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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

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Rechtswörterbuch - SIEBTE ABTEILUNG - Ergänzungsartikel - PRIESTER

Jüdisches Lexikon





PRIESTER

Wie in allen Reli­gionen, so ist auch in der israelitischen das Priestertum  als ein Stand, dem der ausschließliche Anspruch auf kultische Funktionen, insbes. Auf Opferhandlungen zusteht, ursprünglich nicht auf einen engen Kreis besonders geweihter Personen beschränkt, sondern jeder ‑ insbesondere der Hausvater beim Familienopfer ‑ hatte das Recht, zu opfern und eine größere Gemeinschaft vor Gott zu vertreten. Diese Übung, die durch zahlreiche Beispiele aus der früheren israelitischen Königszeit bei Saul, David und Salomo belegt ist, hielt noch vor,

als tatsächlich schon ein bestimmter Berufsstand der Priester vorhanden war. Diesem lag es dann ob, die angestrebte Vereinigung mit Gott, von der man Schutz und Hilfe erwartete, in ausnehmend wirksamer Weise herbeizuführen und seinen Willen zuverlässig zu verkünden; und der Priester als Orakel­ Verkünder und Zeichengeber war mit dem Wahrsager eins, dessen Kraft selbstverständlich nur

einzelnen, durch die Gottheit erwählten oder erb­lich begabten Persönlichkeiten beigelegt wurde. Darauf deutet auch ‑ von anderen Beweisen ab­gesehen ‑ der Sinn des hebräischen Wortes für „Kohen“, der mit dem arabischen kahin = Seher, Weissager völlig übereinstimmt. Die Gestalt des Samuel, der Priester und Prophet zugleich war, liefert hierfür ein klares Beispiel.

Nach der pentateuchischen Überlieferung ist Moses, der Organisator des Volkes und des religiösen Kultus, auch der Stifter des Priestertums, indem er auf göttliches Geheiß Aharon die Würde des Hohenpriesters überträgt und die Erblichkeit der priesterlichenn Würde in dessen Hause festsetzt. Mose und Aharon gehören zum Stamme Levi, dem eine jüngere, im Priesterkodex des Pentateuch erhaltene Tradition das aus­schließliche Vorrecht zuweist, kultische Hand­lungen zu verrichten. Im Stamme Levi werden die Priester, das Geschlecht Aharons, besonders ausgezeichnet, indem auf sie der eigentliche Opferdienst beschränkt wird. Diese erst in späterer Zeit auf­kommende Theorie stellt eine Konstruktion dar, welche zugunsten der im Jerusalemischen Zen­tralheiligtum fungierenden Priester entstanden ist, indem diese seit dem Deuteronomium die allein legitimen zu sein behaupteten und dieses von ihnen in Anspruch genommene Recht in der Urzeit des Volkes, in der Gesetzgebung des Mose, verankerten.

Die Hauptaufgabe der Priester war in alter Zeit nicht, das Darbringen der Opfer, von denen es ‑ wie aus manchen Andeutungen der Propheten hervorzugehen scheint ‑ sogar zweifelhaft ist, ob sie in der Periode des Moses überhaupt eine, die ganze Volksgemeinde angehende Einrichtung waren, sondern die Spendung der Tora, die Erkundung und Mitteilung des göttlichen Willens, der Entscheid in Rechtsstreitigkeiten auf Grund der in ihren Kreisen lebendigen Traditionen (Deut. 33, 9 f.,. Mal. 2, 6; Ex. 22, 7‑8, I. Sam. 2, 25). Sie standen den Weissagern nicht fern, sofern sie etwa vermittels der heiligen Lose (Urim w'tumim) den Willen der Gottheit zu erforschen wussten. Als Berater in allen wichtigen, nament­lich ethischen und rechtlichen ‑ keineswegs bloß kultischen ‑ Fragen heißt der Priester Vater (Ri. 17, 10; 18,19), ähnlich ‑ wie die Prophetin Debora eine Mutter in Israel genannt wird (Ri. 5). So muss man wohl besonders für die alte Zeit annehmen, dass zwischen dem göttlich begnadeten Priestertum und dem Sehertum keine strenge Scheidelinie zu ziehen ist. Anders in der späteren, durch das Gesetz des Deuteronomiums (7. Jhdt.) eingeleiteten Religionsentwicklung. Hier findet sich die Priesterschaft als ein fest umgrenzter Stand, mit dem alleinigen Recht, am Heiligtum zu Jerusalem ‑ ein anderes wird nicht anerkannt und gilt als heidnischer Art ­ Opfer darzubringen. Ihm zur Seite stehen die Leviten. Von dem Hohepriester ist hier, wie bei dem die Scheidung zwischen Priester und Laien weiter treibenden Propheten Ezechiel noch nicht die Rede. Wohl aber werden schon, namentlich bei Ezechiel, strenge Reinheitsvor­schriften für die Priester gegeben, für die auch besondere Satzungen hinsichtlich der Ehe gelten. Diese Entwicklung setzt sich in dem von der kritischen Bibelwissenschaft so genannten Heiligkeits‑Gesetz (Lev. 17‑26) fort. Hier taucht das Amt des Hohepriesters auf. Diese Ansätze zur Entwick­lung eines besonderen Priestertums, das als geweihter Stand streng von der Laienschaft sich scheidet, wird im Gesetz des Priester-Kodex fortgesetzt und empfängt hier für die spätere jüdische Religionsentwicklung abschließende Gestalt. Besondere Gefälle von Opfern und anderen Weihegaben wie Teruma, Hebe, sichern der Priesterschaft den Unterhalt, da sie, keiner Stammesorganisation eingegliedert, über keinen persönlichen Grundbesitz und daraus fließende Einnahmen verfügt.

Mit der Zerstörung des Tempels und dem Auf­hören des Opferkultus sinkt auch die eigentliche Funktion der israelitischen Priesterschaft hin. In­dessen sind im jüdischen Religionsgesetz, wie es bis auf die Gegenwart in Geltung ist, gewisse Vorrechte dem Priester, d. h. demjenigen, der sich durch Familien­tradition von einem Kohen ableitet, vorbehalten. Er hat das Recht, als erster zur Toravorlesung aufgerufen zu werden, den Priestersegen über die Gemeinde zu sprechen; für ihn gelten andererseits einschränkende Bestimmungen hinsichtlich der Befassung mit einem Leichnam, auch gewisse ehegesetzliche Einschränkungen.

Wie das Priestertum in alter Zeit den eigentlichen Adel des israelitischen Volkes bildete, so galt bis an die Schwelle unserer Tage überall, wo das Judentum in ungebrochener Stärke seine Genüge in sich selber fand, die Abstammung von einem Kohen als eine hohe Auszeichnung.