Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

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Rechtswörterbuch - SIEBTE ABTEILUNG - Ergänzungsartikel - ZEHN GEBOTE

Jüdisches Lexikon





ZEHN GEBOTE

Griechisch – Dekalog: Die zehn Ge­bote stellen den Kern der religiösen und sittlichen Satzungen der sinaitischen Offenbarung dar. Nach Auffassung der kritischen Bibelwissen­schaft gehören die sie enthaltenden Verse Ex. 20, 2/17 zur alten pentateuchischen Quellenschrift des Elohisten. Sie bilden den Inhalt der zwei Gesetzes‑ oder Bundes‑Tafeln, die nach dem biblischen Bericht Moses als das wichtigste Stück der Offenbarung am Sinai empfangen hat, und die als bedeutsamste Fixierung des zwischen Gott und Israel gestifteten Bundesverhältnisses auf­bewahrt wurden. Die Autorschaft des Moses, der altgläubigen Betrachtung des Judentums wie des Chri­stentums seit jeher selbstverständlich, wird bis in unsere Tage hinein von vielen kritischen For­schern bezweifelt. Doch ist diese Frage nur im engsten Zusammenhang mit der Stellung zum Problem der Gestalt und religionsgeschichtlichen Bedeutung des Moses überhaupt lösbar, welches neuerdings in einer der traditionellen Meinung wieder mehr entgegenkommenden Weise behan­delt wird. Dass Jedenfalls der Wortlaut der Z. nicht unbedingt feststand, beweist ihre Wieder­holung in Deuteronomium 5, wo neben den bedeutsamen Abänderungen im vierten Gebot auch sonst mehrfach Verschiedenheiten vorkommen. Der Dekalog ist von Anfang an auf eine Zehnzahl von Geboten angelegt, wie aus Ex. 34, 28 und Deut. 5, 1.9 hervorgeht. Die Art der Abteilung und infolgedessen die Nummerierung ist jedoch nicht einhellig. Die nach dem Kirchenvater Augustin von der römischen Kirche und von Luther angenommene zählt die Verse 2‑6 als erstes, 17a als neuntes, 17b als zehntes Gebot; die Judentum üblich gewordene fasst Vers 2 als erstes, die Verse 3‑6 als zweites, Vers 17 als zehntes, wie es ähnlich schon Philo und Jos­ephus getan. Disponiert ist der Dekalog derart, dass nach der Einleitung, die auf Gott als dem Erlöser Israels aus ägyptischer Knechtschaft hinweist, die religiösen Gebote (Verbot des Götzen‑ und Bilderdienstes, des Missbrauchs des göttlichen Namens, Gebot der Sabbat‑Heiligung), danach die moralischen Satzungen (Ehrfurcht vor den Eltern, Verbot von Mord, Ehebruch, Dieb­stahl, Meineid, der bösen neidvollen Begierde) kommen. Dieses Zweitafelgesetz, welches in wahrhaft lapidarer Weise die sittlichen und religiösen Grundgesetze kündet, ohne irgend­welche partikulare Begrenzung für irgendeinen Stamm oder eine Religionsgenossenschaft zu machen, ist für Judentum und Christentum zur fundamentalen Bedeutung geworden.

Ein anderer Dekalog, nach der kritischen Bibelforschung älter als der eben besprochene, scheint sich in Ex. 34, 14‑‑26 zu finden, der Pentateuch-­Quelle des Jahwisten angehörig. Es handelt sich bei diesem lediglich um kultische Vorschriften, den Gottesdienst, das Opferwesen und die Fest­feier betreffend. Auf diese Gesetzes‑Sammlung hat zum ersten Male Goethe aufmerksam gemacht ("Zwo wichtige, bisher unerörterte biblische Fragen zum ersten Mal gründlich beantwortet", 1773).