Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - SIEBTE ABTEILUNG - Ergänzungsartikel - VERGELTUNG

Jüdisches Lexikon





VERGELTUNG

Der Glaube an Gottes vergeltende Gerechtigkeit bildet einen Grundgedanken des Judentums. In der Bibel sind jedoch Recht und Sittlichkeit miteinander verbunden. Juristische Bestimmungen stehen neben sittlichen Vorschriften. Die Worte: "Auge um Auge, Zahn um Zahn" (Ex. 2.1, 24; Deut. 19, 2 1) gehören nicht eigentlich zur biblischen Sittenlehre, sondern entsprechen mehr jenen alten Rechtssatzungen des Talionsrechtes, die auf semitischem Boden ihre bes. nachdrückliche Formulierung im Kodex des Hammurabi gefunden haben, aber auch den ältesten Rechten anderer Völker nicht fremd sind. Die jüdische Tradition nimmt ihnen ihre unerbittliche Strenge und deutet sie dahin, dass für körperliche Verletzung eine angemessene Entschädigung zu zahlen ist. Die sittliche Lehre der Bibel aber verbietet dem Menschen, erlittenes Unrecht selbst zu vergelten (Lev. 19, 18; Spr. 20, 22). Das Gebot der Liebe umfasst auch die Feindesliebe. Der Fromme überlässt es Gott, den Sünder zu strafen (Deut. 32, 35). Ein Beispiel verzeihender Liebe gibt Josef.

In rabbinischen Judentum gehört ebenso, wie in der biblischen Religion, die Lehre, von dem vergeltendem Gott zum Fundament des Glaubens (b. Sota 3b, Sanh. 1.00a, R. H. 16b, Malkot 24a). Der Mensch aber hat nach der Ansicht des Talmud die Pflicht zu vergeben. Dem, der Unrecht nicht verzeiht, vergibt Gott keine Sünde. In Gott selbst, als dein Spender des dem Menschen zur Erfüllung aufgegebenen Gesetzes und Wahrer der sittlichen Weltordnung, wird die Handhabung vergehender Gerechtigkeit als wesentlicher Charakterzug gedacht. Die seiner Natur eingeschmolzene Liebe bedingt wohl, dass in dem Endurteil über den Menschen und in der Bestimmung eines Schicksals die Barmherzigkeit nicht schweigt, aber der Mensch bleibt ein verantwortliches Wesen, dem seine Tat zugerechnet wird; vgl. die Hauptstellen Ex. 20, 5. 6 (Zehn Gebote) und ebd. 34, 6. 7, wo das Ineinander von Liebe und vergeltender Gerechtigkeit seinen ursprünglichen Ausdruck gefunden hat. Charakteristisch ist besonders die vergeltende Liebe bis ins tausendste und die Strafgerechtigkeit bis ins dritte und vierte Geschlecht. Die rabbinischen Ausleger verstehen in dem Bestreben, von Gott jedwede Möglichkeit der Ungerechtigkeit fernzuhalten, die letzte Stelle in dem Sinne, dass das zu ahndende Unrecht bis in die 3. und 4. Generation fortdauert, sodass keiner für die fremde Sünde allein büßen muss.

In der Lehre der Propheten liegt die Lehre von der Vergeltung, die sich in den weltgeschichtlichen Schick­salen der Völker zeigt, als tiefstes Fundament der Religionsanschauung überhaupt zugrunde, wie auch das Deuteronomium diesen Gedanken in seinen Ermahnungsreden unaufhörlich abwan­delt, während das Richterbuch das tatsächliche Los Israels als die mit Händen zu greifende Folge seines sittlichen und kultischen Verhaltens auf­zuweisen sucht.

War aber bis dahin als Gegenstand der Vergeltung wesentlich die Gesamtpersönlichkeit Israels bzw. der anderen Völker gedacht, so macht die, bes. seit Jeremia und Ezechiel einsetzende, Indivi­dualisierung der Religion den Einzelmenschen zum Zielpunkte der Gerechtigkeit Gottes. Schon die spätbiblische Weisheitsliteratur, dann das apokryphische und pseudepigraphische Schrift­tum, vor allem aber das rabbinische betrachten diesen Gedanken als den ausschlaggebenden gott­gläubiger Gesinnung. Die Bedenken des Buches Hiob, das die Frage nach dem Sinn des Leides des Gerechten stellt, rücken in dem Maße in den Hintergrund, als der Glaube an ein jenseitiges Leben voreilige Skepsis zum Schweigen bringen zu können scheint. Ja, man darf sagen, dass das Bedürfnis, die Vergeltung in vollem Umfange realisiert zu sehen, der Annahme und Ausgestaltung der Eschatologie den mächtigsten Vorschub geleistet hat. Besonderer Beispiele für den Glauben an die individuelle Vergeltung bedarf es nicht, weil alle talmudisch‑rabbinischen Schriften voll von ihm sind; vgl. z. B. die „Sprüche der Väter“. Die Gefahr einer lohnsüchtigen Gesinnung wurde so bisweilen brennend, aber doch stets von edleren Gemütern erkannt und beschworen (vgl. Sitt­lichkeit).

In der Religionsphilosophie nimmt das Pro­blem der Vergeltung einen breiten Platz ein, ohne natür­lich eine mit der rabbinischen im Widerspruch stehende Behandlung zu finden. Maimonides, der dem Glauben an die Vergeltung den 11. seiner Grundsätze widmet, entfernt sich mit seiner Vergeistigung der eschatologischen Ansichten in nichts von dem Prinzip selber; Sa’adja, hierin sein Gegenpol, übernimmt nicht bloß die handfestesten Vergeltungs‑Vorstellungen der Alten, sondern baut sie nach tal­mudischen Vorbildern zu einem System von ge­radezu mathematischer Rechenmäßigkeit aus. Bis zum heutigen Tage wirkt, bes. im jüdischen Kreise, der Vergeltungsglaube auch in solchen Gemütern, die im allgemeinen kein rechtes Gefühl religiöser Ge­bundenheit, geschweige eine positive Verbunden­heit mit der Religion des Judentums haben, mit auf­fallender Stärke. Er hat auch in den Sätzen der natürlichen oder Vernunftreligion immer eine wichtige Rolle gespielt.