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Rechtswörterbuch - SIEBTE ABTEILUNG - Ergänzungsartikel - GELEHRTENSCHULEN

Jüdisches Lexikon





GELEHRTENSCHULEN

A. in Palästina.

Wann die erste Gelehrtenschule in Palästina entstanden ist, ist nicht sicher festzustellen. Jedenfalls war schon zur Zeit der Schemaja und Awtaljon, eines der Paare (Sugot), eine Gelehrtenschule vorhanden, die Bet Hamidrasch genannt wurde und Hillel zum Schüler hatte (b. Joma 35b). Eine solche Gelehrtenschule war Lehrhaus und oberster Gerichtshof zugleich, und das Wort "Jeschiwa" (= Sitzen), mit dem diese Gelehrtenschule gleichfalls benannt wurde, bezeichnet sowohl das Sitzen beim Lernen als auch beim Gericht, d. h. bei der Entwicklung, Aneignung und praktischen Ausübung der Halacha (vgl. P.A. II,7; b. Sanh. 32b; b. Joma 28b). Die geistigen Autoritäten des Judentums, die Gelehrtenschulen leiteten, übten so zugleich zwei Funktionen aus: eine richterliche und eine akademische. Daneben leiteten in der Zeit der Mischna die bedeutenden Gelehrten in verschiedenen Städten einzelne Lehrhäuser; so Rabbi Elieser ben Hyrkan in Lydda, Rabbi Jochanan ben Sakkaj in Beror‑Chajil, Rabbi Josua in Pekiin, Rabbi Akiba in Bene Berak (b. Sanh. 32b), wo nach der Legende viele Tausende von Schülern gelernt haben (b. Ned. 50a). Die berühmteste und bedeutendste Gelehrtenschule in Palästina jedoch wurde die in Jawne, die kurz vor der Zerstörung Jerusalems (70 n.) von Rabbi  Jochanan b. Sakkaj errichtet wurde, um für die geistige Kultur des Judentums ein Zentrum zu schaffen, nachdem zunächst jede Hoffnung auf die fernere politische Selbständigkeit des jüdischen Staates aufgegeben werden musste (b.Gitt.56b). Diese mit Genehmigung der römischen Behörden geschaffene Akademie war nun berufen, den Mittelpunkt des geistigen Lebens und der richterlichen Verwaltung der Juden zu bilden. Ihr fiel die Aufgabe zu, den aufgehäuften Stoff der ,,mündlichen Lehre" zu sichten und zu durchforschen. Sie zählte 71 Mitglieder, "Sekenim" (Älteste; Jad. III, 6; IV, 2), ihr Vorsitzender führte den Titel Rosch‑bet‑din oder Nassi. Ihre Blüte und ihren Glanz hatte sie neben Rabbi Jochanan ben Sakkaj seinem Nachfolger Rabbi Gamaliel II zu verdanken, dessen starke Energie freilich so verstimmte, dass er vorübergehend gezwungen war, die Leitung der Schule Rabbi Eleasar ben Asarja zu übergeben. Bald darauf wurde allerdings eine Vereinbarung dahin getroffen, dass beide abwechselnd den Vorsitz führen sollten: Rabbi Gamaliel zwei oder drei Wochen (je nach der Lesart b. Ber. 27b) und Rabbi Eleasar eine Woche.

In der Gelehrtenschule zu Jawne wurden wichtige Einrichtungen bezüglich der Gestaltung des religiösen Lebens geschaffen: neun Takkanot werden auf Jochanan ben Sakkaj zurückgeführt, während unter Rabbi Gamaliel II. u. a. die tägliche Tefilla festgelegt und die Frage der Kanonisierung einzelner Bücher der Bibel behandelt sowie die Sammlung der Edujot vorgenommen wurde. Infolge der Entwicklung der politischen Verhältnisse hatte die Gelehrtenschule in Jawne jedoch nur verhältnismäßig kurzen Bestand. Nach dem Bar Kochba‑Aufstand wurde sie nach Galiläa verlegt. Hier versuchten die Gesetzeslehrer, Mittel und Wege zur Wiederherstellung des durch die Kriegsjahre zerrütteten religiösen und nationalen Lebens zu finden. Etwa um 140 n. wurde in Uscha ein neues "Synhedrion" gebildet und Simon ben Gamaliel II. zu dessen Patriarchen oder "Nassi" eingesetzt. Von dieser Zeit an stand die Gelehrtenschule fortlaufend unter der Leitung der Patriarchen aus der Dynastie Hillels. In der Zeit, als Rabbi Juda Hanassi ("Rabbi") Patriarch war, wechselte der Sitz der Gelehrtenschule von Bet schearim nach Sepphoris, wo unter seiner Leitung das große Werk der Fixierung der Mischna geschaffen wurde. Und das Ansehen der Gelehrtenschule zu Sepphoris und die Autorität Judas waren so groß, dass dieses Werk von allen Gelehrten Palästinas und Babyloniens als der Kodex der traditionellen Gesetzgebung schlechthin anerkannt und der Unterricht in den palästinensischen wie babylonischen Gelehrtenschulen fortan nach ihm erteilt wurde. Mit der Vollendung dieses Werkes, die kurz nach dem Tode Rabbis (ca. 210 n.) erfolgte, endet die Zeit der Tannaiten und beginnt die Periode der Amoräer. Zur Zeit Juda hanassis wurde das Recht zur Ordination zum Rabbititel dem Patriarchen übertragen. Später wurde diese Prärogative dem Patriarchen entzogen, und die Ordination konnte nur mit Zustimmung des Bet din geschehen (j. Sanh. 1, 19a). Graetz (IV, S. 452) vermutet, dass dies zurzeit von Juda hanassis Enkel, Juda II Nessia. geschehen ist. Dieser verlegte die Gelehrtenschule nach Tiberias, das nun für die folgenden Jahrhunderte der geistige Mittelpunkt des palästinensischen Judentums wurde. Daneben gründeten Schüler Juda hanassis auch selb­ständige Akademien.

In der Amoräerzeit gelangte zunächst durch die Tätigkeit Rabbi Jochanaus ben Nappacha, dessen Gelehrsamkeit viele Schüler anzog, die Gelehrtenschule in Tiberias zu großer Bedeutung. In derselben Zeit aber bestanden bereits im Norden Palä­stinas mehrere Gelehrtenschulen, so in Cäsarea am Meere, wo bedeutende Amoräer, die "Lehrer von Cäsarea", lehrten, und in Sepphoris. Im Süden Palä­stinas bestand eine bedeutende Gelehrtenschule in Lydda. Das eigentliche geistige Zentrum blieb aber doch Tiberias, und hier entstand auch aus den Diskussionen über die Mischna in ihren Haupt­teilen der palästinensische oder jerusalemische Talmud, der im 4. Jahrhundert abgeschlossen wurde. In Tiberias versuchte man auch nach dem Er­löschen des Patriarchats das Synhedrion wie­der aufzurichten. Im Anfang des 6. Jahrhunderts kam aus Babylonien Mar‑Sutra dorthin, ein Sprössling des Hauses Davids. Er wirkte zuerst als "Resch‑pirka" (Oberhaupt des Unterrichts) und später als "Rosch‑Sanhedrin" (Oberhaupt des Synhedrions). Die Gelehrtenschule in Tiberias pflegte besonders die Massora und schuf ein System der Vokalisation, das den Namen "Das tiberianische System" führt und durch Aron ben Ascher Anfang des 10. Jahrhunderts seine vollendete Ausbildung erhielt. Im 9. Jahrhundert wurde in Jerusalem wieder eine Gelehrtenschule gegründet, die als "Sanhedrin" oder "Jeschiwa" bezeichnet wurde; ihre Führer nahmen den Titel "Rosch jeschiwat Geon Jakob" (vgl. Ps. 47,5) an. Die Gelehrtenschule blieb in Jerusalem wohl bis zur Besetzung der Stadt durch die Seldschuken (1071); dann wurde sie nach Tyrus verlegt. Als die Kreuzfahrer Anfang des 12. Jahrhunderts diese Stadt er­oberten, übersiedelte die Gelehrtenschule nach Tripolis (Sy­rien), und Palästina hörte für viele Jahrhun­derte auf, ein jüdisch-akademisches Zentrum zu sein.

B. in Babylonien.

Nach dem Bericht des Gaon Scherira bestand zwar in Babylonien bereits zur Zeit des zweiten Tempels und späterhin bis zum Tode des Rabbi Juda hanassi ein all­gemeiner Tora‑Unterricht, das akademische Zentrum war jedoch auch für Babylonien bis zur ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts Palästina. In der ältesten Zeit bildete  Nehardea das geistige Zentrum der babylonischen Juden. Hier wirkten Gelehrte wie Nechunja, ein Schüler Gamaliels I., von dem Rabbi Akiba, als er nach Nehardea kam, um ein Schaltjahr anzukünden, eine Halacha empfing (Jew. XVI, 7). In der Zeit der Tannaiten leitete ferner Juda ben Batyra ein Lehr­haus in Nisibis im Norden Mesopotamiens (b. Sanh. 32b). Auch bestand seit älterer Zeit ein Lehrhaus in Huzal in der Nähe Nehardeas. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels end­lich gründete ein Emigrant aus Palästina, Chananja, der Brudersohn Rabbi Josuas, eine Gelehrtenschule in Nehar‑Pekod (b. Ber. 63 a; j. Sanh. 1, 19a) und versuchte, als in Palästina nach dem Bar Kochba‑Aufstand die Lehre verboten war, sich von diesem unabhängig zu machen. Den großen Aufschwung des akademischen Lebens aber erlebte Babylonien erst zu Beginn des 3. Jahrhunderts durch die Tätigkeit des Abba­ Areka, kurz "Raw" genannt, und des Mar Samuel. Beide stammten aus Babylonien, hat­ten aber auch in Palästina an den Gelehrtenschule von Tibe­rias und Sepphoris studiert und waren Schüler Rabbi Juda Hanassis.  Als Raw nach Nehardea, dem damaligen Mittelpunkt des akademischen Lebens in Babylonien, kam, war Rabbi Schela Rek­tor ("Resch‑Sidra") der Gelehrtenschule, und Raw wurde zu­nächst sein "Meturgeman" (Interpret, Aus­leger; b. Joma 20b). Nach dem Tode Rabbi Schelas überließ Raw das ihm angebotene Rektorat in Nehardea Mar Samuel. Raw selbst begab sich nach kurzer Tätigkeit als Marktaufseher ("Agoranomos") nach Sura, um weiter im Süden, wo seine Landsleute unwissend waren, Gesetzeskunde zu verbreiten, und grün­dete dort im Jahre 219 nach dem Vorbilde der palästinensischen Akademien eine Gelehrtenschule, die "Me­tiwta" oder gleichfalls "Sidra" hieß. 8 Jahr­hunderte lang war nunmehr Sura, mit geringen Unterbrechungen, ein Sitz der talmudischen Gesetzeskunde in Babylonien. Der Zudrang zur Gelehrtenschule Raws war so groß, dass der Platz im Schul­gebäude nicht ausreichte und Raw für den Unterricht auch noch den Garten hinzunehmen musste. Als wohlhabender Mann konnte er viele mittellose Schüler unterstützen; doch sorgte er auch dafür, dass die meisten ihrem Beruf nachgehen konnten. Nur zwei Monate im Jahre (Elul und Adar) mußten alle, die sich zu diplo­mierten Gelehrten ausbildeten, in Sura erschei­nen. Diese Versammlungen hießen "Kalla". Außerdem hielt Raw am Schluss dieser zwei Monate eine Woche lang öffentliche Vorträge, an denen das ganze Volk teilnahm. Der Zudrang zu diesen öffentlichen Vorträgen war so groß, dass viele in Sura kein Unterkommen finden konnten und im Freien an den Ufern des Sura­kanals lagern mussten (b. Sukka 26a). Diese "Kalla"‑Institution, die allen Gelehrtenschulen in Babylonien eigen war und bis zum Untergang der Gelehrtenschule in Babylonien bestand, ist für das akademische Leben des babylonischen Judentums überaus fruchtbar geworden. Die Gelehrtenschule in Nehardea und Sura, die unabhängig voneinander existierten, entfalteten eine große wissenschaftliche Tätig­keit: hier wurde ein bedeutender Teil des baby­lonischen Talmuds geschaffen. Nach dem Tode Raws (247) wurde Mar Samuel als einziges geistiges Oberhaupt für ganz Babylonien an­erkannt, bald aber brachte Rabbi Huna die Gelehrtenschule von Sura zu solcher Blüte, dass man sich in den höchsten Übertreibungen erging, um die Zahl seiner Jünger zu schildern (b. Ket. 106a). Die Glanzzeit von Sura fällt unter Rabbi Aschi, der "Tora und weltliches Ansehen vereinte"; er ver­legte das Haus Raws in die Vorstadt Mata Mach­seja, wo es später blieb. Er begann auch mit der Redaktion des babylonischen Talmuds, und das erwies sich segensreich, weil der Fanatismus der persi­schen Priester im 5. Jahrhundert die Arbeit der Gelehrtenschule emp­findlich störte, so dass um 500 der Talmud endgül­tig abgeschlossen ward. Nach der Zerstörung Nehardeas (259) hatte Rabbi Juda ben Jecheskel, ein Schüler Raws und Samuels, eine Gelehrtenschule in Pum­bedita gegründet, die nun der akademische Mittelpunkt für Nordbabylonien wurde und sich mit Unterbrechungen ebenfalls fast 8 Jahrhunderte erhielt. In der Gelehrtenschule in Pumbedita wurde auf dem Gebiete der Gesetzeskunde jener Scharfsinn entwickelt, der sich eine eigene dialektische Methode schuf und dem babylonischen Talmud seinen besonderen Charakter verliehen hat. Unter Judas zweitem Nachfolger, Rabba bar Nachmani, erreichte die Gelehrtenschule von Pumbedita ihren höchsten Glanz; die Zahl der Hörer belief sich da­mals, wie berichtet wird, zuweilen auf 12 000. Die Regierung aber fürchtete Steuerrückgänge, wenn zu viele den Pflug mit dem Buche vertauschten, und störte die Tätigkeit der Gelehrtenschule. Sie konnte sich auch unter Abbaje und Rawa nicht wieder er­holen, obwohl beide die dialektische Methode mit feinsten Mitteln weiter ausbildeten. Auch wurde Pumbedita durch die Religionsverfolgungen des 5. Jahrhunderts schwer getroffen. Damit schloss die Zeit der Amoräer, die sich noch Gesetzesentschei­dungen zutraute, und es folgten die Gelehrtenschule der Saboräer, die sich nur noch für Ausleger der Überlieferungen hielten. Sie wirkten in einer politisch höchst unsicheren Zeit, ihre Schulen wurden bald gestattet, bald geschlossen; vorübergehend mussten sie nach Peroz Sapor flüchten. Erst nach dem Eindringen der Araber um 640 erlebten die Gelehrtenschulen in Sura und Pumbedita einen neuen Aufschwung, und von dieser Zeit an wurde zunächst der Leiter der Gelehrtenschule in Sura, später auch der von Pumbedita Gaon genannt. Der Titel war Ausdruck für die den Gelehrtenschulen verliehe­nen Hoheitsrechte, der Gerichtsbarkeit und der Steuererhebung, in den ihnen zugewiesenen Be­zirken sowie der Wahl des Exilarchen. Einen ganz besonderen Aufschwung erlebte im 10.Jhdt. die Gelehrtenschule von Sura, als an ihre Spitze Saadja ben Joseph trat, aber schon kurz nach seinem Tode (942) wurde sie ganz geschlossen (948). Dagegen behielt die Gelehrtenschule von Pumbedita noch ein ganzes Jahrhundert lang die Autorität des talmudischen Zentrums, insbesondere zur Zeit der Wirksamkeit der Geonim Scherira (968‑998) und Haj (998 ‑1038). Der Tod Gaon Hajs gilt dann als Ende der Gelehrtenschule in Babylonien, obwohl beide Gelehrtenschulen noch eine Zeitlang vegetierten.

Damit schließt endgültig die Periode der Gelehrtenschulen für Babylonien, wenn auch nicht die Geschichte der jüdischen Gelehrtenschulen überhaupt. Zwar gab es keine Akademien mehr, die bei der gesamten Judenheit Autorität besessen hätten, doch wurde in jedem Lande die jüdische Lehre weitergepflegt, sei es in Jeschiwot oder in neuerer Zeit in Akademien, jüdischen Hochschulen, Rabbinerseminaren und ju­daistischen Instituten. ‑Vgl. auch die Artikel Synhedrion, Bet‑hamidrasch, Gaon sowie die Artikel zu den Namen der einzelnen Talmud­lehrer.