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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - Rabbiner Dr. Arthur Cohn - Shylock

Beiträge zur jüdischen Kultur- und Literaturgeschichte



Vorbemerkung: Folgender Beitrag, als Vorlesung gehalten, ist 1907 erstmals in Druck erschienen. Durch die gründliche Recherche des Autors und wegen seiner klaren Analyse ist er auch nach einem Jahrhundert nicht nur aktuell, sondern spannend wie ein Krimi. Eine Lektüre, die die facettenreiche Betrachtungsweise von Shakespeare erst richtig bewusst macht. Dem Besucher des Theaterstückes "der Kaufmann von Venedig" kann nur empfohlen werden, diesen Beitrag zuerst zu lesen, um seinen intellektuellen Gewinn aus dem Stück zu steigern.

 

                     

 

Ist Shylock ein Jude?

 

Von Rabb. Dr. Arthur Cohn (1862-1926)

Soweit die europäische Kultur reicht, gehen alljährlich zwei Stücke über die Bühne, die uns als Juden ganz besonders interessieren und in uns Gefühle freudiger und stolzer Genugtuung oder Empfindungen schmerzlicher Entrüstung wecken: Lessings „Nathan der Weise” und Shakespeares „Kaufmann von Venedig”. Schildert uns das eine Stück einen edeldenkenden, hochsinnigen Juden, welcher in der Parabel von den drei Ringen der Welt das Hohelied von der gegenseitigen Toleranz und Duldung verkündet, so zeichnet uns das andere das Zerrbild eines Juden, der danach lechzt, seinem christlichen Feinde das Fleisch aus dem Leibe zu schneiden. Ebenso wie der Segen des ersten Stückes gar nicht zu ermessen ist, da es unserer Emanzipation vorgearbeitet und zur Beseitigung tief eingewurzelter Vorurteile viel beigetragen hat, ebenso kann auch der Nachteil nicht hoch genug angeschlagen werden, welchen die Darstellung des Shylock uns immer aufs neue bringt; denn mit dem Grauen, welches diese Figur im Herzen der Zuschauer erweckt, verbindet sich bei vielen die ohnehin gern geglaubte, weit verbreitete Meinung: so grausam-habgierig und unmenschlich sind alle Juden. Dabei haben wir nicht einmal die Hoffnung, dass dieses Stück sich einmal überleben und von der Schaubühne verschwinden werde, denn in seinen Adern pulsiert, um das Wort eines Dichters zu gebrauchen, das unsterblichste Blut, die ewige Poesie. Ist doch Shakespeare, der Verfasser des Shylock, der größte dramatische Dichter, der je gelebt hat. Bald werden dreihundert Jahre seit seinem Tode verflossen sein, und noch immer beschäftigt er Europa wie ein Zeitgenosse. Einen gewaltigen Herrscher in der Welt des Geistes nennen ihn mit Recht seine Bewunderer. Seine Werke sind in alle Sprachen übersetzt, und alle Zungen der Erde verkünden seinen Ruhm. Was er geschrieben hat, so urteilt ein bedeutender Literarthurhistoriker, hat nicht nur auf die Gemüter der Lesenden in allen Ländern eingewirkt, es hat das Seelenleben der Denkenden, Dichtenden, Schreibenden geformt, und kein Sterblicher hat, wie er, Umwälzungen und neue Anfänge in der Literatur der verschiedensten Völkern hervorgerufen. Geistes­revolutionen sind von ihm ausgegangen und sind wieder in seinem Namen beigelegt worden. Zum Unglück für uns Juden ist es gerade dieses gewaltige Genie gewesen, welches der Gestalt eines unmenschlich grausamen Wucherers jüdisches Gepräge und einen jüdischen Namen gegeben hat. Wäre Shakespeare nicht eine die geistige Welt beherrschende Größe, wir würden uns mit seiner gehässigen Schilderung des Juden leicht abfinden.

 

Eine Anekdote

Mir fällt dabei unwillkürlich die Anekdote von dem kuriosen ungarischen Grafen ein, der zu einem tüchtigen Maler geht und von dem Künstler verlangt, er solle ihm ein Bild seines in der Ferne weilenden Vaters entwerfen. Verwundert fragt der Maler, wie er denn ein Bild machen könne von Jemand, den er gar nicht kenne. Der Ungar aber findet dies gar nicht so schwierig, er beschreibt das Aussehen und die Kleidung seines Vaters, und da er seine Argumente mit einer bedeutenden Geldsumme unterstützt, so übernimmt der Künstler seinen Auftrag. Nach einiger Zeit liefert er das Bild ab, bei dessen Anblick der Sohn verwundert ausruft: „Ist das das Bild meines Vaters? 0, wie hat sich mein Vater verändert!”

 

Was wusste Shakespeare von Juden?

Ganz ähnlich geht es uns, wenn wir die so ganz falsch gezeichnete Gestalt des Juden Shylock erblicken. Wir können den großen Dichter nicht begreifen, der uns so ganz unrichtig geschildert und uns Züge angedichtet hat, von denen wir uns so völlig frei wissen. Doch wie konnte es auch anders sein! Hat doch Shakespeare die Juden gar nicht ge­kannt! Das Stück ist zwischen 1594 und 1598 verfasst worden, und vom Jahre 1290 an, also dreihundert Jahre vorher, bis zum Jahre 1660 haben Juden in England nicht wohnen dürfen. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Shakespeare niemals einen Menschen, der sich Jude nannte, von Angesicht zu Angesicht gesehen, und er kannte ihre Vorzüge und Fehler nur vom Hörensagen. Ja, er zeigt im Stücke selbst eine gewiss nicht rühmenswerte Un­kenntnis der jüdischen Geschichte. Am Ende des vierten Aktes behält Shylock das Leben und einen Teil seines Vermögens unter der Bedingung, dass er sich taufen lasse, und Shylock geht ohne Sträuben darauf ein. Kannte denn Shakespeare nicht die Geschichte der Juden und ihrer jüngsten Vergangenheit, wusste er nichts von den Juden in dem benachbarten Spanien und Portugal, die, weil sie ihr Judentum hochhielten, eines qualvollen Todes starben, von den Hunderten und Tausenden, die, vor die Wahl zwischen Tod und Taufe gestellt, auf dem Scheiterhaufen ihr Leben opferten?

Doch diese Betrachtungen allein nützen uns einem Shakespeare gegenüber nichts. Wie in jenem denkwürdigen Prozess (Dreyfus-Affäre), den wir alle vor Jahren miterlebten, können wir nicht, wie es sonst üblich ist, verlangen, dass man uns, als den Angeklagten, unsere Schuld nachweise, sondern wir müssen unsere Unschuld über jeden Zweifel erhaben dartun. So wollen wir denn zuerst dem Ursprung der Geschichte Shylocks historisch nachgehen, wobei wir zu einem interessanten Ergebnis gelangen werden, um dann den Spuren des Dichters zu folgen und seine Schil­derung einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Von der überaus umfangreichen Literatur über die Shylock-Frage sei hier nur hingewiesen auf die Stellung­nahme von Ihering und Kohler, zwei bekannt Juristen: Iherings „Kampf um's Recht” (Wien 1872) und Kohlers „Shakespeare vor dem Forum der Jurisprudenz“ (Würzburg 1883), sowie auf die an Materialien reiche histo­rische Arbeit von Grätz „Shylock in der Sage, im Drama und in der Geschichte“ (Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, 29. Jhg. 1880, S. 337 ff.).

 

Der Inhalt

Vergegenwärtigen wir uns zunächst kurz den Inhalt des Stückes. Der Dichter führt uns nach Venedig in eine Gesellschaft von leichtsinnigen, verschwenderischen Männern, die lustig in den Tag hineinleben, ohne an den folgenden Morgen zu denken. Einer von ihnen, Bassanio, möchte ehrenvoll seine Schulden tilgen, und hierzu scheint ihm die Heirat mit einer reichen Erbin die beste Aussicht zu bieten. Um sich jedoch standesgemäß ausstatten und die Reise zur Brautschau antreten zu können, bedarf er einer Geldsumme von dreitausend Dukaten. Er wendet sich an seinen Freund Antonio. Dieser, der königliche Kaufmann genannt, hat reichbeladene Schiffe auf allen Meeren segeln. Doch hat er sich in weit verzweigte Spekulationen eingelassen, so dass er seinem Freunde nicht mit barem Geld, sondern nur mit seinem Kredit aushelfen kann. Auch dieser ist nahezu erschöpft, und so wendet er sich notgedrungen an Shylock, einen jüdischen Wucherer, den er selbst oft öffentlich verhöhnt, angespieen und mit Füssen getreten hat. Shylock ist bereit, Bassanio auf Antonios Bürgschaft hin dreitausend Dukaten zinslos auf drei Monate zu leihen, wenn ihm das Recht eingeräumt wird, dem Antonio, wenn er den Schein nicht einlöst, ein Pfund Fleisch nahe dem Herzen ausschneiden zu dürfen. Der Schein wird unterschrieben.

Während Bassanio mit dem bei Shylock geliehenen Gelde ein üppiges Gastmahl für seinen Freund veran­staltet, entführt einer seiner Genossen Jessica, die einzige Tochter des Juden, und raubt zu gleicher Zeit die mit Dukaten gefüllten Säcke und die Edelsteine Shylocks. Hier ist der psychologische Punkt, von dem aus Shylocks Verhalten zu erklären ist. Was Wunder, wenn er, in seinen heiligsten Rechten gekränkt, von gerechtem Zorn entflammt, Rache brütet gegen seine Feinde, die den Reichtum seines Hauses, sein Gold, und den Reich­tum seines Herzens, sein einziges Kind ihm entrissen haben? Und wenn auch der Dichter den unglücklichen Vater in seinem Schmerze ausrufen lässt: er wünsche, seine Tochter wäre tot und die Dukaten wären in ihrem Sarge, so lässt ihn der Schmerz über das ungeratene Kind Worte reden, von denen sein Herz nichts weiß. Denn mit ganzer Seele hängt er an seiner einzigen Tochter, ihr Verlust ist es, der ihn rasend macht, so dass er, alle menschliche Rücksicht vergessend, nur noch den einen Gedanken kennt: Rache.

Inzwischen ist Bassanio am Wohnsitz der schönen und reichen Porzia angelangt, deren Vater vor seinem Tode angeordnet hat, dass sie, nur den heiraten dürfe, der von drei bestimmten Kästchen dasjenige wählt, in welchem ihr Bild sich befindet. Nur wer von dem Glanze des goldenen und des silbernen Kästchens ungeblendet das Gefäß aus Blei ergreift, der soll ihr Gatte werden. Bassanio trifft die richtige Wahl, und Porzia wird die Seine. Auf dem Gipfel des Glückes erhält er die Trauerbotschaft, dass sein Freund Antonio, dessen Schiffe zum Teil vernichtet und zerstört sind, am Verfallstage den Schuldschein nicht einlösen könne. Von Porzia mit einer großen Geldsumme ausgerüstet, reist er sofort nach Venedig, dem Freunde, wenn mög­lich, Hilfe zu bringen. Porzia eilt ihm nach, und in der Verkleidung eines jungen Rechtsgelehrten tritt sie vor das Gericht. In einer dramatisch bewegten Gerichtsszene, da Shylock auf seinem Schein besteht und schon das Messer wetzt, um dem Schuldner das Fleisch herauszuschneiden, wird das Urteil gefällt: es dürfe Shylock allerdings das Fleisch seinem Schein entsprechend nehmen, aber er dürfe keinen Tropfen Blutes dabei vergießen. Der Schein ist hiermit hinfällig geworden. Nunmehr wird Shylock zum Verluste seines Vermögens ver­urteilt, weil er dem Antonio nach dem Leben getrachtet, und nur auf die Fürsprache seines Feindes, der sich mit der Hälfte seines Vermögens begnügt, behält er die Nutznießung der andern Hälfte, die nach seinem Tode seiner Tochter zufallen soll. Shylock wird nur unter der Be­dingung begnadigt, dass er sich taufen lässt, wobei uns von unserem Standpunkte wohl die Frage erlaubt ist, ob denn das Christentum durch eine solche Taufe viel gewinnt. Denn dass durch die Taufe die grauenhaften Eigenschaften des Wucherers in ihr Gegenteil verwandelt werden, diesen naiven Glauben traut uns wohl der Dichter selbst nicht zu. Hiermit ist der wesentliche Inhalt des Stückes erschöpft, und wir übergehen daher den fünften Akt, der die Wiedervereinigung des Bassanio mit seiner Gattin schildert, obgleich gerade dieser Teil an poetischer Schönheit besonders reich ist.

 

Die Ursprünge der Legende

Woher hat nun Shakespeare, so müssen wir zunächst fragen, das Tatsächliche in seiner Erzählung? Welche sind seine Quellen gewesen, und welche historischen Momente liegen dem Drama zu Grunde?

Der Kern der Legende stammt aus ältester Zeit. Ein französischer Troubadour Herbers, der unter König Philipp von Frankreich in der Mitte des 13. Jahrhunderts lebte, erzählt zuerst die Geschichte, von der er selbst sagt, sie habe sich im grauen Altertum zugetragen (Loiselleur Deslongchamps, Essai sur les fables indiennes, II. Teil, S. 113ff.; vgl. Grätz a.a.O., S. 340). Ein tapferer Ritter, so berichtet er, der um ein schönes Fräulein wirbt, braucht, um das Mädchen seiner Wahl gewinnen zu können, ein Darlehen. Einer seiner Vasallen, dem er einmal den Fuß hatte abhauen lassen, bietet ihm das Geld unter der Bedingung, dass wenn die Summe nicht pünktlich be­zahlt wird, er das Recht haben solle, dem Ritter ein Stück Fleisch von seinem Leibe herauszuschneiden. Die Ver­fallszeit verstreicht, und der Gläubiger besteht aus Rachegefühl auf buchstäblicher Vollziehung des Vertrages, auf Ausschneiden eines Fleischstückes, wozu der König und die Gesetze ihm die Berechtigung zusprechen. Aber die junge Gattin maskiert sich als Richter und spricht ein anderes Urteil. Der Gläubiger soll das Fleisch schneiden, aber nicht mehr und nicht weniger als nach der Verab­redung, sonst würde er sein Leben verwirken. Hier ist der erste Ursprung der Fabel. Der hartherzige Gläubiger ist, wir konstatieren es mit allem Nachdruck, ein Nichtjude, den Rache zu seiner Grausamkeit antreibt.

In einer späteren ähnlichen deutschen Erzählung ist der Gläubiger ein nichtjüdischer Bürger. In den alteng­lischen Gesta Romanorum (Gesta Romanorum, das älteste Märchen und Legendenbuch des christlichen Mittelalters, ed. Grässe, 1842, S. 164) lässt sich der Kaufmann sogar das ganze Fleisch des Ritters verschreiben, es mit einem scharfen Messer zu schneiden „bis zu den Knochen“, der Richter entscheidet ganz so wie im Drama, der Gläubiger dürfe beim Schneiden keinen Tropfen Blut vergießen, - aber immer noch ist der Gläubiger ein Christ.

Noch eine andere Version finden wir im 14. Jahrhundert (vgl. Grätz a.a.O., S. 344). Danach hatten zwei Brüder in Dänemark einen Vertrag geschlossen, der den Reicheren von ihnen berechtigte, dem Ärmeren eine Handbreit Fleisch neben dem Herzen auszuschneiden. Der König aber spricht zu dem hartherzigen Bruder: „Nimm das Fleisch, wo es Dir gefällt, da aber das Blut meines Untertanen mir gehört, so bist Du des Todes, wenn Du nur das Geringste davon vergießest.” Auch die beiden Brüder dieser Erzählung sind Christen!

 

Die antijüdische Wandlung der Legende  

Erst einem Novellenschreiber am Ende des 14. Jahrhunderts - Giovanni Fiorentino hieß dieser Mann, dem wir Juden manche Be­schämung und manche bittere Stunde zuzuschreiben haben -, blieb es vorbehalten, einem Juden die gehässige Rolle des grausamen Gläubigers zuzuerteilen (Giovanni Fiorentino, Il Pecorone, 1378). Gianetto, ein reicher venezianischer Jüngling, so erzählt er, wirbt um eine reiche, vornehme Witwe, in dem Hafenort Bei­monte;  dieser Name kehrt bekanntlich bei Shakespeare wieder. Sein Stiefvater Ansaldo macht für ihn eine Anleihe von 10,000 Skudi bei einem Juden aus Mestre gegen den bekannten Schein, auf dessen Ausführung der Jude besteht, um, wie er meint, „sich rühmen zu können, dass der größte Kaufmann der Christenheit durch ihn den Tod erlitten habe”. Hier stehen wir vor der Fälschung. Fiorentino ist es gewesen, der an Stelle des nichtjüdischen Gläubigers den jüdischen gesetzt hat, Was mag ihn dazu bewogen haben? Grätz (Grätz a.a.O., S. 348) hat den Schlüssel gefunden, in dem er darauf hinwies, dass Fiorentinos Novellensammlung im Jahre 1378 herausgegeben wurde, also drei Jahrzehnte nachdem die Pest, genannt der schwarze Tod, ganz Europa verheert hatte. Dieser Seuche waren, ihrer mäßigen jüdischen Lebensweise wegen, nur wenige Juden zum Opfer gefallen, und so wurden sie von dem unverständigen Pöbel an vielen Orten der Brunnen- und Quellen-Vergif­tung angeklagt und in mehreren Städten hingemordet. So töricht dieser Wahn auch war, er wurde überall geglaubt, ja, er galt als gerichtlich bestätigt, da viele Juden auf der Folter ihr angebliches Verbrechen eingestanden hatten. Seit dieser Zeit traute man den Juden jede teuflische Bosheit zu.

Diesen Umstand benutzte Fiorentino, um seine Erzählung glaubhaft zu machen. Dass ein christlicher Kaufmann einem Ritter ein Pfund Fleisch sollte ausschneiden wollen, oder gar ein Bruder einem Bruder, wäre zu unwahrscheinlich! Nein! Ein Jude ist es gewesen. Um sich an dem Schmerz eines Christen zu weiden, hat er die harte Bedingung gestellt und lieblos auf ihrer Ausführung bestanden. Und nachdem einmal einem Juden die Rolle des grausamen Gläubigers gegeben war, wurde sie ihm nicht mehr abgenommen. Vielmehr wurden dem Juden immer mehr hässliche und widerliche Züge angedichtet (die weiteren Quellen s. Grätz a.a.O., S. 350ff.).

 

Das historische Vorbild des Shylock

Wir haben uns bisher auf die Abwehr der in der Person des Shylock allen Juden gemachten Vorwürfe beschränkt, indem wir nachwiesen, dass ein historischer Shylock nicht existiert, vielmehr mit Absicht aus der Person des christlichen Gläubigers ein jüdischer gemacht worden ist. Niemals ist ein Jude so hartherzig gewesen, einem Christen das Fleisch aus dem Leibe schneiden zu wollen. Wie aber, wenn der Vorgang umgekehrt gewesen wäre, wenn das, was man dem Juden angedichtet, sich wirklich zugetragen, jedoch so, dass ein Christ einem Juden das Fleisch habe ausschneiden wollen? Wir hören es staunend, und dennoch müssen wir sagen, es ist wirklich so gewesen. Nicht ein Legendenerzähler, ein Novellenschreiber oder ein drama­tischer Dichter, sondern ein Historiker - Gregoris Leti ist sein Name - berichtet uns folgendes (G. Leti, Vita de Sixto Quinto, Venedig, 1587). Im Jahre 1585 nahm der englische Admiral Drake die Stadt San Domingo auf der Insel Haiti ein und machte große Beute. Die Nachricht hiervon gelangte zuerst nach Rom in einem Brief an einen reichen christlichen Kaufmann namens Paolo Maria Sechi, der ein Interesse daran hatte, sie zu verbreiten. Er erzählte sie auch dem in der Gemeinde Roms angesehenen Juden, Samson Ceneda. Dieser hielt die Nachricht für unwahr, bestritt sie und sagte schließlich: ich will ein Pfund Fleisch von meinem Leibe verwetten, dass dies nicht wahr ist. Sechi erwiderte: und ich will gegen euer Pfund Fleisch tausend Skudi setzen, dass solches wahr ist. Ceneda blieb bei seinem Einsatz und bot Sechi die Hand mit den Worten: Wenn es dem Herrn gefällt, wollen wir eine Schrift darüber aufsetzen lassen. Sechi war damit einverstanden, und so unterschrieben beide in Gegenwart zweier Zeugen eine Schrift des Inhaltes: Wenn die Zei­tung falsch wäre, dass Drake zu der und der Zeit die Stadt San Domingo auf der Insel Hispaniola eingenommen, sollte Herr Paolo Maria Sechi verbunden sein, dem Juden Samson Ceneda tausend Skudi an barem Gelde und in gebräuchlicher Münze auszuzahlen. Umgekehrt sollte, wenn diese Nachricht wahr wäre, der erwähnte Sechi Macht haben, mit seinem wohlgeschärften Messer dem genannten Juden ein Pfund Fleisch von seinem Leibe herauszuschneiden und zwar an welchem Orte es ihm am besten gefallen würde. Vor Ablauf von drei Monaten traf die amtliche Bestätigung von der Eroberung der Stadt ein, und Sechi bestand auf seinem Schein und verlangte die Erfüllung desselben. Der bekümmerte Jude bot tausend Skudi. Sechi wollte von keiner andern Ge­nugtuung als der verschriebenen hören. Der Jude erbat die Vermittlung des Gouverneurs. Dieser berichtete die Sache dem Papst Sixtus V., der von 1585 bis 1590 regiert hat. Er ließ beide Parteien vor sich kommen, las den Schein und sagte zu Sechi: „Wer sich in Wetten einlässt, muss sie erfüllen. Nehmt euer Messer und schneidet in unserer Gegenwart aus dem Leibe des Juden, an welchem Orte es euch gefällt, ein Pfund Fleisch heraus. Doch wenn ihr ein einziges Quentlein zu viel oder zu wenig schneidet, müsst ihr ohne Barmherzigkeit hängen. So schärfe man das Messer und bringe eine richtige Wage herbei.“ Als Sechi dieses Urteil hörte, zitterte er und küsste tränenden Auges die Erde zu des Papstes Füssen und sagte: „Ich bin zufrieden, heiliger Vater, und verlange nichts als euren Segen und dass man den Schein zerreiße.“ Darauf fragte der Papst den Juden: "Bist auch du zufrieden?" Der Jude bejahte es. Da erwiderte Sixtus: „Wir aber sind nicht zufrieden. Welch ein Gesetz erlaubte euch solche Wetten? Die Unter­tanen der Fürsten, ja alle Menschen, haben nur den Ge­brauch ihres Leibes, sie dürfen ihn weder ganz noch teilweise ohne Erlaubnis ihrer Oberherren verkaufen.“ Man führte beide ins Gefängnis. Der Papst verlangte vom Gouverneur die schärfste Bestrafung beider, damit so ärgerliche Wetten künftig unterblieben. Der Gouverneur schlug dem Papste vor, jeden um tausend Skudi zu büssen. Allein der Papst verurteilte beide zum Galgen, weil sie mutwillige Totschläger seien. Auf Ansuchen der angesehenen Verwandten beider Parteien milderte er die Todesstrafe in Galeerenstrafe, und erst als sie schon die Ketten an den Füssen hatten, verwandelte er diese Strafe in eine solche von zweitausend Skudi, die zum Bau des Hospitals „Di ponte sisto” verwendet wurden. Soweit der Geschichtsschreiber.

Admiral Drake hat Domingo im Jahre 1585 erobert. Der Kaufmann von Venedig ist im Jahre 1594, neun Jahre später, zum ersten Mal aufgeführt worden. Es hat demnach der Dichter die Ereignisse, deren Zeitgenosse er gewesen, geradezu auf den Kopf gestellt, indem er den Juden in einen Christen, den Christen in einen Juden verwandelte.

Freilich wird der eine oder der andere die Frage aufwerfen: ist denn die Geschichte glaubwürdig, verliert sie nicht dadurch jeden Wert, dass sie eine alte Fabel als wahr ausgibt, die wir in den Legenden und Novellen vergangener Jahrhunderte gefunden haben?

Allein dieser Einwurf ist, wie Grätz (Grätz a.a.O., S. 401ff.) überzeugend ausführt, unberechtigt. In den alten Erzählungen handelt es sich um einen Schuldschein, den der in Not Befindliche seinem Gläubiger ausstellt. Ganz anders bei Gregoris Leti; er erzählt von einer unbedachten Wette, die ein Jude eingegangen. Das ist so unglaublich nicht, denn richtig bemerkt er selbst: Es gibt Wetten, die von solchen gemacht zu werden pflegen, welche eigensinnig auf ihrer Behauptung beharren, indem sie sprechen: ich verwette meinen Kopf, oder: ich verwette meine Hand. Äußerst bemerkenswert ist ferner, dass Leti ein Vorkommnis aus seiner eigenen Zeit schildert, welches in dem Moment, als er sein Buch herausgab, allbekannt gewesen sein muss. Wäre das Ganze erfunden, so hätte er befürchten müssen, Lügen gestraft zu werden. Er erzählt ferner die Geschichte anknüpfend an die außerordentliche auch sonst bekannte Strenge des Papstes Sixtus und bemerkt dabei, dass dieser nicht gewohnt war, von dem einmal von ihm ausgesprochenen Urteil abzugehen. Auch nennt er die Namen der Wettenden vollständig, nennt noch dazu den Kardinal Montalto, der ein Verwandter des Papstes war, an den sich die Freunde beider Parteien gewendet hätten, um eine Milderung des Todesurteils herbeizuführen. Das sind alles Anzeichen historischer Treue. Und endlich spricht ein Umstand überzeugend für die Wahrhaftig­keit der Erzählung: dass in ihr der Christ als der Grausame erscheint. Hätte der Schriftsteller die Ge­schichte erfunden, so hätte er gewiss dem Juden die Rolle der Hartherzigkeit zuerteilt, wie es die Legenden- und Novellen-Erzähler und Shakespeare selbst getan haben. Wir sind also zu dem überraschenden Ergebnis gekommen, dass der Christ Sechi das historische Vorbild des Shylock gewesen ist.

 

Juden in England zur Zeit Shakesperares

Doch was bestimmte Shakespeare, einem Juden eine so schimpfliche Rolle zuzuweisen? Hatte er vielleicht ähnliche Motive wie es diejenigen waren, die ihn ver­anlassten, Othello als Mohren zu schildern, während der historische Feldherr Venedigs ein Weißer war, der nur den Namen Mauro führte? Persönliche Gründe der Abneigung konnte Shakespeare, so sollte man meinen, gegen die Juden unmöglich gehabt haben, da sie zu jener Zeit schon dreihundert Jahre lang aus England verbannt waren. Über dieser Frage würden wir im Dunklen tappen, wenn nicht vor einiger Zeit ein englischer Schriftsteller namens Lee mit einer scharfsinnigen Untersuchung hierüber Licht verbreitet hätte (Lee, The original of Shylock; vgl. Grätz a.a.O., S. 390ff ). Ohne hier auf die in­teressanten Ergebnisse dieser Forschung im einzelnen einzugehen, sei nur soviel kurz erwähnt, dass aller­dings Juden in England nicht leben durften, wohl aber Maranen, so genannte Neuchristen, spanische Juden, die, um ihr Vermögen nicht zu verlieren, öffentlich sich zum Christentum bekannten, insgeheim aber Juden waren. Vor der spanischen Inquisition fliehend, scheinen eine Anzahl solcher Maranen in England ein Asyl gefunden zu haben, das ihnen aus politischen Gründen gerne gewährt wurde, da England sich damals mit Spanien im Krieg befand. Zur Zeit Shakespeares nun spielte ein Marane, d. h. also ein Christ, namens Rodrigo Lopez, von dem Jeder wusste, dass er heimlich ein Jude war, und den man wohl auch, besonders wenn man ihn herabsetzen wollte, den Juden nannte, eine hervorragende Rolle. Er wurde Leibarzt der Königin Elisabeth, und er wurde auch, da er fünf Sprachen beherrschte, im diplomatischen Dienste verwendet, besonders im Verkehr mit einem portugiesischen Prinzen namens Antonio - achten wir auf diesen Namen -, den die Königin als Schachfigur gegen ihren Todfeind, den König Philipp II. von Spanien, auszuspielen gedachte.

Die Einzelheiten interessieren hier nicht. Im Jahre 1594 gab es in England eine Art Dreyfus-Prozess, der die ganze damalige Welt in Spannung hielt. Lopez, der jüdische Marane, wurde, wie die Akten ergeben, fälschlich des Hochverrats angeklagt und beschuldigt, er habe den portugiesischen Prinzen und sogar die Königin vergiften wollen. Vergebens beteuerte er seine Unschuld; er wurde zum Tode verurteilt. Lange weigerte sich die Königin, das Urteil vollstrecken zu lassen. Schließlich gab sie nach, und Lopez wurde hingerichtet. Begreifen wir es nun, dass in England damals eine gehässige Stim­mung gegen die Juden herrschte, und dass, wie wir be­stimmt wissen, im Todesjahre des Lopez nicht weniger als drei Dramen aufgeführt wurden, welche alle die Juden in das hässlichste Licht stellten, und dass der Zulauf zu diesen Stücken ein außerordentlicher war. In eben demselben Jahre hat Shakespeare seinen „ „Kaufmann von Venedig", der ursprünglich „Shylock” hieß, aufführen lassen. Er trug also der Stimmung des Tages Rechnung, indem auch er den Juden als blutdürstig schilderte. Die Rücksicht auf jene Begebenheit macht es auch begreiflich, dass der Schuldner des Stückes, der eine so edle Rolle spielt, Antonio heißt, wie jener historische Feind des Juden Lopez, und dass im Stücke Antonio als der „königliche Kaufmann” bezeichnet wird, mit deutlicher Anspielung auf den portugiesischen Königs­sohn. Der Schauspieler, der damals als erster den Shylock gab, spielte die Rolle mit einem Bart, wie ihn Lopez trug, und hat diesen völlig kopiert.

Wir können demnach davon ausgehen, dass ein jüdischer Shylock in Wirklichkeit nicht existiert hat, und dass Shakespeare den christlichen Gläubiger in einen jüdischen verwandelt hat, um sich der durch den jüdischen Hoch­verratsprozess jener Tage hervorgerufenen judenfeind­lichen Stimmung anzupassen. Werfen wir nun wieder einen Blick auf das Drama selbst.

 

Das Drama selbst

Wohl selten sind über eine Rolle die Meinungen so weit auseinander gegangen, wie über die des Shylock. Diametral stehen einander die Ansichten und die Auffassungen gegenüber. In früherer Zeit wurde Shylock als Karikatur gespielt, als schmutziger, habgieriger, verworfener Jude mit krummer Nase und abschreckendem Aussehen, über den die Zuschauer nicht genug lachen konnten, wenn er rief: meine Tochter, meine Dukaten, meine Dukaten, meine Tochter.

Im Allgemeinen jedoch kann man sagen, dass heute viele denkende Christen eingesehen haben, wie schwer die christlichen Völker sich an den Juden im Mittelalter versündigt haben, dass man sich heute der Scheiterhaufen, die man für uns entzündet, der Prozesse wegen Brunnen­vergiftung, die man gegen uns angestrengt, und der unmenschlichen Martern schämt, denen man unsere Väter unterworfen. Heute ist auch die Auffassung des Shylock eine wesentlich andere geworden. Man sieht in ihm den Sohn eines unterdrückten Volkes, dem die Qualen, die man ihn erdulden ließ, dem der Hohn und der Spott, mit denen man ihn überschüttet, dem das Un­recht, dessen Opfer er allerorten aus keinem anderen Grunde geworden, als weil er ein Jude ist, den einen Ge­danken eingeben, der glühend seine Seele erfüllt, den Durst nach Rache. Seine Peiniger, seine Verfolger, die ihn gelästert und verhöhnt, die ihm sein einziges Kind, die ihm sein Gold geraubt, er will sie treffen in der Person des einen, den das Schicksal in seine Hand gegeben hat. Keinen Wert hat in seinen Augen das gleißende Gold, das sie ihm bieten, um seinen Feind auszulösen. Nur der Durst nach Rache lebt in seinem Herzen. So wird Shylock zu dem eigentlichen Helden des Stückes, neben dessen Größe die anderen Figuren wie Schemen ver­bleichen. Ja, manche Schauspieler stellen Shylock in der Gerichtsszene so dar, dass er nicht demütig und kleinlaut, sondern höhnisch fragt: „Ist das das Gesetz? Steht das im Gesetz?” und dass er dann äußerlich zwar gebrochen abgeht, aber innerlich triumphiert über die Ungerechtigkeit, die ihm angetan ward, welche die Erbärmlichkeit seiner Gegner kennzeichnet. Diese Auf­fassung hat zuerst der auch wissenschaftlich tüchtige Schauspieler Irving betätigt, der über Shylock sagt: „Ich betrachte Shylock als den Typus einer verfolgten Rasse, als beinahe den einzigen Gentleman und als den am meisten Verfolgten im Stücke.” Ähnlich findet auch Heine, „dass Shylock nächst Porzia die vornehmste Person des Stückes ist.”

Welches die eigentliche Meinung des Dichters selbst war, wer möchte dies mit jener Bestimmtheit sagen, die jeden Zweifel ausschließt, da er seine Ansicht nirgends unzweideutig ausgesprochen hat? Allein, so sympathisch uns die günstige Auffassung Shylocks als eines Märtyrers ist, und so sehr sie zu der jüdischen Geschichte des Mittelalters passen würde, so möchte ich doch, besonders mit Rücksicht auf die historischen Momente, die ich vorhin angeführt habe, bezweifeln, ob sie der Absicht des Dichters entspricht.

 

Shakespeare als Judenfeind?

Zwar ist Shakespeare gewiss kein Judenfeind ge­wesen; auch den Christen hat er im Stücke keineswegs ge­schmeichelt. Da ist Bassanio, ein leichtsinniger Glücks­ritter, der sein Vermögen vergeudet, Schulden gemacht hat und nun durch eine reiche Heirat sich finanziell aufrichten will. Da ist Antonio, ein weichlicher Charakter, von dem Heinrich Heine sagt, er sei der Mitschuldige eines der infamsten Hausdiebstähle, und nach dem Strafgesetzbuch würde er zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt werden. Da sind endlich die Schmarotzer, die gern an einer fremden Tafel speisen und sich an Weinen berauschen, die sie nicht zu bezahlen brauchen. Und wo bleibt die christliche Liebe aller dieser Freunde, da Antonio sich in Not befindet? Ganz Venedig weiß von dem Schuldschein und seiner schrecklichen Bedingung, und in ganz Venedig sind - man denke - nicht 3000 Dukaten aufzutreiben für den königlichen Kaufmann? Alle seine Freunde beschränken sich darauf, Shylock zu verdammen und zu verfluchen, eine Tätigkeit, die bekanntlich sehr billig ist, aber niemand denkt daran, seinen Geldbeutel zu öffnen, um ihm zu helfen, den verhängnisvollen Schein einzulösen. Können wir nicht überzeugt sein, Shylock hätte anders gehandelt, er hätte, so sehr er am Gelde hing, einen Freund in der Not nicht verlassen und seinem Todfeinde ausgeliefert? Auch an einer anderen Steile zeigt Shakespeare seine Vorurteilslosigkeit. Auf die Be­merkung der Tochter Shylocks: „Ich werde durch meinen Mann selig werden, er hat mich zu einer Christin gemacht“, lässt er ihr durch den Diener Lanzelot die Antwort geben: „Wahrhaftig, da ist er sehr zu tadeln, es gab unser vorher schon Christen genug, gerade so viel, als nebeneinander gut bestehen konnten. Dies Christenmachen wird den Preis der Schweine steigern. Wenn wir alle Schweinefleisch-Esser werden, so ist in Kurzem kein Schnittchen Speck in der Pfanne mehr zu haben.” Wie wenig muss Shakespeare von der Anschauung, dass nur das Christentum zur Seligkeit führe, gehalten haben, wenn er über einen so ernsten Gegenstand so losen Spott treiben kann.

Die Juden andrerseits kannte Shakespeare nicht. Und doch, wiewohl er nur wenig von jüdischen Eigentümlich­keiten gehört hat, wie hat er es verstanden, seinem Shylock in vieler Hinsicht ein echt jüdisches Gepräge zu geben. Jüdisch ist vor allem die ernste Lebensauffassung, die ihm eigen ist. Wie durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt, steht er den anderen Personen des Stückes gegenüber, den leichtsinnigen Schuldenmachern, den engherzigen Spekulanten, den Schmarotzern und Schmeichlern, die das Leben als eine Stätte des Genusses und des Vergnügens zu betrachten scheinen. Hoch schätzt er die Arbeit und die ernste Tätigkeit, auch darin ein treuer Sohn seines Stammes, und seinem trägen Diener, den er entlässt, ruft er zu: „in meinem Stock bauen keine Drohnen.” Wie hat vor allem der Dichter den uns Juden eigentümlichen Zug innigster Familien-Anhänglichkeit so gut getroffen. Wie muss Shylock seine Lea, seine Gattin, geliebt haben, da er ihr ein so treues liebreiches Andenken über den Tod hinaus bewahrt. Als er von seiner Tochter hört, dass sie auf der Flucht in Genua einen Ring hingegeben habe, um dafür einen Affen zu kaufen, ruft er schmerzvoll aus: „Du marterst mich, Tubal; es war mein Türkis, ich bekam ihn von Lea, als ich noch Junggeselle war; ich hätte ihn nicht weggegeben für einen Wald von Affen.“ Als während der Gerichtsszene Antonios Freunde schwören, sie würden, so groß auch ihre Liebe zu ihren Frauen sei, doch willig ihre Frauen opfern, wenn sie damit dem Freunde Rettung bringen könnten, sagt Shylock bei Seite: „So sind die Christenmänner; ich hab' ne Tochter, wär' irgendwer vom Stamm der Barrabas ihr Mann geworden, lieber als ein Christ!“ Ja, diese Liebe zu seiner ungeratenen Tochter, sie ist die Triebfeder zu Shylocks Handlungsweise. Er hat den Schein ursprünglich sicher nicht ernst genommen, da Antonio damals als ein außerordentlich reicher Mann galt, dem es nicht schwer fallen konnte, einige Tausend Dukaten zu zahlen. Erst als ihm ein Freund des Antonio seine Tochter entführt, da tritt jedes andere Gefühl hinter dem Verlangen nach Rache zurück. Shakespeare hat uns Juden nicht gekannt, und dennoch, wie wahr und jüdisch hat er die Liebe Shylocks zu seiner Tochter geschildert, und wie wohlbekannt und vertraut dünken uns die Laute, wenn der Dichter den sonst so harten Shylock die Worte sprechen lässt: „Jessica, mein Kind, Jessica, mein Kind!“

Sprechen diese schönen Eigenschaften des Shylock nicht für die poetische Gerechtigkeit, die der Dichter walten lässt, und dafür, dass er Licht und Schatten nicht gar zu ungleich verteilen will? Wahrlich, wenn wir alles recht erwägen, so müssen wir sagen, es hat der geniale Geist des Dichters, der Tagesströmung folgend, etwas Böses gewollt und etwas Gutes geschaffen; oder wenn wir jenem be­rühmten Dichter des Altertums glauben wollen, welcher sagte, dass ihn bei seinen Schöpfungen ein Genius be­herrschte, dessen Einwirkung er sich nicht entziehen könne, so hat auch hier der Dichter unter dem Einfluss seines Genius gestanden. Gleich jenem Redner, der das unglaubliche vollbringen wollte, den einen Teil seiner Zu­hörer lachen, den anderen weinen zu machen, hat Shake­speare die Gestalt eines Juden geschaffen, über den die oberflächlichen Zuhörer lachen, während die tiefer Denkenden weinen müssen über seine unaussprechlichen Leiden. Ja, ich möchte sagen, dass Shakespeare uns Juden gar nichts Böses tun wollte, dass er vielmehr den verfolgten Juden, natürlich von seinem Standpunkt aus, sozusagen folgerichtig geschildert hat.

Wohl hat Shakespeare uns sehr Unrecht getan, indem er einen Juden als blutgierig darstellte, wie er in freudiger Erwartung das Messer wetzt, um das Blut seines Feindes zu vergießen. Trifft uns doch kein Vorwurf so wenig wie dieser. Wir Juden haben ja eine Scheu vor dem Blut, die uns durch unser Religionsgesetz seit Jahrtausenden anerzogen worden ist. Wir dürfen das Blut von Tieren nicht genießen, und ein Stück Fleisch von einem lebenden Tiere herauszuschneiden, ist eines der ältesten göttlichen Verbote der Bibel, das bereits den Söhnen Noahs erteilt worden ist.

Der Dichter hat den Juden ferner Unrecht getan, indem er die Figur der Jessica schuf. Ein Modell für diese entartete Tochter, die ihrem Vater, der an seinem einzigen Kinde mit zärtlicher Liebe hängt, davonläuft, die ihn in gemeiner Weise bestiehlt, die den Verlobungsring ihrer Mutter für einen Affen hingibt, die die ärgsten Schmähungen über ihren Vater anhört, ohne zu erröten, konnte der Dichter in jüdischen Kreisen nicht finden. Galten doch Sittsamkeit und Keuschheit als die wesentlichsten Eigenschaften der jüdischen Mädchen, ist doch die Verehrung der Eltern bei ihnen verbreitet.

Ich weiß nicht, ob es ein Vorzug oder ein Nachteil des Stückes ist, dass so viele verschiedene Ansichten über die Grundidee desselben ausgesprochen werden konnten, ob ein Vorzug, da es ein Zeichen ist für seinen Reichtum an Gedanken, oder ein Nachteil, da es doch wohl ein Zeichen mangelnder Klarheit ist. Einige Kritiker meinen, die Tendenz des Kaufmanns von Venedig sei, „den Wert der Freundschaft” zu verherrlichen; ja, ein Schriftsteller nennt das Stück geradezu das „Hohelied der Freundschaft”. Allein diese Ansicht ist sicherlich verfehlt. Denn als Antonio seinem Freunde das Geld leiht und ihm zu Liebe den verhängnisvollen Schein unterschreibt, hatte er keine Ahnung davon, dass er sich wirklich einer Gefahr aussetzte. Denn in welchem Lichte müsste uns Bassanio erscheinen, wenn er leichtsinnig ohne zwingenden Grund seinen Freund in die höchste Not gebracht hätte.

 

Strenges Recht führt zu Unrecht

Der berühmte Shakespeare-Kritiker Gervinus sucht mit großem Scharfsinn darzutun, dass der Dichter in diesem Stücke das Verhältnis des Menschen zum Gelde habe schildern wollen, auf der einen Seite Männer, die dem Mammon gleichgültig gegenüberstehen, auf der andern Seite in Shylock den Mann, der das Geld zu seinem Götzen macht und dadurch zu Grunde geht. Allein diese Tendenz kann man dem Dichter schon darum nicht unterschieben, weil er gar nicht so übertrieben ideal war, den schnöden Mammon völlig zu verachten, sondern im Gegenteil ziemlich praktisch in Geldangelegenheiten dachte. So wissen wir, dass er in den Jahren 1603 oder 1604 einen armen Teufel, der in kleinen Quantitäten Malz bei ihm gekauft hatte, im Ganzen für 1 Pfund 19 sh 10 p gerichtlich belangen und sogar pfänden ließ. Es bleibt daher am wahrscheinlichsten, dass die Ansicht derjenigen Kritiker richtig ist, die meinen, Shakespeare habe in seinem Stücke die Wahrheit des Satzes beweisen wollen: „summum jus summa iniuria” d. h. das strenge Recht führt zu völligem Unrecht. Der Vater der Jessica hat von seinem väterlichen Recht einen allzu strengen Gebrauch gemacht; wie leicht hätte diese Ausübung seines Rechtes der Tochter verhängnisvoll werden können. Anderseits entzieht sich Jessica ihrem Vater. Das Unrecht, das sie tut, meint der Dichter, ist einem solchen Vater gegenüber Recht. Vor allem aber tritt diese Tendenz des Stückes in der Ge­richtsszene hervor. Formell hat Shylock Recht, doch die Vollziehung des Rechtes wäre in Wahrheit das höchste Unrecht. Der Dichter stellt demnach dem Prinzip der Gerechtigkeit dasjenige der Billigkeit gegenüber, und der Kern seiner Ausführungen gipfelt in Porzias Lobpreis der Gnade als des Höchsten und Edelsten, das Menschenherzen bewegt. Er will, wie die Kritiker sich kurz ausdrücken, der „Formenstrenge und Buchstabentreue des Judentums” das christliche „Prinzip der Milde und der Barmherzigkeit“ gegenüberstellen. Wie bitter Unrecht uns der Dichter mit dieser Tendenz tut, wenn sie ihm wirk­lich vor Augen schwebte, braucht wohl nicht gesagt zu werden. Woher stammt denn das Prinzip der Gnade und der Barmherzigkeit, wenn nicht aus den Schriften unserer Lehre, die Gott anrufen als barmherzig und gnädig, reich an Huld und Treue, die von Gott sagen, dass Er nicht den Tod will, sondern die Besserung und Veredelung des Sünders?!

 

Juden als Wucherer?

Endlich tat uns der Dichter Unrecht, indem er Shylock als Wucherer hinstellte und den wichtigen Umstand anzuführen vergaß, der ihm selbst vielleicht unbekannt war, dass man die Juden im Mittelalter zum Wuchern gezwungen hat. Man nahm ihnen das Recht, den Erd­boden zu bearbeiten, sie durften weder Häuser noch Ländereien besitzen, man machte ihnen die Ausübung des Handwerks unmöglich, denn die Zünfte nahmen sie nicht auf, und so blieb ihnen nur der Kleinhandel, das Hausieren und der Wucher. Im ganzen Orient hört man nichts von jüdischem Wucher, im Abendland jedoch war durch das kanonische Recht den Christen das Zinsnehmen gänzlich verboten, und nur den Juden wurde es gestattet. über diesen Punkt lässt sich manches sagen. Nicht nur Juden haben gewuchert, sondern auch Christen, selbst Bischöfe, Presbyter, Diakonen wurden von den Kirchen­vätern, von den ersten Konzilien und Synoden des Wuchers bezichtigt. Auf dem Konzil von Nicaea wurde der Wucher gerügt, und hundert Jahre später verhängte Papst Leo über geistliche Wucherer die härtesten Strafen. Zu Karls des Grossen Zeiten tadelte der Papst die französische Geistlichkeit wegen des Wuchers, und als Bernhard von Clairvaux während des zweiten Kreuzzugs von den Verfolgungen der Juden abriet, begründete er es damit, dass, wenn die Juden nicht da wären, die christ­lichen Wucherer es noch übler als die Juden machen würden.

Ja, man kann noch weiter gehen und sagen, nicht die Juden haben die Christen ausgepresst, sondern das Umgekehrte ist geschehen, die Juden waren der Gegenstand der Ausplünderung, der Beraubung, sie sind infolge ihrer Rechtlosigkeit von den hohen und niederen Behörden ausgebeutet worden. Ein bedeutender objektiver Histopriker sagt hierüber: Wie haben der Kaiser und die niederen Machthaber rücksichtslos und in empörender Weise die Juden bedrückt und ausgenutzt. Nicht nur be­zogen sie die Judensteuern, die sie nach Belieben erhöhten, sondern sie betrachteten sich auch durchaus als Eigen­tümer des baren Vermögens der Juden und ihrer ausstehenden Forderungen, als wären die Juden vermögens­rechtlich völlig ihre Sklaven. So gibt z. B. Kaiser Wenzel in den Jahren 1385-90 mehrere Erlasse heraus, laut denen die Bewohner der Länder Franken und Schwaben gegen bedeutende Zahlungen an die kaiserliche Kasse ihrer Judenschulden ledig gesprochen werden. Also dafür, dass man dem Kaiser eine gewisse Summe gab, erhielt man das Recht, seine jüdischen Gläubiger um ihr Geld zu prellen, um Zinsen und Kapital, das man von ihnen geliehen hatte. Wer war da der Ausbeuter und wer der Bewucherte? Wahrlich, jener Schrift­steller hat Recht, der sagt, die Fürsten betrachteten im Mittelalter die Juden wie einen Schwamm, den man sich vollsaugen lässt, um ihn gelegentlich nach Belieben auszupressen.

 

Shakespeares Judenbild

Jedoch abgesehen von diesen Irrtümern behaupte ich nochmals, dass Shakespeare die Juden nicht richtig, aber folgerichtig geschildert hat. Shakespeare kannte die Juden nicht, wohl aber wusste er von dem Druck und dem Elend, das sie litten, wie man sie hetzte und jagte von Stadt zu Stadt, von Land zu Land; wie man sie verhöhnte und verspottete; wie man sie beleidigte und beschimpfte und gegen die Tiere barmherziger war als gegen Juden. Niemand hat wie er das namen­lose Leid geschildert, das die Juden erduldet haben. Denken wir an die ergreifenden Worte Shylocks, als Antonio ihn um das Darlehen angeht:

Signor Antonio, so manches Mal

Habt Ihr auf dem Rialto mich geschmäht

Um meine Gelder und um meine Zinsen;

Stets trug ich's mit geduld'gem Achselzucken,

Denn dulden ist das Erbteil unsres Stamms.

Ihr nennt mich einen ungläubigen Hund

Von Halsabschneider, speit auf meinen Kaftan,

Bloß weil ich nutze, was mein eigen ist.

Gut denn, nun zeigt es sich, dass Ihr mich braucht.

Wohlan, jetzt kommt Ihr zu mir, und Ihr sprecht:

„Shylock, wir wollen Geld.” Ihr sprecht so, Ihr,

Der mir den Speichel auf den Bart geworfen

Und mich getreten, wie Ihr von der Schwelle

Den fremden Hund stoßt; Geld ist Euer Begehren.

Wie sollt' ich sprechen nun? Sollt' ich nicht sprechen:

„Hat ein Hund Geld? Ist's möglich, dass ein Köter

„Dreitausend Dukaten leih'n kann?” Oder soll ich

Mich bücken und in eines Sklaven Ton,

Demütig wispernd, mit verhaltnem Atem,

So sprechen: „Schöner Herr, am letzten Mittwoch

„Spiet Ihr mich an; Ihr tratet mich am Freitag,

„Ein andermal hießt Ihr mich einen Hund:

„Für diese Freundlichkeiten will ich Euch

„Die und die Gelder leih'n”.

Und hat jemals ein Dichter gewaltiger und erschüt­ternder das Weh geschildert, welches das Herz des Juden wegen seiner Paria-Stellung erfüllt, als es Shakespeare getan, indem er Shylock auf die Frage: was willst du mit dem Fleische? antworten lässt: „Fische mit zu ködern. Sättigt es sonst niemanden, so sättigt es doch meine Rache. Er hat mich verächtlich gemacht, mich um 'ne halbe Million gebracht; meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde abspenstig gemacht, meine Feinde gehetzt. Und was hat er für Grund? Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Hände, Organe, Gliedmaßen, Sinne, Empfindungen, Leidenschaften? Ist er nicht mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, erwärmt und durchkältet von eben dem Winter und Sommer wie ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir's euch auch darin gleich tun. Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muss seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nu, Rache. Die Bosheit, die ihr mich lehrt, die will ich ausüben, und es müsste schlimm zugehen, wenn ich es nicht meinen Meistern zuvortun sollte.“

Mit dem Seher-Auge des Dichters schaut Shakespeare in das Herz des Juden, den man mit Füssen getreten, den man aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen hat; er vergegenwärtigt sich sein Seelenleben, und er musste zu der Überzeugung kommen, dass ein Jude, misshandelt und gepeinigt, wenn die Gelegenheit zur Rache sich bieten würde, grausam und unmenschlich sich rächen werde. Wenn man einen ganzen Volksstamm Jahrhunderte lang wie Tiere behandelt, muss er nicht vertieren? Wenn man ihm gegenüber jede Regung der Menschlich­keit vergisst, muss er nicht verrohen? Krümmt sich nicht auch der Wurm, wenn er getreten wird, nach Durst nach Rache? So hat Shakespeare gedacht, und ich wiederhole es, er hat folgerichtig gedacht. Dass er bei aller logischen Schärfe seines Denkens und bei aller Sehergabe des Dichters die Juden, die er gar nicht kannte, grundfalsch geschildert hat, das kommt daher, weil er eines in Rechnung zu ziehen vergaß: Gott und seine Lehre, die ihren veredelnden Einfluss auf die Juden ausübte. Man betrachtet es mit Recht als eines der größten Wunder der Weltgeschichte, dass die Juden, so gering an Zahl, verfolgt und bedrängt, sich erhalten haben im Sturm der Zeiten. Ein noch viel größeres Wunder aber ist es, dass sie nicht moralisch verkommen sind. Dass sie Juden blieben, dass sie nicht, wie der Dichter meint, der heiße Wunsch nach Rache erfüllt, dass sie nach allem, was „christliche Liebe“ ihnen in den Jahrhunderten der Verfolgung angetan, ihnen das warmfühlende jüdische Herz bewahrt blieb. Das ist der Einfluss der Tora und ihre veredelnde Kraft. Shakespeare, der Juden nicht gekannt hat, konnte all das nicht wissen, und man kann ihm keinen Vorwurf daraus machen. Er hat die Juden geschildert, wie sie hätten sein müssen, wie sie jedoch nicht waren.

 

Aus dem Drama zwingende Schlüsse

Die Dichtung soll uns ein Spiegelbild des Lebens geben. Shylock zeigt den christlichen Völkern, was sie aus den Juden hätten machen können, und dass sie trotz aller Qualen und Leiden, die sie ausgestanden haben, nicht ent­arteten, die Juden nicht zu Shylocks hat werden lassen.

Und ist Shakespeare nicht auch darin der geschicht­lichen Wahrheit treu geblieben, dass im Stücke ebenso wie im Leben es schließlich der Jude ist, der benach­teiligt und um Hab und Gut gebracht wird? Nicht nur wird er um die dreitausend Dukaten, die er Antonio geliehen hat, geprellt; Antonio nimmt auch keinen Anstand, sich die Hälfte von Shylocks Vermögen anzueignen, und diese Übervorteilung erscheint umso widerlicher, als sie in heuchlerische Rechtsformen gekleidet ist.

Kein Geringerer als der Rechtswissenschaftler Rudolf von Ihering hat es gewagt, den Spruch der Porzia heftig zu tadeln und von Shylock zu erklären (Ihering, Der Kampf ums Recht, 1872, 1. Aufl., S. 64f): „Er ist in der Tat um sein Recht betrogen. So wenigstens muss der Jurist die Sache ansehen. Der Schein an sich war allerdings nichtig, da er etwas Unsittliches enthielt; der Richter hätte denselben also von vornherein aus diesem Grunde zurückweisen müssen. Tat er es aber nicht, ließ der „weise Daniel” denselben trotzdem gelten, so war es ein elender Winkelzug, ein kläglicher Rabulistenkniff, dem Manne, dem er bereits das Recht zugesprochen hatte, vom lebenden Körper ein Pfund Fleisch auszu­schneiden, das damit notwendig verbundene Vergießen des Blutes zu versagen.”

An einer anderen Stelle verherrlicht derselbe Jurist geradezu Shylock, weil er mit den Worten: „ich fordere das Gesetz, ich stehe hier auf meinem Schein”, sein Recht verlangt. „Wie mächtig”, sagt er, „wie riesig dehnt sich die Gestalt des schwachen Mannes aus, wenn er diese Worte spricht. Es ist nicht mehr der Jude, der sein Pfund Fleisch verlangt, es ist das Gesetz Venedigs selber, das an die Schranken des Gerichts pocht, denn sein Recht und das Recht Venedigs sind eins; mit seinem Rechte bricht letzteres zusammen. Und wenn er selber dann zusammenbricht unter der Wucht des Richterspruches, der durch schnöden Witz sein Recht vereitelt, wenn er, verfolgt von bitterem Hohn, geknickt, gebrochen, mit schlotternden Knien dahin wankt, wer kann sich des Gefühls erwehren, dass mit ihm selber das Recht Venedigs gebeugt worden ist, dass es nicht der Jude Shylock ist, der von dannen schleicht, sondern die typische Figur des Juden im Mittelalter, jener Paria der Gesellschaft, der vergebens nach Recht schreit? Die gewaltige Tragik seines Schicksals beruht nicht darauf, dass ihm einfach das Recht versagt wird, sondern dass er, ein Jude des Mittelalters, den Glauben an das Recht hat,  man möchte sagen, dass er sich für ebenso gut hielt, wie ein Christ einen felsenfesten Glauben, den nichts beirren kann, und den der Richter selber nährt, und dass dann wie ein Donnerschlag die Katastrophe über ihn hereinbricht, die ihn aus seinem Wahn reißt und ihn belehrt, dass er nichts ist als der Jude des Mittelalters, dem man sein Recht gibt, indem man ihn darum betrügt.“

Wir zeigten, dass es einen jüdisch-historischen Shylock nicht gibt, wohl aber einen christlichen, und dass aus dem christlichen Gläubiger mit Absicht ein jüdischer gemacht worden ist. Wir sahen, was an Shylock jüdisch und was unjüdisch ist, wiesen die Irrtümer des Dichters nach und erklärten, wie er zu seinen Irrtümern kam. Vielleicht wird man im Licht der wachsenden Aufklärung erkennen, dass es nicht nur keinen Shylock unter uns gegeben hat, sondern dass es gerade die vorn jüdischen Volk getragene Lehre ist, welche die Grundsätze der Barmherzigkeit, der Gerechtig­keit und der Nächstenliebe im Leben verbreitet sehen will.