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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

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Rechtswörterbuch - SIEBTE ABTEILUNG - Ergänzungsartikel - Responsen

Jüdisches Lexikon





Responsen (Sche’elot uteschuwot = Fragen und Antworten)

Bezeichnung für die an rabbinische Autoritäten gerichteten Anfragen und deren Antworten. In der Wissenschaft werden die Antworten gewöhnlich Responsen oder Sendschreiben oder Rechtsgutachten genannt. Literar­geschichtlich bilden die Responsen einen Teil der rabbinischen Literatur, ihrer Form nach kann man sie zur Briefliteratur rechnen, inhaltlich dagegen sind sie ein Teil der Kommentar‑ und Kodifikationsliteratur, die sie ergänzen. Indem die Re­sponsen Entscheidungen in Gesetzesfragen, die im Talmud nicht beantwortet sind, fällen, inter­pretieren sie Bibel‑, Mischna‑ und Talmudstellen. Die Responsen geben nicht nur auf Fragen prak­tischer, rechtlicher, ritueller und ethischer Natur Antwort, sondern behandeln auch wissenschaftlich-theoretische Gegenstände, wie Probleme der Religionsphilosophie, Astronomie, Mathematik, Chronologie, Geographie und des Kalender­wesens. Ihre Bedeutung geht jedoch über ihren unmittelbaren Zweck weit hinaus; denn indem die Responsen zum Beleg der getroffenen Ent­scheidung einer religionsgesetzlichen Frage häufig auf den im Ort und Lande des Antwortenden geltenden Brauch hinweisen, bieten sie in der Dar­stellung des lokalen Brauchs und in der Stel­lungnahme zu dem angefragten Gegenstand reiches Material über die soziale, ökonomische, politische und kulturelle Lage der Juden und ihrer Lebensweise zu verschiedenen Zeiten und in vielen Ländern, von denen sonst gar keine oder nur lückenhafte Nach­richten vorhanden sind. Dies ist von besonderer Be­deutung deshalb, weil sich die Responsenliteratur über einen Zeitraum von 1700 Jahren (vom 3. Jh. n. bis zur Gegenwart) erstreckt und etwa 1000 Sammlungen von ihnen vorhanden sind, die insgesamt mehrere Hunderttausend von Re­sponsen enthalten. Die Responsen zeichnen sich durch Gründlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Un­parteilichkeit, Rechtsgefühl aus, außerdem aber drückt ihnen der Zeitgeist seinen Stempel auf. So gibt es neben Fragen und Antworten, die in allen Jahrhunderten wiederkehren, solche, die sich aus der jeweiligen besonderen Lage der Juden in einem Lande ergeben und nur einer bestimmten Zeit eigen sind (z. B. bei Maimonides die Ent­scheidung über die Frage der Zulässigkeit des Übertritts zum  Islam). Die gesamte Entwicklung der Responsenliteratur läßt sich in 6 Perioden gliedern. In jeder dieser Epochen spielt in der Responsenliteratur gewöhnlich dasjenige Land die führende Rolle, das auch sonst in dieser Zeit das geistige Zentrum der Judenheit ist. Die Re­sponsen treten erstmalig bei Beginn des 3. Jh., nach dem Abschluss der Mischna, der ja in der Ent­wicklung der Kodifikation des Religionsgesetzes einen tiefen Einschnitt bildet, auf.

1. Talmudische Periode. Die Responsen dieser Zeit sind im Talmud selbst enthalten, so z. B. die Antwort des Jehuda hanassi an Abba Areka (b. Ket. 69 a; j. Gitt. IV, 3; b. Gitt. 7 a). Die Korrespondenz zwischen den Gelehrten in Baby­lonien und Palästina war damals sehr rege, u. zw. insbesondere gegen Ende des 3. Jh. Die entscheidende Autorität in dieser Zeit hatten die Gesetzes­lehrer in Palästina (vgl. b. B. B. 4lb; Schew. 48b; Sanh. 29a). Die Antworten waren oft von mehreren gezeichnet (j. Kidd. III, 12) und hatten die lapidare Prägnanz der römischen Juristen.

2. Gaonäische Periode. Aus der Zeit der Saboräer sind keine Responsen erhalten geblie­ben, dagegen stellt die Periode der Gaonen in Babylonien (638‑1038) eine Hochblüte der Re­sponsenliteratur dar. Die Antworten der Gaonen auf an sie ergangene Anfragen bilden geradezu wissenschaftliche Abhandlungen; der Stil ist ent­wickelt., und formvollendet, die sachliche Ent­scheidung, da der Talmud bereits abgeschlossen war, auf diesen gestützt und mit Argumenten pro und contra aus ihm belegt. Zu Beginn dieser Periode gelangten nur kurze Anfragen aus Baby­lonien und den unmittelbaren Nachbarländern zu den Gaonen, auf die ebenso kurze Antworten erteilt wurden (Jehudaj Gaon in Scha’are zedek IV 4, 69, S. 71 und IV 5, 27, S. 76b). Als aber seit der 2. Hälfte des 9. Jh. Fragen aus ent­fernteren Ländern, wo man in der talmudischen Gesetzeskunde weniger erfahren war, einliefen, mussten die Antworten ausführlicher sein. In späterer Zeit führte man auch Entscheidungen früherer Gaonen autoritativ an. Die Briefe, die vom Sekretär der 1. Jeschiwa verfasst‑ oder ihm dik­tiert und vom Gaon unterzeichnet wurden, hatten eine feste Form, die Sprache der Antworten war ursprünglich die aramäische Landessprache, oft das allen Juden eher verständliche Hebräisch, für die Juden der mohammedanischen Länder auch arabisch. Der Inhalt der Responsen der Gaonen erstreckt sich außer auf Gesetz und Ritus auch auf Litur­gie, Theologie, Philosophie, Lexikographie, Ar­chäologie und Geschichte. Für die historische Forschung sind sie von Bedeutung, da sie das ganze soziale und kulturelle Leben der Juden in jener Zeit beleuchten, insbesondere auf ihre Wirtschafts­beziehungen ein Licht werfen. Gaonäische Re­sponsen sind oft in den Sammlungen der Respon­sen späterer Autoren enthalten. Dagegen ist von keinem Gaon direkt eine Sammlung seiner Re­sponsen veranstaltet worden. Hervorzuheben sind unter den gaonäischen Verfassern von Responsen: Natronaj b. Hilai, Haj, Scherira (insb. sein berühmter Brief an Jakob ben Nissim von Kairuwan über die Kette der jüdischen Gelehrten bis auf seine Zeit) und Sa’adja. Wichtigere Sammlungen gaonäischer Responsen sind: Hala­chot pessukot min hageonim, Konstantinopel 1516 (erste Sammlung); Sche’elot utschuwot mehageonim, Konstantinopel 1575; Scha’are zedek, hrg. von Nissim ben Chajim, Saloniki 1792; Scha’are teschuwa, Leipzig 1858; Teschuwot geonim kad­monim, hrg. von D. Cassel 1848; Chemda genusa, Jerusalem 1863; Teschuwot hagonim, hrg. v. J. Mussafia, Lyck 1864; Sikkaron larischonim uteschuwot hageonim, hrg. v. A. Harkavy, Berlin 1865; Teschuwot geone misrach uma’araw, hrg. v. J. Müller, Berlin 1885, und L. Ginzberg, Geonica II, 1905‑08. Eine Sammlung des ge­samten Materials im Anschluss an den Talmud gibt B. Lewin in „Ozar hageonim“, von dem bisher 2 Bde. erschienen sind (Haifa 1928, Je­rusalem 1930). Die Responsen der ersten Gaonen hat S. Assaf unter dem Titel „Teschuwot ha­geonim mitoch hagenisa“ herausgegeben (Jeru­salem 1928).

Als sich im 10. Jh. das Talmudstudium auch in Westeuropa ausbreitete, erlitt die Autorität des Gaonats eine starke Einbuße. Man wandte sich aus ferneren Ländern nun nicht mehr so oft mit Anfragen an die Gaonen, dafür aber werden Responsen nichtbabylonischer Gesetzeslehrer im­mer häufiger, so von Kalonymos ben Mose von Lucca, Meschullam en. Kalonymos aus Rom,  Gerschom ben Juda in Mainz; in Spanien von Moses ben Chanoch aus Cordova, Josef ben Isaak Abitur, Samuel Hanagid. Die Responsen dieser Gelehrten bilden den Übergang zur

3. Periode (erste rabbinische, 11. und 12. Jh.). In der auf dem Gebiete der Responsenliteratur Spanien und Frankreich führend werden, die infolge des Unterganges des Ga­onats damals die Zentren jüdischer Kultur wurden. Doch unterscheidet sich die spanische Schule der jüdischen Gelehrsamkeit stark von der französi­schen: ist jene in ihren Responsen prägnant und behandelt in ihnen auch wissenschaftlich­-theoretische Fragen, so ist diese kasuistisch ­dialektisch und hält sich streng an den talmudi­schen Text. Im 11. Jh. treten in beiden Schulen Gelehrte von umfassendem Wissen auf: in Frankreich Raschi mit hebräischen Responsen, in Spanien Isaak Alfassi mit arabischen Responsen. Im 12. Jh. verfassten u. a. Responsen: in Frankreich Jakob ben Me’ir Tam, Elieser bem Nathan und Abraham ben David von Posquieres; in Spanien Josef ibn Migas und bes. Maimonides, dessen Responsen theologische, rituelle, rechtliche und astronomisch­chronologische Entscheidungen enthalten.

4. Periode (zweite rabbinische, 13. und 14. Jh.). In dieser Epoche kann man von einer einheitlichen spanisch‑französischen Schule spre­chen, in der der Unterschied beider ausgeglichen ist, da zwischen beiden ein geistiger Austausch der Methoden und Probleme stattfindet. In Spanien sind die bedeutendsten Vertreter der Responsenliteratur damals Nachmanides und Salomo ben Adret, dessen 3000 Responsen Exegetik, Philosophie und Ethik behandeln. Im 13. Jh. tritt dann in Deutschland ein bedeuten­der Vertreter der Responsenliteratur auf: Me’ir ben Baruch von Rothenburg, der mit den Juden aller Länder in Verkehr stand und dessen Responsen für die Kenntnis der Kulturgeschichte der deutschen Juden des 13. Jh. von hoher Bedeutung sind. Neben ihm verfasste Responsen sein Schüler Ascher ben Jechiel, in Spanien zu Ende dieser Periode Isaak ben Scheschet.

5. Periode (dritte rabbinische, 15. bis 18. Jh.). Diese Epoche bedeutet für die Entwick­lung der Responsenliteratur im Allgemeinen einen Rückschritt dadurch, dass der Inhalt der Respon­sen in dieser Zeit, im Zusammenhang mit der wachsenden Bedeutung der rabbinischen Ge­richtsbarkeit, auf religiös‑rechtliche Fragen beschränkt wird. Die Klarheit der spanisch‑fran­zösischen Autoritäten wird außerdem durch den pilpulistischen Geist der deutsch‑polnischen Schule verdrängt. So ist diese Periode eine Zeit des Epigonentums, gekennzeichnet einerseits durch sorgfältiges Studium der älteren Literatur und Berufung auf dieselbe, durch Fleiß und Genauig­keit, andererseits aber auch durch Mangel an Originalität. Selbst in formaler Beziehung herrscht Unselbständigkeit. Im 15. Jh. behandeln in Deutschland Israel Isserlein und Israel Bruna in ihren Responsen aktuelle Fragen; Italien ver­treten in der Responsenliteratur dieser Zeit Josef  Kolon und Juda Minz, die Türkei Jakob  Berab, Levi ben Chabib und Moses Alaschkar, Polen Schalom Schachna. Auch im 16. Jh. treten einige bedeutende Gelehrte als Verfasser von Responsen hervor: so Moses Isserles, Salomon Lurja und Me’ir ben. Gedalja Lublin in Polen, Josef Kara, Josef ibn Leb, Samuel von Modena, David Abi Simra im Orient, Menachem Asarja da Fano in Italien. Im 17. Jh. steht Polen an erster Stelle, so Aron Samuel Kojdanower, in dessen Responsen sich die schlechte Lage der Juden Deutsch­lands widerspiegelt und Menachem Mendel Kroch­mal. Aber auch Deutschland fehlt nicht ganz, so sind Responsen von Ja’ir Chajjim Bacharach erhalten; Italien ist durch Samuel Aboab, die Türkei durch Josef Moses di Trani und Jakob Alfandari vertreten. Im 18. Jh. teilt Polen seine Hegemonie auf dem Gebiete der Responsenlite­ratur mit anderen Ländern: so verfasst in Deutsch­land der berühmte Jakob Emden, in Italien Simson Morpurgo, in der Türkei Jona Nabon, in Polen Me’ir Eisenstadt und Ezechiel Landau Responsen, dagegen sind von Elia Wilna keine Responsen erhalten.

6. Periode (vierte rabbinische, bis zur Gegenwart). In diesem Zeitabschnitt ist die Methode der Gutachtenerteilung die gleiche wie in dem vorangehenden, und bemerkenswert ist nur, dass oft hypothetische Fragen behandelt wurden, neue Probleme in den Gesichtskreis der Juden treten und die neuen Zeitumstände mit Technik, Emanzipation, Reform und nationaler Be­wegung zu bisher unbekannten Fragestellungen und Antworten drängen. So greifen Moses Sofer, Akiba Eger und Abraham ben Arje Löb Löwen­stamm durch Responsen in den Hamburger Tempelstreit ein und nehmen zur Reform Stellung. Josef Saul Nathanson und Israel Schmelkes behandeln die Benützung der tech­nischen Erfindungen, andere die Gültigkeit der Agrargesetzgebung für die Kolonisation in Pa­lästina. Von den vielen anderen Gelehrten, die im 19. Jh. Responsen verfassten, seien bloß er­wähnt: Isaak Elchanan Spektor, Josua Eisik Schapiro, Josef Ber Soloweitschik, Mordechaj Benet, Salomon Salman von Posen, Menachem Mendel von Ljubawitsch u. v. a. Eine der jüng­sten Erscheinungen auf dem Gebiet der Respon­senliteratur ist David Hoffmanns Melamed leho’il (1926, über Fragen aus dem Gebiet des Orach chajim).

Sammlungen von Responsen, die sowohl für den Unterricht in den Lehrhäusern wie für die gerichtlichen Entscheidungen von Bedeutung waren, sind in Spanien seit der 2. Hälfte des 11. Jh., in Frankreich und Deutschland seit dem 12. Jh. angelegt worden. Sie stammen ent­weder von den Verfassern selbst oder von ihren Schülern und Angehörigen, doch sind diese Sammlungen in ihrer ursprünglichen Form erst seit dem 14. und 15 Jh. erhalten. Die Responsen der Gaonen sind, wie bereits erwähnt, nur in Werken aus späterer Zeit und nur in überarbeiteter und verkürzter Form überliefert.