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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - ZWEITE ABTEILUNG - Schuldrecht - DARLEHEN

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



DARLEHEN

(mutuum, hebr. Milwa) Das bibl. Recht, das als Grundlage der wirtschaftlichen Verhältnisse die gleichmäßige Verteilung des Landes sowie zum jeweiligen sozialen Ausgleich wirtschaftlicher Besitzverschiebungen das Erlaß- (Schemitta) und Jobeljahr vorgesehen hat, sucht weiterhin durch die Forderung der Gewährung von zinsfreien D. der Erwerbslosigkeit oder Armut einzelner zu begegnen. Wiederholt erklingt die Mahnung in der Bibel: "Laß dein Herz nicht hart sein, verschließe nicht die Hand vor deinem armen Bruder, sondern öffne sie ihm und leihe ihm, soviel er bedarf" (Deut. 15, 7ff.). Die Verweigerung eines D.'s wird als Niederträchtigkeit bezeichnet (Deut. 15, 9). Als Fluch gilt, wenn jemand nicht leihen kann, als Segen, wenn jemand barmherzig ist und gern leiht (Deut. 15, 6; 28, 12; Ps. 112, 5). Das Leihen von Geld wird im j. Schrifttum als besonders verdienstliche Tat gepriesen, ja es wird der Schenkung vorgezogen (b. Sabb. 63a; Maimonides, Hilchot malwe 1, 1); denn das D. ermöglicht es vielleicht dem Unbemittelten, sich von der Annahme von Almosen fernzuhalten. Das D. spielt auch in der Mussarliteratur eine große Rolle.  Neuerdings hat die mit der D.'sverpflichtung zusammenhängenden Normen der unter dem Pseudonym "Chofez Chajim" bekannte R. Israel Me'ir Kahan (Radin) in einer Monographie "Ahawat chessed" (Warschau 1901) zusammengestellt.

Unter Berufung auf die Worte in Ex. 22, 24: "Wenn du meinem Volke Geld leihen wirst" wird das Gewähren von D. bereits in der Mechilta nicht nur als Freiwilligkeit, sondern als Rechtspflicht normiert. Immerhin bleibt die gute Gesinnung des Gebers doch für die Gewährung des D.'s wesentlich.  Hierauf sucht denn auch das j. Recht in seiner Entwicklung möglichst Rücksicht zu nehmen, indem es in vielfacher Hinsicht die rechtliche Stellung des D.'sgebers (malwe) gegenüber dem D.'snehmer (lowe) so auszubauen sucht, daß er sich jedenfalls von der Gewährung des D.'s nicht abgeschreckt fühle, "damit die Türe vor den Leihern nicht verschlossen werde" (b. Sanh. 3a).  Dieser im Interesse des Schuldners gelegenen Tendenz ist auch das von Hillel geschaffene Institut des Prosbul zu verdanken, das die Verjährung der D. im Erlaßjahre ausschließt (Gitt. 4, 3). Ferner war bei der Entwicklung der Bürgschaft sowie des Pfandes das Motiv, die Stellung des Gläubigers möglichst zu verbessern und damit indirekt die Beschaffung von D. zu erleichtern, maßgebend.

Gegenstand des D.'s können nach j. Recht Geld oder Nahrungsmittel sein, die in gleicher Art, Güte und Menge zurückerstattet werden müssen (res fungibiles, vertretbare Sachen), im Gegensatz zur Leihe (sche-ela,-ie4me), die Rückgabe der gleichen Gegenstände vorsieht.  Auch ist bei Leihe im allgemeinen die Leihfrist kürzer. Der D.'sgeber verliert daher auch seinen dinglichen, gegen jedermann wirksamen Anspruch an den von ihm hingegebenen verbrauchbaren Gegenständen, denn "das D. ist zum Ausgeben bestimmt". Der D.'svertrag gilt um seines klaren Inhalts willen und der wirtschaftlichen Bedeutung des Kredites wegen als besonders wichtig. Er wird daher im Talmud und bei den Dezisoren besonders ausführlich behandelt, jedoch können sehr viele in diesem Zusammenhang erörterte Grundsätze als allgemeine Vertragsbestimmungen angesehen werden.

Dem talmudischen Gedankengang entspricht es ferner, manche Nebenverabredungen bei Hauptverträgen als D.'sverträge aufzufassen; z. B. wird die Verabredung beim Kaufvertrag, daß der Käufer den Kaufpreis stundet, als D. betrachtet und der Käufer gleichzeitig als D.'snehmer behandelt.

Die Begründung des D.'s kann auf zweifache Art erfolgen: mündlich (milwe al pe), indem der Vertrag vor Zeugen abgeschlossen wird, oder schriftlich (milwe wischtar), indem der Vertrag durch eine Urkunde (Schetar) begründet wird.  In beiden Fällen wird der Vertrag erst perfekt, wenn das D. dem Schuldner ausgehändigt worden ist, und beide Parteien können vorher noch zurücktreten.

Je nach Art der Begründung des D.'s ist die Haftung des Schuldners verschieden.  Erfolgte die Begründung des Vertrages durch Schuldurkunde oder wurde der mündliche Vertrag durch Kinjan bekräftigt, so haftet der Schuldner dem Gläubiger mit seinen sämtlichen Immobilien.  Auch durch nachträglichen Verkauf der Immobilien können diese dem Gläubiger nicht entzogen werden.  Diese Regelung setzt Öffentlichkeit (Publizität) der Beurkundung des Schuldverhältnisses voraus.

Die Forderung eines Zinses, d. h. irgendeines über das geliehene Kapital hinausgehenden Mehrbetrages, ist durch Tora-Norm streng untersagt (Lev. 25, 35; Deut. 23, 20).  Das Zinsnehmen ist - aus Gründen der Reziprozität nur gegenüber Fremden gestattet, denen andererseits auch Zinsen gezahlt werden durften (Deut. 23, 21).

Die Rückzahlung des D.'s soll, falls kein Zahlungstermin vorgesehen ist, nach 30 Tagen erfolgen.  Die Tilgung der Schuld wird besonders als ethische Verpflichtung hervorgehoben.  "Ein Bösewicht ist, wer leiht und nicht bezahlt" (PS. 37, 21).

Im talmudischen Recht wird in verschiedenen Einzelheiten ein schonendes Vorgehen gegenüber dem Schuldner, dessen Verpflichtungen ohnehin groß genug sind, vorgeschrieben, so daß auf ihn stets das Wort aus Spr. 22, 7 angewandt wird: "Ein Sklave ist der Schuldner dem Darlehensgläubiger."