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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - SECHSTE ABTEILUNG - Prozessordnung - PROSBUL

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



PROSBUL

(vom Griech., d. h. vor dem Rate der Alten) Der Verwahrungsschein, welcher beim Gericht deponiert wurde, um der Verjährung von Forderungen im Erlassjahre (Schemitta) entgegenzutreten. Als nach dem Regierungsantritt des Herodes durch viele Missernten eine wirtschaftliche Krisis ausgebrochen war, die das Volk nötigte, sich in vermehrter Weise Darlehen zu beschaffen, sah sich Hillel der Ältere veranlasst, den P. anzuordnen, um die Verjährung der Schulden und die Verweigerung des Kredits zu verhindern. Durch diese ergänzende Verordnung wollte Hillel nicht die biblischen Vorschriften hinsichtlich des Verfalles der Schulden im Schemitta-Jahre aufheben, sondern für die Einhaltung eines alten sozialen biblischen Gesetzes in seinem allgemeinen ursprünglichen ethischen Sinn eintreten. Der P. war ein schriftlicher, von Richtern und Zeugen unterschriebener Protest gegen die Verjährung, der durch die Deponierung beim Gericht rechtliche Wirksamkeit erhielt. Er enthielt die Formel: "Ich erkläre hierdurch gegenüber Euch Richtern N. N. des Ortes X, dass ich alle Forderungen, die mir gegenüber N. N. zustehen, zu jeder mir beliebenden Zeit eintreiben werde" (Gitt. 36a; Schew. 10, 3. 4). Der Gläubiger konnte dann der Einrede der Verjährung des Klagerechts von seiten der Schuldner unter Hinweis auf diesen P. entgegentreten. Doch war der P. nur dann rechtsgültig, wenn der Schuldner ein Grundstück zu Eigentum hatte, da nur diese Immobilien kraft des gesetzlichen Pfandrechts Sicherheit gewähren; eventuell konnte der Gläubiger durch Sechija einen Anteil an seinem Grundeigentum dem Schuldner zueignen. In der Zeit der Amoräer wurde der P. vereinfacht und auch die mündliche Erklärung als genügend erachtet. Gemäß rabbinischem Recht gilt nach der Ansicht mancher Possekim das Schuldenerlassgesetz und damit die Anordnung des P. auch noch für unsere Zeit; zur Zeit von Rosch (Ascher ben Jechiel) wurde das Gesetz auch noch eingehalten. Die meisten Ansichten lehnen jedoch eine Geltungskraft des Gesetzes für die Gegenwart ab.