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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - DRITTE ABTEILUNG - Sachenrecht - BESITZ

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



BESITZ

(reschut). B. und Eigentum sich auch im j. Rechte zwei verschiedene Begriffe. Der Eigentümer einer Sache ist der eig. Herr der Sache (ba-al dawa), der das ausschließliche und unbeschränkte Recht der Herrschaft an der Sache genießt. Der Besitzer hingegen hat bloß tatsächliche, aber nicht rechtliche Herrschaft über eine Sache; er darf sie benutzen und jeden anderen vom Gebrauch ausschließen. Der B. wird im j. Recht mit dem Ausdruck reschut = Machtsphäre bez.; der Besitzer ist derjenige, in dessen Machtsphäre sich die Sache befindet. Zumeist ist der Besitzer zugleich Eigentümer der Sache, so daß auch der gewöhnliche Sprachgebrauch die beiden Begriffe gleichsetzt. Sehr oft aber ist dem Eigentümer der tatsächliche Gebrauch oder die Nutznießung entzogen. Dann fehlt ihm die tatsächliche Möglichkeit, von seiner Herrschaft über die Sache Gebrauch zu machen; dieser Gebrauch steht vielmehr dem Besitzer zu, mag dieser nun mit Wissen und Willen des Eigentümers oder ohne dessen Zustimmung sich die Sache tatsächlich angeeignet haben. Mit Zustimmung des Eigentümers gelangen in den B. einer Sache die vier Gruppen der für Sachherrschaft ohne Eigentum typischen Besitzer, der sog. "Hüter": Gratishüter, Lohnhüter, Mieter und Entleiher (s. Verwahrung, Miete, Leihe); gegen den Willen des Eigentümers und ohne Anspruch auf rechtlichen Schutz gelangen Dieb, Räuber und der Entleiher ohne Zustimmung des Eigentümers in den B. der Sache. Der B. wird durch das tatsächliche Verbringen in die Machtsphäre erworben. Der B. ändert zwar nichts an den Eigentumsverhältnissen, begründet aber wohl eine verschärfte Haftung des Besitzers. - Der Eigentümer hat, falls ihm der B. fehlt, schon nach dem Recht des Talmuds nicht die Möglichkeit, die Sache an einen anderen zu übertragen. "Niemand kann eine Sache übereignen, die nicht in seinem Besitz ist" (en adam makne dawar schdeeno birschuto. Gerade aus diesem Rechtssatze ergibt sich die klare j.-rechtliche Scheidung zwischen B. und Eigentum. So wird bestimmt, daß das Eigentumsrecht an einer geraubten oder gestohlenen Sache, die der Eigentümer noch wiederzuerlangen hofft und die somit noch nicht in das Eigentum des Diebes übergegangen ist, überhaupt nicht an einen Dritten übertragen werden kann: Vom Eigentümer nicht, weil ihm der B. fehlt, vom Dieb nicht, weil ihm das Eigentum nicht zusteht (b. B. K. 7Oa; b. B. M. 7a). Zur Vornahme des priesterlichen Hebe-Aktes (Teruma) ist nicht nur B., sondern auch Eigentum an den Früchten erforderlich (Ter. 1, 1). Diese Unterscheidung zwischen B. und Eigentum gilt jedoch nach j. Recht nur hinsichtlich der beweglichen Güter; an Immobilien hingegen kann der B. nicht geändert werden, ohne daß gleichzeitig das Eigentum sich ändert; daher können auch Immobilien nicht gestohlen werden (s. Aneignung und Chasaka). Der Besitzschutz ist im j. Recht nicht so stark ausgeprägt wie im röm. Recht. Der B. wird nur dann geschützt, wenn der Besitzer Anhaltspunkte dafür vorbringen kann, daß der Gegenstand ihm gehört. Der B. gewährt nur den Vorteil der Rechtsvermutung (Chasaka), daß er rechtmäßig ausgeübt wird; derjenige, der den Besitzer aus seinem B. verdrängen will, muß seinen besseren Rechtsanspruch beweisen (b. B. B. 30a ff.). Im übrigen kennt das j. Recht im Gegensatz zum römischen keinen Besitzschutz; der tatsächlichen Macht und der Gewalt schlechthin, die sich nicht auf einen Rechtsgrund zu berufen vermag, wird entsprechend j. Weltanschauung auch im Recht kein Schutz gewährt (s. auch Reschut).