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Forschungsstelle für jüdisches Recht - Marcus Cohn

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Rechtswörterbuch - SIEBTE ABTEILUNG - Ergänzungsartikel - Beschneidung

Jüdisches Lexikon





Beschneidung (heb. Brit Mila)

 

Beschneidung

Ägyptisches Relief von 2500 v. Die Szene zeigt die Beschneidung junger Männer, eine verbreitete Sitte, wie aus der Inschrift hervorgeht.

Die Beschneidung in Ägypten wurde im Gegensatz zu Israel nicht gleich nach der Geburt vorgenommen.

1. Namen:

Die gebräuchlichste Bezeichnung ist das neuhebräische Mila, dem das biblische Hebräisch mula (Ex. 4, 26) entspricht. Da die Beschneidung das „Zeichen des heiligen Bundes zwischen Gott und Israel sein soll, wird sie auch berit mila (Beschneidungs-Bund), und - da nach Gen. 17, 1-4 der Bund mit Abraham, dem Stammvater Israels, errichtet ist - auch „Abrahams-Bund” genannt. Der lateinische Name ist circumcisio, der griechische: peritome.

2. Die wichtigsten Stellen der Bibel, in denen das Gebot oder der Vollzug der B. mitgeteilt werden sind:

Gen. 17, 10—14: Gott befiehlt Abraham, alle Männlichen am B. Tage nach der Geburt zu beschneiden, als „ewiges Bundes­zeichen”;

Gen. 17, 23: Abraham lässt sich selbst beschneiden, beschneidet seinen Erstgeborenen Ismael in dessen 13. Lebensjahr und die anderen männlichen Hausgenossen;

Gen. 21, 4: Abraham beschneidet Isaak 8 Tage nach der Geburt;

Gen. 34, 15 ff.: Simon und Levi täuschen Einwilligung in Vermischung mit den kanaanäischen Einwohnern vor, falls diese sich beschneiden lassen;

Ex. 4, 24—26: Moses' Frau, die Midjaniterin Zippora, beschneidet ihren Sohn mit einem Steinmesser;

Ex. 12, 44: auch der Sklave und der Fremde sollen beschnitten werden (so schon Gen. 17, 12);

Jos. 5, 2—9: Josua beschneidet die wäh­rend der *Wüstenwanderung geborenen Israeliten.

3. Verbreitung der Beschneidung und ethnographische Parallelen. Die B. ist ein uralter, bei verschiedenen Völkern geübter Brauch; etwa 1/7 aller Menschen ist beschnitten. Ihr Ursprung aus einem Volke ist nicht wahrscheinlich. Sie findet sich außer bei den Juden und Mohammedanern bei den Polynesiern und vielen Völkern Afrikas, Amerikas und Australiens. Aber zumeist wird erst der mannbare Jüngling beschnitten, bei manchen Völkern der fünfjährige Knabe. Im Altertum war die B. bei den Edomitern, Moa­bitern, Ammonitern, Phöniziern, Arabern, Kolchiern, Athiopiern und bes. bei den Agyptern im Gebrauch, vgl. Jer. 9, 25. Die letztgenannten hatten sie bereits im 4. Jahrtau­send v., und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie von ihnen zu den Nachbarvölkern gekommen ist. Von den Nachbarn Israels waren nur die Philister unbeschnitten. Bei den Naturvölkern wird die B. vielfach im Zusammenhang mit der Hochzeit vollzogen; dies hat Wellhausen auch aus der Dina-Erzählung (Gen. 34, 14) geschlossen. So wird der Bräutigam ein „Blutbräutigam”, eine Bez., die in Ex. 4, 25. 26 in anderem Zusammenhang erscheint.  Erwähnt sei noch, dass die Chinesen eine B. der Mäd­chen, d. h. eine künstliche Defloration, kennen.

4. Über Ursprung und Sinn der Beschneidung sind die verschiedenartigsten Vermutungen aufgestellt worden; die wichtigsten sind hier zusammengefasst, wobei bemerkt sei, dass die Bibel selbst für die B. keine Erklärung gibt:

a) Prozedur zu sanitären Zwecken, bei den Naturvölkern zwar schwer denkbar; doch muss daran erinnert werden, dass die Völkerkunde bei vielen primitiven Stämmen operative Eingriffe am männlichen Glied zwecks Erleichterung des Geschlechtsverkehrs festgestellt hat.

b) Selbstverstümmelung oder Überbleib­sel der Entmannung (Kastration), wie solche im Zusammenhang mit gewissen religiösen Vorstellungen hei vielen Völkern vorkommen.

c) Akt der Stigmatisierung ´, d.h. der Zueignung des Körpers an einen Dämon oder Gott zur Erlangung seines Schutzes.

d) Stammes- und Kultzeichen, also eine Art Tätowierung (so Stade und Gunkel).

e) Mutprobe an den Knaben bzw. jungen Männern, wie sie bei Naturvölkern vor der Auf­nahme des Betreffenden als gleichberechtigtes Mitglied in den Stammesverband üblich sind.

f) Weihe des Zeugungsgliedes, Ersatz und Zeichen der Hingabe des Menschen an die Gottheit, wie noch später bei den Phöniziern. Diese Auffassung hat bisher die breiteste An­nahme gefunden. Damit hängt als Folge zu­sammen, dass man durch diese heilige Zeremonie. als vollberechtigtes Glied in die Sakralgemein­schaft und eben damit auch in die Volks- und Stammesgemeinschaft aufgenommen wird. Das Blut stellt nach einer weitverbreiteten Anschau­ung des semitischen Altertums eine Vereinigung mit der Gottheit und dem Stamm, der diese ver­ehrt, dar.

g) Die psychoanalytische Wissenschaft erblickt in der weit verbreiteten B. eine Inzestprophylaxe, die zur Hemmung der in der Pubertätszeit auftretenden Inzestgelüste bestimmt sei und mit den gleichfalls für das 13. Jahr festgestellten Kastrationen und anderen Verstümmelungen auf einer Stufe stehe bzw. eine Milderung dieser grausamen Akte darstelle. Dieser Auffassung kamen bereits Philo und Maimo­nides sehr nahe, die die B. als Hemmung der Sexuallust begründeten.

5. Die Beschneidung in Israel geht, ge­schichtlich gesehen, offenbar in eine sehr alte Zeit zurück; ob in die vorkanaanitische, ist ungewiss. Aus der dunklen Erzählung Ex. 4, 24-26, ferner aus Gen. 17, 23; Gen. 34 und Jos. 5, 2-9 scheint hervorzugehen, dass auch in Israel der Brauch ursprünglich im Alter der Mannbarkeit und im Zu­sammenhang mit der Hochzeit geübt wurde. Die Vollziehung im Kindesalter ist dann eine spätere Milderung der Sitte, die in dem Augenblick wohlbegründet erschien, als sich die B. in Israel aus einer ursprünglich bloß nationalen zu einer in erster Reihe religiösen Weihe für den Gott Israels wandelte. Da die B. ursprünglich mit einem Stein (Steinmesser) vollzogen wurde, stammt sie vielleicht noch aus der Steinzeit.

Ihre Vertiefung zu einem Symbol der Her­zens-B. begann mit dem Propheten Jeremia: „Beschneidet euch für Gott und tuet ab die Vorhaut eures Herzens” (Jer. 4, 4). Insofern die B. das Zeichen des Bundes zwischen Gott und Israel ist, erscheint sie in der Bibel und auch im späteren jüdischen Schrifttum als das Symbol der Herzens-B. (z. B. Deut. 10, 16; 30,6; Lev. 26,41; Ez. 44, 7. 9). Die Triebe des menschlichen Herzens sollen nicht zügellos walten, sondern zum Heile des Menschen in den rechten Schrenken gehalten werden und eben durch ihre B. veredelt werden und sich heilsam entfalten. Wie der Weinstock, soll sich auch der Mensch durch die B. über den von Natur gegebenen Zustand erheben und veredeln. Oder, wie es in einem anderen Gleichnis heißt: Die Natur schafft das Korn, der Mensch bereitet daraus das Brot. Wie die Werke der Gott geschaffenen Natur oft erst durch des Menschen Hand ihren vollen Wert, ihre Schönheit und ihre Vollendung erreichen, so soll auch das natürliche Empfinden des Men­schen durch seinen sittlichen Willen immer höherer Vollendung entgegengeführt werden. Der Mensch ist zum Diener und Werkzeug Gottes und zu seinem Mitschöpfer berufen und soll den ihm übergebenen Rohstoff des natürlichen Willens durch B. nach dem höheren Willen Gottes formen. Mit den Worten: „Wandle vor mir und werde vollkommen” (Gen. 17, 1; vgl. Deut. 18, 13) wird die Errichtung des Bun­des Gottes mit Abraham eingeleitet. Die B. ist also das Symbol des sittlichen Vollkommen­heits- oder Heiligkeitsideals des Judentums und somit aller zur Verwirklichung desselben in der Tora niedergeschriebenen Verpflichtungen des Juden gegen Gott; als solches wird sie auch von jedem Proselyten beim übertritt gefordert. Die B. die zunächst ein Symbol der Gemeinschaft Israels mit Gott und der Liebe zu ihm ist, das Siegel des heiligen Bun­des an seinem Fleische, hat auch die Nebenbe­deutung eines Symbols der Gemeinschaft mit Israel, der Liebe des einzelnen Israeliten zu seinem Volk und zu seinen Religionsgenossen.

Wer die B. an seinem Sohne nicht vollzieht, und derjenige, an dem sie als Kind nicht vollzogen worden ist, und der sie nach vollendetem dreizehnten Lebensjahre nicht nachholt, ist ein „Zerstörer des Bundes. Er hat sich gleichsam außerhalb der Gemeinschaft mit Israel und seinem Gotte gestellt (Gen. 17, 14).

Wie die B. den Juden vor den anderen Völ­kern adelte, so galt den Unbeschnittenen Ver­achtung und Spott, vgl. Jos. 5, 9; I. Sam. 17, 26.

6. Der Vollzug der Beschneidung. Die B. soll, außer wenn der Gesundheitszustand des Kindes eine Verschiebung notwendig macht, am achten Tage nach der Geburt vollzogen werden (Gen. 17, 12; Lev. 12, 3). Der Akt der B. wurde in uralter Zeit mit einem Steinmesser vollzogen (Ex. 4, 25; Jos. 5, 2. 3), später, und so noch heute, mit einem stählernen, unter Anlehnung an Ps. 149, 6 auf beiden Sei­ten geschliffenen Messer.

Mit dem Akt der B. wird die Namengebung verbunden (Gen. 21, 3. 4; vgl. Luk. 1, 59). An den Akt schließt sich ein religiöses Gastmahl an. Das Tischgebet nach dem Mahle.

7. Das Christentum hat zwar die Taufe Jesu als „Beschneidung Christi” bez. und vielleicht Jesu tatsächliche Beschneidung (Luk. 2, 21) als stellvertretend für alle Christen ange­sehen (Koloss: 2, 11), aber Paulus hat den Voll­zug der B. an den Heidenchristen abgelehnt und bekämpft (Galat. 5, 1-6), wenngleich er sie den Judenchristen gelassen hat (Röm. 2,25; 1. Kor. 7, 18). Etwa seit dem 6. Jhdt. wurde der 1. Jan. in der Kirche als Jesu-Beschneidungsfest (festum circumcisionis) gefeiert.