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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Jüdisches Lexikon





SYNHEDRION

Der Wort stammt aus dem Griechischen (Hebräisch - Sanhedrin; es ist auch die Bezeichnung für einen Traktat im Talmud) und ist seit der Zeit der Hasmonäerherrschaft (2. Jh v.d.Z.) bekannt. Es ist die Bezeichnung für die oberste Gerichts- und Verwaltungsbehörde in Jerusalem, die zugleich höchste gesetzgebende und das Gesetz interpretierende politische Instanz war. Sie bestand aus 71 Mitgliedern (Sanh. I, 6), hielt in der „Quaderhalle", einem Versammlungsplatz im westlichen Teil des Tempelberges ihre Sitzungen ab und hatte Kompetenzen, die je nach der politischen Lage bald ausgedehnter, bald beschränkter waren.

Die rabbinische Tradition nimmt an, dass diese Behörde bereits zur Zeit Moses eingesetzt worden sei (Num. 11, 16) und seitdem ununterbrochen fortbestanden habe. Tatsächlich ist in der Bibel wiederholt von den "Ältesten Israels" als den Repräsentanten des Volkes (I. Sam. 8, 4; II. Sam. 3, 17. 5, 3; I. Kön. 8, 1. 20, 7; II. Kön. 23, 1; Ez. 14, 1. 20, 3) und von einem ähnlich wie das spätere S. zusammengesetzten obersten Gerichtshof (Deut. 17, 8ff.; 19, 16ff.; II. Chr. 19, 8) die Rede. Es ist jedoch nicht bekannt, ob es sich im Falle der "Ältesten" überhaupt um eine organisierte Behörde handelt, und ob der oberste Gerichtshof außer seinen gerichtlichen Funktionen noch andere ausübte, die zu den Merkmalen einer obersten Regierungsbehörde gehören. Erst die persische Zeit (6.-4. Jhdt. v.), in der die Juden unter fremder Oberherrschaft eine sich selbst regierende Gemeinschaft bildeten, setzt für die bürgerlichen und religiösen Angelegenheiten eine gemeinsame Leitung durch die Vertreter des Volkes voraus. In den Büchern Esra und Nehemia werden wiederholt Älteste, Vornehme und Ratsherren erwähnt, in deren Händen die Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten lag. Sie wurden wohl in der Regel aus der Mitte der Tempelgeistlichkeit und der "Familienhäupter" (Esra 4, 2; Neh. 8, 13) ernannt. Zu ihnen traten nach der Zeit Esras und Nehemias die "Schriftgelehrten" (Schreiber) hinzu, die in der Mehrzahl durch Kenntnisse hervorragende Laien waren. Aus dem engeren Zusammenschluss der Vertreter der verschiedenen Volksklassen entstand jene Gesamtbehörde, die in einem Schreiben des Syrerkönigs Antiochus des Großen (203 v.) "Gerusia" genannt wird und wohl identisch ist mit der Pirke Avot (Sprüche der Väter) I, 1 zum erstenmal erwähnten Kenesset hagedola ("Große Versammlung"), die nach b. Meg. 17b aus 120 Mitgliedern bestand. Aber auch nach dem Aufhören der Kenesset hagedola (ungef. 200 v.) führte die oberste Ratsversammlung weiter den Namen "Gerusia" oder "die Ältesten". Der Name S. kam wohl erst infolge einer Neuordnung in Gebrauch, die vielleicht erst nach der Unterwerfung durch Pompejus (63 v.) stattgefunden hat. Auf Münzen aus der Zeit Hyrkans I. findet sich für den obersten Rat die Bezeichnung „Chever hajehudim".

An der Spitze des S. und der gewiss nicht sehr wesensverschiedenen Behörde, die ihm unmittelbar voranging, standen nach den Angaben der Mischna als Präsident (Nassi "Fürst") und Vizepräsident (Aw bet-din "Vater des Gerichtshofes") jeweilig zwei Schriftgelehrte. Das ist aber zweifellos eine Zurückdatierung eines Zustandes, der erst in der Zeit nach dem Untergang des j. Staates bestand. Solange es einen Hohepriester gab, war dieser das offizielle Haupt des S. wie die Angaben bei Flavius Josephus und im N. T. bezeugen. Aber ebenso sicher ist es, dass außer dem Hohepriester, dessen Gesetzeskunde zur Führung des Vorsitzes in einer Körperschaft, die das Gesetz zu interpretieren und als oberste Instanz zu handhaben hatte, nicht immer ausreichte und der überdies sehr häufig anderweitig in Anspruch genommen war, - z. B. sicherlich zur Zeit, als die Hasmonäerfürsten gleichzeitig Hohepriester waren noch ein geschäftsführender Vorsitzender mit ausreichender Gesetzeskenntnis und für den Fall seiner Verhinderung ein Stellvertreter vorhanden sein musste. Der Titel des geschäftsführenden Vorsitzenden war wohl Aw bet-din ("Vater des Gerichtshofes"). Der Titel Nassi ist wohl erst in Gebrauch gekommen, als sich der Vorsitz im S. in der sich davidischer Abstammung rühmenden Familie Hillels dauernd vererbte, und sollte wohl als tröstender Hinweis dienen, dass "das Zepter noch nicht ganz von Juda gewichen sei" (Gen. 49, 10).

Die Zusammensetzung des S. unterschied sich von der der vorangegangenen Gerusia bloß dadurch, dass in ihm die Schriftgelehrten an Zahl stark vorherrschten, und dass auch als Vertreter der Priesterschaft, die bis zur Tempelzerstörung in der Ratsversammlung zweifellos großen Einfluss besaß, meistens gesetzeskundige Männer in das S. eintraten. Die Ergänzung geschah wahrscheinlich durch Kooptation (vgl. Sanh. IV, 4). Die Aufnahme neuer Mitglieder geschah durch die Zeremonie der Semicha (Ordination).

Über die Kompetenz des S. im einzelnen finden sich in der Mischna mehrfache Angaben. Nach Sanh. I, 5 war ihm die Entscheidung über Krieg und Frieden vorbehalten, ebenso die Urteilsfällung über einen götzendienerischen Stamm, über eine zum Götzendienst verleitete Stadt, über den falschen Propheten und über Verfehlungen des Hohepriesters (vgl. Sanh. II, 4). Durch das S. erfolgte die Einsetzung der Obergerichte für die Stämme, aber auch die Erweiterung Jerusalems oder der Tempelhöfe bedurfte seiner Zustimmung. Aufgabe des S. war es ferner, den Tempel- und Opferdienst zu beaufsichtigen, die kalendarischen Beobachtungen und Berechnungen anzustellen, die Vorschriften über die "Para adumma", über das "Erschlagenen-Opfer", und die der Untreue verdächtige Frau zur Durchführung zu bringen und im Falle des "widerspenstigen Gelehrten" als höchste Instanz zu entscheiden (Sanh. XI, 2). Das Verfahren vor dem S. wird in der Mischna (Sanh IV, 1-5) beschrieben. Die Mitglieder des S. saßen in einem Halbkreise, vor ihnen standen 2 Gerichtsdiener, die die Reden niederschrieben. Zur Abstimmung erhob man sich. Zur Freisprechung genügte einfache Mehrheit, zur Verurteilung war eine solche von 2 Stimmen erforderlich.

Außer dem großen S. gab es auch Gerichtshöfe für Kriminalfälle, die aus 23 Mitgliedern bestanden und den Namen „Kleines Synhedrion" führten (Sanh. I, 6). Auch die erwähnten Obergerichtshöfe für die Stämme wurden S. genannt.