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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - SECHSTE ABTEILUNG - Prozessordnung - DIN TORA

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



DIN TORA

Das Recht der Tora, d. h. das Recht, das ausdrücklich in der Tora gelehrt oder das von den Rabbinen aus der Tora abgeleitet wird (Middeorajta). Im Gegensatz zum Recht der Rabbinen (midderabbanan), das auf Verordnungen der Rabbinen zurückgeht, bedeutet D. T. somit das eigentliche Torarecht, dessen Anwendung auf vermögensrechtlichem Gebiete in der ganzen Strenge späterhin, als die Richter nicht mehr das frühere Ansehen unbedingter Unparteilichkeit genossen, möglichst vermieden wurde (b. Sota 47b). D. T. sollte nach mancher Ansicht schon zur Zeit des Talmud nur dann zur Anwendung gelangen, wenn dies von den Recht Suchenden ausdrücklich verlangt wurde; auch wird an manchen Stellen empfohlen, sich nicht an das D. T., sondern innerhalb der Rechtslinie zu halten (lifnim mischurat hadin; s. Treu und Glauben). Ein Amoräer erklärt sogar, die Zerstörung Jerusalems sei nur darauf zurückzuführen, daß die Richter ihre Entscheidungen auf dem strengen D. T. basiert haben und sich nicht "innerhalb der Rechtslinie" hielten (b. B. M. 30b). Aus der Erkenntnis heraus, daß das strenge Recht bisweilen zu Härten für die eine Partei führen konnte, neigte man mehr und mehr zum Ausgleich im Gerichtsverfahren. Auch die Herbeiführung eines Vergleiches (peschara oder bizzua) fiel in die Kompetenz eines Bet din. Im allgemeinen gilt es als verdienstlich, einen Vergleich herbeizuführen (b. Sanh. 6b ff.) und sich nicht nach dem D. T. zu richten.

Unter D. T. wird ferner im neueren Sprachgebrauch die Regelung und Entscheidung eines Rechtsstreites nach j. Rechte verstanden. Aus mannigfachen Gründen wird vielfach von j. Parteien die Erledigung eines Streites vor einem Bet din nach D. T. der Prozeßführung vor den bürgerlichen Gerichten vorgezogen; zumeist wird hierbei auch an die Herbeiführung eines Vergleiches (peschara) gedacht. Dieses Schiedsgerichtsverfahren spielt auch im heutigen Palästina eine ausgeprägte Rolle in dem in j. Siedlungen eingesetzten Friedensgericht (Mischpat schalom). In den ostj. Zentren, bisweilen aber auch in westj. Gemeinden, beschäftigt sich das Rabbinatskollegium (Bet din) sehr eingehend mit der schiedsgerichtlichen Erledigung der vermögensrechtlichen Streitigkeiten der Gemeinde-Mitglieder. Die interne Behandlung und Erledigung der Streitangelegenheit vor einem j. Forum bot den Parteien vielfache Vorteile. Zunächst wurde dadurch jede Diskreditierung einzelner Personen vor den öffentlichen Behörden vermieden, und es unterblieb auch die eventuell damit verbundene Schädigung des allgemeinen Ansehens der j. Gemeinschaft (Chillul haschem). Das Prozeßverfahren war wesentlich beschleunigt, da es in der Hauptsache auf eine mündliche Beratung und Bewertung der Beweismittel ankam. Die Parteien zogen es auch deshalb vor, sich den j. Prozeßvorschriften zu unterwerfen, weil sie riskieren mußten, vor den öffentlichen Behörden zu einem Eide verpflichtet zu werden, den sie sodann, wegen der allgemeinen religiösen Bedenken gegen eine Eidesleistung, nicht ablegen konnten. Die Erledigung vor einem Bet din bot vor allem den Parteien auch die Gelegenheit, einen Ausgleich herbeizuführen und Gesichtspunkten der Billigkeit zur Beachtung zu verhelfen.