Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
Schriftgröße verkleinern Trennstrichnormale Schriftgröße wiederherstellen Trennstrich Schriftgröße vergrößern

Suchen in dieser Webseite

Rechtswörterbuch - ZWEITE ABTEILUNG - Schuldrecht - MAMREM

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



MAMREM

(mamre, mamram, Plural: mamramot), Bez. für eine besondere wechselartige Urkunde, die als Inhaberpapier oder Eigenwechsel seit Ende des 16. Jh. bei den J. in Polen aufgrund rabbinischer Verordnung als rechtsgültige Urkunde gebräuchlich war. Der Ausdruck findet sich erstmals in dem Werk "Lewusch" von Mordechaj Jaffe (5. Bd. Ir Schuschan, Kap. 48). Seiner rechtlichen Natur nach ist der M. ein übertragbares Inhaberpapier, in seiner Form ein auf ein Minimum reduzierter Schetar, der auf der einen Seite die eigenhändige Unterschrift des Schuldners oder die Unterschriften der Zeugen, auf der Kehrseite die Schuldsumme und den Zahlungstermin enthielt, dagegen nicht den Vertragsgrund, Namen des Gläubigers und Zahlungsort. Dem Charakter des modernrechtlichen Wechsels kommt der M. insofern gleich, als sich die Übertragung des durch ihn repräsentierten Forderungsrechts formlos vollzieht, keine Indossierung verlangt und keine Einrede erhoben werden kann. Der M. dürfte mit Rücksicht auf die Bedürfnisse des Verkehrs von den j. Rechtslehrern geschaffen worden sein, und zwar in bewußter Ausgestaltung der auf den Talmudlehrer R. Huna (in b. B. B. 172a) zurückgehenden Formel für Inhaberpapiere. Insb. zeigte sich in Polen, wo der Handel der J. untereinander größere Dimensionen angenommen hatte, die Notwendigkeit, die Flüssigkeit des Kapitals zu fördern, da die alten Schetarot die Übertragung von Forderungen erschwerten. Eine Diskontierung dieses Wechsels scheint auch vorgekornmen zu sein, wie z. B. Sabbataj hakohen (Sifte kohen zu Ch. M. 50, 7) hervorhebt. Den Gefahren betrügerischen Mißbrauchs des formlosen M. suchte man auf verschiedene Weise zu begegnen. Eine ausführliche theoretische Begründung des M. gibt Kezot hachoschen (Ch. M. 61, 3).

Als Erfordernis des wirtschaftlichen Verkehrs und vor allem im Interesse der Förderung des Kredits scheint sich dann später der Blanko-M. (M. chalak) ausgebildet zu haben, der nur die Unterschriften enthält, während Schuldsumme und Zahlungstermin vorerst bei Übergabe des Wechsels an den Gläubiger fehlen und diese beiden Daten erst später von diesem selbst eingesetzt werden. Das unbegrenzte Vertrauen, das der Schuldner dem Gläubiger damit entgegenbrachte, erschloß ihm hierfür auch einen hohen Kredit, den der polnisch-j. Kleinhändler und Marktreisende in den ihm fremden Gegenden benötigt haben mag.

Jedenfalls aber hat hinsichtlich der Haftung des Schuldners der M. nur die Bedeutung einer handschriftlichen Anerkennung (Ketiwat jado), nicht die eines Schetar mit Zeugen, so daß eine generalhypothekarische Haftung fehlt. Die etymologische Quelle des Wortes M. ist bestritten. L. Goldschmidt vermutet darin keine Abbreviatur, sondern eine verdorbene Anwendung des latein. "in memoriam", was die Bedeutung eines "Erinnerungszettels" an die Schuld hätte, der dem Gläubiger übergeben wird (etwa gleich Schetar-sechira, Tur Ch. M. 61, 3). Dieser Erklärung steht die Tatsache entgegen, daß der M. als Urkunde Rechtskraft besitzt. David Kaufmann ("Die Memoiren der Glückel von Hameln", S. 221, Note 2) vermutet einleuchtender, daß M. nichts anderes sei als das mittelalterliche "membrana", womit das Pergament des Schuldscheines bezeichnet werden sollte. Als Abbreviatur wird M. von manchen (zuerst von L'Estocq) auf den Gelehrten Meir b. Gedalja Lublin zurückgeführt, der erstmals dieses Institut in das j. Recht eingeführt haben könnte. Näher liegt wohl, M. als selbständige hebr. Wortbildung von hamir ("wechseln") aufzufassen, was auch dem Sinn des Instituts entsprechen würde.