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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

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Rechtswörterbuch - SIEBTE ABTEILUNG - Ergänzungsartikel - Erbsünde

Jüdisches Lexikon





ERBSÜNDE

Nach der Lehre der christlichen Kirche wird der Mensch seit dem Sündenfall Adams in aller Generationenfolge mit einer auf der Seele ruhenden Schuld geboren, die ihn unfähig macht, aus sich selbst heraus, ohne übernatürliche Hilfe, das Gute zu tun und zu wollen.
Diese Lehre stützt sich, soweit sie zu ihrer Begründung auf die Bibel zurückgreift, im wesentlichen auf Gen. 8, 21: „Das Trachten des menschlichen Herzen ist böse von Jugend an" und auf Ps.51, 7: „Siehe, in der Sünde bin ich geboren worden, und in der Schuld empfing mich meine Mutter". Katholizismus und Protestantismus knüpfen beide in gleicher Weise an Adams Sünde an, schildern dann aber die Wirkungen dieser Sünde abweichend voneinander. Der Katholizismus lehrt, dass durch des ersten Menschen Sünde das Ebenbild Gottes im Menschen zwar nicht gänzlich zerstört, aber doch verunstaltet ward, nämlich sofern der Wille in seiner Kraft gebrochen und dauernd geschwächt sei, sodass er sich nunmehr zum Bösen neige. Was in ihm zurückblieb, sei eine gewisse Fähigkeit, einzelne Handlungen bürgerlichen Wertes zu verrichten; aber diesen guten Taten sei kein besonderer religiöser Wert zuzuschreiben, sie sind kein Mittel der Verbindung des Menschen mit Gott. Der Protestantismus zeichnet, bes. in seiner lutherischen Färbung, noch schärfer die Folgen des Sündenfalles; der Mensch sei seitdem nicht bloß in seiner sittlichen Fähigkeit gelähmt, sondern es herrsche in ihm jetzt eine völlige Verderbtheit, eine vollständige Unfähigkeit, aus eigener Kraft etwas Gutes zu tun, sodass im Grunde alle Werke des Menschen, auch seine sog. „guten", eitel Sünde seien. Die Sünde des Adam sei also nicht bloß des ersten Menschen Sünde geblieben, sondern sie sei von ihm auf die ganze Menschheit übergegangen, sodass fortan jeder Mensch in dem Zustande in die Welt eintritt, in dem Adam nach seiner Sünde war; sie erbe sich durch das ganze Menschengeschlecht hindurch fort, daher „Erbsünde". Und sie wird gedacht als eine innere, in der Seele haftende, allen Menschen eigene Ungerechtigkeit und Schuld, nicht eine einmalige Handlung, ein vereinzeltes, dem göttlichen Willen widerstrebendes Handeln, sondern ein dauernder Zustand der Abkehr von Gott, eine Gesamtrichtung und ein Gesamtzustand. Sie habe ohne die Gnadentat der Erlösung den Verlust der Gotteskindschaft, des Erbrechts an der ewigen Seligkeit unausbleiblich zur Folge. Schon allein die E. müsse dem Menschen ewige Verdammnis eintragen, der selbst die Kinder anheimfallen, die noch nicht mit Willen sündigen konnten.
Mit aller Schärfe ist diese Lehre vom Apostel Paulus ausgebildet; im Römerbrief 7, 18ff. heißt es: „Ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleische, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Vollbringen des Guten finde ich nicht. Denn das Gute, das ich will, tue ich nicht, aber das Böse, das ich nicht will, das tue ich. So ich aber tue, das ich nicht will, so tue nicht ich dasselbige, sondern die Sünde, die in mir wohnt", und 5,12ff.: „Wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, also ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, da sie alle gesündigt haben".
Aus dieser Lehre von der E. erwachsen die Dogmen der christlichen Lehre. Hat durch Adam die ganze Menschheit eine so schwere Schuld auf sich geladen, dann erfordert es die Gerechtigkeit, dass dafür volle Sühne gegeben wird. Das aber könne nur dadurch geschehen, dass jemand, der nicht wie die Menschen sündhaft, sondern rein und schuldlos ist, sich für die Menschen opfert und ihre Sünde auf sich nimmt. So keimte der Gedanke auf: Gott selbst tat dies und musste es tun. Er nahm in Jesus Menschengestalt an; so war auf Erden ein einziger und einzigbleibender Mensch, der fleckenlos ist. Er nimmt die Sünden der Menschheit auf sich und bringt sich zur Sühne für sie zum Opfer dar. Er wird dadurch der Erlöser der Menschheit. Wer an ihn und seinen Opfertod glaubt, ist dadurch von der Macht der Sünde befreit. So ergibt sich aus der Lehre von der E. die Notwendigkeit und Unentbehrlichkeit der Person Christi als des Erlösers, die Notwendigkeit einer übernatürlichen Hilfe und Erlösung, die Einzigartigkeit der Persönlichkeit Jesu.
Dieses Gefühl hat nun, auch nach der Aufklärungszeit, dazu geführt, dass man an der Lehre von der E. auch da ihrem Kern nach festhält, wo man sich von dem Dogma freigemacht hat und die bibl. Erzählung nicht mehr wörtlich nimmt. Man hat sich in den Kreisen des liberalen Protestantismus von der Lehre von der E. in dem wörtlichen Sinne; dass sie die Folge der einst von Adam auf sich geladenen Schuld sei, wohl freizumachen versucht, aber man hat dem Ganzen dann die Wendung gegeben, die bibl. Erzählung als die poetische Einkleidung der unumstößlichen Wahrheit zu erfassen, dass der menschlichen Seele von Natur eine Kraftlosigkeit innewohne, und dass in der Natur des Menschen ein grundsätzlicher Hang zum Bösen sei, der durch die eigene Kraft des Menschen nicht zu überwinden sei. E. heißt dann, dass der Mensch von Natur sündig sei und aus sich ohnmächtig, das Gute zu wollen. Daraus ergibt sich dann die Notwendigkeit, sich an Christus anzulehnen und ihn, selbst wenn man ihm die Gottessohnschaft im Sinne des Dogmas abspricht, als einzigartige Persönlichkeit anzusetzen, alles Heil in der Erlösung zu erblicken.
Es ist die notwendige Wirkung des E.-Glaubens, dass man als Zentrum des Religiösen das Gefühl des Sündigseins und die Sehnsucht nach der Erlösung von der Sünde erblickt. In der Tat geht jede Erneuerung und Vertiefung im Christentum auch in der Gegenwart von der Wiedererweckung dieses Gefühls aus;
jede rationalistische Epoche fand und findet ihre Überwindung in der Wiederentdeckung dieser seelischen Grundhaltung als Voraussetzung und Grundlage allen Christentums. Darin wird das eigentlich Christliche erblickt.
Das Judentum lehnt den Gedanken einer schicksalsmäßigen Vererbung der Sünde ab und pflanzt dafür den Glauben an die eingeborene Kraft des Menschen, das Gute zu tun, fest auf. Ohne den Ernst der Versuchung zur Sünde im mindesten zu bestreiten, glaubt es fest daran, dass dem Menschen die Möglichkeit, sich rein zu halten und der Sünde aus eigener Kraft und eigener Entscheidung auszuweichen, gegeben ist. Es bekennt sich zu dem Glauben an die unbefleckte Reinheit jeder neu ins Leben tretenden Seele. Es hat diesen Glauben so selbstsicher und souverän ausgebildet und durchdacht, dass es selbst über Bibelstellen wie die oben zitierte hinweggeht und ihnen teils eine nur einmalige, für den Sprecher geltende Bedeutung zumisst, teils sie bewusst umdeutet. Es widerstrebt mit Absicht und Willen jeglicher Lehre, die der Sünde eine schicksalhafte Selbständigkeit einräumt, und hält an dem Gedanken fest, dass der Mensch in der in ihn hineingelegten Kraft zum Guten Herr über den Trieb und die Neigung zum Bösen bleiben kann. Es hat zu diesem Zweck die Lehre von dem Jezer hara und Jezer hatow, dem bösen und dem guten Trieb, ausgebildet, die beide im Menschen wohnen. Aber es ist so weit entfernt, diesem bösen Trieb Selbständigkeit und Eigenmacht zuzuerkennen, dass im Midrasch in Anlehnung an das eingangs erwähnte Bibelwort, auf das die christliche Lehre von der Erbsünde sich gründet: „Das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an", auf die Frage: „Warum schuf Gott überhaupt den Jezer hara", „den bösen Trieb ?" Gott die Antwort in den Mund gelegt wurde: „Wer macht ihn denn zum bösen Trieb? — nur du selbst." So deutlich wird aller Kampf um das Gute und Böse in den Menschen verlegt und dem Menschen die Herrschaft über das Böse zuerkannt. So wenig denkt man daran, dem „bösen Trieb" Eigenmacht und Selbständigkeit zuzuerkennen, dass man ihn sogar als Element allen Vorwärtsstrebens und allen Kulturwillens begrüßt. Zu dem Wort der Schöpfungsgeschichte, dass „Gott sah, dass alles sehr gut sei", sagt der Midrasch: „gut — d. i. der gute Trieb; sehr gut — d. i. der böse Trieb" (Ber. R. 9,7).
Auch im Judentum mögen, bevor das Christentum seine auf die Erbsünde sich stützende Lehre ausbaute, Gedanken geäußert worden sein, die an einen solchen Glauben anklangen, insbes. in den Kreisen, die an der Grenze zwischen palästinensischem und hellenistischem Judentum standen. So ist z. B. in den Apokryphen, im IV. Esra 3, 21ff. folgende Äußerung zu verzeichnen: „Um seines bösen Herzens willen geriet der erste Adam in Sünde und Schuld und ebenso alle, die von ihm geboren sind. So ward die Krankheit dauernd: das Gesetz war zwar im Herzen des Volkes, aber zusammen mit dem schlimmen Keime. So schwand, was gut ist, aber das Böse blieb." Aber gerade weil man sah, wohin es führte und führen musste, wenn man dem Bösen eine fortwirkende Eigenmacht zuerkannte, schied man alle diese Vorstellungen und ihren Niederschlag aus und betonte mit Nachdruck die eigene sittliche Selbständigkeit des Menschen und die von seinen Vorfahren und ihrer Tat unberührte nur persönliche Verantwortung des Einzelnen. Eine gerade Linie führt von dem Worte der Bibel, „dass jeder nur um seiner Sünde willen sterbe" (Deut. 24, 16), über Ezechiels Wort „nur der, der sündigt, hat den Tod verdient" (Ez. 18, 20) bis zu jenen oben zitierten Äußerungen im Midrasch oder etwa dem Worte des R. Jude ben Pidaja, der die steigende Vervollkommnung in der Kraft zum Guten in den Worten ausmalte: „0 Adam, könntest Du doch aus Deinem Grabe aufstehen und Deine Kinder sehen! Du vermochtest das von Dir gegebene Gebot nicht zu halten, und welche Kraft des Gehorsams vermögen Deine Kinder zu bewähren!" (Ber. R. 21, 7). Das Judentum erblickt eben das Zentrum des Religiösen in dem Bewusstsein der dem Menschen von Gott verliehenen Kraft zur Entscheidung und zu selbständigem Suchen nach dem Weg zum Guten und lehnt den Mittlergedanken und die Erlösung, sofern sie als Erlösung von der Sünde und nicht als die von dem Elend politischer Vergewaltigung und unsozialer Menschheitsschichtung aufgefasst wird, ab.