Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
Schriftgröße verkleinern Trennstrichnormale Schriftgröße wiederherstellen Trennstrich Schriftgröße vergrößern

Suchen in dieser Webseite

Rechtswörterbuch - Marcus Cohn - Veröffentlichungen - jüdisches Waisenrecht

Jüdisches Waisenrecht

von Marcus Cohn


Vorwort von Gabriel Miller

Das jüdische Recht ist bereits seit zweitausend Jahren Gegenstand der Forschung. Diese war jedoch stets die Domäne der jüdischen Geistlichkeit, der insbesondere die Anwendung des Rechts im jüdischen Gemeindeleben wichtig war. Seit der Mitte des 19. Jh. begann auch die moderne Rechtswissenschaft, sich für die Erforschung des jüdischen Rechts zu interessieren. Es waren zunächst einzelne Forscher, die die Bedeutung des jüdischen Rechts für die vergleichende Rechtswissenschaft erkannten und dieser mit modernem Rechtsdenken erschließen wollten. Zu ihnen gehörten u.a. Josef Kohler, Herausgeber der Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaft", Samuel Mayer, Moses Bloch, Josef Saalschütz.

Nach dem ersten Weltkrieg widmete sich der junge Baseler Jurist Marcus Cohn dieser Forschungsaufgabe. In der "Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaft" wurden damals Beiträge von ihm veröffentlicht, die als wegweisend dienen können. Sein Beitrag zum jüdischen Waisenrecht, das aus aktuellem Anlass um 1920 (XXXVII. Band, 3. Heft) gedruckt wurde, liefert eine Analyse des Waisenrechts in Tora und Talmud, wobei  besonders die humane Einstellung des jüdischen Rechts auffällt.

Dass Marcus Cohn dem jüdischen Waisenrecht große Bedeutung beimaß, hängt mit seiner eigenen aufgeklärten und menschenfreundlichen Einstellung zusammen.

Leserbriefe

 

 

Jüdisches Waisenrecht

von

Marcus Cohn

Schon in Friedenszeiten galt es in allen Kulturstaaten als ernste , nicht nur als Akt der Barmherzigkeit empfundene, sondern als staatliche Notwendigkeit erkannte Pflicht des Gemeinwesens, sich der Waisen anzunehmen, die kaum ins Leben gestellt, der sorgenden Pflege der Eltern entbehren und ohne Schützer und Ernährer den harten Weg des Lebens gehen müssen. Dies muss in noch höherem Maße von den Kriegswaisen gelten, die ihr trauriges Los nicht einem Einzelleid zuzuschreiben haben, sondern einem Unglück der Gesamtheit. Das Andenken der in den verschiedenen Staaten gefallenen Soldaten kann wohl dadurch am besten geehrt werden, dass man ihre verwaisten Kinder nicht sich selbst oder ihrer hilflosen Mutter überlässt, sondern ihnen nach so viel Kriegsjammer und Elend eine glückliche und freudvolle Jugendzeit zu bereiten sucht. Überall und freudig wird diesen unglücklichen Kriegsopfern mit warmem Herzen und offener Hand begegnet[1].

Da mag eine Darstellung des jüdischen Waisenrechts recht zeitgemäß erscheinen. Zunächst wird hierbei die Stellung der Waisen, welche diese im Allgemeinen im jüdischen Recht einnehmen, und die Gruppe der ihnen zustehenden Sonderrechte dargelegt werden. Sodann wird ge­zeigt werden, wie das jüdische Recht die Waisenfürsorge und Stellung und Aufgabe des Vormunds als Vermögensverwalter und Erzieher regelt.

I. Allgemeine Rechtsstellung der Waisen

Eine eigene Norm hebt die Waisen aus dem Kreise der anderen Menschen heraus und bewirkt eine grundsätzliche Verstärkung ihrer allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte. Du sollst das Recht des Fremdlings und der Waise nicht beugen[2].  Diese Norm richtet sich nicht nur, wie man auf den ersten Blick denken könnte, an den Richter, warnt nicht nur vor den Rechtsbeugungen, die im Prozesswege den Waisen zugefügt werden können, sondern sie wendet sich an jedermann, stempelt auch die Rechtsverletzungen im privaten Rechtsverkehr zur normwidrigen Tat. Die allgemeine Norm, welche die Rechtsbeugung gegenüber jedem Gliede der menschlichen Gesellschaft trifft, wird gegenüber den Waisen zu einer zweifachen. Dem Fluch verfällt, wer solches Unrecht tut[3]. Denn er beugt das Recht eines Menschen, der zu schwach ist, um sich selbst sein Recht zu erkämpfen, zu gedrückt, um den Mut zu finden, auf sein Recht zu pochen. Haftet doch der Begriff der Hilflosigkeit ohne weiteres den Waisen an[4]

Bei dieser Norm handelt es sich nicht etwa um eine Fürsorgebestimmung, eine Beugung des Rechts der begüterten Waisen ist vom jüdischen Gesetze nicht minder verpönt.
„Sogar das Recht der reichen Witwe Martha, der Tochter des Boethos, darf nicht gekrümmt werden“, fügt Sifri zu Deut. 24, 17 hinzu[5].

Ist somit eine Verletzung der Rechte der Waisen beson­ders streng verpönt, so gilt es als besonders verdienstlich, den Hilflosen zu ihrem Recht, das ihnen gekrümmt wurde, wieder zu verhelfen. Schaffet Recht den Armen und den Waisen[6]. Der Waisen Recht zu erstreiten ist von solcher Bedeutung, dass der Richter, wenn mehrere Parteien gleichzeitig vor ihm erscheinen, den Waisen vor allen anderen den Vorgang lassen muss[7].

Wenn es gilt, gegen diejenigen vorzugehen, die den Arbeitern den Lohn vorenthalten und das Recht der Fremden, Witwen und Waisen beugen, so erscheint Gott selbst eilends als Zeuge, um für das Recht dieser unter seinem besonderen Schutz stehenden Menschen einzutreten[8]. Gott ist der Vater der Waisen und der Richter der Witwen in seiner heiligen Wohnung[9]; dieses Psalmwort wird von Kimchi folgendermaßen interpretiert: obwohl er so hoch thront und auf Wolken einherzieht, nimmt er sich doch der Bedrückten auf Erden an. Er, der kein Ansehen kennt der Person, keine Bestechung annimmt und den Fremdling liebt, er verschafft auch der Waise und Witwe ihr Recht[10].

Rechtsbeugung an diesen Hilflosen begangen: Symptom erschreckender Sittenlosigkeit ist sie den Propheten[11]. Denn das Recht der Witwe beugen, heißt sie erschlagen; das Recht der Waise krümmen, heißt sie ermorden[12].

In seiner gewaltigen Strafpredigt fordert Jesaja die Be­wohner Jerusalems auf, ihr Leben der Scheinheiligkeit aufzugeben und ermahnt sie, als erstes und wichtigstes Werk der Reue: schaffet Recht den Waisen, führet den Streit der Witwe[13].

Doch nicht nur zu ihrem Rechte muss den Waisen ver­holfen, über das vom Recht Geforderte hinaus muss ihnen mit Milde begegnet werden. Du sollst sie nicht kränken, sollst sie nicht bedrücken, sollst sie ihre Abhängigkeit nicht fühlen lassen[14].

Wie sehr nach jüdischer Anschauung auch die kleinste Kränkung schon verpönt ist, erhellt aus Mechilta zu Ex. 22, 21. Dort wird von einem Zwiegespräch zwischen R. Ismael und R. Simon, die von den Römern hingerichtet wurden, erzählt. Als sie bereits zusammen hinausgeführt wurden, um den Märtyrertod zu erleiden, sprach R. Simon zu R. Isma’el: „Rabbi, mein Herz will mir brechen, denn ich weiß nicht, warum ich den Tod erleide.” Da erwiderte ihm R. Isma’el: „vielleicht ist einmal jemand zu dir gekommen um deinen Rechtsspruch zu vernehmen oder um dir eine Frage vorzulegen und du hast ihn warten lassen, bis du deinen Trunk beendet, bis du dir deine Sandalen angezogen oder bis du dir dein Tuch umgeworfen hast, denn es ist gleichgültig, ob die im Gesetz verpönte Demütigung eine schwere oder eine leichte war.” Und R. Simon entgegnet: „du hast mich getröstet.”

R. Ismael meint also, das ist seiner Antwort zu entnehmen, dass die erwähnte Norm in Ex. 22, 21 sich nicht nur auf Witwe und Waise bezieht, sondern für jedermann gilt und dass es verboten ist, irgendeinen Menschen zu demütigen und ihn seine Abhängigkeit fühlen lassen. Witwe und Waise wären somit nur als Paradigmata gewählt. Nach der Ansicht von R. Akiba hingegen hat diese Norm nur auf Witwe und Waise Anwendung, weil diese, im Bewusstsein ihrer Hilf­losigkeit, jede Demütigung besonders schmerzlich empfinden. Raschi schließt sich der Meinung von R. Isma’el an, Maimonides folgt R. Akiba.

Gedrückt ist das Gemüt der Waisen und traurig ihr Sinn. Eine behutsame Behandlung sollen wir ihnen daher, wie uns Maimonides in Hilchot Deoth 6, 10 einschärft, angedeihen lassen: sanft sollen wir mit ihnen sprechen und mit Achtung ihnen entgegenkommen, ihrem Körper keinen Schmerz zufügen durch schwere Arbeit und ihren Herzen nicht wehtun durch harte Worte; ihr Hab und Gut müssen wir noch mehr als das anderer schonen. Wer sie erzürnt und kränkt, wer ihnen Schmerz bereitet und sie unterdrückt, und gar wer sie schlägt und ihnen flucht, handelt normwidrig. Einen Bund hat Er mit ihnen geschlossen, der die Welt erschaffen, und stets, wenn sie wegen Gewalttätigkeit und Bedrückung zu ihm flehen, erhört er sie.

Besonders erwähnenswert ist, dass Maimonides es für nötig erachtet, dieser Anweisung für eine milde Behandlung der Waisen hinzuzufügen: die Lehrer hingegen, welche die Waisen im jüdischen Schrifttum unterrichten, und die Lehr­meister, die sie in einem Handwerk unterweisen, dürfen sie züchtigen. Aber dennoch soll auch der Lehrer sie nicht behandeln wie andere Schüler, sondern er soll bei ihnen besondere pädagogische Grundsätze anwenden. Er erziehe sie mit Milde und mit „großem Erbarmen” und vor allem dadurch, dass er ihnen ihre Würde lässt. Er bedenke stets, dass sie einen edlen Annehmer haben, denn Gott führt ihren Streit. Bis sie selbständig sind und keinen Beschützer mehr benötigen, soll man ihnen diese milde Behandlung angedeihen lassen.

Wenn aber jemand in den Waisen die Hilflosen sieht, die ohne Annehmer stehen im Leben, keinen Go’el (Erlöser) haben in der menschlichen Gesellschaft[15], so wird sich ihr Go’el als stark und nahe erweisen, denn „wenn du die Waise kränkest und sie schreit zu mir, höre ich auf ihr Geschrei und mein Zorn wird entbrennen und ich erschlage euch durchs Schwert und eure Weiber werden zu Witwen, eure Kinder zu Waisen werden”. (Ex. 22, 22. 23.) Die Strafe wird dem zugefügten Unrecht entsprechen[16].

Das Flehen der Waisen muss, wie Nachmanides dem Ausdruck in Ex. 22, 22 entnimmt, bei Gott ihrem Beschützer Er­hörung finden, einem Naturgesetze gleich, wie Regen und Tau vom Himmel fallen und dorthin nicht zurückkehren, ohne die Erde befruchtet und ihr Wachstum gefördert zu haben.

Wenn die Waisen bei den Menschen keinen Annehmer finden, so können sie sich doch Gott anvertrauen und finden bei ihm jedenfalls Erbarmen; er ernährt und erhält sie[17]. Und nur wenn das ganze Volk ruchlos sein sollte, würde er zuletzt auch den Witwen und Waisen seinen Schutz entziehen, wie dies die Drohung in Jesaja 9, 16 ausspricht.

Gott als Beschützer und Schirmer der Witwen und Waisen, diese Anschauung ist im jüdischen Schrifttum so ausgeprägt, dass Israel mit den Waisen, Jerusalem mit der Witwe verglichen wird, und dadurch gesagt werden soll, dass beide auf immerwährende Treue und dauernden Schutz des Ewigen zählen können[18].

II. Sonderrechte der Waisen

Nehmen somit die Waisen im Rechtsleben eine bevor­zugte Stellung ein, indem sie unter dem besonderen Schutz der Gottheit stehen und mit qualifizierten Menschenrechten ausgestattet sind, so erfreuen sie sich ferner einer Fülle von Sonderrechten, indem sie von mancherlei Lasten befreit sind, die andere treffen, und Rechte genießen, die den übrigen Gliedern der Gesellschaft versagt sind.

Zur Leistung von öffentlichen Abgaben sind die Waisen, sofern sie hiezu in der Lage sind, nur dann ver­pflichtet, wenn es sich um Steuern handelt, die von der Ge­meinde festgesetzt worden sind, und nicht um freiwillige Beiträge. Besonders erwähnt werden im Talmud[19] die Stadtmauer, zu deren Erhaltung auch die Waisen beizutragen haben; ferner werden genannt die Stadtpfähle, der Reiter und der Waffenhüter, das ist derjenige Beamte, der die Posten der Stadttore mit Waffen zu versehen und diese zu beauf­sichtigen hat.

Es muss jedoch auch bei diesen öffentlich-rechtlichen Pflichten besonders beachtet werden, dass die Waisen nicht benachteiligt werden sollen, denn für ihre Vertreter, sowie für die Gesamtheit gilt der Grundsatz, von dem weiter unten noch zu reden sein wird, dass sie die Waisen nur berechtigen, aber in keiner Weise benachteiligen dürfen. Folgeweise dürfen die Waisen nur dann zu öffentlichen Abgaben herangezogen werden, wenn sie dadurch auch Vorteile erlangen. In der erwähnten Talmudstelle wird berichtet: „R. Papa legte die Steuer für die Grabung eines neuen Brunnens den Waisen auf. Da sprach R. Sescha, der Sohn des R. Idi, zu R. Papa: Vielleicht wird man nicht schöpfen können, d. h. vielleicht wird an dieser Stelle kein Wasser zu finden sein. Er antwortete ihm: Ich nehme von ihnen jedenfalls die Steuern an. Wird man schöpfen können, ist es gut, wenn aber nicht, gebe ich es ihnen zurück.” Als Regel wird im Talmud aufgestellt: „Zu jeder Sache, von der sie einen Nutzen haben, müssen auch die Waisen beitragen”[20].

Bestritten war bei den Lehrern des Talmuds, ob die Waisen selbst zur Leistung der üblichen A r m e n s t e u e r herangezogen werden können. Während Rabba der Ansicht war, dass den Waisen die Beiträge für die Armen auch auferlegt werden können, vertritt Abaje die entgegengesetzte Meinung und beruft sich auf eine Tossefta[21], in der es heißt, dass der Vormund nicht berechtigt ist, für die Waisen Ge­fangene auszulösen oder Spenden für sie in der Synagoge zu geloben, da dies Dinge sind, die nicht vom Gesetz festgelegt sind. Diese Meinung von Abaje wurde kodifiziert[22]. Rabba scheint der Ansicht gewesen zu sein, dass aus der erwähnten Tossefta nur zu entnehmen ist, dass die Waisen von a u ß e r o r d e n t l i c h e n Spenden, die dein freien Ermessen anheim gestellt sind, befreit sind[23]. Als er einmal die Waisen mit Almosenbeiträgen belegte und deshalb befragt wurde, sagte er: "Ich tue dies zu ihrer Ehre"[24].

Eine Fülle von Sonderrechten verleihen den Waisen eine eigentliche Ausnahmestellung im jüdischen Rechtsleben.

Den Waisen gegenüber gilt das Recht der Grenznachbarschaft nicht[25]. Haben die Waisen ein Grundstück ge­kauft, so sollen sie nicht belästigt werden, ein anderes zu suchen. Der Grenznachbar kann daher das Vorkaufsrecht, das ihm sonst nach jüdischem Recht zusteht, nicht geltend machen.

Die Waisen sind nicht verpflichtet ein Lösegeld zu zahlen, wenn ein in ihrem Eigentum stehendes Tier einen Schaden angestiftet hat (vgl. Ex. 21, 30); sie resp. ihre Vertreter haben nur die Entschädigung für den angerichteten Schaden zu leisten[26].

Die Waisen haben, solange sie nicht urteilsfähig sind, nicht die Fähigkeit, rechtsgültig auf irgendwelche Vorteile zu verzichten, weder auf ihr Eigentum, noch auf das Recht eine Übervorteilungsklage geltend zu machen[27]. Darum haftet auch kein Segen an dem Gute, das mit Waisengeld erworben wird[28].

Einige Bestimmungen auf dem Gebiete der Zwangs­vollstreckung sollen sodann die Waisen vor Eingriffen allfälliger väterlicher Gläubiger schützen[29]. Da ist zunächst normiert, dass die unmündigen Kinder (d. h. unter 13 Jahren) sich den Eingriff auch solcher Gläubiger, die auf Grund von pfandrechtlich sichergestellten Schulden des Vaters gegen sie auftreten, nicht gefallen lassen müssen[30]. Die Gläubiger müssen vielmehr warten, bis die Waisenkinder mündig ge­worden sind. Der leitende Gedanke dabei ist, dass möglicherweise die Gläubiger vorn Schuldner bereits vor dessen Tode befriedigt worden sind und dass den Waisen vor ihrer Mündig­keit die Möglichkeit fehlt, dies nachzuweisen. Das Gericht, als Vormund der Waisen, kann jedoch ausnahmsweise die Schulden sofort bezahlen, wenn dies den Waisen zum Vorteil gereicht.

Die mündigen Waisen haften in talmudischer Zeit für Schulden des Vaters n u r mit den im Nachlas befindlichen Immobilien; denn diese Immobilien sind ohne weiteres auf Grund der talmudischen obligatorischen Generalhypothek den Gläubigern zugänglich. Sind dagegen nur Mobilien vorhanden, so haften die Waisen mit diesen für die väterlichen Schulden nicht; immerhin ist es verdienstlich, wenn sie durch freiwillige Bezahlung der Schulden den guten Namen des Vaters erhalten[31]. Nach g a o n ä i s c h e r Verordnung haften auch die Mobilien den väterlichen Gläubigern. Im „Westen“ hat man sich jedoch auf diese Verordnung nicht gestützt, sondern, um das gleiche Ziel zu erreichen, in alle Schuldurkunden den Passus aufgenommen, dass Immobilien u n d Mobilien a u c h im Todesfall des Schuldners dem Gläubiger haften[32]. Für eigene Schulden, die die Waisen selbst oder die Vormünder in ihrer Vertretung begründet haben, haften sie und sind sofort zahlungspflichtig[33].

In diesem Umstand, dass die väterlichen Gläubiger ohnehin ursprünglich keinen Zugriff zum beweglichen Vermögen der Waisenkinder haben, mag die Tatsache ihre Erklärung finden, dass das Pfändungsverbot, das für die Witwe ausdrücklich normiert wird[34], nicht auch auf die Waisen ausgedehnt wird. Allerdings wird dieses Verbot in Hiob 24, 3 auf alle notwendigen Gebrauchsgegenstände erweitert und auch auf die Waisen bezogen. Die meisten alten Bibel­exegeten sehen aber den Grund für dieses in Deut. 24, 17 ausgesprochene Pfändungsverbot in Erwägungen, die lediglich auf die Witwe Bezug haben. Die Beschränkung des aus­drücklich normierten Pfändungsverbotes auf die Witwe dürfte somit darin ihren Grund haben, dass nach talmudischem Recht die Mobilien, sogar von den mündigen Waisen, dem Zugriff der Gläubiger ohnehin entzogen sind.

In diesem Zusammenhang sei auch auf die viel umstrittene Stelle in Maimonides, H. Teschuwa Kap. IV, § 3 hingewiesen, wo ausgeführt wird, dass eine vollständige Reue u. a. dadurch verhindert wird, dass jemand einen Ochsen für sich arbeiten lässt, der Armen, Witwen und Waisen gehört,
diesen hilflosen Menschen, die nicht bekannt sind, die viel mehr von Stadt zu Stadt wandern und deren Aufenthalt niemand kennt, so dass man bei ihnen erfragen könnte, wem der Ochse gehört, um ihn dem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Hierbei ist wohl auch an einen zu Unrecht zu P f a n d genommenen Ochsen gedacht, und wie sich aus dem Zusammenhang ergibt, ist dessen Pfändung auch bei Waisen verpönt[35].

Erwähnung verdient ferner die Bestimmung, dass die Forderungen der Waisen im siebenten Jahre, dem Jahre des Schuldenerlasses, nicht verfallen. Sie benötigen daher nicht das von Hillel eingeführte Prosbulinstitut, um den Verfall ihrer Forderungen zu vermeiden, denn dem jüdischen Gericht, welches „der Vater der Waisen” genannt wird, ist die Einziehung von deren Schulden ohne weiteres übertragen[36].

Bedeutsam für die Verwaltung der Waisengelder ist der auf Samuel zurückgehende Grundsatz, dass die Waisen nicht. so streng an die Bestimmungen des Zinsverbotes gebunden sind. Zwar ist auch ihnen die Annahme von eigent­lichen Zinsen für die von ihnen entliehenen Gelder untersagt, und als R. Anan behauptete, von Samuel das Gegenteil gehört zu haben, erwidert ihm R. Nachman : Darf man sie denn deshalb, weil sie Waisen sind, mit Verbotenem füttern[37]. Aber doch nehmen die Waisen hinsichtlich des Zinsverbotes insofern eine Sonderstellung ein, als deren Gelder „nahe zum Gewinn und fern vom Verlust” verliehen werden dürfen[38], d. h. man denkt sich die Waisen als stille Teilhaber am Geschäftsunternehmen, lässt sie aber mehr am Gewinn als am Verlust beteiligt sein. Diese Behandlung, die andern gegenüber als „Halbwucher“ verboten wäre, ist den Waisen gegenüber erlaubt, weil sonst ihr unverzinstes Kapital aufgezehrt würde, wenn sie bis zu ihrer Mehrjährigkeit davon unterhalten werden müssten. R. Asi rät, die Waisengelder unter den angedeuteten Bedingungen einem wohlhabenden Mann ins Geschäft zu geben, dessen Güter sicher sind und der die Vorschriften der Gesetzeslehre beobachtet[39].

Den Witwen und Waisen stand ferner das Recht zu, ihre Gelder im Tempe hinterlegen zu dürfen und dafür aus dem Tempelschatz unterhalten zu werden. Diese Gelder der Witwen und Waisen galten Allen als unantastbar; ihre Veruntreuung wurde als schweres Verbrechen empfunden. Im dritten Kapitel des zweiten Makkabäerbuches wird in anschaulicher Weise die gewaltige Aufregung geschildert, die sich des ganzen jüdi­schen Volkes bemächtigte, als ein Raub dieser Witwen- und Waisengelder geplant wurde. „Es wäre ein großer Frevel, dass man das Gold hinwegnähme und die, so das Ihre vertraut haben dem heiligen Tempel, der in aller Welt so hoch geehrt und gefeiert ist, um das Ihrige betrügen sollte“[40].

Diese Schilderung zeigt besser als alle Rechtssätze, wie lebendig der Gedanke der Unantastbarkeit der Waisengelder im jüdischen Volke wirkte.

Der heilige Charakter, der den Waisengeldern anhaftet, kommt auch in der halachisch bedeutsamen Analogie zum Ausdruck, welche im Talmud von R. Hanilai b. Idi im Namen von Samuel ausgesprochen wird: die Güter der Waisen gleichen den Gütern des Heiligtums und können nur durch Geld, nicht aber durch andere Erwerbsformen, erworben werden[41].

Doch nicht nur im Tempel, auch bei Männern aus dem Volke, vor allem bei Gelehrten, die das Vertrauen Aller ge­nießen, werden die Waisengelder deponiert. Wie genau man es mit deren Verwahrung nahm, ist einer Erzählung im Tal­mud Berachot 18 b zu entnehmen. Dem Vater des Samuel hatte man Waisengelder in Verwahrung gegeben. Als er starb, war Samuel nicht zugegen und man nannte ihn den Sohn des Waisengeldverzehrers, da der Verwahrungsort des Geldes unbekannt war. Da erscheint dem Samuel der Geist seines Vaters. Er fragt ihn: „Wo ist das Waisengeld?“ und erhält die Antwort: „Gehe, hole es dir aus der Mühlstein­pfanne; das obere und untere gehört uns, das mittlere den Waisen.“ Er fragt weiter: „Warum hast du es so gemacht?” Dieser antwortet: „Werden Diebe stehlen, so stehlen sie das Unsrige (das Obere), würde die Erde das Vergrabene zer­fressen, so zerfräße sie das Unsrige (das Untere)”. Mit solcher Sorgfalt hatte also Samuels Vater das ihm anvertraute Waisengut verwahrt.

III. Waisenfürsorge

Ganz besonders nimmt sich das jüdische Gesetz der armen und bedürftigen Waisen an. Bei der Gesetzgebung über die Verzehntung der Bodenfrüchte wird, neben den Priestern und Leviten, für die vom Schicksal Enterbten, die Armen, gesorgt. Der zweite Zehnt, der nach Jerusalem gebracht und dort am „heiligen Orte” in Naturalien oder in der entsprechenden Auslösungssumme verzehrt werden musste, wird in jedem dritten und sechsten Jahre zu einem Armenzehnt; d. h. nach Ablauf von je 2 Jahren in einer Schemitaperiode wird dieser Zehnt nicht für den Selbstgenuss in Jerusalem bestimmt, sondern er soll den Bedürftigen dargereicht werden, wobei die am Wohnort eines jeden lebenden Armen den Vorzug haben[42]. Neben den Leviten werden der Fremde, die Witwen und Waisen besonders genannt, welche von diesen Zehnt essen und sich sättigen sollen. „Alle drei Jahre sollst du den Zehnten deines Einkommens in demselben Jahre absondern und in deinen Toren lassen. Der Levite, der kein Teil und kein Erbe bei dir bekommt, der Fremde, die Waise und die Witwe, die in deinem Tore sind, sollen ihn essen und satt werden, damit der Ewige, dein Gott, dich bei aller Arbeit, die du vorhast, segnen möge”[43]. Bei der Schilderung der Gottesfurcht des alten Tobias wird besonders hervorgehoben, dass er die Zehntpflichten pünktlich erfüllt hat. „Er gab auch seine Erstlinge und Zehnten ganz treulich, also dass er allezeit im dritten Jahr den Fremdlingen, Witwen und Waisen ihren Zehnten gab”[44].

Neben diesem Armenzehnten haben die Witwen und Waisen zusammen mit den Fremden noch einen besonderen Anspruch auf die Nach l e s e auf dem Felde , auf die zurückgelassene Krone beim Ölbaum, auf die Einzelbeeren im Weinberg. „Wenn du auf deinem Ackerfelde erntest und vergissest daselbst eine Garbe, so kehre nicht um, sie zu nehmen, dem Fremdling, der Waise, der Witwe gehört sie, damit der Ewige, dein Gott, dich segne bei jedem Werk deiner Hände. Wenn du deinen Ölbaum schüttelst, so sollst du die zurückgelassene Krone nicht abbrechen, dem Fremd­ling, der Waise, der Witwe gehört sie. Wenn du Weinlese hältst auf deinem Weinberg, so sollst du die zurückgelassenen einzelnen Trauben nicht abnehmen, dem Fremdling, der Waise, der Witwe gehören sie“[45]. Diese Vorschriften ergänzen die bereits in Lev. 19, 9. 10 ausgesprochenen allgemeinen Be­stimmungen zugunsten der Armen und Fremden betr. die Ecken des Feldes und die Nachlese. Wie genau diese Vor­schriften betr. Nachlese in der Praxis befolgt werden, wird uns in den bekannten Stellen im Buche Ruth in herrlicher Weise beschrieben. Diese Abgaben an die Waisen passen sich, wie aus den angeführten Bestimmungen erhellt, den landwirtschaftlichen Verhältnissen an, die das jüdische Gesetz im Auge hat, und beziehen sich vornehmlich auf die Zeit, da die Juden als freies Volk auf eigenem Grund und Boden standen. Doch der Geist, der aus dieser ältesten jüdischen Waisenfürsorge spricht, überdauerte den jüdischen Staat und schwebte nicht nur den späteren jüdischen Wohlfahrtsbestre­bungen vor, sondern ist auch den meisten Völkern zum idealen Vorbild geworden. Seitdem die Juden in der Diaspora leben und nicht mehr jeder sich seines Weinbergs und seines Feigen­baums freuen kann, durften die erwähnten Abgaben nicht einfach aufhören, sondern mussten andere Formen annehmen. Wer heute nicht vom Ackerbau lebt, sondern aus seinem Handel oder Handwerk Gewinn zieht, soll sich nicht minder verpflichtet fühlen, seinen Verdienst zugunsten der Hilflosen zu begrenzen, auch in den geschäftlichen Unternehmungen nicht alles bis auf den letzten Halm einzuheimsen, nicht alles bis auf den letzten Rest für sich zu beanspruchen, sondern auch Witwen und Waisen etwas zu überlassen und ihnen eine Existenz zu ermöglichen.

Vor allem aber ist es ein Gedanke, der jenen auf länd­liche Verhältnisse berechneten Abgaben für die bedürftigen Waisen vorschwebt, der allen Wohlfahrtseinrichtungen zu­grunde liehen sollte.

Jene Gaben sind nicht als Almosen gedacht, welche die bedürftigen Waisen zu fordern haben. Es heißt nicht: „Du sollst sie ihnen geben“, sondern „dem Fremdling, der Waise und der Witwe gehören sie”[46]. Der Eigentümer des Feldes hat gar kein Recht an diesen Abgaben, nicht einmal die Dispositionsbefugnis steht ihm zu. Die Armen, Witwen und Waisen brauchen diese Gaben nicht vom Eigentümer zu erbitten und zu erbetteln, brauchen ihm nicht einmal zu danken, da sie ihnen ohne weiteres gehören. Und nicht einmal zugunsten eines bestimmten Bedürftigen kann der Eigen­tümer des Feldes von diesen Abgaben Besitz ergreifen. In diesem Punkt erfährt das im jüdischen Recht so stark ausgeprägte Institut des auftraglosen Erwerbes zugunsten Dritter eine Einschränkung, denn nur dann kann jemand zugunsten eines Dritten, ohne dessen Wissen, etwas erwerben, wenn kein anderer benachteiligt würde; hier aber würde durch Bevorzugung eines Armen ein Interesse aller übrigen gleichberechtigten Unbemittelten verletzt. Sie alle, sämtliche un­bemittelten Fremden, Witwen und Waisen sind Miteigentümer an jenen Abgaben.

Bei der Einheimsung des Ertrages auf dem Felde soll ihrer gedacht werden, ohne dass ihnen ihre Menschenwürde benommen wir, ohne dass sie zu Almosenempfängern ge­stempelt werden. Berechtigte Eigentümer sind sie, die Besitzlosen, an der Ernte des Begüterten. Nicht Gnade wird ihnen durch die Zuweisung der Abgaben erwiesen, sondern nur ihr gutes Recht wird ihnen zuteil.

Wie sehr das jüdische Gesetz die Menschenwürde der Hilflosen achtet, erhellt auch aus der Vorschrift, dass auch diese an den drei Wallfahrtsfesten mit nach Jerusalem genommen werden mussten. „Und du sollst dich freuen vor dem Ewigen, deinem Gotte, du, dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd und der Levite, der in deinen Toren weilt, der Fremdling, die Waise und die Witwe, die in deiner Mitte wohnen, an dem Ort, den der Ewige erwählen wird, seinem Namen dort eine Stätte zu geben“[47]. Zur Festfeier sollen sie, die Hilflosen und Bedürftigen, mit. den zur Gottesstadt wandernden Familien nach Jerusalem hinaufgenommen werden und nur dann sollen sich, wie Raschi zu Deut. 16, 11 bemerkt, dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd mit dir des Festes freuen, wenn du auch dem Leviten und dem Fremdling, der Witwe und der Waise Festesfreude bereitest. Die reine Einzelfreude soll eben nur „auf dem Boden des nationalen Gesamtgefühls” gefunden werden[48]. Nicht demütigende Almosen sollen den Witwen und Waisen gereicht werden; zu festlichen freudigen Veranstaltungen sind sie hinzuzuziehen, als Gäste, welche die Festesfreude erhöhen, deren Anwesenheit erst die wahre Festesfreude bedingt. Dieser Vorschrift fügt Maimonides die Worte hinzu: „Wer aber Haus und Hof vor ihnen verschließt und allein mit seinen Hausgenossen isst und trinkt und nicht Speise und Trank reicht den Armen und Sorgenbeladenen, der begeht kein Freudenfest, sondern ein Magenfest”[49]. Auch hebt Maimonides die allgemeine Pflicht hervor, dass bei allen festlichen Freuden und Friedensopfern neben den Hausgenossen auch die Witwen und Waisen hinzugezogen werden müssen[50]. Diese Gesetzgebung erwähnt Theodorius Dassovius, der gelehrte Kenner der hebräischen Altertümer, in seiner „vidua hebraea” als besonders nachahmenswert[51].

Auch sonst wurde bei Anlässen, die irgendwie in der Öffentlichkeit sich abspielten, der Waisen und Witwen be­sonders gedacht. An der Kriegsbeute scheint ihnen ent­sprechend ihrer sonstigen privilegierten Stellung gewohnheits­rechtlich vorzugsweise ein Anteil gewährt worden zu sein. Wenigstens wurde in der Makkabäerzeit ein Teil der Kriegsbeute ihnen zugewiesen[52].

In der Tossefta finden wir normiert, dass wenn gleichzeitig Waisenknabe und Waisenmädchen Nahrung verlangen und die Mittel nur ausreichen, sie einem zu gewähren, das Mädchen den Vorzug verdient[53]. Die gleiche privilegierte Stellung nimmt das Mädchen beim Verheiraten, resp. bei der Ausstattung ein. In der Mischna wird betr. der Ausstattungssumme folgendes gesagt[54]: Die arme Waise, die von der Armenpflege ver­heiratet wird, hat Anspruch auf mindestens fünfzig Denare als Heiratsgut und falls der Armenkasse genügende Gelder zur Verfügung stehen, hat sie sogar Anspruch auf eine standes­gemäße Ausstattung. Fünfzig Denare ist auch die mindeste Ausstattungssumme, die ein Vater seiner Tochter mitzugeben verpflichtet ist.

Diese in der erwähnten Mischna ausdrücklich normierte Pflicht der Armenbehörden, die Waisenkinder auszustatten, hat die palästinensischen Talmudgelehrten veranlasst, die Frage zu erörtern, ob die Verwalter der Armenkassen gezwungen werden können, eine Anleihe aufzunehmen, um die arme Waise zu verheiraten, falls keine Gelder vorhanden sind.

Im jerusalemischen Talmud wird eine Kontroverse zwischen R. Hanana und R. Jose erwähnt[55]. Der erstere behauptet, die Verwalter der Armenkassen hätten die unbedingte Pflicht, die armen Waisenkinder zu verheiraten und müssen auch, falls es an Geldern fehlt, zu diesem Zweck Anleihen aufnehmen. R. Jose verneint die Pflicht. „So ereignete es sich mit einem Waisenmädchen in den Tagen des R. Ami, dass man sie verheiraten sollte und die Armenkasse leer war. Da sagte er: „man lasse es bis zum Feiertage”. R. Zeira aber antwortete ihm: „Du verursachst ihr dadurch einen Schaden; man borge sich daher das nötige Geld und verlasse sich darauf, dass der Herr der Feiertage lebt”[56].

IV. Pfleger und Vormund

Doch alle Vorschriften über den Rechtsschutz der Waisen und ihre Sonderstellung nützen nichts, wenn die Obhut der Waisen nur der Gesamtheit obliegt und nicht ein Ein­zelner, als Vertreter der Gesamtheit, sich der hilflosen und unmündigen Mitmenschen annimmt. Sie bedürfen eines Pflegers und eines Schützers, der sie ernährt und erzieht, eines Ver­teidigers, der ihre Interessen wahrnimmt. Gaius (Institu­tionen I, § 189) meint, es sei eine bei allen alten Völkern verbreitete Sitte gewesen, dass die Väter ihren Kindern letztwillig Pfleger bestellten. Es wäre möglich, dass die Er­nennung eines solchen Pflegers in alter Zeit zusammen mit den übrigen Anordnungen in dem letzten Befehl (Zewaa) erfolgt ist. Ausdrücklich finden wir jedoch von einer solchen Bestellung eines Pflegers im mosaischen Recht nichts erwähnt, und es darf daher vermutet werden, dass zumeist der Vater keine ausdrückliche Wahl eines Pflegers vor seinem Tode vornahm, dass vielmehr die nächsten Verwandten die Pflegschaft über das Kind zu übernehmen hatten. Eine solche Pflicht der Blutsverwandten, für die unmündigen Kinder in der Familie zu sorgen, kann schon aus den eingehenden Vor­schriften in Lev. 25, 25. 47-49 gefolgert werden, in welchen den Blutsverwandten die Pflicht auferlegt wird, als Löser (Go’el) aufzutreten, nicht nur für einen Blutsverwandten, der selbst verkauft worden ist, sondern auch für dessen Feld, das von ihm, als er verarmte, ganz oder zum Teil verkauft werden musste. Diese innigen Beziehungen, welche der Gesetz­geber durch den ganzen weiten Kreis der Verwandtschaft walten lässt, ließen die Notwendigkeit eines eigentlichen Vor­mundschaftsrechts wohl nicht eintreten[57]. Diese Vermutung dürfte umso eher das Richtige treffen, als ja auch den nächsten Blutsverwandten die Pflicht oblag, durch Eingehung der Schwagerehe für die Witwe zu sorgen, wenngleich hierbei noch andere ideelle Gesichtspunkte mitspielen.

Aus diesem Umstand, dass die ganze Familie an Stelle der verstorbenen Eltern tritt und der unmündigen Kinder sich anzunehmen hatte, ist wohl auch die Tatsache zu erklären, dass dem mosaischen Recht die Adoption fremd ist. Zu diesem Surrogat brauchte nicht gegriffen zu werden, da das durch die Bande der Natur begründete Familienver­hältnis im jüdischen Rechtsleben im Vordergrunde stand, und die Unmündigen in den natürlichen Beziehungen der Liebe und des Vertrauens ihren Schutz fanden. Das Oberhaupt der Familie und letzten Endes der Stammesfürst war eo ipso der Vormund der Unmündigen und hatte, sie berechtigend und verpflichtend, deren Interessen wahrzunehmen[58]. Jemand aus der nächsten Verwandtschaft hatte sich des verwaisten Kindes anzunehmen und diese Kindesannahme erfolgte lediglich auf Grund des verwandtschaftlichen Verhältnisses, ohne dass es hiezu einer besonderen Bestellung oder Bestätigung bedurft hätte. Der einzige Pflegvater, von dem uns in den biblischen Schriften berichtet wird, ist Mordechai, der seine verwaiste Verwandte, Esther, an Tochter Statt angenommen hatte[59].

Da von eingesetzten Pflegern im mosaischen Recht nichts erwähnt wird[60], darf vermutet werden, dass dann, wenn in der nahen oder weiten Verwandtschaft kein Pfleger zu finden war, er seine Pflichten als Pflegevater erfüllte, die Gerichtsbehörden, als Vertreter der Gesamtheit die Vaterstelle annahmen. Diese Gerichte haben dann streng darüber zu wachen, dass die Sonderbestimmungen betr. die Waisen genau eingehalten werden. In einfachen Verhältnissen mag sich diese vormundschaftliche Tätigkeit der gerichtlichen Be­hörde selbst bewährt haben. Allmählich infolge Lockerung der Familiengemeinschaften werden sich jedoch die Fälle, da das Gericht selbst in Ermanglung eines Pflegevaters die Waisen zu bevormunden hatte, derart wiederholt haben, dass sich die Notwendigkeit ergab, stets und für jeden Fall einen besonderen Vormund zu bestellen. Da nun aber nicht mehr die natürlichen Bande der Liebe und der verwandt­schaftlichen Treue die Tätigkeit des Pflegers leiteten, sondern ein den Unmündigen Fernstehender durch letztwillige Ver­fügung des Vaters oder durch Anordnung des Gerichts zur Vormundschaft berufen wurde, mussten auch, analog den übrigen Rechtsinstituten, Rechtssätze aufgestellt werden, welche die Rechte und Pflichten des vom Vater oder von der Be­hörde bestellten Vormunds genau umschrieben. Dieser Vor­mund wird in der Mischna in Anlehnung an das griechische Wort mit dem Namen E p i t r o p o s bezeichnet. Die fremdsprachige Bezeichnung darf jedoch nicht zu dem Schluss ver­leiten, dass es sich bei dem talmudischen Vormundschaftsrecht auch inhaltlich um die Übernahme eines fremden Rechts­institutes handelt. Wenngleich das mosaische Recht vom Vormund schweigt, so werden sich doch bereits seit alter Zeit gewohnheitsrechtlich Bestimmungen betr. Vormund und Pfleger ausgeprägt haben, wie sich dies vor allem aus der im Talmud ausgesprochenen Ableitung des Vormundes von Num. 34, 18 ergibt[61]. Erst später, als sich infolge der oben angedeuteten Lebensveränderungen die Notwendigkeit hiezu ergab, wurde dieses Gewohnheitsrecht gesetztes Recht und die Rechte und Pflichten des Vormundes genau umschrieben. Das talmudische Vormundschaftsrecht gellt materiell seine eigenen Wege[62]. Dies zeigt vor allem die Tatsache, dass der dem römischen und griechischen Recht vertraute Gedanke, dass dem Vormund eine Gewalt über die ihm anvertrauten Mündel zustehe, dem jüdischen Recht, welches ja eine elterliche Gewalt im strengen Sinne nicht kennt, begrifflich fremd ist. Darin dürfte zugleich auch ein weiterer Grund dafür liegen, dass im  jüdischen Recht das Rechtsinstitut des Vormunds sich erst so spät entwickelt hat.

Der Schutz der elternlosen Kinder erschien dem jüdischen Gesetzgeber dadurch besser gewährleistet, dass die starke Be­tonung der gesamten familiären Verhältnisse den Ver­wandten die moralische Pflicht auferlegte, sich ihrer schutzbedürftigen Angehörigen anzunehmen, als durch recht­liche Konstruktionen über die Aufgaben und Befugnisse des Vormunds. Die Rechte und Pflichten, die dann später für den Vormund normiert wurden, regeln das vormundschaftliche Verhältnis in der Weise, dass dem Vormund in erster Linie die Pflicht auferlegt wird, als Vertreter der Waisen diese zu schützen; und wenn auch mit dieser Pflicht mannigfache Rechte verbunden sind, so nehmen diese doch nicht eine derartige Gestalt an, dass von einer Unterwerfung der Mündel unter seinen Willen und einer Gewalt des Vormundes ge­sprochen werden könnte. Das römische und griechische Recht hingegen, welches schon das Verhältnis der Eltern zu den Kindern nach streng juristischen Gesichtspunkten und im Sinn der Verleihung einer starben. Gewalt an den Vater regelt, musste den Elternlosen alsbald einen Ersatz zu verschaffen suchen für den ihnen entzogenen Schutz, der für sie in der väterlichen Gewalt ruht. Minderjährige, die keiner Ge­walt unterworfen waren, hatten im römischen und griechischen Rechtsleben keinen Raum. Im Vormund musste diesen schutz­bedürftigen Gewaltfreien ein Herr und Gebieter (tutor) gegeben werden, dem sie sich nicht nur anzuvertrauen, sondern auch zu unterwerfen hatten. Eine solche Vormundschaft, die den Vormund mit einer starken Gewalt über seine Mündel ausstattet (tutela est vis et potestas in capite libero Dig. XXVI 1, 1. pr.) ist dem jüdischen Recht fremd.

Die Vormundschaft wird im jüdischen Recht begrifflich dem Institut des Vertreters subsumiert. Der Vormund hat nicht in Form der auctoritatis interpositio in Aktion zu treten, d. h. durch seine Zustimmung unverbindliche Willenserklä­rungen des Mündels zu vollwertigen zu machen. Er hat vielmehr als direkter Vertreter die Interessen der Unmün­digen und Entmündigten wahrzunehmen. Die Grundsätze der im Talmud so gründlich ausgeprägten Vertretungslehre[63] finden in analoger Weise auf den Vormund Anwendung. Nur dass es sich hiebei um einen g e s e t z l i c h e n Vertreter handelt. Auftrag und Vollmacht, von einem Einzelwillen ausgehend, fehlen hier. Nicht die Durchführung eines vom Vertretenen erklärten Willens kommt hier in Betracht. Die Mündel sind ja, wenigstens zur Zeit ihrer völligen geistigen Unreife, überhaupt unfähig, rechtlich wirksam ihren Willen zu äußern. Der fehlende Einzelwille wird durch den Gesamtwillen ersetzt, der dem Vormund die Kraft verleiht, als gesetzlicher Vertreter für die Unmündigen zu erwerben, sie zu berechtigen und unter gewissen Voraussetzungen zu verpflichten. Nicht als Vertreter der Unmündigen erscheint der Vormund im jüdischen Recht; diese sind ja überhaupt vertretungsunfähig und können somit auch nicht die Vertretenen sein. Der vom Gericht bestellte Vormund ist vielmehr Vertreter der Behörde resp. der Gesamtheit. In ihrem Auftrage hat er die Inter­essen der Unmündigen wahrzunehmen.

„Die Gerichtsbehörde (Bet-Din) ist der Vater der Waisen”[64]. Diese Worte bilden das eigentliche Motto zu den. Ausführungen betr. die Mündel im Talmud und in den Kodifikationen. Sein Hauptaugenmerk richtet das jüdische Vor­mundschaftsrecht auf das „Bet-Din ”. Der einzelne Vormund muss in seinen Verwaltungshandlungen von der Behörde kon­trolliert und beaufsichtigt werden. Damit wir schon der erst in moderner Zeit in ihrer wahren Bedeutung erkannten Tätigkeit der Vormundschaftsbehörden das Wort geredet.

Keine Gerichtsbehörde darf sich dieser vormundschaftlichen Tätigkeit entziehen. Nullum erat forum aut Tribunal quod patris locum pupillis non ocupabat, so übersetzt Seiden die oben angeführte Parömie[65].

Die Behörde selbst ist der beste Vormund. Falls sie jedoch selbst die Vormundschaft nicht übernehmen will oder kann, so ist ihre erste Aufgabe die Bestellung des Vormunds[66]. Bei der Wahl des Vormunds hat die Behörde besonders darauf zu achten, dass sie einen zuverlässigen und wackern Mann zu diesem schwierigen Amte beruft, der sich der Waisen anzunehmen versteht. Ein Verwandter soll in der Regel nicht zum Vormund bestellt werden[67]. Bei der Einsetzung des Vormunds wird ein genaues Inventar des vorhandenen Aktivvermögens der Waisen, sowie der Schulden aufgenommen. Das Inventar wird doppelt ausgefertigt, das eine Exemplar Vertreter der Unmündigen erscheint der Vormund im jüdischen Recht; diese sind ja überhaupt vertretungsunfähig und können somit auch nicht die Vertretenen sein. Der vorn Gericht bestellte Vormund ist vielmehr Vertreter der B e h ö r d e resp. der Gesamtheit. In ihrem Auftrage hat er die Inter­essen der Unmündigen wahrzunehmen.

„Die Gerichtsbehörde (Bet-Din) ist der Vater der Waisen”[68]. Diese Worte bilden das eigentliche Motto zu den Ausführungen betr. die Mündel im Talmud und in den Kodi­fikationen. Sein Hauptaugenmerk richtet das jüdische Vor­mundschaftsrecht auf das „Bet-Din”. Der einzelne Vormund muss in seinen Verwaltungshandlungen von der Behörde kon­trolliert und beaufsichtigt werden. Damit wird schon der erst in moderner Zeit in ihrer wahren Bedeutung erkannten Tätig­keit der Vormundschaftsbehörden das Wort geredet.

Keine Gerichtsbehörde darf sich dieser vormundschaftlichen Tätigkeit entziehen. Nullum erat forum auf Tribunal quod patris locum pupillis non ocupabat, so übersetzt Selden die oben angeführte Parömie[69].

Die Behörde selbst ist der beste Vormund. Falls sie jedoch selbst die Vormundschaft nicht übernehmen will oder kann, so ist ihre erste Aufgabe die Bestellung des Vormunds[70]. Bei der Wahl des Vormunds hat die Behörde besonders darauf zu achten, dass sie einen zuverlässigen und wackern Mann zu diesem schwierigen Amte beruft, der sich der Waisen anzunehmen versteht. Ein Verwandter soll in der Regel nicht zum Vormund bestellt werden[71]. Bei der Einsetzung des Vormunds wird ein genaues Inventar des vorhandenen Aktivvermögens der Waisen, sowie der Schulden aufgenommen. Das Inventar wird doppelt ausgefertigt, das eine Exemplar erhält der Vormund, das andere Exemplar das Gericht zu Handen der Waisen.

Der Vormund muss sich bei der Verwaltung der Waisen­güter besonderer Sorgfalt befleißigen. In einen Prozess der Gläubiger des verstorbenen Vaters, den diese gegen die Waisen als seine Rechtsnachfolger anstrengen, braucht er sich nicht einzulassen. Die Gläubiger müssen vielmehr mit der Einreichung der Klage zuwarten, bis die Waisen volljährig geworden sind. Ein zugunsten der Waisen herbeigeführter Entscheid hat jedoch Rechtskraft. Der Vormund hat für den Unterhalt der Waisen entsprechend ihrem Stande und ihrem Vermögen zu sorgen.

Es ist niemand verpflichtet das Amt des Vormunds anzunehmen[72]. Hat es aber jemand einmal übernommen, so muss er es weiterführen und kann sich seiner Pflicht nicht ent­ziehen. Lediglich von der Behörde kann er wegen schlechter Führung der vormundschaftlichen Geschäfte seines Amtes ent­hoben werden und zwar schon auf unbewiesene Verdächti­gungen hin.

In der starken persönlichen Haftung des Vormunds für seine Tätigkeit kommt deutlich der Schutz zum Ausdruck, den das jüdische Recht den Waisen angedeihen lässt. In eingehenden Abhandlungen wird diese Haftung des Vormunds im Talmud sowie bei den Kodifikatoren bis in alle Einzelheiten normiert. Nur die Sonderstellung des Vormunds, seine Haftung betreffend, soll hier kurz ins Auge gefasst werden.

Während sonst im talmudischen Prozessrecht die Regel gilt, dass nur präzise, sichere Behauptungen den Beklagten zum Schwur verpflichten, muss der Vormund auch auf ungewisse, zweifelhafte Behauptungen hin schwören, dass er sich in seiner Geschäftsführung nichts hat zuschulden kommen lassen, seine Bücher genau geführt und nichts ver­untreut hat. Es ist dies der Manifestationseid der Mischna, den der Beklagte stets dann zu leisten hat, wenn der Kläger im Ungewissen ist, ob ihm überhaupt eine bestimmte Forde­rung zusteht, während er auf Grund eines besonderen recht­lichen Verhältnisses, das zwischen ihm und dem Beklagten besteht, zu einem gewissen Zweifel berechtigt ist. Neben dem Vormund sind zur Leistung dieses mischnischen Reini­gungseides noch verpflichtet der Gesellschafter, der Pächter, die geschäftsführende Ehefrau und der Haussohn[73]. Die erleichterte Zuschiebung des Schwures an diese Personen begründet der Talmud damit, dass bei diesen besonders zu befürchten ist, dass sie es mit ihren Pflichten leicht nehmen und sich eine unrechtmäßige Bereicherung erlauben[74]. Da die Genannten Geschäfte für andere besorgen, dies ist wohl der zugrunde liegende Gedanke, sind sie sich der Rechts­widrigkeit der Unterschlagung nicht immer bewusst, indem sie glauben, ein Recht zu haben, sich für ihre Mühe bezahlt zu machen. Um dem vorzubeugen, wurde die Pflicht dieser Personen zur Eidesleistung verschärft und auch auf unsichere Behauptungen ausgedehnt. Dabei geht das jüdische Gesetz von dem Gedanken aus, dass die Genannten, wenn sie auch einer Veruntreuung als Entgelt für ihre Mühewaltung sich ohne große Gewissensbedenken schuldig machen würden, doch vor einem falschen Schwur zurückschrecken werden. Dieser erschwerten Haftung unterliegt jedoch nach der von Abba Saul ausgesprochenen und kodifizierten Ansicht nur derjenige Vormund, der vom Gericht eingesetzt wurde, nicht aber der vom Vater bestellte Vormund, weil der von der Behörde ernannte Vormund durch die Bekleidung dieses öffentlichen Ehrenamtes einen guten Ruf genießt und er daher auch trotz der eventuell lästigen erschwerten Haftung sich nicht weigern wird, das Amt des Vormunds zu übernehmen, während dies bei dem vom Erblasser bestellten Vormund zu befürchten ist, weshalb dieser zur Leistung des Manifestationseides nicht verpflichtet ist[75].

Um den Vormund vor Schikanen zu schützen, sind diese Haftungsbestimmungen im Talmud in mannigfacher Hinsicht begrenzt worden. Die Klage gegen den Vormund muss sofort bei der Auflösung des vormundschaftlichen Verhältnisses eingereicht werden. Später kann diesem auf Grund unbestimmter Behauptungen kein Eid mehr zugeschoben werden[76]. Auch muss die angebliche Veruntreuung mindestens zwei Silberlinge betreffen[77]. Raschi mildert ferner die Haftung des Vormunds dadurch, dass er dessen Verpflichtung zum Manifestationseid nur dann als gegeben erachtet, wenn auf seiner Seite, wie auch beim biblischen Eid, ein Teilgeständnis vorliegt[78].

Doch der Vormund hat nicht nur vermögensrechtliche, sondern auch erzieherische Aufgaben. Vor allem soll er die Waisen im jüdischen Schrifttum unterweisen und zur Beobachtung der jüdischen Gesetze anhalten. Den Ertrag des Feldes, das der Vormund für die Waisen bestellt, muss er, bevor er ihn den Waisen zum Unterhalt zukommen lässt, verzehnten, denn „er darf die Waisen nichts unerlaubtes essen lassen”[79]. Desgleichen muss er für sie alle diejenigen Mizwot ausüben, für die bestimmte Vorschriften gegeben sind und die nicht in das Belieben des einzelnen gestellt sind. So werden Lulaw, Sukka, Megila, Schofar, Sefer Tora, Tefilin und Mesusa besonders genannt. Und auch an die Ausübung der­jenigen Mizwot, für welche keine bestimmten Vorschriften vorhanden sind, soll der Vormund die Waisen früh gewöhnen, um sie mit der Übung des Gesetzes vertraut zu machen.

Der erzieherische Teil der vormundschaftlichen Tätigkeit ist als der weitaus wichtigste der vermögensrechtlichen Ver­waltung an Bedeutung überlegen. Die Waisen in der eigenen Familie aufzuziehen ist deshalb die beste Waisenfürsorge, weil den Waisen dadurch die natürlichen Eltern ersetzt werden. Ein solcher Erzieher und Annehmer von Elternlosen zu sein, ist ein besonderes Verdienst[80] und derjenige, der eine Waise in seinem Hause erzieht, als ob sie sein eigenes Kind wäre, wird vom jüdischen Gesetz gleich gewertet, als ob er der Vater des Kindes wäre[81]. „Heil denen, die das Recht hüten und Gerechtigkeit üben zu jeder Zeit”, im Anschluss an diese Psalmworte (106, 3) bemerkt der Midrasch „das ist der­jenige, der eine Waise erzieht in seinem Hause”[82].

Die Erziehung der Waisen im eigenen Hause ist eine Tat, die für den Vollbringer den Lohn ohne weiteres in sich trägt;2 enn die ihm zu immerwährendem Dank verpflichteten Zöglinge werden ihn die Früchte seines edlen Werkes genießen lassen. So groß und selbstverständlich ist nach jüdischer Auf­fassung die Dankbarkeit der Waisen ihrem Pfleger gegenüber, dass sie im Talmud geradezu als Beispiel für dankbares Empfinden erwähnt wird[83].

Bei der Einschärfung der biblischen Vorschriften über die Pflichten gegenüber den Waisen wird gern an die S k l a v e n z e i t in Ägypten erinnert, die den Juden für immer eingeprägt hat, wie Rechtsbeugung schmerzt und was es be­deutet, in der Zeit der Unterdrückung eines Annehmers ent­behren zu müssen. Dankbare Empfindungen für die Befreiung aus der Knechtschaft sollen sich in stete Hilfsbereitschaft gegenüber den Schwachen umsetzen, die eines Beschützers bedürfen.


[1] Janisch, F. Kriegswaisen Fürsorge im Archiv für Rechts- und Wirtschaftsphilosophie Bd. IX, S. 344 ff. und C o h n, J ü d i sehe Kriegswaisen im jüdischen Jahrbuch für die Schweiz III. Jahrg. {1918/19), S. 212 ff.

[2] Deut. 24,17

[3] Deut. 27,19

[4] Hiob 29,12

[5] Auch bezüglich des Geschlechts kennt der jüdische Waisenbegriff keinen Unterschied, vgl. Tur Choschen Mischpat 247, 6 und Sma Ch.M. 247, 11.

[6] Ps. 82, 3

[7] Maimonides, Hilchot Sanhedrin 21, 6

[8] Maleachi 3, 5

[9] Ps. 68, 6.

[10] Deut. 10, 18

[11] Jes. 1,23; 10,2. Jer. 5, 28. Hiob 24, 3. 9.

[12] Ps. 94, 6

[13] Jes. 1,17

[14] Ex. 22,21

[15] Abarbanel, Perusch al Hatora zu Ex. 22, 21

[16] Vgl. Roschbarn z. St.

[17] Jes. 49, 11. Hosea 14, 4. Ps. 146, 9

[18] Echa. 1, 1 und 5, 3; vgl. Midrasch Rabba z. St. und Raschi zu Ps. 68, 6

[19] Baba Batra 8 a

[20] a. a. 0.

[21] Terumot I, 10

[22] Maimonides, Hilchot Matnot Anijim VI, 12. Sch. A. Jore-Dea 248, 3

[23] Vgl. Monumenta Talmudica, Recht von S. Gandz, S. 132 Anm.

[24] Baba Bathra a.a.O.

[25] Baba Mezia 108 b

[26] Baba Kama 40a

[27] Baba Mezia 22 b

[28] Pesachim 50 b

[29] Die sämtlichen, die Erhebung von Schulden bei den Waisen betreffenden Fragen werden eingehend erörtert in Choschen Mischpat, H. Gwijath Chow mehajethomim c. 107 bis c. 110.

[30] Choschen Mischpat c. 110

[31] Tur Ch.M. 107, 1. Maimonides H. Malwe XI, 8

[32] Maimonides II. iIalwe XI, 11. Tur Ch.M. 107, 13 ff. Sch. A. Ch.M. 107, 1

[33] Nachmanides vgl. Tur Ch.M. 110, 16 ff.

[34] Deut. 24, 17. Maim. H. Malwe III, 1. Ch.M. 97, 14

[35] Vgl. jedoch Rabed zur Stelle

[36] Gittin 37a

[37] Baba Mezia 70 a

[38] a. a. 0.

[39] Baba Mezia a.a.O. Main. H. Malwe IV 14

[40] II. Makk. 3,12

[41] Gittin 52 a

[42] Dieser Armenzehnt, der auch dritter Zehnt genannt wird, ist der Ersatz für den zweiten Zehnt im dritten und sechsten Jahre, und nicht als dritter Zehnt gedacht, der neben den beiden ersten Zehnten bestehen würde, was Josephus (Altertümer I. Band, IV. Buch, B. Kapitel, § 22) fälschlich anzunehmen scheint.

[43] Deut. 14, 28. 29; 26, 12. 13

[44] Tobias I, 6 ff.

[45] Deut. 24, 19 ff.

[46] Deut. 24, 19

[47] Deut. 16, 11.

[48] S. R. Hirsch zu Deut. 16, 14

[49] Maim. H. Jomtov VI, 18

[50] Maim. H. Chagiga II, 14

[51] Thesaurus antiquarum sacrarum Bd. 30, S. 1025. Vgl. auch Michaelis, Mosaisches Recht II, 348, der diesen Vorschriften besonderes Lob spendet.

[52] II. Makk. 8, 28. 30

[53] Ketubot VI, 8

[54] Ketubot VI, 5

[55] Jer. Talmud Ketubot VI, 5

[56] a.a.O.

[57] Vgl. Saalschütz, Mosaisches Recht, S. 811

[58] Num. 34, 18; vgl. die hieran sich anschließenden Bemerkungen in Kidduschin 42 a

[59] Esther II, 7. Die Vulgata übersetzt nutritius.

[60] Vgl. auch M i c h a e l i s, Mosaisches Recht II, 137

[61] Kidduschin 42a

[62] Vgl. Moses B 1 o c h, Die Vormundschaft nach mosaisch-talinudischem Recht (Jahresbericht der Landesrabbinerschule in Budapest 1903/04), die einzige bisherige Darstellung, die eingehend die Rechte und Pflichten des Vormunds behandelt.

[63] Die allgemeinen und speziellen Grundsätze der Stellvertretung im Jüdischen Recht habe ich in einer bionographie darzustellen versucht, deren allgemeiner Teil in Band XXXVI dieser Zeitschrift erschienen ist: der spezielle Teil wird demnächst folgen.

[64] Maim. H. Nachalot X, 5

[65] Selden, De succeesionibus ad leges Ebraecrum in bong defuncto­rum IX.

[66] Choschen Mischpat 110, 11

[67] Maimonides, H. Nachalot VIII, 2

[68] Maim. H. Nachalot X, 5

[69] Selden, De successionibus ad leges Ebraecrum in bona defancto­rum IX

[70] Choschen Mischpat 110, 11

[71] Maimonides, H. Nachaloth VIII,

[72] Choschen Mischpat 290, 23

[73] Mischna Schewuot VII, 8, vgl. Zeitschrift 36, 371.

[74] Schewuot 48 b

[75] Gittin 52 b. Vgl. auch Bloch a.aO. § 34

[76] Mischna Schewuot VII, 8 und Rif zu Schewuot 45 b, dem sich alle außer Rmah anschließen.

[77] Maim. H. Schluchin IX, 2

[78] Raschi zu Schewuot 48b

[79] Main, H. Nachalot XI, 9. Ch.M. 290, 14

[80] Midrasch Rabba Bereschit I, 1

[81] Sanhedrin 19 b

[82] Ketubot 50 a. Vgl. auch Hiob 31; 18

[83] Baba Batra 123 a

Leserbriefe:

12.12.2004

Zur Darstellung des jüdischen Waisenrechts von Marcus Cohn:

Bei der Lektüre des Artikels musste ich an vielen Stellen an die Bergpredigt von Jesus denken. Wie unrecht tut man der mosaischen Religion, wenn man sie als strenge, formale Gesetzesreligion einer christlichen Religion der Liebe und des Erbarmens mit den Schwachen gegenüberstellt, wie ich es im christlichen Religionsunterricht immer wieder erlebt haben!

Die jüdischen Wurzeln des Jesus von Nazareth können in seiner Lehre erkannt werden, und auch die Bergpredigt ist kein Neuanfang.

Juliane Rasch