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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - ZWEITE ABTEILUNG - Schuldrecht - WERKVERTRAG

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



WERKVERTRAG

(locatio conductio operis; ummanut) Durch den Werkvertrag verpflichtet sich der Handwerker (umman, lee ) gegenüber dem Arbeitgeber, ihm eine bestimmte Arbeit gegen Entgelt auszuführen.  Es handelt sich hier zumeist im Gegensatz zum Arbeitsvertrag um einen gelernten Arbeiter, der sich nicht auf eine bestimmte Zeit zur ausschließlichen Arbeitsleistung gegenüber dem Arbeitgeber verpflichtet und dessen Stellung darum auch eine freiere ist. Da das talmudische Recht Verbalkontrakte nicht kennt, konnte ein solcher W. ursprünglich nicht durch mündliche Vereinbarung entstehen, sondern wurde erst dadurch perfekt, daß mit der Ausführung des Vertrages begonnen wurde.  Hinsichtlich der mit nichtj. Handwerkern abgeschlossenen Werkverträge galt jedoch ausnahmsweise der Grundsatz, daß schon durch mündliche Vereinbarung der Vertrag zustandekommt, wobei wohl auf das fremde Recht Rücksicht genommen wurde (b. B. M. 48a).

Der Handwerker wird in der Mischna (b. B. M. 6, 6) dem Lohnhüter gleichgestellt.  Die Haftung des Handwerkers erstreckt sich somit auch auf leichte Fahrlässigkeit (genewa wa'aweda, Diebstahl und Verlust). Von dieser Haftung wird er erst nach Ablieferung des Werkes befreit.  Hat der Handwerker jedoch den Besteller aufgefordert, das vollendete Werk in Empfang zu nehmen, so ist er von diesem Zeitpunkt ab einem Gratishüter gleichzustellen, der unentgeltlich eine fremde Sache in Verwahrung hat; er haftet somit nur noch für grobe Fahrlässigkeit.
Auch immaterielle Leistungen werden im j. Recht als Werkleistungen gewertet; so werden Dienste der Ärzte, Notare und Lehrer genannt, während die Leistungen des Anwalts (Entelar), dessen Stellung in talmudischer Zeit noch wenig geschätzt war, nicht unter diesen Begriff fallen.  Die Geldwechsler, deren Aufgabe es mitunter ist, die Echtheit von Geldmünzen festzustellen, unterstehen gleichfalls den Bestimmungen des W. und haften daher auch für den durch ihre Unkenntnis entstandenen Schaden.

Der Handwerker hat auch dann Anspruch auf Entschädigung, wenn das Werk vor der Übergabe durch Zufall (oness) ohne sein Verschulden zugrunde gegangen ist. Er haftet jedoch für den Schaden, den er selbst bei der Arbeit angerichtet hat (B. K. 9, 3f.). Wird das Werk nicht rechtzeitig abgeliefert, so kann der Besteller zurücktreten; anderseits kann der Handwerker vom Vertrag zurücktreten, wenn der Preis nicht innerhalb der vereinbarten Frist und in der vereinbarten Höhe bezahlt wird.  Hingegen steht beiden nicht das allgemeine einseitige Rücktrittsrecht zu. Auch beim W. gilt, wie bei der Miete, der Grundsatz, daß, wenn nichts anderes vereinbart wurde, der Lohn erst nach beendigter Leistung verdient ist; der Besteller ist somit erst bei Übergabe des vollendeten Werkes zur Zahlung verpflichtet. Nach der Entgegennahme des Werkes muß er jedoch den vereinbarten Preis sofort ausbezahlen, da auch auf ihn die biblische Norm (Deut. 24, 17) der sofortigen Zahlungspflicht Anwendung findet (b.B. M. 112a).

Übernimmt der Handwerker ausschließlich die Verarbeitung, und der Besteller übergibt ihm das ganze notwendige Material, so ist kontrovers, ob der Handwerker durch seine Verarbeitung und Verbesserung Eigentum an dem Werk bis zur Übergabe desselben erwirbt, so daß mit dem W. noch intern ein Kaufvertrag verbunden wäre, oder nicht (b. B. K. 98b). Die mehrheitlich im Talmud vertretene Ansicht, nach welcher auch von vielen Autoritäten entschieden wird, erblickt im Handwerker bis zur Vollendung des Werkes lediglich einen Arbeiter, so daß er am Werk überhaupt kein Eigentum erwirbt, auch nicht an der von ihm herbeigeführten Verarbeitung oder Verbesserung.  Genau geregelt wird im Talmud (b. B. K. 119b) auch die Frage, auf welche Abfälle des Materials der Handwerker Anspruch hat.  Gibt der Handwerker auch das ganze Material zu dem von ihm hergestellten Werk, so bleibt er Eigentümer bis zu dessen Ablieferung und haftet bis dahin wie ein Verkäufer für den eintretenden Schaden; wurde dem Handwerker nur ein Teil des Materials übergeben, so besteht seine Haftung nur hinsichtlich dieses Teiles.