Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - SECHSTE ABTEILUNG - Prozessordnung - SCHETAR

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



SCHETAR

(auch schier, Plur. Schetarot). Im j. Recht Urkunde zur Begründung oder zum Beweis von Rechten und Rechtsverhältnissen; gleichbedeutender Ausdruck wie Get. In den bibl. Schriften wird für Urkunden nur der Ausdruck sefer gebraucht; so u. a. Deut. 24, 1 (Scheidebri f) und Jer. 32, loff. (Kaufbrief). Onkelos fügt der Übersetzung von Lev. 19, 20 ergänzend bei "durch einen Schetar", während er Deut. 24, 1 "Sefer keritut" mit "Get pitturin" und Jer. 32, 10 "Sefer hamikne" mit "Schetar des Kaufes" übersetzt. In der Mischna finden jedoch nicht der hebr.  Ausdruck "Sefer", sondern ausschließlich die aram. Bezeichnung Sch. und Get Anwendung, wie auch fast alle Urkunden der talmudischen Zeit inhaltlich aram. Texte enthalten; der Sch. dürfte seine Bedeutung im Rechtsverkehr und seine rechtliche Ausprägung tatsächlich erst z. Z. des zweiten Staatslebens gefunden haben, wie auch die starke Verbreitung der Schrift im Rechtsleben erst damals erfolgt ist.

Jeder Sch. setzt sich aus zwei Teilen zusammen: dem allgemeinen Text, der sich bei den einzelnen Urkunden-Gattungen stets wiederholt, in Mischna und Talmud "Typos" (tofass, "Formular") gen., und dem besonderen Text, der als "offener" Teil "Toref" gen. wird und die wesentlichen Bestandteile der Urkunde (Art des Vertrages, Zeit und Ort sowie die Namen der Kontrahenten) enthält. Die rein privaten Urkunden tragen entweder die eigenhändige Unterschrift oder diejenige von zwei klassischen Zeugen. Anstelle der Unterschrift der Zeugen kann eventuell auch die Übergabe vor zwei Zeugen treten. Die behördlich ausgefertigten Urkunden enthalten die Unterschrift des aus drei Mitgliedern bestehenden richterlichen Kollegiums. Zur Ausstellung eines Sch. genügt im allgemeinen der Auftrag von seiten des sich Verpflichtenden und kann auch ein fertiges Formular Verwendung finden; bei den Urkunden des Eherechts jedoch (Antrauungsurkunde und Scheidebrief) muß außerdem die Ausfertigung durch die Urkundsperson ad hoc erfolgen. Die Ausstellung der Urkunden durfte von jedermann vorgenommen werden; jedoch gab es bereits in der talmudischen Zeit bestimmte Personen, zumeist die Schreiber des Gerichts, die mit den reichhaltigen Formen der Urkunden und ihrer Errichtung bes. vertraut waren und die verschiedenartigen Urkunden zu schreiben verstanden (b. B. B. 136a).  Im Mittelalter, bes. in Spanien, wurde der Stadtschreiber, Sofer ha'ir, mit der Ausfertigung der Urkunden betraut, und es wurde eine weitgehende Vereinheitlichung des Textes der Urkunden herbeigeführt. Um allen Einreden im voraus entgegenzutreten, wurden in den Sch. später möglichst viele Klauseln (schufre dischitra, "Verbesserungen") aufgenommen, die die beurkundeten Rechte gewährleisten und Anfechtungen ausschließen sollten.

Nach dem älteren Torarecht ist irgendeine Einwendung gegen die Rechtsbeständigkeit einer vor Zeugen unterzeichneten Urkunde überhaupt nicht möglich (b. Gitt. 19a). Je mehr freilich die Schriftkunst sich verbreitete und nicht nur bekannte und zuverlässige Personen die Abfassung von Urkunden vornahmen, mußten sich auch die Gefahren eines Mißbrauchs in der Verwendung des Sch. herausstellen, so daß durch rabbinische Verordnung die Vermutung der Echtheit der Urkunde eingeschränkt wurde und eine Unterschriftsbeglaubigung (kijjum oder henpek) durch das Gericht in einer angegliederten Urkunde als notwendig erklärt wurde. Nur wenn diese Bestätigung fehlte, konnte der Schuldner behaupten, die Urkunde sei gefälscht oder die Forderung bereits bezahlt und sich, da er aufgrund einer Miggo stets Glauben beanspruchen konnte, durch den zugeschobenen Eid von der Zahlungspflicht befreien (vgl. b. Ket. 18b; Ch. M. 46, 1).

In der Zeit der Possekim hat sich der Brauch durchgesetzt, daß der Gemeinderabbiner allein die Urkunde beglaubigen konnte. Normalerweise erhielt der Schuldner die Urkunde zurück, nachdem die Zahlung erledigt war, um sie zu vernichten (B. B. 170b; Ch. M. 54). Gegen Mißbräuche wurde der Schuldner in nachtalmudischer Zeit dadurch geschützt, daß das Gericht einen Cherem (Bann) gegen den Gläubiger erließ, der die, Urkunde bei sich behielt, und daß der Schuldner dem Gläubiger einen Eid über den Verbleib zuschieben konnte. Im talmudischen Schrifttum finden sich Urkunden in fast unabsehbarer Zahl. Juda b. Barsillaj (12. Jh.) zählt in seinem "Sefer haschetarot" (hrsg.  S. J. Halberstam, Berlin 1898) 73 Urkunden-Typen auf; sein Vorgänger Haj Gaon hatte nur 70 (vgl. dessen S. haschetarot, ed.  Assaf, Jerus. 1930). Anfang des 17. Jh. hat Samuel Halevi in "Nachlat schiwa" die damals in Deutschland und Polen üblichen Urkundentexte herausgegeben. Eine umfassende Sammlung aller Sch.-Formeln von den ältesten Quellen an enthält Gulaks "Ozar haschetarot" 1927.
Ihrer Form nach kann man die Sch. einteilen in solche, die von Privaten, und solche, die unter Mitwirkung eines richterlichen Kollegiums ausgestellt wurden.
Rein privatrechtliche Urkunden kommen u. a. bei folgenden Rechtsverhältnissen vor: 1. Chow (Schuld), 2. Arewut (Bürgschaft), 3. Isska (Beteiligung), 4. Schutfut (Gesellschaft), 5. Mechira (Kauf), 6. Mattana (Schenkung), 7. Arissut oder Kablanut (Pacht), 8. Schower oder Sumpun (Quittung), 9. Irkessa (Ersatz), 10.  Hakna'a (Erwerb), 11.  Maschkanta (Verpfändung), 12.  Tena'im (Verlobung), 13.  Kidduschin (Antrauung), 14.  Pessikta (Mitgift), 15. Ketubba (Ehevertrag), 16. Get (Scheidebrief), 17. Chazi-chelek-sachar (Töchterlegat), 18.  Zawwa'a (Testament), 19. Harscha'a (Vollmacht).

Von den Urkunden, die mit Mitwirkung eines richterlichen Kollegiums ausgefertigt werden, seien folgende Sch. genannt: 20. Mi'un (Weigerung bei der Volljährigen), 21. Apotropos (Vormundschaft), 22. Prosbul (Verschreibung der Schulden), 23. Berurin (Schiedsgericht), 24.  Schuma (Schätzung), 25. Pessak din (Beschlußfassung), 26. Adrachta (Vollstreckung in die freien Güter), 27. Tirfa (Einforderung der verkauften Immobilien), 28.  Hachrasa (Versteigerung), 29. Kijjum (Beglaubigung), 30. Schetar schenissraf oder nimchak (Ersatz für verbrannten oder defekten Sch.).