Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - ZWEITE ABTEILUNG - Schuldrecht - LEIHE

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



LEIHE

(scha-ala, oder sche-ela) commodatum des röm. Rechts, ist der Vertrag, durch den eine bewegliche oder unbewegliche Sache vom Verleiher (masch-il, dem Entleiher (scho-el) zum unentgeltlichen Gebrauch überlassen wird und dieser sich zur Rückgabe der Sache nach Gebrauch verpflichtet. Die Abgrenzung gegenüber den verwandten Verträgen des j. Rechts, Miete und Darlehen, ergibt sich daraus, daß die L. im Gegensatz zur Miete unentgeltlich ist und im Gegensatz zum Darlehen nicht vertretbare oder verbrauchbare Gegenstände betrifft. Der Entleiher erwirbt kein Eigentum, sondern nur ein beschränkt dingliches Recht an der Sache (schibbud). Die L. muß durch einen formellen Erwerb (Kinjan) abgeschlossen werden. Aus dem Umstande, daß der Entleiher aufgrund der Gefälligkeit des Verleihers alle Vorteile genießt und keine Nachteile hat, ergibt sich seine besonders strenge Haftung, die sich sogar auf zufälligen Schaden (Oness) erstreckt. Sie kommt in Wegfall, wenn der Verleiher im Moment des Schadenseintritts anwesend war (Ex. 22, 13. 14). In talmudischer Zeit wurde die Strenge der Haftung des Entleihers dadurch gemildert, daß er für ersatzfrei erklärt wurde, wenn die Sache durch den natürlichen Gebrauch vernichtet oder beschädigt worden war (b. B. M. 94b ff.) Der Entleiher ist nicht berechtigt, die Sache weiterzuverleihen. Hat er sie ausdrücklich für einen bestimmten Zweck geliehen, so darf er sie nur für diesen verwenden. Der zeitlich unbefristete L.-vertrag kann jederzeit widerrufen werden; bei befristeten Verträgen kann der Widerruf nicht einseitig erfolgen. Beim Tode des Entleihers müssen dessen Erben alle aus der L. sich ergebenden Verpflichtungen persönlich übernehmen. Sowohl Mobilien (auch Sklaven) wie Immobilien können verliehen werden. Für Immobilien muß die Haftung besonders vertraglich verabredet werden, da diese in der gesetzlichen Haftung nicht eingeschlossen ist (b. B. M. 56a; H. sechirut 2, 1; Ch. M. 301, 1. 4). Das j. Recht kennt bereits zur Zeit des Talmud (b. B. M. 103a) das Institut der dauernden prekaristischen Leihe, die der Verleiher "gütigst" (betuwa) auf Bitten des Entleihers zusagt. Diese Art der L. dürfte auf röm.-rechtlichen Einfluß zurückzuführen sein, das im precarium eine leihweise Überlassung kannte, durch die vor allem der Herr dem Untergebenen Vergünstigungen zuwies, mit dem Recht steten Widerrufs. Im j. Recht wird jedoch im Gegensatz zum röm. Recht statuiert, daß auch der Verleiher eine solche zugesagte Dauerleihe nicht widerrufen kann, wie ihm auch keine Haftungsansprüche gegenüber dem Entleiher zustehen (Ch. M. 341, 6).