Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
Schriftgröße verkleinern Trennstrichnormale Schriftgröße wiederherstellen Trennstrich Schriftgröße vergrößern

Suchen in dieser Webseite

Rechtswörterbuch - SIEBTE ABTEILUNG - Ergänzungsartikel - GESETZESLEHRER

Jüdisches Lexikon





GESETZESLEHRER

Bezeichnung für jene Persönlichkeiten im nachexilischen Judentum, die

   1. die in der Tora enthaltenen Gesetze auf Grund vorhandener mündlicher Überlieferung oder auch auf Grund eigener Erwägung auslegten, um die Art ihrer Anwendung darzutun oder sie den Zeitverhältnissen anzupassen, die ferner zur Sicherung ihrer treuen Befolgung Erweiterungen dieser Gesetze ("Zaun um das Gesetz") schufen, die endlich, um den Bedürf­nissen des wandelbaren und sich entfaltenden Lebens gerecht zu werden, in mehr oder weniger freier Anlehnung an den Buchstaben und den Geist der biblischen Gesetzgebung neue Ge­setze hinzufügten;

   2. unter den Gesetzesvorschlägen und Gesetzesmeinungen früherer Generationen durch Überprüfung oder durch Aufstellung bestimmter Grundsätze das festsetzten, wonach sich die Praxis richten sollte;

   3. die Gesetze sammelten, nach gewissen Gesichtspunkten ordneten und zu Gesetzesbüchern (Kodices) vereinigten.

    Die Reihe dieser Persönlichkeiten beginnt mit Esra (Esra 7, 10) und den der "Großen Synagoge" angehörenden Schriftgelehrten, die gleich Esra "Soferim" genannt wurden. Auch ab­gesehen von den erhaltenen Resten ihrer dass und das Gesetz auslegenden Tätigkeit (siehe Gesetze, soferische) ist ihr Charakter als Gesetzeslehrer schon durch ihre offizielle Stellung gegeben. Die ältesten bekannten Trä­ger der Gesetzestradition sind die im 1. Kap. der "Sprüche der Väter" (Awot) genannten: Simon der Gerechte, der noch der "Großen Synagoge" angehört hat, und Antigonos ans Socho. Auf diese folgen fünf Paare (Sugot)von Gesetzeslehrern, von denen je zwei gleichzeitig gedacht werden: Jose ben Joeser und Jose ben Jochanan, Josua ben Perachja und Nittai aus Arbel, Juda ben Tabbaj und Simon ben Schetach, Schemaja und Awtaljon und

schließlich Hillel und Schammaj. Nach der Tradition (Chag. 2, 2) soll der je erste Präsident (Nassi), der je zweite Vizepräsident (Aw bet din) des großen Synhedriums gewesen sein.Welchen offiziellen Titel die Schriftgelehrten in der Zeit der "Paare" ge­führt haben, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Die Bezeichnung Sekenim harischonim" (Frankel, Ho­degetica 10, 40f.) bezieht sich wohl auf die Zu­gehörigkeit zum Synhedrium; das ist überdies eine spätere Benennung. Die beiden zuletzt Genannten waren die Begründer von Gelehrten­schulen, der Schule Hillels und der Schule Schammajs (siehe Bet Hillel), zwischen denen häufig Meinungsverschiedenheit herrschte. Die Schammaiten entschieden meist erschwerend; maßgebend wurde jedoch mit der Zeit die er­leichternde Schule Hillels (vgl. Chumra). Mit dem Sohne Hillels, Rabbi Ganialiel I., beginnen die fünf (nach anderer Zählung 6) Generationen der Tannaiten. Diese unterschieden sich von den früheren Gesetzeslehrern hauptsäch­lich durch freiere Handhabung der Anlehnung an die Schrift und durch eine Schriftdeutung, die nach bestimmten Regeln, "Middot" (siehe Hermeneutik), erfolgte. Die Zeit der Tannaiten schließt genau genommen mit Rabbi Juda ha­nassi (ca. 200 n.). Doch gehören noch hierher als Halbtannaiten mehrere Zeitgenossen und Schüler Rabbi Judas, die zwar nicht mehr in der Mischna, wohl aber in der Tossefta und der Barajta erwähnt werden. Die Epoche der Tannaiten ist dadurch ausgezeichnet, daß in ihr mit der Formulierung von Halachasätzen und der Kodifizierung des mündlichen Gesetzes begonnen wurde. Die Mischnatrak­tate Tamid und Joma (d. h. deren älteste Bestandteile) werden Joma 14b dem Simon aus Mizpa, einem Zeitgenossen Gamaliels I., zuge­sprochen, Middot ebd. 16a dem noch zur Zeit des Tempels lebenden Elieser ben Jakob, Kinnim dem Rabbi Josua ben Chananja (b. Sew. 67b, 68a), Kelim Jose ben Chalafta (siehe Kel. 30, 4). Auch der Traktat Ukzin existierte bereits zur Zeit Rabbi Meirs (b. Hor. 13b). Von Rabbi Akiba wird (Sanh. 3, 4; Toss. M. Sch. 2; j. Schek. V, 48c) berichtet, daß er Halachasammlungen in Mischnaform und solche in Midraschform ver­anstaltet hat. Halachasammlungen letzterer Art wurden auch von der Schule Rabbi Ismaels, des Zeitgenossen Akibas, angelegt. Sanh. 3,4 wird auch von einer ersten Mischna gesprochen, die der Mischna Akibas vorangegangen ist. Die Mischna Akibas wurde von seinen Schülern, ins­besondere von Rabbi Meir, ergänzt und fortgesetzt. Eine Zusammenfassung und Verarbeitung aller dieser Sammlungen ist die Mischna Rabbi Juda hanassis, die infolge ihres inneren Wertes und der hohen Verehrung, die ihr Verfasser genoß, bald alle anderen Sammlungen an Autorität überragte und aus den Lehrhäusern verdrängte. Nur eine einzige, ähnlich wie die Mischna Rabbis angelegte Sammlung hat sich erhalten, und zwar die Tossefta.

Zum Unterschiede von den Tannaiten haben die ihnen im Lehramte folgenden Amoräer

(200‑500), deren man für Palästina 5, für Ba­bylonien 7 Generationen zählt, keine Kodi­fizierungen vorgenommen. Ihre Tätigkeit bestand hauptsächlich in der Erörterung des Inhalts und des Textes der Mischna, Diese amoräischen Erörterungen zur Mischna bilden den Inhalt der Gemara in den beiden Talmu­den. Trotzdem sind die Amoräer als Gesetzes­lehrer anzusehen. Denn sie haben nicht nur den Gesetzesbestand erheblich vermehrt, sondern auch die Seele und den Geist der tannaitischen Gesetzgebung klargelegt und diese dadurch von einer Sammlung einzelner Gesetzesfälle zu einem auf den Pfeilern fester Prinzipien ruhenden Gesetzessystem erhoben. Die praktische An­wendbarkeit der amoräischen Erörterungen wurde allerdings erst durch die Tätigkeit der auf sie folgenden Saboräer (500 bis ca.580) be­wirkt. Die Diskussion in der Gemara ließ bei Meinungsverschiedenheiten sehr oft die Ent­scheidung offen. Erst die Saboräer fügten in Einzelfällen die Entscheidung hinzu und stellten gelegentlich auch allgemeine Grundsätze dar­über auf. Erst durch dieses Wirken der Saboräer wurde die, Neukodifizierung der Gesetze ermög­licht. Diese Neukodifizierung wurde von den Gaonen (609‑1034 in Sura; 589‑1038 in Pumbedita) und anderen Gelehrten ihrer Zeit zwar nicht durchgeführt, aber durch Vorarbei­ten vorbereitet. Solche Vorarbeiten sind die Halachot pessukot" des Jehudaj Gaon und besonders die "Halachot gedolot" des Simon Ka­jara, Auch Werke von Haj Gaon (Mischpete schewuot und Sefer mikkach umimkar) gehören hierher. Die Haupttätigkeit als Gesetzeslehrer entfalteten die Gaonen in den Antwortschreiben (Responsen, Sche'elot uteschuwot) auf Fragen, die von irgendeiner Persönlichkeit oder Ge­meinde an sie ergingen. Wo die Zeit es forderte, erließen sie auch Gesetzesentscheidungen, die von den im Talmud enthaltenen abwichen (JE V, 569).

Als die babylonischen Akademien ihre Pforten schlossen, hatte sich jüdische Gelehrsamkeit bereits überall in der Diaspora verbreitet, in Nordafrika, Spanien, Frankreich, Deutschland, Italien. In allen diesen Ländern haben Gelehrte auf Grund gründlicher Quellenkenntnis das Gesetz selbständig bearbeitet und mehr oder weniger umfassende Gesetzbücher (Kodices) von hohem Werte geschaffen. Diese Männer wurden "Possekim", (Dezisoren) genannt. Die bedeutendsten Kodices, die noch gegenwärtig in der Judenheit höchstes Ansehen genießen und für die Praxis entscheidend sind, sind Mischne tora von Maimonides (gestorben 1235) und der Schulchan aruch des Josef Karo (1488‑1575) mit den namentlich für die aschke­nasischen Juden autoritativen Zusätzen von Moses Isserles (1520‑72). Die beiden letzt­genannten und Mordechaj Jaffe (gestorben 1612), Verfasser des vielbändigen "Lewusch", gelten als die "letzten Possekim". Die späteren Autori­täten beschränkten sich darauf, den Schulchan aruch zu kommentieren oder mit Anmerkungen zu versehen. Diese Kommentare und Anmerkun­gen stammen allerdings von Männern von höch­ster talmudischer Gelehrsamkeit und Selbstän­digkeit des Urteils und sind für die Praxis ent­scheidend. Die Meinungen aller Autoritäten bis 1800 hat dann Abraham Danzig (gestorben 1820) in seinen handlichen Gesetzessammlungen "Chaje adam" und "Chochmat adam" berück­sichtigt.