zeugen erfolgt; jedoch war es üblich, um den Beweis für ihn nachher klar zu erbringen, diese Erklärung in eine Urkunde (Schetar) aufzunehmen. Diese enthält u. a. den Hinweis auf den angedrohten Zwang und die Möglichkeit, daß dieser wirklich ausgeübt wird, sowie die Feststellung, daß durch den Zwang etwas Unberechtigtes verlangt wird. Die Zeugen ihrerseits müssen das Vorliegen dieses Zwanges gleichfalls bestätigen, außer bei Schenkungen und Verzichtleistungen, bei denen die Vorschriften für den W. nicht so streng sind, da bei diesen der Nachweis genügt, daß es an einem Willensentschluß gefehlt hat (b. B. B. 40b).

Der W. konnte später wiederum mündlich vor Zeugen widerrufen werden, es sei denn, daß ein späterer W. im voraus für ungültig erklärt worden ist.  Große Bedeutung hat dieser W. im j. Rechte wohl kaum erlangt, da er ausschließlich Geltung hat, wenn er vor Abschluß des Vertrages vor Zeugen abgegeben wurde.  Immerhin hat er eine besondere Ausprägung vor allem auf dem Gebiete des Ehescheidungsrechts erfahren. Da nach talmudischem Recht der Scheidebrief des Ehemannes der Ehefrau auch gegen deren Willen zugestellt werden kann, die Scheidung somit einzig vom Willen des Ehemannes abhängt, kann er auch, bevor seine Frau den Scheidebrief (Get) erhalten hat, stets den W. noch erklären (b. Arach. 2 lb). Vor der Ausfertigung des Scheidebriefes und nochmals vor seiner Übergabe wird daher gemäß einer späteren Verordnung ausdrücklich hervorgehoben, daß jeder eventuell vorangegangene W. ungültig sein soll, um den Fall einer Aguna möglichst auszuschließen.

Zum Unterschied von der Moda'a-Erklärung, in der gegen einen abzuschließenden Vertrag vorsorglich Protest eingelegt wird, enthält die Mecha'a-Erklärung eine Verwahrung (Ir'ur) gegen die Möglichkeit der Berufung auf die Rechtspräsumtion (Chasaka).