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JÜDISCHES RECHT

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Rechtswörterbuch - SIEBTE ABTEILUNG - Ergänzungsartikel - Aberglaube

Jüdisches Lexikon





ABERGLAUBE

Die abseits von dem herrschenden, dem "wahren" Glauben bzw. der offiziellen Lehre waltende Ansicht über religiöse und übersinnliche Gegenstände und besonders die sich aus solchen abweichenden, theoretischen Meinungen ergebende Praxis, sofern diese Anschauungen nicht auf wissenschaftlicher Erkenntnis beruhen, sondern Produkte vager Vorurteile und phantastischer Vorstellungen sind, nennt man Aberglaube. Der A. unterscheidet sich von der Ketzerei (Heterodoxie) dadurch, dass diese systematische Lehre ist, während jener nur vereinzelte Ansichten und Praktiken umfasst. Selbstverständlich steckt im Begriff des A. eine Wertung, sofern die autoritative Meinung und Übung oft ebenso wenig wie die von ihr bekämpfte Ansicht für ihre Wahrheit und objektive Gültigkeit Beweise liefern können, sondern letzten Endes lediglich auf subjektiven Überzeugungen beruhen; weswegen es schon geschehen kann, dass vom Standpunkte wissenschaftlicher Erkenntnis jede Religion, soweit sie ein theoretisches Wissen lehren will, als A. gekennzeichnet wird. Wenn also der Begriff des A. relativ ist, so darf doch nicht übersehen werden, dass das Lehrgebäude der großen Religionen und die von ihren Autoritäten überwachten Religionsübungen vor den abseits von der Kontrolle der religiösen Öffentlichkeit sich vollziehenden abergläubischen Bräuchen im engeren Sinne des Wortes gesichert ist.

Das Judentum ist von den ältesten Gesetzen und Bestimmungen der Bibel ab mit dem größten Eifer bestrebt, anderem Religionsbrauch, der unter seinem Gesichtspunkt nichts als Götzendienst ist, entgegenzuwirken. Die rationale Geistesart, die kühle Verständigkeit, die sich vielfältig schon in den ursprünglichen jüdischen Religionsansichten offenbaren, die strenge Überwachung jedweden Kultes haben es mit sich gebracht, dass tatsächlich A. in der zweiten der hier gekennzeichneten Bedeutungen innerhalb des jüdischen Lebenskreises wohl seltener angetroffen wird als anderwärts. Namentlich ist schon die alte deuteronomische Lehre darauf aus, eine Hauptquelle der abergläubischen Übung zu verstopfen, nämlich die sich aus dem Glauben an die Wirksamkeit abgeschiedener Geister ergebenden Totengebräuche. Alles Zauber- und Hexenwesen, Beschwörungen, Magie, deren eigentlicher Sinn ja darin beruht, dass irgendein Geist oder Gott zur Unterstützung des Menschen durch besondere Mittel veranlasst wird, werden abgelehnt und unter schwere Strafen gestellt. Dass diese geistige Richtung aufs Klare und Einsichtsvolle nicht unbedingt strenge innegehalten wurde und Abirrungen ins Abergläubische auch beim Judentum vorkamen, ist selbstverständlich. Der Glaube an Schedim (Geister, Gespenster, Dämonen) und an die Macht der Gestirne ist im Talmud und im späteren Judentum wie in der zeitgenössischen außerjüdischen Welt tief eingewurzelt. Mit der Autorität der Kabbala zog eine neue, nach dieser Richtung strebende Kraft in das jüdische Bewusstsein ein. Doch darf man wohl — was selbstverständlich nur vergleichsweise gütig ist — sagen, dass der rabbinische Hauptzug der jüdischen Religiosität, der immer aufs stärkste von dem alten strengen und vor allem auch zur wirksamen Übung gelangten biblisch- talmudischen Religionsgesetz bestimmt ward, niemals abergläubische Exzesse des Ausmaßes, wie sie sich im Schatten anderer Religionen bis in die jüngste Vergangenheit, ja vielfach bis in die Gegenwart erhalten haben, geduldet hat.