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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - ZWEITE ABTEILUNG - Schuldrecht - ARBEITER

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



ARBEITER

(im jüdischen Recht).  Die Stellung des A.'s im j. Recht ist von der allgemeinen Wertschätzung der Arbeit und der Verachtung des Müßiggangs, die schon in alter Zeit im j. Volk vorherrschend waren, wesentlich beeinflußt worden. Der Wertschätzung der Arbeit entspricht auch der gesetzliche Schutz, der dem
A. gewährt wird.

Im j. Recht werden zwei Arten von Arbeitnehmern unterschieden:

1. Freie A., die durch freie Vereinbarung, jedoch mit der steten Möglichkeit eines Rücktritts, ihre Arbeitskraft vermieten (s. Arbeitsvertrag) oder sich zur Vollendung eines bestimmten Werkes verpflichten (s. Werkvertrag);

2. sog. unfreie A., die sich verbindlich für eine bestimmte Dauer in eine Dienststellung begeben und zumeist als "Sklaven", richtiger jedoch wohl als Knechte (owed, wie auch Luther übersetzt), bez. werden.  "Zum Unterschiede von dem hebr.  "Knecht", ewed iwri heißt der kanaanitische Sklave (ewed kena'ani Kidd. 1, 2f.). Dieser im Talmud geläufige Ausdruck rührt wohl daher, daß in den Sklaven die Nachkommen von Noas Enkel Kanaan erblickt wurden, der nach Gen. 9, 25 von seinem Ahn mit dem Fluche ewiger Knechtschaft belegt worden war. Im Gegensatz zu diesen eig. Sklaven des Altertums konnte sich der hebr.  A., dessen rechtliche Stellung im folgenden erörtert wird, nur für eine beschränkte Zeit verdingen; es gab also für ihn keine lebenslängliche Sklaverei (s. Lev. 25, 44).

Die grundlegende Bestimmung lautet, daß ein hebr.  Knecht (auch eine hebr.  Magd) nicht mehr als sechs Jahre bei seinem Herrn dienen darf und im siebenten Jahre, vom Zeitpunkt seines Verkaufes an gerechnet, freigelassen werden muß (Ex. 21, 2ff.; Deut. 15, 12ff.). Diese Befreiung im Sabbatjahr (Schemitta) entspricht der Ruhe am Wochensabbat nach sechs Werktagen und ist zugleich eine Erinnerung an die Weltschöpfung in sechs Tagen und an die Allmacht Gottes, in dessen Dienst alle Menschen stehen.  Wollte der Betreffende jedoch aus Anhänglichkeit an seinen Herrn oder an eine Magd, mit der er in Sklavenehe lebte, und an seine aus dieser Ehe hervorgegangenen Kinder weiterhin in seiner unfreien Stellung verharren, so sollte ihm in feierlichem Akt das Ohr durchbohrt werden.  Ferner ist die generelle Befreiung der hebr.  Knechte, auch der "Durchbohrten" und unbekümmert um den Zeitpunkt des Beginns der Knechtschaft, im Jobeljahr vorgesehen (Lev. 25, 40f.). Das Gesetz vom Jobeljahr wurde allerdings schon sehr früh nicht mehr eingehalten (b. Arach. 29b ff.) und hatte jedenfalls während des zweiten Staatslebens keine Geltung mehr (s. Prosbul); damit fiel aber auch das Institut der hebr.  Knechte dahin.  Die Propheten, vor allem Jeremia (34, 8ff.), sind energisch für eine Freilassung aller hebr. Knechte eingetreten.

Die rechtliche Stellung des hebr.  Knechtes ist insofern eine beschränkte, als er hinsichtlich seiner Arbeitsleistung - aber nur hinsichtlich dieser - seinem Herrn gegenüber gebunden ist (B. K. 8, 3).  Ferner konnte der durch die Behörde (infolge eines Diebstahls, der nicht wieder gut gemacht werden konnte) verkaufte A. vom Herrn gezwungen werden, mit einer kanaan. Sklavin eine Ehe einzugehen.

Sonst aber steht ihm das Persönlichkeitsrecht ungemindert gleich einem freien Bürger zu (Jad. 4, 7).  Die Gewalt des Herrn erstreckt sich nur auf die Arbeit.  Ein Fund verbleibt jedoch dem A. (B.  M. 1, 5).  Der Talmud ging in der Ausprägung des Schutzes für den A. in Auslegung der bibl.  Normen sehr weit.  Der A. darf nicht zu niedrigen Arbeiten herangezogen werden, seine Abhängigkeit soll ihm nie fühlbar gezeigt werden (Lev. 25, 43), seine Nahrung, Kleidung und Wohnung sollen der Vermögenslage des Herrn entsprechen.  Auch darf der A. nicht weiterverkauft werden. Die Stellung des unfreien A.'s war schließlich so selbständig, daß im Talmud (b. Kidd. 20a) das Wort geprägt wird: "Wer sich einen Knecht erwirbt, der erwirbt sich gleichsam einen Herrn" (kol hakone ewed iwri kekone adon le'azmo).

Die Begründung des Rechtsverhältnisses der unfreien A., d. h. der hebr. Knechte, erfolgte nur durch Verlust der Freiheit infolge von Verkauf durch die Behörde oder durch den A. selbst.  Hingegen konnte ein hebr.  Knecht nicht durch Gefangennahme erworben werden.  Zwar wird nach Beendigung eines Kampfes von j. Stämmen untereinander von einer geplanten Versklavung der Gefangenen berichtet (ii.  Chron. 28, 8ff.). Auf prophetische Intervention hin wurden diese Gefangenen jedoch alsbald wieder freigelassen, weil die in einem j. Bürgerkrieg Besiegten eig. nicht zu Sklaven gemacht werden durften, sondern wieder freigelassen werden mußten.  Der Raub eines Menschen ist mit Todesstrafe bedroht (Ex. 21, 16; Deut. 24, 7), und sicher konnte auf diese Weise in historischer Zeit kein unfreies Arbeitsverhältnis begründet werden.

Besonders häufig war in alter Zeit die Begründung der Unfreiheit des A.'s wegen einer Schuld, die von ihm nicht getilgt werden konnte. Im einzelnen sind hier zwei Arten zu unterscheiden:

1. Die Schuldknechtschaft von Gesetzes wegen infolge von Diebstahl. Der Diebstahl war im j. Recht nicht so streng bestraft wie in den anderen alten Rechten; der Dieb mußte das Gestohlene lediglich in doppeltem, eventuell in vier- oder fünffachem Umfang oder Wert zurückerstatten.  War er hierzu nicht imstande, so wurde er durch eine Verfügung der Behörde (Bet din) als unfreier A. verkauft, bis er den Diebstahl wieder gutmachen bzw. durch seine Arbeit abzahlen konnte (Ex. 22, 2).  Im Talmud wurde diese Schuldknechtschaft in verschiedener Hinsicht eingeschränkt.  So konnte nur der Mann, nicht aber die Frau, und auch er nur wegen des Wertes des gestohlenen Gegenstandes selbst, nicht wegen der Strafsumme des Doppelersatzes, in Schuldknechtschaft geraten.  Auch sollte der Kaufpreis, der für die Schuldknechtschaft des Diebes bezahlt wurde, den Wert des gestohlenen Gutes nicht übersteigen.  Ferner durfte der Dieb nicht an Nichtj. oder ins Ausland verkauft werden.  Auf diese Art der unfreien A. bezieht sich die grundlegende Norm des j. Sklavenrechts (Deut. 15, 12ff.). Die Begründung einer Schuldknechtschaft wegen anderer Schulden war nach j. Recht unzulässig, und gegen solche Rechtsverletzungen erfolgte stets eine starke Empörung (vgl. 11. Kön. 4, 1; Neh. 5, 3ff.).

2. Die Schuldknechtschaft infolge Vertrages entstand dadurch, daß der Schuldner sich dem Gläubiger für eine gewisse Zeit selbst verpfändete, mit der Maßgabe, daß durch seine Arbeit das geschuldete Kapital getilgt werde. In diesem Fall konnte sich nach der herrschenden Ansicht der einzelne auch auf länger als 6 Jahre verkaufen, jedoch nicht über das Jobeljahr hinaus (b. Kidd. 14b ff.).

Bemerkenswert ist noch das Recht des Vaters, seine minderjährige Tochter als Magd (ama iwrija) zu verkaufen (Ex. 21, 7ff.). Die Freilassung erfolgte von Gesetzes wegen sofort beim Eintritt ihrer Reife oder beim Tode ihres Herrn. Wurde sie vom Herrn oder von dessen Sohn geheiratet, so mußte sie als dessen legitime Frau betrachtet werden.

Der Freilassung der hebr.  Knechte standen keinerlei rechtliche Beschränkungen entgegen, sie erfolgte durch Zahlung des noch geschuldeten Betrages oder Übergabe eines Freibriefes vor zwei Zeugen; eine teilweise Befreiung war nicht zulässig.  Von Gesetzes wegen trat die Freilassung im Falle des Weiterverkaufs des A.'s ein sowie falls der Herr starb, ohne daß ein Sohn ihn beerbte.  Bei der Freilassung der behördlich Verkauften mußte der Herr den Entlassenen ein angemessenes Geschenk (anaka) als Ausstattung überreichen (Deut.15, 13f.; Kidd. 17a ff.). Die Freigelassenen waren den übrigen freien Bürgern gleichgestellt.