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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - ZWEITE ABTEILUNG - Schuldrecht - HANDELSRECHT

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



HANDELSRECHT

Der Handel war im alten Israel nicht besonders entwickelt, obwohl Palästina als Durchgangsland im Zentrum der Alten Welt lag und von bedeutenden Handelsstraßen umgeben war. Die j. Gesetzgebung begünstigte in erster Linie den Ackerbau, während z. B. das Zinsverbot der Bibel der Entwicklung des Handels stark hinderlich war. Immerhin enthalten bereits die Bücher der Tora grundlegende Vorschriften gegen Übervorteilung (Ona'a) beim Kauf und Verkauf (Lev. 25, 14) sowie Anordnungen betreffend die Redlichkeit beim Längenmaß, Gewicht und Hohlmaß (Lev. 19, 35; Deut. 25, 13). Zur Zeit der Könige nahm dann der Handelsverkehr der J. stark an Bedeutung zu. So läßt sich der König von Damaskus nach einem Sieg über Omri, den König von Israel, nicht nur einige Grenzdistrikte abtreten. sondern erwirkt auch das Recht, in Samaria einen Bazar anzulegen. Als später Ahab den König von Damaskus besiegt, erlangt er für sich das gleiche Recht in der feindlichen Hauptstadt (l. Kön. 20,34). Mit den Phöniziern, den eigentlichen Trägern des Welthandels im Altertum, traten auch die Israeliten wiederholt zur Pflege des Tauschhandels in Beziehungen, wie sich z. B. aus den Verträgen zwischen den Königen Salomo und Hiram ergibt (l. Kön. 9, 1 1). Die Propheten tadeln mit scharfen Worten die Unredlichkeit in Handel und Wandel (z. B. Hos. 12, 8; Amos 2, 6; 8, 5; Mi. 6, 10; vgl. auch Spr. 11, 26; 28, 27). Die in Mischna und Gemara sowie in den Kodifikationen des j. Gesetzes enthaltenen Rechtssätze bezüglich des Handelsverkehrs suchen vor allem, die Redlichkeit im kaufmännischen Verkehr zu fördern. Zum Unterschied vom Privatmann hat der Kaufmann (chenwani oder taggor) im Geschäftsverkehr besondere strenge Vorschriften einzuhalten, obgleich der Gedanke der Gleichheit des Rechts für alle im allgemeinen der Ausbildung eines eigentlichen H.'s nicht günstig war. Von den besonderen Vorschriften hinsichtlich der Kaufleute seien als Beispiele einzeln können dieselben nicht angeführt werden - genannt: Die Vorschriften betr. die Reinigung der Masse (B. B. 5, 10), betr. den Abschluß von Lieferungsverträgen vor Festsetzung des Marktpreises (B. M. 5, 7), die Qualität der Lebensmittel (B. M. 4, 11), die Preistreiberei (b. B. B. 90b) und die Preisunterbietung (B. M. 4, 12). Für die "Kaufleute von Lud" (tagre lud) wurden hinsichtlich der Übervorteilung (Ona'a) besondere Grundsätze aufgestellt (B. M. 4, 3). Nach einer Meinung gelten jedoch die Vorschriften betreffend die Übervorteilung, die im Talmud eine starke Ausprägung erhielten, überhaupt nicht für die Kaufleute (B. M. 4, 4; b. B. M. 5 la ff.). Eine in der Mischna (B. M. 4, 12) geäußerte Ansicht geht in den an die Redlichkeit der Kaufleute gestellten Anforderungen so weit, daß sie dem Krämer verbietet, "an Kinder geröstete Körner oder Nüsse zu verteilen, weil er sie dadurch anlockt". Wer Wein verkauft, soll in seinem Laden kein Gewürz haben, um nicht den Glauben zu erwecken, daß der Wein so dufte. Bei der Deponierung von Geldern wird genau zwischen Privatleuten und berufsmäßigen Geldwechslern (schulchani, unterschieden (B. M. 3, 10. 1 1). - In der Lehre vom Beweis ist im Gegensatz zur allgemeinen Regel, daß der Beklagte sich durch einen Eid von der Zahlungspflicht befreien kann, zugunsten des Krämers in der Mischna (Schew. 7, 5) festgesetzt, daß er, gestützt auf die Eintragungen in seinen Büchern (chenwani al pinkasso), seine Forderung durch einen Eid bekräftigen kann (s. Eid IV, B). Kaufmännische Usanzen werden bei den Dezisoren bisweilen als verbindliche Rechtssätze anerkannt (z. B. Ch. M. 201, 2).

Die Frage der Gewerbe- und Handelsfreiheit wird bereits in einigen Rechtsfällen im Talmud beurteilt (b. B. B. 22a). Wie sehr Unredlichkeit im Handelsverkehr verpönt war, ist z. B. aus dem Rechtssatz ersichtlich, daß die Wucherer, die das Zinsverbot übertreten, zum Zeugnis nicht zugelassen werden (Sanh. 3, 3). "Warst du redlich in Handel und Wandel?" lautet ferner nach einem Ausspruch im Talmud (b. Sabb. 3 la) die erste Frage, die dem J. am Tage der Verantwortung vor Gott vorgelegt wird. Die Scheu vor dem Handel und den mit ihm verbundenen sittlichen Gefahren geht soweit, daß in der Mischna (Kidd. 4, 14) davon abgeraten wird, einen Sohn für das Handelsgeschäft zu bestimmen.

Dadurch, daß sich die J. im Mittelalter vornehmlich als Händler und Geldleiher betätigten, haben Bestimmungen des jüdischen H.'s auch fremde Rechte beeinflußt. Die Bedeutung der J. für den Handel, insbes. für den Geldhandel führte nämlich dazu, daß von den nichtj. Obrigkeiten manche besonderen gesetzlichen Bestimmungen festgesetzt wurden, die auf die Stellung der J. als Fremde Rücksicht nahmen und sogar in mancher Hinsicht eine rechtliche Begünstigung des j. Handels schufen, wobei freilich den Gesetzgebern naturgemäß mehr das Wohl der kreditbedürftigen Völker als der j. Darlehensgeber vorgeschwebt haben mag. Von Bedeutung war hierbei zunächst das Sonderrecht der J. hinsichtlich der von ihnen erworbenen gestohlenen Sachen (s. Hehlerei). Auch der j. Händler mußte zwar die gestohlenen Gegenstände herausgeben, konnte aber, falls er diese Dinge im guten Glauben erworben hatte, auf seinen Eid hin beanspruchen, daß ihm die Kaufsumme oder das hierfür gegebene Darlehen zunächst ersetzt werde. Dieses Sonderrecht für die J. war den Bestimmungen des j. Rechts entnommen, und es war damit gesetzlich festgelegt, daß in dieser Hinsicht die J. ihrem eigenen Recht unterstehen. In Zusammenhang mit diesem Privileg steht auch die von manchen Rechten vorgesehene Befreiung des j. Händlers, die "Gewährleistung" zu übernehmen, d. h. dem Käufer Garantie dafür zu bieten, daß das verkaufte Gut von keinem Dritten als Eigentum angesprochen werde. Für Gegenstände des Kultus und alles, was mit der Kirche zusammenhängt, hatte dieses Sonderrecht freilich keine Geltung und auch im übrigen waren einschränkende Bestimmungen normiert, die einen Mißbrauch dieses Sonderrechts durch die J. ausschlossen. Dieser Rechtssatz hatte sich in der Praxis so bewährt, daß er späterhin auf die christlichen Geldhändler ausgedehnt wurde, um dann zu einem Grundsatz fast aller modernen Privatrechte zu werden. Eine weitere Bestimmung betraf die Stellung des Geldhändlers hinsichtlich der Haftung für ein Pfand im Falle eines Verlustes (durch Diebstahl, Raub, Feuer oder andere Zufälle). Während ursprünglich der Gläubiger unbedingt für den eingetretenen Schaden haftete, wurde im späteren Mittelalter die Haftung bei unverschuldetem Verlust auf den Schuldner abgewälzt. Auch diese Bestimmung geht vermutlich auf j.-rechtlichen Einfluß zurück. Über die j.-rechtliche Einwirkung auf das allgemeine Wechselrecht s. Inhaberpapier und Mamrem.