Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - ZWEITE ABTEILUNG - Schuldrecht - VERWAHRUNG

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



VERWAHRUNG

(depositum, pikkadon) Durch den Verwahrungsvertrag verpflichtet sich der Verwahrer (nifkad, oder schomer, gegenüber dem Hinterleger (mafkid, eine Sache aufzubewahren. Die Tätigkeit des Verwahrers (Depositars) ist somit lediglich eine behütende; er ist nicht berechtigt, die Sache zum eigenen Gebrauch zu verwenden, auch darf er die Sache nicht an einen anderen weitergeben (b.  B. M. 36a). Er ist verpflichtet, die Sache sorgfältig aufzubewahren, sie vor jeder Beschädigung zu schützen und sie zur festgesetzten Zeit unversehrt wieder zurückzugeben. Bei der Übergabe von Geld wird im allgemeinen vermutet, daß es sich um einen V.'svertrag handelt; ist das Geld jedoch einem Bankier oder Händler gegeben worden, so darf angenommen werden, daß es sich um ein Darlehen handelt oder daß die Summe zur Beteiligung am Geschäft gegeben wurde (B. M. 3, 1 1). Der Vertrag, der durch die Übergabe der Sache begründet wird, ist jederzeit auflösbar.

Im einzelnen werden im j. Recht bei der V. zwei Vertragsarten - unentgeltliche und entgeltliche V. - unterschieden, und es wird auch der Grad der Haftung entsprechend geregelt (B. M. 7, 8).  Die gesetzliche Haftung beim V.'svertrag bezieht sich jedoch nur auf bewegliches Gut, erfährt jedoch eine andere Regelung bei Immobilien, Urkunden, Sklaven und "geheiligten Dingen" (B.  M. 4, 9).

Beide Verwahrer haften in gleicher Weise für rechtswidriges Verhalten (dolus), z.B. Unterschlagung (schelichut jad), und sind von jeder Ersatzpflicht frei, wenn der Schaden durch einen Zufall (oness) eingetreten ist. Im übrigen gelten jedoch für sie folgende verschiedene Haftungsgrundsätze:

1. Schomer chinnam ( "Gratishüter"), der Verwahrer, der unentgeltlich die Sache aufbewahrt, entspricht dem eig. depositar des röm.  Rechts, das nur einen unentgeltlichen V.'svertrag kennt. Er haftet nur für peschia, schadhafte Nachlässigkeit (culpa lata) und kann sich von seiner Haftung dadurch befreien, daß er beschwört, er habe nicht in grober Fahrlässigkeit gehandelt (Ex. 22, 6-8).

2. Schomer sachar ( "Lohnhüter"), der Verwahrer, der gegen Entschädigung die Sache aufbewahrt, haftet auch für eine geringe Fahrlässigkeit (culpa levis), also z. B. für gene-
wa wa'aweda ("Diebstahl und Verlust"), d. h. auch dann, wenn ohne Außerachtlassen der üblichen Sorgfalt von seiten des Verwahrers die Sache verlorengegangen oder gestohlen worden ist (Ex. 22, 9-12). Diese stärkere Haftung des Lohnhüters ergibt sich aus dem Umstande, daß er für seine V.'stätigkeit entschädigt wird und daher nicht, wie beim Gratishüter, alle Vorteile auf seiten des Eigentümers liegen.  Ein solcher Lohnhüter scheint vor allem bei der Viehzucht der Hirt gewesen zu sein, der für eine bestimmte Zeit Tiere in seine Obhut nahm. Jakob rühmt von seiner Tätigkeit als Hirte bei Laban, daß er über die den Hirten obliegenden gesetzlichen Pflichten hinausgegangen sei (Gen. 31, 39; vgl. b. B. M. 93b).

Der Verwahrer eines Fundes ist nach der anerkannten Ansicht als Lohnhüter zu betrachten und untersteht der entsprechenden Haftung, weil er durch das Aufbewahren des Fundes von anderen Pflichten befreit ist (b. B. K. 56b). Auch die Handwerker gelten hinsichtlich des ihnen anvertrauten Materials (s.  Werkvertrag) als Lohnhüter, weil sie dadurch den Vorteil haben, dieses Pfand eventuell angreifen zu können, um sich für ihren Lohn zu sichern (B.  M. 6, 6).