Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
Schriftgröße verkleinern Trennstrichnormale Schriftgröße wiederherstellen Trennstrich Schriftgröße vergrößern

Suchen in dieser Webseite

Rechtswörterbuch - SIEBTE ABTEILUNG - Ergänzungsartikel - CHRISTENTUM

Jüdisches Lexikon





CHRISTENTUM

1. Name

Der Name Christ soll (nach Apostelg. 11, 26) in Antiochia in Syrien entstanden sein, wo Barnabas und Paulus um 44 n. die erste Christengemeinde begründet haben sollen. Der Name kann aber nur in einer griechisch sprechenden Bevölkerung ‑ und eine solche hat Antiochia nur in seiner Oberschicht besessen ‑ entstanden sein. Er weist auf eine Zeit hin, in der das Wort als Eigennamenbezeichnung (= Anhänger Christi, vgl. Pompejani, Caesariani) gebraucht wurde (I. Kor. 1, 12),  ist also erst im 2. Jhdt. entstanden (Tacitus, Hist. 15, 44; Plinius, Epist. 10, 96). Die Bekenner des neuen Glaubens nannten sich selbst "Gläubige" (an den Messias; Apostelg. 10, 45; I. Tim. 4, 3), oder "Heilige" (Apostelg. 9, 13, 32; 26, 10; Röm. 12, 13; 16, 15; Hebr. 6, 10) bzw. "Auserwählte" (Matth. 24, 22, 24; Mark. 13, 20‑22; 1. Petr. 1, 1),  hebr. nesirim ‑ eig. Geweihte, Nasiräer, (vgl. Eusebius, Hist. eccl. 11, 23, 4f.) ‑, woraus die Bez. Nazarener (Nozrim) entstanden sein mag (Apostelg. 24, 5; 28, 22; b. Ta’an. 17 b). Die ältesten Christen nannten sich Ebjonim =Arme (Origines, c. Cels. 11, 1; Epiph. Haeres. 30, 17), Anhänger des Melech Ebjon (König in Knechtsgestalt, Eusebius, Hist. eccl. 111, 27). Der Name wurde dann die spezielle Bezeichnung der Judenchristen, bis er, nach dem Aufhören der Trennung von Heiden‑ und Judenchristen, als Name der judenchristlichen Sekte blieb, die den Paulus verwarf und sich an das hebräische Matthäusevangelium hielt.

2. Religionsgeschichte

Religionsgeschichtlich will das Christentum die Erfüllung der Prophezeiungen sein, die im so genanten Alten Testament prophetisch verheißen sind. Das Judentum soll demnach lediglich seine Vorstufe und seit der Erscheinung des Christentums religiös nicht mehr daseinsberechtigt sein. Die Juden gelten daher nur noch als Zeugen für die Wahrheit des Christentums. Das Christentum bekennt in Jesus den von den Juden verworfenen Messias (griech. Christos = der Gesalbte) der als Sohn Gottes an dessen göttlicher Natur teil hat und durch seinen Sühnetod die Menschheit von der durch Adams Sündenfall entstandenen Erbsünde erlöst und das im Satan verkörperte böse Prinzip besiegt hat. Ohne den Glauben an den Opfertod Jesu gibt es keine Erlösung. Daher sind die Juden und Heiden verworfen.

Zugleich erhebt das Christentum den Anspruch, das Judentum auch sittlich‑religiös überwunden zu haben. Es will die höchste Religion, die Religion an sich sein und behauptet, dass das Judentum auch als sittlich‑religiöses System seine Berechtigung verloren hat.

Das Christentum ist von Anfang an keine einheitliche Erscheinung. Im Neuen Testament stehen das synoptieche, das paulinische und das jakobeische Christentum einander gegenüber. Diese Gegensätze erweitern sich in den gegensätzlichen Erscheinungen des gnostischen, montanistischen, byzantinischen, römischen, reformatorischen, täuferischen, pietistischen, rationalistischen und orthodoxen Christentum, die wieder in Hunderten von Spalterscheinungen auftreten. Je nach der Umwelt nimmt es eine national‑hellenistische, byzantinische, römische, französische, englische usw. Gestalt an. Dazu kommen zahllose Anpassungsprozesse infolge der Beeinflussungen durch Gedanken der Antike (Opfer, Priestertum, Weihen), durch Riten mystischer Gemeinschaften (Sakralriten, sacramentum, Taufe, Abendmahl), durch polytheistische Beziehungen (Heiligen‑ und Engelkult) und durch das Wunder‑ und Zauberwesen (Wunder der Heiligen, Reliquienkult). Diese unablässigen Beeinflussungen bekämpft ein andauerndes Reformationsbedürfnis. Sein stets wiederkehrendes Programm ist der Ruf nach Rückkehr zum Urchristentum (Urgemeinde, apostolisches Christentum). Da aber dessen Gestalt eine schwankende Größe ist, ist die Auswirkung dieser Reformationen in sich verschieden gewesen. Grundlegende christologische, soteriologische und eschatologische Gedanken des Urchristentums (wie Weltende und Wiederkehr Christi) wurden in ihnen ausgeschaltet. Im katholischen Christentum ist der Klerus (die Kirche) zum Verwalter und Spender der göttlichen Gnadenmittel (Sakramente) und damit zum Mittler zwischen Gott und Mensch geworden. Die Mittlerschaft Jesu ist also durch eine geistlichmenschliche Mittlerschaft erweitert worden. In den orientalischen Kirchen ist das Heil nach dem Vorbilde der vorchristlichen Mysterienreligionen eine naturhafte Zauberkraft, die mittels der kirchlichen Sakramente den Menschen von seiner vergänglichen Natur befreit. Die römische Kirche sucht die Welt durch ihr Recht, die Schule, die kirchliche Kunst und die Theologie zu christianisieren.

Der Protestantismus stellt die im persön­lichen Glauben erfasste Gewissheit der Gnade Gottes in Christo in seine Mitte. Er gibt das Ideal der Weltentsagung und der autoritativen Beherrschung des Staates, der Wissenschaft und der Wirtschaft auf. Im Humanismus und in der Renaissance tritt der bis dahin allbeherrschende Jenseitsgedanke in den Hintergrund, so dass sich ein weltfreudiges, religiös eingebettetes Lebensgefühl entwickelt, das nicht mehr Christentum im alten Sinne bleibt. Die protestantische Orthodoxie schafft als Gegenwirkung einen neuen Autoritätsglauben auf Grund der unwandelbaren Offenbarungswahrheit. Bestand und Zukunft des Protestantismus sind trotz der gegenteiligen Versicherungen Adolph v. Harnacks, Georg Wobbermins und ihres Kreises von der Widerstandskraft seiner Orthodoxie abhängig. Seinen zahlreichen Neubildungen und Ersatzreligionen kann keine überwindende Kraft zuerkannt werden.

Trotz des zahlenmäßigen Anwachsens des Christentums, das im 19. Jhdt. durch 15 Millionen Heidenchristen eine weitere Steigerung erfahren hat, ist überall ein Rückgang des Bekenntnischristentums festzustellen. Der Rückgang der Kirchlichkeit wird von allen christlichen Bekenntnissen zugegeben. Große Massen der statistisch als Christen gekennzeichneten Menschen lehnen das Christentum als historische Religion ab und setzen der Unterord­nung unter die religiöse Vergangenheit entschiedenen Widerstand entgegen, je mehr die Erkenntnis der zeitgeschichtlichen Bedingtheit der Anschauungen des historischen Christentums in Laienkreise eindringt. Der Agnostizismus (die Lehre von der Unerkennbarkeit aller Dinge und Vorgänge, die nicht im Bereich der Erfahrung liegen), der allen Fragen der Metaphysik seine Zweifel entgegenstellt, die Unvereinbarkeit der Dogmen mit den Ergebnissen der Naturwissenschaft, der Selbständigkeitsdrang des modernen Menschen empfinden die christliche Dogmatik als unerträglichen Gewissenszwang. Symptome einer sich wandelnden Haltung zum Bekenntnis­Christentum sind ferner auf katholischer Seite der Modernismus oder Reformkatholizismus und der Amerikanismus, auf protestantischer Seite der Unitarismus, Christian Science, Heilsarmee, Gemeinschaftschristentum usw. und die als Ersatzreligionen anzusprechenden weltanschaulichen Bewegungen wie Monismus, Theosophie, Spiritismus, Neubuddhismus, Ethische Kultur; vgl. Troeltsch, RGG V, 1885f. Doch darf nicht übersehen werden, dass in manchen der genannten Sekten bzw. Richtungen ein stark religiöses und christlich betontes, wenn auch nicht dogmatisch unterbautes Leben herrscht.

3. Dogmengeschichte

Das Christentum ist die historisch bedeutungsvollste der eschatologischen Gemeinschaften, die seit dem 1. Jhdt. v. mit der Behauptung aufgetreten sind, auf die "letzten Zeiten" vor dem "jüngsten Tage" (vgl. jüngstes apokalyp‑Gericht) vorzubereiten. Das NT ist eine Schriftensammlung, die in den vielen apokalyptischen Dichtungen von der Endzeit einzuordnen ist. Es will die Gläubigen zur Umkehr (Buße) vor der unmittelbar bevorstehenden Enderlösung mit ihren katastrophalen Erscheinungen mahnen. Seine Voraussetzung ist die im Orient weit verbreitete (auf den Naturmythus zurückgehende) Anschauung vom sterbenden und auferstehenden Gotte, die in zahlreichen Abwandlungen in den Mysterienreligionen erscheint (z. B. Adoniskult, s. auch Tammus). Es knüpft an eine Messiaspersönlichkeit (wie Theudas, Jos. Antiqu. 20, 5 § 1; Apostelg. 5,36; 21, 38), namens Jesus an, dessen Lebenszeit aus inneren und äußeren Gründen erheblich früher angesetzt werden muss als die neutestamentliche Lebensdichtung behauptet. Ebenso irrig ist seine Gleichsetzung mit dem im Talmud getadelten Ben Stada, in dem vielmehr der Gnostiker Dositheus wieder zu erkennen ist, oder mit Bileam dem hebräischen Namen für den Gnostiker Nikolaos. Dagegen darf die talmudische Mitteilung von einem Exorzisten Jesus, einem Schüler des R. Josua b. Perachja, und die Angabe des Seder olam (cd. Neubauer 170,191,194,196), dass er 36 v. ge­storben ist, einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit beanspruchen. Die angebliche Erwähnung Jesu bei Josephus (Ant. 18, 3, § 3) hat, trotz der Versuche Reinachs, Gutschmids und R. Eislers, nur den Wert einer Interpolation christlicher Kopisten. Das ist erneut durch den Hinweis auf die altslawische Übersetzung des Josephus bestätigt worden, in der sich alle Jesusstellen sogleich als spätere Einschiebsel christlicher Abschreiber kennzeichnen.

Die Evangelien des Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sind die vier, für den Vortrag beim Gottesdienst verfassten romantischen Lebensdichtungen über Jesus, dessen Leben und Leiden auf der Grundlage der prophetischen Wundererzählungen (des Elia und des Elisa) und der apokalyptischen Verheißungen in der Gestalt eines messianischen Midrasch gedichtet wurde, "damit erfüllt würde, was in der Bibel (vom Messias) geschrieben steht", vgl. Matth. 1, 22; 2, 5. 15. 17; 3, 3 usw. Sogar der Name Jesus (Josua, d. h. verkürzt "er wird sein Volk erlösen", nämlich von der Sünde, vgl. Matth. 1, 21; Luk. 24, 21) scheint in diese Dichtung zu gehören. Ein nicht unwesentlicher Teil der Leben‑Jesu‑Dichtung spiegelt den Judenhass des 3. und 4. Jhdts. wider, der natürlich dem ersten Christentum als einer jüdischen Messiasbewegung fern gelegen hat. Schließlich haben Teilzüge des Mithrasglaubens (Sonnenwiedergeburt am 25. Dezember, die Felsenhöhle als Geburtsort, Mithras als "Mittler" zwischen Gott und Mensch) die Christuslegende beeinflusst.

Der eig. Urheber der eschatologischen Jesus­bewegung ist Johannes der Täufer, vielleicht ein Essäer (Essener ‑ wahrscheinlich von "außen bleibend", weil sie den jerusalemischen Tempel nicht betraten) gewesen, der das Volk durch den prophetischen Zuruf, dass die Endzeit unmittelbar bevorstünde, zur Jordantaufe als einer symbolischen Reinigung von der Sünde aufgefordert hat. Seine Anhänger nannten sich "Johannesjünger" (Apostelg. 19,13. 4). Ihre Bewegung verlief eine Zeitlang mit der Jesusbewegung parallel, bis beide ineinander mündeten. Erst die spätere Überlieferung ging davon aus, dass sich Johannes angeblich als Vorläufer Jesu, gleichsam als den Elias des Messias, bezeichnet hat (Mark. 1, 2; 9, 13; 11, 2ff.; Luk. 1, 17).

Petrus bildete die erste Gemeinde des auferstandenen Jesus (Matth. 16,16; Apostelg. 1,15; I. Kor. 15,5). Aber erst Paulus erklärte Jesus zum Gottessohn. Auf Grund von Gedankengängen, die aus Mysterienkreisen stammten, machte er ihn zum Erlöser von der Erbsünde. Er erklärte das mosaische Gesetz und insbesondere die Beschneidung (Gal. 5, 3) und die Speisegesetze für aufgehoben und lehrte, dass nicht das Gesetz, sondern allein der Glaube an Christus als den Sohn Gottes erlösende Kraft besitzt. Christus, dem ursprünglich nur für das Verhältnis zwischen Gott und Welt die Mittlerrolle der Schechina (Gottesglorie) oder Memra (Logos, vgl. Römer 9, 4; Kol. 1, 27), des philonischen Demiurgos und Logos, zugewiesen war, wurde von Paulus zum zweiten Gott erhoben (I. Kor. 8, 6; 12, 3; Tit. 2, 13; I. Joh. 5, 20). Der Einspruch des Urchristentums gegen diese Gottsetzung Christi blieb wirkungslos. Die syrische unitarische Bewegung ward gewaltsam unterdrückt. Damit und erst von da ab war der Zusammenhang mit dem Judentum zerrissen und die Annäherung an das Heidentum angebahnt. Die Dreieinigkeitsformel (Matth. 28, 19), die Paulus noch nicht bekannt war (I. Kor. 6, 11; Apostelg. 2, 38), trat dem rein‑monotheistischen Judentum bewusst entgegen. Es ist bedeutsam, dass das biblische Gotteinheitsbekenntnis (Deut. 6, 4), das Jesus angeblich (Mark. 12, 29) als das erste Gottesgebot bezeichnet hatte, Matth. 22, 37 nicht mehr genannt wird. Erst das nachpaulinische Christentum hat das Dreieinheitsbekenntnis geschaffen. Das Konzil von Nicäa hat dann unter der geistigen Führung des Athanasius die gesetzliche Formulierung dieses Bruches mit dem Judentum ausgesprochen. Dagegen bedeutete der Arianismus, die Lehre des 336 verstorbenen Bischofs Arius von Alexandria, dass Jesus nicht gottgleich, sondern nur gottähnlich ist, den Versuch einer Abkehr vom Dreieinigkeitsbekenntnis. Durch Basilius den Großen (370) ist es das christliche Hauptdogma geworden.

Lange Zeit hat sich das Christentum als Teil des Judentums betrachtet. Sein Zentrum war Jerusalem. Die ersten fünfzehn Bischöfe von Jerusalem waren Juden, die sich gleich Petrus streng an das Gesetz hielten. Ihre Gemeinschaft unterschied sich wahrscheinlich nur unwesentlich von der essäischen Kehala kaddischa (Eda kedoscha,. "heilige Gemeinde", b. Ber. 9a; Kohelet R. 9, 9) in Jerusalem und der "Neuen Gemeinde von Damaskus". Juden und Christen glaubten gemeinsam, dass das Königreich des Himmels vom Messias bald errichtet werden würde. Eine große Partei der Anhänger des neuen Glaubens bemühte sich, jeden Bruch mit dem Judentum zu verhüten. Die Partei des Petrus war die der Juden­freunde (Apostelg. 3, 13‑17). Sie betrachtete sich als die legitime Fortsetzung der jüdischen Synagoge, nahm darum ernsten Anstoß, als Petrus den ersten Heiden und seine Familie in Cäsarea in die neue Gemeinde aufnahm (Apostelg. 10, 2. 22; 11, 2ff.). Sie lebte ganz nach den Gesetzen des Judentums und betrachtete Jerusalem als die heilige Stadt. Der erste Bischof der Christen­gemeinde,  Jakobus, ein naher Verwandter Jesu, wird geradezu als Nasiräer geschildert (Heges. bei Eusebius, Hist. eccl. II, 23, 4f.). Auch Pau­lus verlangte, dass die aus dem Judentum stammen­den Christen das jüdische Zeremonialgesetz beibe­hielten. Er selbst beschnitt seinen Reisegefähr­ten, den aus einer juden‑heidnischen Ehe stammen­den Timotheus (Apostelg. 16, 3), und trat dem Petrus entgegen, der auf die Innehaltung des Zeremonialgesetzes für die Anhänger der neuen Lehre Verzicht leistete (Gal. 2, 11ff.). Nach Paulus sollte der Judenchrist, d. b. der aus dem Judentum stammende Christ, das Zeremonialgesetz als Vorbereitung auf das Christentum halten. Dagegen weigerte er sich, den Heidenchristen Titus zu beschneiden (Gal. 2, 3).

Die eigentliche Spaltung trat durch die gno­stische Wendung der Christensekte ein, wonach zwei Mächte (Dyas), ein gutes und ein böses Prinzip, die Welt beherrschen. Sie fand ihre stärkste Ausprägung in dem Sektengründer Marcion, der dem Judengott, dem Schöpfer der sichtbaren Welt, den durch Jesus geoffenbarten Gott der Liebe entgegenstellte und ein eigenes Bibelwerk (die Antithesen) als Ersatz für das von ihm verworfene Alte Testament schuf. Mit der Verlegung des Zentrums der neuen Gemeinschaft vollzog sich die Loslösung. Noch unter dem röm. Kaiser Domitian (81‑96)  wurden die Christen von Staats wegen als Juden betrachtet. Erst unter Trajan kamen 112 besondere Christenprozesse vor. Um 200 machte sich zuerst christlicher Einfluss in der Öffentlichkeit bemerkbar. Der Synkretismus (Religionsmischung) der späteren Zeit war für die Entwicklung des Christentums besonders günstig. Mit der Regierung des Gallienus (260‑268) begann sein ungestörtes Wachstum. Eine neue Verfolgungszeit leitete das christenfeindliche Edikt vom 24. Febr. 303 ein. Der Sieg des Maxentius am 28. Okt. 312 bedeutete für das Christentum die staatliche Anerkennung. Erst in dieser Zeit erfolgte unter dem Einfluss der diokletianischen Sonntagsruhegegetzgebung die Verlegung der Sabbatfeier auf den Sonntag als den angeblichen Auferstehungstag Jesu und die Umdeutung der jüdischen Feiertage auf Ereignisse im Leben Jesus bzw. der Apostel.

Mit dieser äußeren Entwicklung parallel gingen die leidenschaftlichen Streitigkeiten über das Wesen Christi, bis man die Beschwichtigungs­formel von der "einen Person in zwei Naturen", die Vereinigung einer vollkommenen göttlichen und einer vollkommenen menschlichen Natur in der einen Person Jesu, erfand, eine seltsame Kombination jüdischer und hellenistischer Vorstellungen. Sie ist in den drei Hauptkonfessionen des Christentums der orthodoxe Ausdruck der Würdigung Christi geblieben, obwohl sie weder im NT noch in der alten Kirche nachweisbar ist. Aus der griechischen Philosophie entstammten die Logoi, die platonischen Urbilder der irdischen Dinge, und die stoischen gestaltenden Kräfte, die im Logos, der göttlichen Weltvernunft, ihre Zusammenfassung erfuhren. Der Logos als "erstgezeugter Sohn Gottes" oder "zweiter Gott" wurde Organ der Weltbildung. Jesus wurde als ein himmlisches Wesen, das vorübergehend im Fleische erschienen, gedeutet. Der geschichtliche Jesus galt nur noch als eine Erscheinungsform (modus) der Gottheit.

Erst Luther schuf eine neue Christologie, die den Logosbegriff ausschaltete und vom geschicht­lichen Jesus ausging. Gott wurde durch den geschichtlichen Christus erkannt und Christus an seinen Wohltaten (Gnade und Sündenvergebung). Er übernahm aber die Formeln der alten Christologie, deren letzte Folgerung die Ubiquitätslehre, die Gegenwart des Leibes Christi im Abendmahl, war. Zwingli und die Reformatoren haben die Einigung der beiden Naturen in Christo anerkannt, aber die lutherische reale Teilnahme abgelehnt. Dagegen bekannten sich die Schwaben unter Brenz zur Ubiquitätslehre. Chemnitz versuchte eine Vermittlung, indem er Christi Erniedrigung als die Preisgabe des völligen Gebrauchs der göttlichen Herrlichkeit betrachtete. Die Konkordienformel bedeutete die Nebeneinanderstellung der Anschauungen von Brenz und Chemnitz. Im Streit der Tübinger und Gießener Schulen wurden die Gegensätze wieder akut. Das alte Dogma ist schließlich den An­griffen des historischkritischen Denkens erlegen. Im rationalistischen Christentum blieb Christus nur der menschlich wertvolle Religionsstifter. Schleiermachers Psychologie der Erlösung gefährdete aber von neuem die Beziehung auf den histori­schen Christus. Jetzt griff die Philosophie in die christliche Dogmatik ein. Hegel weckte die Logoslehre in ihrer alten kosmologischen Fassung. Schelling löste das einmalige Faktum der Menschwerdung in einen fortschreitenden, in Christus gipfelnden Prozess der Menschwerdung Gottes auf. Der steigende Einfluss der kantischen Philosophie führte schließlich zu einer Trennung des Glaubens vom Wissen. An dieser Lösung der Religion von der Philosophie beteiligte sich auch die Erlanger Schule. Die Zweinaturenlehre hatte nur noch in der Gemeindeorthodoxie und in einzelnen Sekten ihren Rückhalt. Die letzte Phase der christlichen Dogmatik bedeutet Barths Römerbrief (1922) und die Bewegung, die an Gogartens dialektische Philosophie anknüpft: Offenbarung ist nicht ein unter geistes‑ oder religionsgeschichtlichen Prinzipien fassbarer allgemeiner Inhalt, sondern das bestimmte Faktum Jesus Christus. Die Enderwartung (Eschatologie) erscheint wieder als die eigentlich christliche Stellung zur Geschichte, sofern sie unter dem Gericht des kommenden Gottes steht und der christliche Glaube sich stets einer anderen kommenden Welt zugehörig weiß.

4. Kritik der christlichen Glaubenslehren

a) Die Dreieinigkeitsformel ist uraltheid­nisch. Sie geht auf die drei Erscheinungsformen des vergötterten Seins (Werden, Sein und Vergehen) zurück; vgl. Zimmern in Sehraders Keilinschriften u. d. AT I, 1903, S. 377 und das indische Trimurti. Auch in den ägyptischen Religionsvorstellungen gibt es eine organische Zu­sammenfassung von drei Gottheiten zu einer Dreieinheit, die sich der menschlichen Anschauung als Vater, Mutter und Kind, der philosophisch‑mystischen als schöpferischer Geist, ungeformter Stoff (Materie) und der aus deren Verbindung geschaffene geordnete Kosmos dar­stellen (Osiris ‑ Isis ‑ Horus). Vielleicht ist überhaupt Ägypten die Urheimat dieser göttlichen Triaden. Diese Idee hat im Urchristentum den urspr. Inhalt gehabt: Gott der Vater (II. Kor. 4, 4; vgl. I, Kor. 8, 6), Satan der Gott dieser Welt und Christus der Gott der kommenden Welt. Euphemistische Ausdrucksform hat dann den Satan als "Geist der Unreinheit" durch "Heiliger Geist" ersetzt.

b) Eine Folge der Vergottung Christi war der Marienkult, die Anbetung der Gottesmutter, die ebenfalls bereits in vorchristlicher Zeit als Anbetung der Istar, der Isis usw. erscheint. In dem Gewande der "Heiligen" wurden dann fast sämtliche Gottheiten des heidnischen Pantheons im Christentum eingebürgert. Der Einspruch gegen diese Kompromissreligion war eine Triebkraft der Reformation.

c) Während sich das Christentum vorerst scheute, ein Bild vom Gottvater herzustellen, veranlasste die irdische Erscheinungsform des Gottessohnes und der Gottesmutter zu künstlerischen Darstellungen beider. Damit war, zumal sich die christliche Symbolik in Kreuz, Lamm, Fisch, Monogramm Christi feste Vorstellungen geschaffen hat, das sinaitische Bildnisverbot tat­sächlich aufgehoben.

d) Die Idee der Erbsünde und ihrer Tilgung durch das Selbstopfer Jesu war die Aufhebung der bibl. Gotteskindschaftlehre, der zufolge der Mensch von Natur gut und des Geistes der Gottesheiligkeit teilhaftig ist. Allerdings gab es jüdische Kreise, die die Lehre vom Sündenfall angenommen; für sie galt aber die geoffenbarte Lehre "als das Gegengift gegen das Gift der Schlange" (b. A. S. 22b; Sabb. 146a). Dagegen war die Voraussetzung der paulinischen Christuslehre die Verworfenheit und absolute Sündhaftigkeit des Menschen, wegen der alle Menschen, die nicht an Christus glauben, unerlöst bleiben und zu ewiger Höllenstrafe verdammt sind, während das Juden­tum das Paradies allen frommen Heiden (Tossefta Sanh. 13, 2; b. Sanh. 105 a) öffnete und Heiden wie Henoch, Metusalem und Hiob zu den vollkommen Gerechten zählte.

e) Eine Folge der paulinischen Lehre von der alleinseligmachenden Kraft des Glaubens war die Brandmarkung alles Denkens als Torheit (I. Kor. 1, 20‑28). Ihre letzte Folgerung war die Dogmenformel Tertullians: credibile quia ineptum, certum est quia impossibile est (es ist glaubhaft, weil es sinnlos; es ist sicher, weil es unmöglich ist). Dagegen ist im Judentum Religion "Erkenntnis Gottes" (Jes. 115 9; 28, 9; Jer. 3, 15) und die Voraussetzung aller Gläubigkeit "du sollst erkennen" (Deut. 4, 39; Jer. 31, 34).

f) Der eschatologische Charakter des Urchristentums führte zur Weltflucht. Das Mönchs- und Nonnenwesen bedeutete, urspr. die Flucht aus der Welt des Satans vor dem Eintreten der Endzeit, die mit dem Wiedererscheinen Christi beginnen sollte. Das Leben galt nur als Vorbereitung auf diese Zeit. Die Ehelosigkeit und alle Forderungen mönchischer Askese sind daraus zu erklären. Weltfluchtbewegungen lassen sich auch im Judentum nachweisen, wie die Bewegung der um Zion Trauernden (vgl. syrisch abila = Mönch), die sich von der Zerstörung des Tempels bis weit in das MA verfolgen lässt, aber schon bei ihrem Anbeginn lebhaft bekämpft und als sinnlos verspottet wurde (ZDMG 57,747).

g) Für die Beurteilung der angeblich neuen Moral des Christentums muss objektive Beurteilung alles ausschalten, was spätere Exegese in sie hinein­gedeutet hat. Die Moral Jesu ist eine Moral der "letzten Zeiten", nicht für das Leben, sondern in Erwartung der unmittelbar bevorstehenden Endzeit ("Interimsethik"). Das "Gebet des Herrn", das sog. "Vaterunser" (Luk. 11, 2‑13; Matth. 6, 9‑13), ist kein Dank für das Kommen des Messias, sondern eine Bitte um sein Kommen. Ebenso bietet die sog. Bergpredigt keine Moral für die Zeit des gekommenen, sondern in Erwartung des kommenden Messias (Matth. 10,23; 24, 34‑37), die unerwartet eintreten soll (Luk. 17, 20. 21; vgl. b. Sanh. 97 a, b). Das Gebot der Nächstenliebe ist in den Evangelien lediglich Zitat aus der Bibel (Lev. 19, 18 in Luk. 10, 26. 27; Mark, 12, 28‑34; Matth. 5, 43; 22, 36f.)

5. Stellung des Judentums zum Christentum

Religionsgesetzlich gilt das Christentum für das Judentum nicht als Awoda sara (Heidentum), sondern als Schituf (Vermischung, Synkretismus, d.. h. Verehrung mehrerer göttlicher Mächte zugleich mit der Anbetung des Einen Gottes). Der Christ gilt nicht als Heide, sondern als Ger toschaw oder Halbproselyte (Tossafot b. Sanh. 63b; Schulchan aruch, O Ch 156 mit der Note des Moses Isserles). Es wurde im Religionsgesetz zwischen heidnischem  Götzendienst und christ­licher Bilderverehrung streng geschieden (Schulchan aruch, J D 141, 148; Ch M 266).

Saadja behandelt in "Emunot wedeot" II, 5 das christliche Dogma von der Göttlichkeit Jesu rein philosophisch. Juda halevi bez. in "Kusari" 4, 23 Christentum und Islam als vorbereitende Stufen zur messianischen Verheißung der Vereini­gung aller Menschen. Maimonides spricht im "Mischne Tora" (Melachim 11, 4) ebenfalls bei den Religionen die messianische Aufgabe zu, den Weg für den Messias zu bereiten; "sie haben die Worte der Heiligen Schrift und das Gesetz der Wahrheit über die Erde verbreitet und werden sich, frei von den Irrtümern, denen sie jetzt noch anhängen, bei dem Eintritt der messianischen Zeit der vollen Wahrheit zuwenden." Er erklärt in seinem 58. Gutachten,: "Die Christen glauben und bekennen wie wir, dass die Bibel göttlichen Ursprungs und durch unseren Lehrer Moses offenbart worden ist; nur in der Auslegung der Schrift unterscheiden sie sich." Auch die großen Gesetzeslehrer Gerschom b. Juda von Mainz, Salomo Jizchaki (Raschi), die Tossafisten zu b. A. S. 2a, Jakob b. Meir Tam, Isaak von Corbeil, Salomo ibn Aderet von Bareelona, Isaak b. Scheschet (Gutachten 119), Josef Karo und Moses Isserles erklären die Christen für Halbproselyten (s. oben). Noch weiter in der Anerkennung des Christentums geht der Spanier Josef Jabez in seinem "Traktat der Gotteseinheit" III und sein Zeitgenosse Isaak Arama (in Akedat Jizchak 58). Übereinstimmend erklären die gelehrten Jair Chajim Bacharach (Gutachten 1699, S, 5b) und Jakob Emden in Sche'elat Jabez (70b, No. 41, 1737): "Kein Jude hält einen Christen für einen Götzendiener." In einem Sendschreiben sagt Jakob Emden 1757: "Der Stifter der christlichen Religion hat der Welt eine doppelte Wohltat erwiesen, von der einen Seite hat er mit aller Kraft die Lehre Mosis befestigt und deren ewige Verbindlichkeit mit Nachdruck betont; andererseits hat er den Heiden eine große Wohltat erwiesen, indem er den Götzendienst von ihnen entfernte, sie zu den sieben Gesetzen Noach verpflichtete und ihnen eine Sittenlehre gab, die strenger als das Gesetz Mosis ist." Im Kommentar zu P.A. 4, 14 schreibt er 1751: "Die christliche Kirche unserer Zeit kann ebenfalls als ein Verband zur Ehre Gottes bez. werden, der den Zweck hat, in der ganzen Welt zu verkünden, dass es Einen Gott gibt, der Herr über Himmel und Erde ist; deshalb hat dieser Verband Bestand, weil seine Mitglieder dem wahren Gott und seiner Lehre Ehre erweisen und seinen Ruhm unter den Völkern verbreiten, die ihn nicht kennen. Der Lohn für diesen edlen Willen wird nicht ausbleiben usw." Dr. D. Hoffmann hat 1894 in einem umfassenden Werke die Lehren der Rabbinen "über das Verhältnis der Juden zu Andersgläubigen“ zusammengestellt.

Eine unmittelbare Annäherung an das Christentum, besonders aber an die Person Jesu, der geradezu für das Judentum reklamiert werden soll, wird im jüdischen Schrifttum der jüngsten Gegenwart vertreten. Für diese Einstellung bezeichnend sind die religionsgeschichtlichen Arbeiten von Claude G. Montefiore (The Synoptic Gospels und Liberal Judaism, S. 317ff,), der "die wertvollen Elemente des NT's in das Judentum einbezogen wissen will", allerdings die Einreihung des NT's in die Bibel streng ablehnt. Sie findet ihren stärksten Ausdruck in dem Buche von Constantin Brunner "Unser Christus" (1921) und in der religiösen Wertung der Person Jesu und des Christentums in den Reden des Rabbiners der Free Synagogue in New York, Stephen S. Wise, und in Walter Rathenaus "Streitschrift vom Glauben". Martin Buber nennt Jesum "einen repräsentativen Juden" ("Der heilige Weg", 1919, S. 41) und bezieht "die nazarenische Bewegung in die Geistesgeschichte des Judentums" ein ("Drei Reden", 1916, S. 85). Zurückhaltender äußert sich Achad Ha'am, indem er die Unterschiede des Christentums vorn Judentum, der Religion der objektiven Gerechtigkeit, herausarbeitet und am Beispiele der Ehegesetzgebung die entscheidende Differenz darstellt (Al paraschat derachim IV). Ein charakteristischer Niederschlag dieser Annäherung ist das Werk Joseph Klausners, Jeschu ha‑nozri (Hebr. Jerusalem 1922, englisch von Danby, London 1925), das eine eingehende objektive Darstellung des Lebens und der Leistung Jesu bietet und das NT, losgelöst von seinen mystischen und legendarischen Bestandteilen, "eine der köstlichsten Perlen des jüdischen Schrifttums aller Zeiten" nennt.

Religionsgespräche zwischen Christen und Juden waren in den ersten Jahrhunderten sehr häufig (Hieronymus zu Psalmen, Einleitung). Polemische Gespräche mit einem Presbyter Paulus (Paulo Saba), die R. Hoschaja in Cäsarea und Imma Schalom geführt, werden wiederholt erwähnt (Bereschit R. 11; Pessikta R. 23). Der Presbyter zitierte bei einem solchen Dispute Matth. 5, 17 (b. Sabb. 116b). Ein Bericht über ein Glaubensgespräch R. Tanchumas in Antiochia wird Bereschit R. 19 gegeben. Als Verteidiger gegen christliche Angriffe werden R. Jochanan b. Sakkaj, R. Gamaliel II., R. Josua b. Chananja und R. Akiba in den ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderten genannt. R. Tarfon wandte auf die Christen­gemeinde Jes. 57,8, R. Ismael Ps. 139,21 an (b. Sabb. 116a). Das älteste christliche pole­mische Werk war der Disput zwischen Justinus Martyr und dem Juden Tryphon (R. Tarfon?). Schärfer waren die Dialoge getaufter Juden gegen ihre früheren Glaubensgenossen (Ariston von Pella, Clemens von Alexandria, Origenes contra Celsum usw.).

Gegen das Dogma der Trinität erklärte Acha einem Christen: Es gibt Einen Gott und keinen zweiten, der keinen Sohn und keinen Bruder hat (Dewarim R. 2; Kohelet R. zu 4, 8). Abbahu wies dabei auf Jes. 44, 6 hin: "Gott spricht: ich bin der Erste, d. h. ich habe keinen Vater; ich bin der Letzte, d. h. ich habe keinen Sohn, und außer mir ist kein Gott, d. b. ich habe kei­nen Bruder oder Gefährten bei der Weltschöpfung (Schemot R. 29; vgl. Schocher tow zu Ps. 149, 1; Mechilta zu Ex. 23, 3; b. Sanh. 63b). In der Disputation zu Antiochia widerlegte R. Tanchuma die christliche Behauptung, dass die Bibel von mehreren Gottheiten rede (Gen. 3, 5), durch den Hinweis auf Gen. 3,3 (Bereschit R. 19).

Gegenüber dem Dogma vom Gottessohne erklärten Berechja und der palästinensische Amoräer Ruben: Die babylonischen (d. h. römischen) Frevler behaupten, Gott habe einen Sohn, und berufen sich auf Dan. 3, 25: "Die Gestalt des Vierten glich dem Sohne Gottes"; die Bibel habe aber bereits Gen. 6, 2, die Engel „Söhne Gottes" genannt, was Dan. 3, 28 bestätigt (Aggadat Bereschit 27; Schir haschirim R. zu 7, 9; j. Sabb. 8d). Insbesondere verwarf Chilkia unter Bezugnahme auf Koh. 4, 8 die Lehre vom Sühnetod Jesu, indem er aus dem Verbot der Opferung Isaaks schloss, dass Gott den Tod seines Sohnes niemals geduldet haben würde (Aggadat Bereschit 31). Gegenüber dem Einwand, dass die Opfer von Israel nicht mehr dargebracht werden könnten und deshalb die Entsühnung durch Jesu Blut erforderlich wäre, erklärte Simon b. Assaj, dass die Opfergesetze in der Schrift ausdrücklich im Namen des einzigen ewigen Gottes geboten sind, um diesen Irrglauben zu verhüten (Sifre zu Num. 28, 8; b. Men. 110a).

Die Himmelfahrt Jesu, die christliche Disputanten durch den Hinweis auf die Himmelfahrt des Henoch und des Elia bestätigen wollten, widerlegte Abbahu in Cäsarea dadurch, dass das hebräische Zeitwort "zu sich nehmen" in Ez. 24,16 "sterben durch die Pest" bedeutet (j. Ta'an. 65b zu Num. 23, 19; vgl. Bereschit R. 25).

Den Mittlerglauben wies der Palästinenser Iddi unter dem Hinweis auf Ex. 33, 15 Zurück, wo Gott selbst Israels Führung übernimmt (b. Sanh. 38.b; vgl. Jalkut Ex. 199). In dem selben Zusammenhang erklärte R. Jose b. Chalafta gegen die christliche Auffassung, dass nicht Gott, sondern Jesus im Dornbusch dem Mose erschienen wäre: "Weder ist Gott zur Erde hinab, noch sind Moses und Elia zum Himmel emporgestiegen" (b. Sukka 5a) während Josua b. Korcha erklärte, dass kein Ort auf der Erde, nicht einmal der armselige Dornbusch, der Gottheit bar ist (Schemot R. 2).

Gegen das Dogma von der Erbsünde trat R. Aschi auf, indem er auf die Frage, wie es mit der Entsündigung der zum Judentum Neubekehrten steht, die ja am Sinai nicht von der Erbsünde (wörtlich: Befleckung der Eva durch die Schlange) gereinigt worden sind, mit dem Schriftvers Deut. 29, 14 antwortete. Sowohl die am Sinai gestanden, wie jene, die hier noch nicht gewesen, sind frei von Sünde (b. Sabb. 146a; vgl. Abbahu in Jalkut Gen. 47 und R. Simon b. Lakisch in Tanchuma Nasso 30 und Jalkut 769).

Gegen die Verwertung der mündlichen Überlieferung durch das Christentum wandte sich Awin (j. Pea 17a; j. Chag. 76d; Bamidbar R. 14; Pessikta R. 5). Insbesondere wurde gegen die paulinische Lehre, dass das "Gesetz" ein Fluch wäre, dargelegt, dass das Gesetz ein Zeugnis der göttlichen Liebe für Israel ist (b. Men. 43 b) und Israels Heiligkeit steigert (Mechilta zu Ex. 22, 30), zumal es, nach R. Simlaj, vom Anfang bis zum Ende nur Liebe lehrt (b. Sota 14 a). Gegenüber der christlichen Behauptung, dass Jesus das Zeremonialgesetz aufgehoben, wurde dessen ewige Geltung dadurch verteidigt, dass es bei diesen Gesetzen in der Schrift heißt: "Ich, der einzige, ewige Gott habe dir diese Gesetze gegeben" (Sifra zu Lev. 18, 4; R. Akiba in Sifre zu Deut. 14, 7; b. Joma 61 b).

Um die Nichtverbindlichkeit der Beschneidung zu beweisen, warfen Christen die Frage auf: "Wenn die Beschneidung vor Gott so große Bedeutung hat, warum ist Adam denn nicht beschnitten erschaffen worden?" Dagegen erklärte R. Hoschaja, dass alles Geschaffene der Vervollkommnung durch den Men­schen bedarf, auch der Mensch selbst (Bereschit R. 11, Pessikta R. 23).

R. Jose hielt einer Christin, die auf Grund von Deut. 11, 21 und Jes. 51, 6 Israels Untergang voraussagte, Jes. 66, 22: "Israels Name wird ewig bestehen" entgegen (Tanchuma Gen. 20). Das Dogma, dass Israel von Gott verworfen sei, widerlegten R. Gamaliel II., R. Chanina b. Chama und andere (b. Jew. 102b; Schocher tow zu Ps. 10; b. Joma 564; Bereschit R. 88; Schir haschirim R. zu 7, 4). Dass die Zerstreuung Israels von Gott verhängt sei, damit sich die Heiden Israel anschließen, erklärte Abbahu gegen christliche Polemiker (b. A. S. 4a; Pess. 87b). Eine Zusammenstellung der talmudischen Polemik gegen das Christentum enthält das "Sefer emuna" (Isny 1542).

Die ältesten systematischen Polemiker gegen das Christentum waren die Karäer Karkasani, Jefet b. Ali und Juda b. Elia hadassi ("Eschkol hakofer"). Unter den spanischen Juden verteidigten Juda halevi ("Kusari"), Jakob b. Ruhen ("Milchamot adonaj"), Moses b. Nachman „Wikkuach"), Isaak ihn Polgar ("Eser hadat"), Salomo b. Ruben Bonafed, Chasdaj Crescas ("Tratado"), Schemtow b. Isaak ibn Schaprut ("Ewen bochan"), Moses Cohen de Tordesillas ("Eser emuna"), Chajim ibn Musa ("Magen weromach"), Profiat Duran ("Kelimat hagojim"), Simon b. Zemach Duran (in "Magen awot") und Josef Albo (in "Ikkarim") das Judentum in eigenen Werken. In Frankreich entstanden die polemischen Werke des Josef hakanna „Wikkuach"), Josef Kimchi ("Sefer haberit"), Mordechaj b.Josifja ("Machasikha emuna"), Meir b. Simon von Narbonne ("Milchemet mizwa") und des Isaak Natan b. Kalonymos („Tochachat matte," und "Miwzar Jizchak"). In Italien disputierte um 800 der Jude Julius mit Peter von Pisa. Gegenschriften verfassten hier Moses von Salerno ("Ma'amar ha'emuna" und Ta'anot"), Abraham Farissol u. a. Die bedeutendsten Polemiken deutscher Juden sind der "Nizzachon" des Lipmann Mühlhausen und der j. "Theriak" des Salomo Offenhausen. Von Marranen ist eine große Anzahl Schriften gegen das Christentum in span. und portugies. Sprache verfasst worden (Kayserling, Bibliotheca). Die bekannteste hebr. Widerlegung des Christentums ist der "Chisuk emuna" des Karäers Isaak b. Abraham Troki.

6. Die unterscheidenden Lehren zwischen Judentum und Christentum

a) Das vorreformatorische Christentum ist eine Priesterreligion. Die geweihten Priester sind Träger und Verwalter seiner Heilsgüter. Die Kirche ist die von Jesu gestiftete Heilsanstalt und die Verwalterin der 8 Sakramente (Taufe, Abendmahl, Ehe, Konfirmation bzw. Firmelung, bei den Katholiken außerdem Ordination, Messe, Beichte, letzte Ölung) mit der Kraft zu binden und zu lösen. Die Bekenntnisformel (Symbol) und das Dogma machen zum Christen.

Dagegen ist das Judentum Laienreligion (Ex. 19, 6: "Ihr sollt mir ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk sein"); sein Gesetz ist nur Lehre.

b) Das Christentum ist als Erlösungsreligion pessimistisch eingestellt. Die Furcht vor der Sündhaftigkeit der Fleischeswelt führt zur Weltflucht. Die Lehre vom Satan, dem bösen Prinzip, und von den Höllenstrafen ist ein Teil der Erlösungsreligion.

Das Judentum kennt nicht den metaphysischen Pessimismus des Christentums; es glaubt an den Sieg des Guten. Der alttestamentliche Satan, eine allegorische Gestalt, von außen in das Judentum eingedrungen, ist nie zur wirklichen Bedeutung eines Gegengottes gelangt.

c) Der Mittler zwischen Gott und Mensch ist Jesus Christus bzw. das in seinem Namen geübte Sakrament, Das Judentum ist die Lehre der Gotteskindschaft ohne Mittler und ohne Sakrament; Gottes Gnade wird dem Menschen unmittelbar als Wirkung der göttlichen Vaterliebe zuteil.

d) Die Gnade der Erlösung von der Sünde (Gnadenwahl), die vom Glaubensbekenntnis und der Fürbitte der Heiligen (im Katholizismus) abhängig ist, findet ihre Begründung und Vollendung im Sühnesterben Jesu Christi.

Das Judentum lehrt die Rückkehr zu Gott, die Umkehr zum Guten als Willenstat und die Selbstverantwortlichkeit des Menschen. Jes. 55, 7: "Der Frevler verlasse seinen Weg und der Sünder seine Gesinnung und kehre zu Gott um, denn er erbarmt sich seiner, und zu unserem Gotte, denn er verzeiht ihm alles." Die Sünde wird durch Reue (sittliches Wollen und Buße (sittliche Tat) getilgt, die die Versöhnung mit Gott erwirken.

e) Erbsünde. Der Mensch ist infolge der Adamsschuld von Geburt an der Erbsünde (dem radikalen Bösen) verfallen  Von der Erbsünde befreit der Glaube (die Rechtfertigung durch den Glauben), das Sakrament und das Sühnesterben Jesu Christi.

Das Judentum lehrt die Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Die menschliche Seele ist von Natur rein. Gewissen und Reue bezeugen die Göttlichkeit seiner Natur. Die Sünde ist nicht vererbt und daher zwangsläufig, sondern individuell; sie ist keine Notwendigkeit, sondern freie Willenstat (Abirren von Gott). Deut. 24, 16: "Kinder sollen nicht um der Väter willen getötet werden, jeder sterbe für seine Sünde", vgl. Ez. 18.

f) Dreieinigkeit. Der Lehre von der Dreieinigkeit von Vater, Sohn und heiligem Geist gegenüber vertritt das Judentum die absolute Einheit der Persönlichkeit Gottes.

g) Heilandsglaube und Gottesreich. In der Person Jesu Christi ist der Heiland, der Erlöser von der Adamsschuld, erschienen, der durch sein Sühnesterben die Adamsschuld gesühnt hat. In jedem katholischen Hochamt wie in jedem protestantischen Abendmahl erneuert sich symbolisch das Selbstopfer Jesu. Das Christentum verlegt das Gottesreich in das Jenseits, das Judentum in das Diesseits. Das Judentum lehrt im Gedanken des Gottesreiches den Glauben an eine dereinst im Diesseits aufgerichtete Welt der Vollkommenheit (ewiger Friede auf Erden, Sieg der  Gerechtigkeit, Einheit der Gotteserkenntnis). Das orthodoxe Judentum knüpft diese Zukunft an das Erscheinen eines persönlichen Messias aus Davids Geschlecht, das liberale an die gottgewollte Fortentwicklung der Menschheit.