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Rechtswörterbuch - Marcus Cohn - Biographische Anmerkungen – wissenschaftlicher Werdegang

Marcus Cohn

Biographische Anmerkungen – wissenschaftlicher Werdegang

von Chaim H. Cohn

Als Georg Herlitz und Bruno Kirschner zu Anfang der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts die Redaktion des "Jüdischen Lexikons" übernahmen, das in deutscher Sprache zum ersten Mal einen Gesamtüberblick über die Religions- und Kulturgeschichte des Judentums geben sollte, taten sie Ausschau nach einem Juristen, dem sie die Bearbeitung des Rechts und der Rechtsgeschichte anvertrauen könnten. Es gab in den deutschsprachigen Ländern damals wohl große Gelehrte, die auch auf dem Gebiet des jüdischen Rechts als kompetente Sachverständige gelten durften; aber sie gehörten fast ausschließlich den rabbinischen Berufen an, sei es als Geistliche oder als Lehrer, und das jüdische Recht war für sie ein - wenn auch wichtiger, so doch keinesfalls der wichtigste - Bestandteil der jüdischen Religion. Einige Jahrzehnte vorher hatte der Landrabbiner von Strelitz in Mecklenburg, Jacob Hamburger, den 'Versuch unternommen, "zum Handgebrauch für Bibelfreunde, und Theologen, Juristen, Gemeinde- und Schulvorsteher, Lehrer etc" eigenhändig ein Lexikon zu schaffen, das in alphabetischer Ordnung alle biblischen und talmudischen Institutionen und Grundbegriffe darstellen und erklären sollte. Diese bahnbrechende Arbeit, die trotz mannigfacher Mängel ihren wissenschaftlichen Wert bis auf den heutigen Tag nicht verloren hat, mag den Redakteuren des "Jüdischen Lexikons" als Mahnung gedient haben, sich für die Bearbeitung des jüdischen Rechts nicht mit rabbinischen Gelehrten zu begnügen. Aber unter den Juristen war weit und breit keiner zu finden, der die Muße, das Interesse oder die erforderliche Vorbildung gehabt hätte, nicht nur die praktischen Rechtsdisziplinen, sondern auch altes jüdisches Recht zum Gegenstand gründlichen und sachverständigen Studiums zu machen.

Zuerst wandten Herlitz und Kirschner sich an Sammy Gronemann, einen namhaften und erfolgreichen Berliner Anwalt, mit dem sie in gemeinsamer zionistischer Arbeit lang verbunden waren und der in der "Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaft" einige wertvolle Arbeiten über das jüdische Strafrecht veröffentlicht hatte. Gronemann lehnte (wie er mir später selbst erzählte) das Ansinnen ab, weil er selbstkritisch genug war zu wissen, dass er auf dem Gebiet des jüdischen Rechts keine Autorität für sich in Anspruch nehmen konnte; er bezeichnete sich selbst als begeisterten Dilettanten. Aber er brachte die Redakteure auf die Idee, sich an Marcus Cohn in Basel zu wenden: Hier war ein praktisch tätiger und vielbeschäftigter Anwalt, der nicht nur im schweizerischen, sondern auch im deutschen und französischen Recht zu Hause war, der aber auch seit frühester Kindheit den Geist und die Substanz der Wissenschaft des Judentums in sich aufgenommen hatte. In dem Rabbinerhaus, in dem er aufgewachsen war, kam die Verbindung von Tora und Derech-Eretz, von jüdischer und allgemeiner, religiöser und weltlicher Bildung zur schönsten Entfaltung. Zu der Zeit, als er das juristische Studium aufnahm und sich für die juristische Karriere entschloss, war er in allen jüdischen Disziplinen bereits ausgebildet; aber mit seiner Inanspruchnahme mit juristischen Studien verlegte sich auch das Schwergewicht seines jüdisch-wissenschaftlichen Interesses auf das jüdische Recht, das fortab für ihn eine unerschöpfliche Quelle juristischer Anregung und akademischer Forschung wurde.

Es war jedoch das Verdienst der Redakteure des "Jüdischen Lexikons" und ihres Mittelsmannes Gronemann, Marcus Cohn dazu zu bringen, dass aus einem intellektuellen (vielleicht auch religiös bedingten) Zeitvertreib eine systematische literarisch-akademische Arbeit entstand. Zwar hatte er schon lange vorher wie wohl nicht anders zu erwarten gewesen war - sich für seine Dissertation ein jüdischrechtliches Thema gewählt, und seine Arbeit über die Stellvertretung im jüdischen Recht hat ihm nicht nur das Doktorat summa cum lande erwirkt, sondern nach ihrer Veröffentlichung in der "Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaft" auch seinen Namen als sachverständiger Kenner jüdischen Rechts begründet. Dieser Dissertation folgte noch im gleichen Jahre (1920) eine Arbeit über das jüdische Waisenrecht, die ebenfalls in der angesehenen "Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaft" Aufnahme fand, nachdem sie zuerst in der Festschrift für Joseph Kohler, den hervorragenden Herausgeber dieser Zeitschrift, veröffentlicht worden war. Unter den Rechtslehrern, zu deren Füßen Marcus Cohn saß, nahm Kohler den ersten und wichtigsten Platz ein; er bestärkte und förderte ihn nicht nur in der Erforschung des jüdischen Rechts, sondern eröffnete ihm die Perspektiven der Rechtsvergleichung und brachte ihm die Relativität und soziologischen und ökonomischen Hintergründe der Rechtsinstitutionen zum Bewusstsein. Doch war das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler durchaus gegenseitig: Kohlers lang bestehendes, reges Interesse am jüdischen Recht, das in seinen einführenden Darstellungen im Rahmen allgemein rechts- und kulturgeschichtlicher Handbücher oft hervorragenden Ausdruck fand, wurde durch Cohns Arbeiten und das Quellenmaterial, das er ihm vermitteln konnte, entscheidend vertieft.

Der Einfluss Kohlerscher Methode und Kohlerschen Stils auf den jungen Gelehrten ist in seinen jüdischrechtlichen Arbeiten nicht zu verkennen: Nicht nur in den erläuternden rechtsvergleichenden "obiter dicta", sondern auch in der Klarheit und Sparsamkeit der Sprache und des Ausdrucks finden sich die Spuren des großen Lehrers. Es ist Marcus Cohn gelungen, in dem knappen, eng begrenzten Rahmen lexikographischer Kurzartikel Darstellungen der Rechtsinstitutionen zu geben, die einerseits eine ausreichende Kenntnis des Gegenstands vermitteln, andererseits aber nicht mit Einzelheiten fachtechnischer Natur überladen sind, für welche der interessierte Leser eher direkt auf die Quellen verwiesen wird. Trotzdem enthalten die Artikel die gesamte zum juristischen Verständnis erforderliche Information; und für den Rechtsvergleicher und Rechtshistoriker, dem das hebräische Quellenmaterial nicht oder nur schwerlich zugänglich ist, bietet der Verfasser autoritative - wenn auch sekundäre Rechtsnachweise.

Ich habe an den im "Jüdischen Lexikon" veröffentlichten Texten kaum eine Änderung vorgenommen. Nur auf einigen wenigen Gebieten sind durch neuere Forschungen Ergebnisse erzielt worden, die entsprechende Hinweise oder Abänderungen nötig machten. Aber auch wo neuere Forschungen zu anderen Ergebnissen gelangt sind, habe ich im allgemeinen Cohns Text unverändert gelassen: Es ist ja seit talmudischen Zeiten das bemerkenswerteste Charakteristikum jüdischen Rechts, dass es kaum je eine Rechtsfrage gab, über welche die Lehrmeinungen nicht geteilt waren. Die wohl nicht zuletzt durch diese Disputationsfreiheit bedingte Vitalität und Anpassungsfähigkeit des jüdischen Rechts kommt in den Darstellungen Marcus Cohns zu beredtem Ausdruck.

Die jüdischrechtlichen Arbeiten Marcus Cohns, die im "Jüdischen Lexikon" einen weiten Leserkreis gefunden haben, haben ihn in die erste Reihe der Sachverständigen für jüdisches Recht gestellt. Es war daher nur natürlich, dass nach der Staatsgründung das Justizministerium des Staates Israel ihn dazu berief, die mit Gesetzgebungsentwürfen betrauten Organe jüdischrechtlich zu beraten. In der Begeisterung über die neu errungene Unabhängigkeit vom englischen Regime bestand damals eine leicht erklärliche, volkstümliche Tendenz, das englische Recht abzuschaffen und das jüdische Recht an seine Stelle zu setzen. Auch in Israel machten sich die wenigsten Juristen eine klare oder richtige Vorstellung vom Wesen und Inhalt des jüdischen Rechts: Es genügte prima facie, dass es "jüdisch" und ein Rechtssystem war, um es ausreichend qualifiziert erscheinen zu lassen. Die verantwortlichen Sachbearbeiter im Justizministerium konnten sich mit solch laienhaften Vorstellungen nicht begnügen und es wurde beschlossen, einen Experten als Sachberater für jüdisches Recht zu ernennen, dessen Aufgabe es sein sollte, für jedes Thema, das auf die Tagesordnung der Gesetzgebungsorgane gesetzt werden sollte, zuerst einmal die aus den Quellen des jüdischen Rechts herzuleitenden Lösungen ausfindig und bekannt zu machen. Eine vorzüglichere Wahl als die Marcus Cohns konnte sicher nicht getroffen werden: Wir brauchten nicht nur einen Rechtsgelehrten, der in die Geheimnisse des jüdischen Rechts eingeweiht war, sondern auch einen Rechtspraktiker, der aus langjähriger europäischer Erfahrung ein treffsicheres Gefühl dafür haben würde, was aus dem jüdischen Recht für eine moderne Gesetzgebung verwendbar und was unverwendbar wäre. In den wenigen Jahren seiner Tätigkeit in Jerusalem hat Marcus Cohn entscheidend dazu beigetragen, die Grundlinien einer Gesetzgebungspolitik festzusetzen, die bis auf den heutigen Tag in Kraft geblieben sind, dass nämlich bei der Bearbeitung eines jeden Gesetzgebungsproblems zuvörderst jüdisches Recht geprüft und auf seine Verwendbarkeit oder Anpassungsfähigkeit untersucht wird und alle anderen Quellen oder Muster aus fremden Rechtssystemen hinter dem jüdischen Recht rangieren und erst nach dessen Ablehnung in Erwägung gezogen werden.

Marcus Cohn musste viel zu früh und viel zu kurz nach seiner Berufung nach Israel aus dem Leben scheiden. In Israel und in der Schweiz sind neue Generationen herangewachsen, für die der Name Marcus Cohn kaum mehr etwas bedeutet. Um so wichtiger und rühmenswerter erscheint die Initiative seiner Söhne, seine Beiträge zum jüdischen Recht in einem besonderen Bande zu sammeln und der Nachwelt zu erhalten. Wie das jüdische Recht selbst, so ist seine Darstellung aus der Feder dieses großen Gelehrten zeitlos und immer von neuem aktuell. Und im Gegensatz zu der in den letzten Jahrzehnten enorm angewachsenen jüdischrechtlichen Literatur in hebräischer und englischer Sprache hat die - sonst äußerst aktive und fruchtbare - deutschsprachige Rechtsvergleichung kein neues jüdischrechtliches Material aufzuweisen. Auch hier wird das vorliegende Werk eine bedeutsam Funktion erfüllen.

Vor allem aber soll dieser Band dem Mann ein Denkmal setzen, dessen akademischer Rang und geistige Errungenschaften nur noch von dem Charme und der Wärme seiner Persönlichkeit übertroffen wurden. Von seinen rabbinischen Ahnen erbte er nicht nur den scharfen Geist und das erstaunliche Gedächtnis, sondern auch die unbeirrbare Glaubensstärke und eine unantastbare moralische Integrität. Er verstand es, seine eigene Gesinnungstreue mit einer großherzigen Toleranz für andere Gesinnungen zu verbinden, und sein ganzes Leben war ein großer kontinuierlicher Akt der Menschenliebe und Hilfsbereitschaft. Die schönsten Traditionen jüdischer Rechtsauffassung und jüdischen Rechtsbewusstseins sind in seiner Persönlichkeit und in seiner Lebensweise zur vollen Entfaltung und Verwirklichung gelangt.