Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - SECHSTE ABTEILUNG - Prozessordnung - RICHTER

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



RICHTER

(schofet, bibl. Auch elohim, talmud. dajan, dajana). Nach j. Auffassung ist der R. der Vollstrecker des göttlichen Willens, da die Rechtsprechung nicht des Menschen, sondern Gottes richtet inmitten der Richter" (Ps. 82, 1). Der R. ist vor Gott mit seiner Seele für jeden ungerechten Urteilsspruch verantwortlich (b. Sanh. 7a). Die Einsetzung von R. (Deut. 16, 18) ist denn auch schon eine der noachidischen Vorschriften und ist, wie die historische Gestaltung des Gerichtswesens im j. Volk zeigt, schon in der ersten biblischen Zeit zur Durchführung gelangt (die Einzelheiten s. im Art.  Gerichtswesen). Der R. galt gleichzeitig als verantwortliches Organ für die Einhaltung der Rechtspflege in der j. Gemeinschaft. Darum mußte das Volk dem R. Ehrfurcht entgegenbringen; schon die Bibel (Ex. 22, 27) untersagt in gleicher Weise das Verfluchen des Fürsten und des R. Aus dieser allgemeinen Einstellung ergeben sich auch die hohen Anforderungen, die an das Richteramt gestellt werden. Schon Moses ordnete an, daß "weise und vernünftige Männer", die unter den Stämmen "bekannt", d. h. ausgezeichnet sind, zu R. gewählt werden sollen (Deut. 1, 13); ferner sollen die R. "tapfere Männer" (ansche chajil), gottesfürchtig, Männer der Wahrheit und Feinde des Eigennutzes sein, die den Mut besitzen, dem Rechte zum Siege zu verhelfen und gegen die Gewalt eines Rechtsverletzers aufzutreten.  Außer der Kenntnis des j. Rechts und allgemeiner Bildung werden vom R. besonders sieben Eigenschaften gefordert: Weisheit, Demut, Gottesfurcht, Uneigennützigkeit, Wahrheitsliebe, Beliebtheit und guter Leumund (Toss. Sanh. VII, 1). Der R. in Strafsachen durfte nicht kinderlos sein und keinen körperlichen Fehler haben (b. Sanh. 36b). Die Bestechung des R. wird als Zeichen des sittlichen Verfalls in allen biblischen Büchern besonders gebrandmarkt.  Ausdrücklich werden in der Mischna (Sanh. 3, 3) als disqualifiziert zum Amte des R. bezeichnet: Wer Würfel spielt und wer Tauben fliegen läßt (s.  Spiel und Wette), wer auf Zins ausleiht und wer mit dem Ertrag des Brachjahres (Schemitta) Handel treibt. Ein R. kann nicht in der gleichen Sache als Zeuge fungieren, doch ist dies bei Entscheidungen, die sich auf rabbinische Verordnungen gründen, zulässig (b. Ket. 21b).  Der R. mußte auch beim Vollzug der Leibesstrafe (malkut) zugegen sein (Deut. 25, 2). Der Hohepriester kann als R. wirken und untersteht selbst auch der allgemeinen Gerichtsbarkeit; anders hingegen der König, den man nicht zu Gerichte ziehen, der aber auch nicht R. sein kann (Sanh. 2, lf.); jedoch ist diese Verfügung erst unter Hyrkan II. entstanden und trifft auf die Könige aus davidischem Hause nicht zu (b. Sanh. 19a).

Der R. soll sich bei der Rechtsprechung strengster Unparteilichkeit befleißigen und selbst den Anschein der Begünstigung einer Partei vermeiden (b. Ket. 105b). Die Gleichheit vor dem Gesetz (Lev. 24, 22) ist das Hauptprinzip, von dem sich der R. leiten lassen muß. Um zu einem gerechten Urteil zu kommen, wird dem R. zur Pflicht gemacht, beide Parteien vorurteilslos anzuhören und kein Ansehen der Person vor Gericht zu kennen (Deut. 1, 16f.). Weiter wird in der Bibel (Lev. 19, 15) gemahnt: "Ihr sollt kein Unrecht tun im Gericht; berücksichtige nicht den Armen und begünstige nicht den Großen; mit Gerechtigkeit richte deinen Nächsten." Mannigfache Mahnungen ergehen im talmudischen Schrifttum an die R., bei der Befragung der Zeugen äußerste Vorsicht walten zu lassen.
Dem R. durften keine Kosten für das Urteil bezahlt werden, ebenso wie auch die Zeugen keine Entschädigung erhalten durften. Die Mischna erklärt den Richterspruch eines R., der sich entschädigen läßt, schlechthin für nichtig (Bech. 4, 6).  Der R. hat nur einen Anspruch auf bescheidene Entschädigung für die versäumte Zeit.

Der R. erhält seine Befähigung erst durch die Ordination (Semicha) von seiten eines richterlichen Kollegiums oder vom Präsidenten des Obergerichts (Synhedrium). Das oberste Gericht leitete seine Befugnisse durch eine lange Reihe von Tradenten von Moses selbst ab (P. A. 1, 1). Nur ein allgemein anerkannter Rechtsgelehrter durfte in Zivilsachen als Einzelrichter Recht sprechen.  Im allgemeinen soll man sich jedoch hiervon fernhalten (P.  A. 4, 8), es soll vielmehr nur ein qualifizierter Gerichtshof (Bet din), der aus 3 autorisierten R. besteht, entscheiden. In Strafsachen muß das Gerichtskollegium aus 23 resp. 71 Mitgliedern bestehen (s. Gerichtswesen).  Auch wenn die Parteien sich auf ein Schiedsgericht einigen, sollen sie ein Kollegium von mindestens drei R. ernennen. Da das Gericht "im Namen Gottes" Recht spricht, war eine Appellation im allgemeinen nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen möglich.  Der R. haftet unter bestimmten Umständen für die aus einem Fehlspruch sich ergebenden Schäden (Nesikin).

Seit Aufhören des j. Staatslebens ist die Tätigkeit der R. beschränkt, und es fehlt ihnen das Recht, Strafen auszusprechen; insbesondere ist auch das Auferlegen von Geldstrafen nicht mehr zulässig.

Der R. ist hinsichtlich der Annahme und Bewertung der Beweise an das Gesetz gebunden, das er auf den einzelnen Fall anzuwenden hat.  Gleichwohl aber ist auch den richterlichen Erwägungen (umdena) vor allem hinsichtlich des aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrungen zu ergänzenden Tatbestandes, innerhalb gewissen Grenzen Raum gegeben (b. B. B. 132a). Ebenso hat der R. auch, falls keine Beweise vorliegen und daher nach den Lehren vom Beweise eigentlich eine gesetzliche Entscheidung nicht getroffen werden kann, die Möglichkeit, nach freiem richterlichem Ermessen (schuda dedajne) zu urteilen (b. Ket. 94a). Vor der Fällung eines Urteils soll der R. stets versuchen, einen Vergleich herbeizuführen.