Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - SIEBTE ABTEILUNG - Ergänzungsartikel - GERECHTIGKEIT

Jüdisches Lexikon





GERECHTIGKEIT

A. in Palästina.

Aus der Heiligkeit Gottes, "dessen Wege alle Recht sind" (Deut. 32, 4), ergibt sich für den Menschen die Pflicht zur Gerechtigkeit "Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit jage nach" (Deut. 16, 20). Diese Worte haben im Judentum dieselbe grundsätzliche Bedeutung, wie das Gebot der Nächstenliebe. "Gerechtigkeit und Recht sind die Grundfesten deines Thrones" (Ps. 89,15). Wie im Wesen Gottes Gerechtigkeit und Liebe verbunden sind, sollen sie es auch im Leben des Menschen sein. Recht tun und Recht fordern ist ein Grundsatz jüdischer Lebensanschauung. Wohl wird in der Religion der Tora die moralische Forderung von der kultischen noch nicht unterschieden, aber im prophetischen Judentum ist die Erkenntnis von der höheren, grundlegenden Bedeutung des Sittlichen mit völliger Klarheit vorhanden. "Schaffe weg von mir den Lärm deiner Lieder, und das Spiel deiner Harfen mag ich nicht hören. Aber das Recht flute wie ein Wasser dahin und die Gerechtigkeit wie ein nimmer versiegender Bach" (Am. 5, 23). "Ich verlobe mich Dir auf ewig, ich verlobe mich Dir durch Recht und Gerechtigkeit" (Hos. 2, 23). "Übet Recht und Gerechtigkeit und rettet den Beraubten aus der Hand des Unterdrückers" (Jer. 22, 3). "Gerechtigkeit und Recht üben ist dem Ewigen wohlgefälliger als Opfer" (Spr. 21,3).

Mit besonderer Leidenschaft rühmt Jesaja Recht und Gerechtigkeit als Grundlagen eines gottgefälligen Lebens. "Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, weiset zurecht den Bedrücker" (1, 17). Kap. 28: Das Volk ist verderbt, fühlt sich geborgen in Lüge und Trug, aber Gott gründet ein neues Zion, schwemmt Lug und Trug wie im Hagel fort und (17) "das Recht setze ich zur Richtschnur und die Gerechtigkeit zur Wage". In Kap. 59 schildert er die Missetaten, "niemand ruft mit Gerechtigkeit und niemand rechnet mit Treue," "kein Recht ist auf ihren Pfaden", "zurückgedrängt wird das Recht und Gerechtigkeit steht von ferne". Es missfiel Gott, "dass kein Recht ist", und er legt Gerechtigkeit an wie einen Panzer" und straft das Volk durch seine Feinde. Kap. 1, 21: Einst war "Zion die bewährte Stadt, voll von Recht, Gerechtigkeit wohnte darin", dann aber ging es sittlich zugrunde; aber einst heißt Zion wieder "Stadt der Gerechtigkeit" ‑"Zion wird durch Recht erlöst und seine Bekehrten durch Gerechtigkeit" Wenn der "Geist aus der Höhe" kommt (Kap. 32) und die Wüste zum Fruchtgefild wandelt, dann "wohnt in der Wüste das Recht und die Gerechtigkeit im Fruchtgefild, und es wird das Werk der Gerechtigkeit Frieden sein und der Dienst der Gerechtigkeit Ruhe und Sicherheit auf ewig." Dann hat Gott "Zion erfüllt mit Recht und Gerechtigkeit" (33, 5). Wenn der Messias aus dem Stamme Davids erscheint, so wird "das Recht seiner Lenden Gurt sein" (11, 5), "strebend nach Recht und kundig der Gerechtigkeit" (16, 5).

Das Gebot der Gerechtigkeit gilt für die ganze Menschheit. Die Zehn Gebote machen zwischen Juden und Nichtjuden keinen Unterschied. "Einen Fremdling sollst du nicht kränken und ihn nicht bedrücken, denn Fremdlinge wart ihr im Lande Ägypten" (Ex. 22, 20; 23, 9). "Bedrücke nicht einen armen und bedürftigen Tagelöhner von deinen Brüdern oder deinen Fremdlingen" (Deut. 24,14). "Und ich werde euch nahen zum Gericht und ein schneller Zeuge sein gegen die Zauberer, Ehe­brecher und Meineidigen und die, die den Lohn des Tagelöhners und der Witwe und Waise drücken und die Unrecht tun dem Fremdling" (Mal. 3, 5). "Wer das Recht eines Fremdlings beugt, hat gleichsam das Recht Gottes gebeugt (b. Chag. 5a)." "Die Fremden werden von Gott ge­liebt, und überall hat sie die Tora Israel gleich­gestellt" (Mechilta zu Ex. 21,8). Die Versuchung, Unrecht zu tun, ist besonders groß, wenn ein Mensch in die Gewalt eines anderen gegeben ist. Daher ermahnt die Tora einen Vater, den Sohn der geliebten Frau dem der gehassten nicht vorzuziehen (Deut. 21, 16). Sie warnt den Richter vor parteiischem Urteil (Deut. 1, 17; 16,19) und verlangt vom Herrn, dass er den Lohn des Arbei­ters nicht über Nacht behalte (Lev. 19, 13). Mit besonderem Nachdruck sucht die Bibel die Schwachen und Schutzlosen vor Unrecht zu schützen. "Verflucht sei, wer das Recht des Fremdlings, der Waise und der Witwe beugt" (Ex. 23, 6; Lev. 19, 15; Deut. 16, 20; 27, 19; vgl. Fremder).

Welche Bedeutung der Gerechtigkeit im rabbinischen Judentum zuerkannt wird, zeigen aus der Fülle ähn­licher Aussprüche folgende: "Auf drei Dingen ruht die Welt: auf Wahrheit, Recht und Frieden" (P.A. 1, 18). "Etwas Großes ist das Recht, denn um des Rechtes willen ist die Welt in das Nichts zurückgekehrt. Wann? Im Zeitalter der Sintflut" (Midrasch gadol ugedola XIII). Fürsorge für Recht und Gerechtigkeit gehört zu den sieben elementaren Vor­schriften (s. Gesetze, noachidische), die jedem Menschen, auch dem Nichtjuden, obliegen.

Gerechtigkeit bedeutet aber nicht nur das Unterlassen eines Eingriffs in das Recht eines anderen. Der Arme und Hilflose, der allein der Not des Lebens nicht gewachsen ist, hat einen Anspruch auf Hilfe; daher wird auch Wohltun als "Gerechtigkeit" (Zedaka) bezeichnet. Das Judentum hat so den Begriff der sozialen Gerechtigkeit geschaffen.