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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - ZWEITE ABTEILUNG - Schuldrecht - ONA'A

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



ONA'A

("Übervorteilung", "Bedrückung").  Während im allgemeinen dem Belieben des einzelnen beim Abschluß eines Vertrags völlige Freiheit eingeräumt wird, werden doch zum Schutz vor betrügerischem oder zu stark benachteiligendem Vorgehen Vorschriften aufgestellt, die die Übervorteilung (ona'a) beim Kauf oder Verkauf von beweglichem Gut verhüten wollen. Die Normen für diese O.-Gesetze gehen auf Lev. 25, 14, 17 und 19, 13 zurück, wo im allgemeinen eine Bedrückung beim Handel untersagt ist. Diese O. wird nun in der Mischna (B.M. 4, 3ff.) als Kaufpreis-Überforderung definiert, und zwar sowohl wenn vom Käufer ein zu hoher Kaufpreis gefordert wie auch, wenn dem Verkäufer ein zu geringer Kaufpreis bezahlt wird. In den Definitionen der Mischna wird der zu viel oder zu wenig geforderte Betrag als O. bezeichnet.

Im einzelnen werden im Talmud (b. B. M. 49b ff.) folgende Fälle unterschieden:

1. Beträgt die O. weniger als 1/6 des Wertes, so ist der Kauf gültig und es besteht kein Rückforderungsanspruch.

2. Beträgt die O. gerade 1/6 des Wertes, so ist der Kauf zwar gültig, der Übervorteilte hat aber einen Anspruch auf Vergütung der überforderten Summe.

3. Beträgt die O. mehr als 1/6 des Wertes, so hat der Übervorteilte je nach seiner Wahl das Recht, entweder vom Kaufvertrag ganz zurückzutreten oder aber die überforderte Summe zu verlangen.

Beim Geldwechsel ging man sogar noch weiter: Dort durfte nach der Ansicht mancher die Übervorteilung nicht einmal 1/24  resp. 1/12 des Wertes der betr. Münze betragen (B. M. 4, 5).

Für die Geltendmachung der Klagen aufgrund einer 0. hat bereits die Mischna Fristen vorgesehen; die Forderung muß sofort, jedenfalls aber sobald man mit einem Kaufmann oder einem Verwandten gesprochen haben kann, erhoben werden.  Wegen 0. beim Geldwechsel hat der Übervorteilte in Städten Zeit, bis er das Geld einem Geldwechsler hätte zeigen können, in Dörfern bis zum Vorabend des Sabbat, da er dann das Geld auszugeben pflegt und feststellen kann, ob die Münze gangbar ist.

Aus der Mischna (B. M. 5, 7) ergibt sich, daß bisweilen, wenn auch nicht immer (b. B. B. 89a), der Marktpreis einer Sache offenbar amtlich festgesetzt wurde, insbesondere der Preis des Getreides für die jeweilige Periode.  Es scheint somit, daß es einen offiziellen Marktpreis gab, von dem nicht in einem solchen Maß abgewichen werden durfte, daß O. vorlag.
Umstritten ist, ob die O. nur für Privatleute oder auch für Kaufleute Geltung hat. Ein vorheriger Verzicht auf die Klage wegen O. ist verbindlich, wenn der Benachteiligte beim Abschluß des Geschäfts auf die Höhe der O. aufmerksam gemacht wird, andernfalls nicht (Maimonides, H. Mechira 13, 3 u. 4; Ch.  M. 227, 21). Die Grundsätze der O. gelten jedoch nicht beim Kauf von Grundstücken, von Sklaven, Forderungsrechten mittels Übertragung der Urkunde (Schetar) sowie von geheiligten Dingen (B. M. 4, 9). Auch bei Tauschverträgen findet der Begriff der O. keine Anwendung.  Andererseits wird bezüglich der notwendigen Lebensmittel (Öl, Mehl und Wein) im Talmud (b. B. B. 91a) jeder Zwischenhandel verboten, um eine Verteuerung zu verhindern.

Unter dem Begriff der O. versteht jedoch das j. Recht nicht nur die Übervorteilung bei Verträgen, sondern auch die Bedrückung mit Worten (ona'a bidewarim; B. M.
4, 10). So darf man einen Verkäufer nicht fragen, was die Sache wert ist, wenn man sie nicht zu kaufen beabsichtigt. Ferner führt die Mischna als Beispiele für O. mit Worten an: Man darf einen Bußfertigen (Baal teschuwa) oder den Sohn von Proselyten nicht an ihre Vergangenheit erinnern, entsprechend der in Ex. 22, 20 gegebenen Norm zum Schutze der Fremden. Im Talmud (b. B. M. 58b) wird hervorgehoben, daß die O. mit Worten noch schlimmer ist als die Übervorteilung an Geldwerten; so zählt der Talmud auch die öffentliche Beleidigung eines anderen zu den Sünden, die nicht verziehen werden.