Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - SIEBTE ABTEILUNG - Ergänzungsartikel - GESETZESRELIGION

Jüdisches Lexikon





GESETZESRELIGION (Nomismus)

Als Gesetzesreligion wird im paulinischen Sinne das Judentum, die Re­ligion des alten*Bundes, insofern aufgefasst, als nach dieser die Gerechtigkeit vor Gott durch den Gehorsam gegen das göttliche Gesetz, sei es sittlichen, sei es kultisch‑zeremoniellen Inhalts, erlangt werde, während nach der Lehre des durch den Paulinismus bestimmten Christentums der mit der Erbsünde behaftete Mensch überhaupt nicht (Protestantismus) oder doch nur beiläufig (Katholizismus) durch das Gesetz, sondern allein bzw. wesentlich durch die im Opfertode Christi offenbar gewordene Gnade Gottes gerechtfertigt und des ewigen Heils teilhaftig wird. In der Tat hält das Judentum bis heute an seinem Grundgedanken fest, dass nur der Gehorsam gegen Gottes Gebot das Heil des Menschen bewirken könne, wobei das kritisch orientierte Judentum besonders an das Ringen des Menschen um die Verwirklichung des in Gott wurzelnden Sittenge­setzes denkt. In diesen Grundgedanken, der zu­gleich die Würde des Menschen wahren und seine sittliche Kraft zu höchster Intensität wecken will, ist die Überzeugung mit eingeschlossen, dass der ringende und im Ringen strauchelnde Mensch allezeit der göttlichen Gnade bedarf. In neuerer Zeit wird vielfach mit einer Umbiegung des ursprünglichen Gegensatzes zwischen Judentum und Christentum das erstere als Religion des Gesetzes dem letzteren als Religion der Liebe entgegengestellt. Diese Bezeichnung des Judentums als Religion des Gesetzes ist zu­treffend, wenn mit ihr gesagt sein soll, dass mit der feierlichen Verpflichtung des jüdischen Volkes auf die Tora unter Esra und Nehemia (444) das Judentum sich außer in religiösen und sittlichen Lehren grundlegender und umfassender Art auch in vielen Einzelforderungen ausprägte, die nicht nur moralischer, sondern auch rechtlicher, kultischer und zeremonieller Natur sind, und dass diese Einzelforderungen und ihre Erörterung in der Entwicklung des geschichtlichen Judentums einen weiten Raum eingenommen haben. Mit der Bezeichnung des Judentums als Gesetzesreligion verbindet sich aber oft die falsche Vorstellung, als ob das Judentum mehr die bloß äußere Legalität des Handelns, als die innere Moralität, d. h. die von lebendiger Religiosität und lauterer Sittlichkeit getragene Ge­sinnung angestrebt habe. Dieser Anschauung stehen jedoch die Tatsachen entgegen. Die Psalmen (Tehillim) mit ihrer innerlichen, innigen Frömmigkeit und lauteren Moral, die Sprüche Salomos (Mischle), die alle wahre Weisheit fest im sittlichen Grunde verankert sehen, das Buch Jesaja, Jona, Rut und man­ches andere, was auf dem Boden der so genannten Gesetzesreligion erwachsen ist, sie alle legen Zeugnis davon ab, dass die Ausprägung der jüdischen Religion in Gesetzen und Einzelvorschriften die Entfaltung einer tiefen und reinen Religiosität und einer in lauterster Gesinnung und wahrer Menschenliebe wurzelnden Moral in keiner Weise gehindert hat. Dies gilt auch von der Zeit der Entstehung des Christentums. Hillel, eine Generation vor Jesus lebend, bezeichnet in praktischer Hinsicht das Gebot der Nächstenliebe als Inbegriff der Tora. Ähnlich will ein Schriftgelehrter nach einem evangelischen Bericht, in Übereinstimmung mit Jesus, Gottes­ und Menschenliebe als die höchsten Forderungen des Judentums ansehen (Mark. 12, 28‑34). Darüber hinaus erklärten später die Schriftgelehrten, dass auch die Beobachtung der vielen Gesetze nur einen sittlichen Zweck verfolge. "Die Gebote sind nur gegeben, um Israel durch sie zu läutern" (Midrasch. Sam. 4). Selbstverständlich war eine missbräuchliche Auffassung durch Naturen niederer Art damit nicht ausgeschlossen, aber gegen eine solche haben die Religionsphilosophen und Ethiker des Mittelalters sich stets entschieden gewendet. Auch das Christentum, wie es in den verschiede­nen mittelalterlichen Kirchen seinen historischen Ausdruck gefunden hat, ist nicht dem Schicksal entgangen, gesetzliche Vorschriften aufzustellen und bestimmte, auch äußere Werke in großer Zahl zu fordern. In der neueren Zeit, in der das Wesen der Religion klarer als früher erkannt worden ist, wird im Judentum wie im Christentum das Entscheidende der inneren, heiligen Gesinnung noch nachdrücklicher als früher herausgestellt.