Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - SIEBTE ABTEILUNG - Ergänzungsartikel - FREIHEIT

Jüdisches Lexikon





FREIHEIT

Mit dem Hinweis auf die Erlösung aus der Knechtschaft Ägyptens beginnt die Offen­barung am Sinai (Ex. 20, 2). Damit wird Freiheit als das unzerstörbare Recht und die natürliche Bestim­mung des Menschen hingestellt. Das erste Gebot spricht von der Befreiung Israels, aber die Bibel fordert nicht nur die Selbständigkeit des natio­nalen Lebens, sondern auch die Freiheit des Einzelnen in der Religion und seinem Verhalten. Sie schreibt ihm zwar ihre strengen Gesetze vor, die seiner Willkür Schranken ziehen, doch alle ihre Gebote setzen die freie Entscheidung des Menschen voraus. „Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch, du aber wähle das Leben” (Deut. 30, 18). Nicht blinden Glauben verlangt das Judentum, sondern auf Erkenntnis beruhende Überzeugung; nicht knechtischen Gehorsam aus Furcht vor Strafe, sondern freiwillige Unterordnung unter den göttlichen Willen aus Liebe und Vertrauen (Deut. 6, 5). Ebenso, wie der Mensch die Aufgabe hat, sich allen äußeren Mächten zu entziehen, die ihm die Selbständigkeit des Denkens und Handelns rauben wollen, soll er sich auch von den Begierden und Trieben in seinem Innern nicht unterdrücken lassen. „Siehe, die Sünde lagert vor der Tür, du aber sollst über sie herr­schen” (Gen. 4, 7). Diese Aufgabe ist lösbar, weil Gott dem Menschen, die Fähigkeit zum Guten verliehen hat. In seiner Seele trägt er die Kraft, ethisch zu handeln. Es bedarf darum nicht, wie das Christentum lehrt, einer be­sonderen Gnade, die seine Natur umbildet und ihn von den Fesseln der Sünde befreit. Die göttliche Liebe, die dem Menschen die Fähig­keit ethischen Handelns geschenkt hat, hat ihm mit ihr die Freiheit der Wahl gegeben. Die Bibel befiehlt dem Menschen, das Rechte zu tun, weil sie voraussetzt, dass er dazu imstande ist. Das ist der Sinn der jüdischen Freiheitslehre. Die Sünde ist demnach des Menschen eigenes Werk. Nichts zwingt ihn zum Bösen, er kann zwischen Recht und Un­recht die Wahl treffen. Nur an einer Stelle der Tora begegnet man einer anderen Anschauung: Gott „verhärtete das Herz Pharaos” (Ex. 10, 1). Damit aber wird die grundsätzliche Lehre der Bibel nicht aufgehoben, dass der Mensch selbst sein Handeln bestimmt. Die biblischen Worte in der Sintfluterzählung, „dass die Bos­heit der Menschen groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens allezeit böse”, bedeuten nicht, dass ein innerer Zwang zum Bösen vorhanden war, sonst hätte Noah nicht gerecht und vollkommen sein können. Die Frage der modernen Psychologie, ob es Gesetze des seelischen Lebens gibt, denen auch der menschliche Wille gehorcht, das Problem der Mechanik der Seele liegt außerhalb der religiösen Gedankenwelt.

Wird durch die von der Bibel gelehrte Selb­ständigkeit des menschlichen Handelns die Allmacht Gottes nicht eingeschränkt? Gott selbst hat, so muss man im Geiste der Bibel antworten, dem Menschen die Entscheidung über sein Handeln überlassen. Widerspricht nicht die Allwissen­heit Gottes der Selbständigkeit und Veränder­lichkeit des menschlichen Willens? Gottes Wissen bindet den Menschen nicht, er kennt nur seine letzte Entscheidung. Diese Probleme, für den heutigen Menschen vielfach die Quelle religiöser Zweifel, beunruhigen die biblischen Autoren noch nicht. Sie erblicken auch keine Schwierigkeit darin, dass Gott Unrecht geschehen lässt. Ihrem moralischen Empfinden genügt es, dass der Frevler seine gerechte Strafe erhält.

Seine sittlichen Entscheidungen trifft der Mensch frei, in seinem Erleben aber ist er von Gott ab­hängig. Der Allmächtige lenkt die Schritte des Menschen und bestimmt sein Schicksal, doch Gottes Walten ist gerecht und gnädig. Nicht willkürlich sendet er den Menschen Freude und Leid, sondern das Verhalten des Sterb­lichen gestaltet seine Zukunft (Jer. 18, 7-11). Dass aber nicht jedes Schicksal vom Handeln des Menschen abhängig ist, sondern auch unver­schuldetes Leid ihn treffen kann, wird an dem Beispiel Hiobs deutlich gemacht. Manchmal greift also der geheimnisvolle Wille Gottes in das Leben des Einzelnen ein.

Die biblische Anschauung von der Freiheit des Menschen wird vom Talmud wiederholt. Freiwilligen Gehorsam fordern die Worte: „Seid nicht wie Knechte, die dem Herrn dienen um des Lohnes willen” (Sprüche der Väter 1, 3). Die Selbständigkeit mensch­lichen Handelns behaupten die Sätze: „Alles ist von Gottes Hand mit Ausnahme der Gottesfurcht” (b. Ber. 33a). „Alles wird von Gott geschaut, aber dem Menschen ist die freie Wahl gelassen (Sprüche der Väter 3, 15). Die sittliche Aufgabe wird mit den Worten gestellt: „Wer ist ein Held? Wer seinen Trieb bezwingt (Sprüche der Väter 4, 1). Den Weg zu ihrer Lösung zeigt der Hinweis: „Wenn Israel sich mit der Tora und guten Werken befasst, wird es des bösen Triebes und nicht der böse Trieb seiner Herr werden.”

Die Lehre vom freien Handeln des Menschen bildet auch in der Gegenwart eine Grundanschauung des Judentums. Der jüdische Liberalismus, der die Grundsätze der Wissen­schaft auch der Religion gegenüber anerkennt, kann die von der Psychologie behauptete Geltung des Kausalgesetzes im Gebiet des Seeli­schen nicht bestreiten. Daher kann Freiheit für ihn nicht grundloses menschliches Handeln, sondern nur Fähigkeit zum ethischen Handeln bedeuten.