Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - SIEBTE ABTEILUNG - Ergänzungsartikel - GESETZ

Jüdisches Lexikon





Gesetz

deutsche Übersetzung des griechischen Wortes nomos, mit dem die griechische Bibelübersetzung der Septuaginta das hebräische Tora, wörtlich "Lehre", wiedergibt.

Das in den letzten vier Büchern des Pentateuchs enthaltene Gesetz genießt als Offenbarung Gottes höchste Autorität; das Buch, in dem es niedergelegt ist, gilt seit Esra als von Moses verfasst, eine Auffassung, die bis zum Aufkommen der modernen Bibelwissenschaft niemals ernstlich bezweifelt wurde. Das Gesetz umfasst als schriftliche Lehre den Grundbestand jener das jüdische Leben regelnden Satzungen, die in immer steigenden Maße ausgesponnen und mündlich überliefert wurden (s. mündliche Lehre), bis sie schließlich im talmudischen Schrifttum ihre Fixierung gefunden haben. Insofern bilden für die praktische Geltung schriftliche und mündliche Lehre eine Einheit, und der Begriff des Gottes haftet an beiden. Seit der Neuordnung der jüdischen Gemeinde durch Esra nimmt es die zentrale Stellung im jüdischen Bewusstsein ein und drückt so den Kerngehalt der Religion, der Tatforderung und sittliche Bewährung ist, am kräftigsten und genauesten aus. Dies wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, dass das Gesetz der Inbegriff aller Gebote ist, die von Gott an den Menschen ergehen, nicht nur der zeremoniellen, sondern auch der sittlichen, rituellen, Opfer‑ und Reinheitsvorschriften wie der sozialen und ethischen Bestimmungen. Die jüdische Auffassung verlangt die Beobachtung jedes Gesetzes, des größten wie des kleinsten, bleibt sich aber des Rangunterschiedes zwischen den moralischen und den zeremoniellen Vorschriften wohl bewusst. Das tritt in den Aussprüchen zahlreicher Talmudlehrer zutage, am deutlichsten in der Deutung, die Rabbi Simlaj mit den 613 Geboten und Verboten vornimmt. Wenn er darauf hinweist, dass David (Ps. 11) sie auf 11., Jesaja (33,15) auf 6, Micha (6,8) auf 3, Jesaja 11 (Jes. 56., 1) auf 2, Habakuk (2, 4) auf 1 Gebot zurückgeführt habe, und wir in den angezogenen Stellen allein sittliche oder innerlich religiöse Bestimmungen finden, so ist deren Höhergeltung klar zum Ausdruck gebracht. An dieser Betrachtung darf die Ausführlichkeit, die auch anscheinend unerheblichen rituellen und kultischen Vorschriften, levitischen, Reinheits‑, Speise‑, feiertagszeremoniellen usw. Bestimmungen in der talmudischen Erörterung wie bei den späteren Lehrern gewidmet ist, nicht irre machen. Diese Behandlungsweise und juristisch kasuistische Ableitung und Ausspinnung aus der zu Grunde gelegten Tora, die auf diese Weise ihre allein zulässige Auslegung empfängt, ist zum guten Teil durch die Verknüpfung bewirkt, in der Rechts‑, Moral‑ und Religionsgesetz von der Bibel als ein einheitliches Ganze dargeboten wird, das als göttliche Offenbarung grundsätzlich im Ganzen Annahme verlangt. Die Herkunft aus dieser Quelle verbürgt dem Gesetz auch die Fortdauer seiner Geltung. Wie es von Menschen nicht gegeben ist, so kann es auch von Menschen nicht aufgehoben werden, es sei denn, dass einzelne Bestimmungen durch den Wegfall ihrer ursprünglichen Voraussetzungen und Bedingungen außer Kraft gesetzt sind, wie Opfer‑ und Reinheitssatzungen. Die grundsätzliche Aufhebung kann nur Gott selber bewirken, und so wird ‑ wie im Talmud erklärt wird ‑ "in den Tagen des Messias" das weit verästelte Zeremoniell, das allein der Erhaltung und Festigung der jüdischen Gemeinde dient, seine verpflichtende Kraft verlieren. Damit kommt die grundsätzliche Trennung zwischen den beiden Gruppen von Geboten zum entscheidenden Ausdruck. ‑ Zum Teil deckt sich dieser Unterschied mit demjenigen von mischpatim und chukkim, wobei jene die der Menschenvernunft kraft ihres natürlichen Lichtes klaren, rechtlichen und sittlichen Forderungen, diese die durch Gott gesetzten, ihrem Sinne nach dem Menschen verborgen bleibenden Vorschriften bedeuten ‑ eine Teilung, die von den Religionsphilosophen aufgenommen worden ist und in ihrer Unterscheidung von Vernunft‑ und Offenbarungsgesetzen wiederkehrt.

S. auch Gesetzesreligion.