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JÜDISCHES RECHT

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Rechtswörterbuch - Rabbiner Dr. Arthur Cohn

Beiträge zur jüdischen Kultur- und Literaturgeschichte

Raschi

Einleitung

Am 1. August 1905 (29. des hebräischen Monats Tamus des Jahres 5665 nach der Erschaffung der Welt)  waren achthundert Jahre seit dem Tage verflossen, an welchem Raschi gestorben ist. Aus diesem Anlass hielt Rabbiner Dr. Arthur Cohn vor seiner Gemeinde zu Basel einen Vortrag über Raschi. Dieser Vortrag erschien im Druck und wird hier mit leichten redaktionellen Korrekturen, die sich schon allein aus dem zeitlichen Abstand von einhundert Jahren ergeben, neu veröffentlicht.

Über Raschis Arbeit, Wirken und Bedeutung wurde bereits im Laufe der Jahrhunderte vieles geschrieben. Diese Arbeit ermöglicht einen weiteren Einblick in die Persönlichkeit dieses bedeutenden Mannes, in die Zeit und die Umstände, in denen er lebte. Vor allem gibt sie einen Überblick über die Legenden, die ihn umranken, die wesentlich für das Verständnis der Person Raschis und seiner Zeit sind.


Raschi
Ein populärwissenschaftlicher Vortrag von Rabb. Dr. Arthur Cohn

Wer war Raschi?

So wird sich auch mancher Jude fragen. Dass diese Frage überhaupt gestellt werden kann, ist ein bedauerliches Zeichen dafür, dass sehr viele Juden der jüdischen Geschichte und Literatur, den großen Geistern, die unser Volk hervorgebracht hat, und den führenden Männern, die auf Jahrhunderte hinaus dem geistigen Leben die Richtung gegeben und die Wege gewiesen haben, gleichgültig gegenübertreten. Die jüdischen Philosophen, die jüdi­schen Dichter, die jüdischen Denker sind für zahllose Glaubensgenossen unbekannte Größen. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte jeder Jude auf die Frage, wer ist Raschi, geantwortet: Raschi, das ist der bekannteste Erklärer des Bibelwortes, das ist der Kommentator des Tal­muds, der den Talmud dem Studium zugänglich gemacht, ihn vor Vergessenheit bewahrt und seine Schätze der Nachwelt erhalten hat.

Die Geschichte der zwei Schüler

Der babylonische Talmud (Taanit 21 a) erzählt einmal von zwei Jünglingen, die mit Hunger, Not und Entbehrungen aller Art kämpfend, dem Studium oblagen. Der eine hielt es nicht mehr länger aus, er verließ das Lehrhaus und wurde ein Kaufmann, der es im Laufe der Zeit zu großem Reichtum brachte. Der andere war ausdauernder. Er blieb dem Studium treu und wurde ein berühmter Gelehrter. Der Name des Reichen wird kaum mehr genannt; aber das Andenken des Rabbi Jochanan wird vom jüdischen Volke gesegnet, hat er doch den Jerusalemer Talmud, dieses so überaus wichtige Quellenwerk, redigiert.

Die Schätze, die Raschi der jüdischen Welt gebracht hat, waren rein geistiger Natur. Mit Glücksgütern war er vermutlich nicht sehr gesegnet, aber die unsichtbare Krone, die er trug, war diejenige, die im alten Judentum als die höchste galt: die Krone der Wissen­schaft!

Hier wird ein Versuch unternommen, Raschi den Zuhörern ein wenig näher zu bringen. Über einen Mann der strengen Wissenschaft, wie es Raschi war, ist es leichter, ein gelehrtes Buch zu schreiben, als sein Wesen und seine Bedeutung den Nicht-Gelehrten verständlich zu machen.

Deshalb möchte ich zunächst die Legenden erzählen, die den Namen Raschi umgeben, und die davon Zeugnis ablegen, welche imponierende Wirkung er auf die jüdische Welt ausgeübt, und wie der jüdische Volksgeist sich mit dem großen Mann beschäftigt hat.

Die Legende von der Perle

In Troyes in Frankreich lebte am Anfang des elften Jahrhunderts ein frommer Jude namens Isaak (Hebräisch Jizchak), der sich und seine Frau durch einen kleinen Handel rechtschaffen ernährte. Er lebte froh und zufrieden, und nur der Umstand, dass Kindersegen ihm versagt war, trübte sein Glück. Es war die Zeit, die den Kreuzzügen voranging. Abenteuerlust, Tatendrang und Ruhmbegierde veranlasste viele Helden, einzeln oder in kleinen Scharen den Orient mit seiner Wunderwelt aufzusuchen, um an den „heiligen Gräbern” zu beten und nach glücklich bestandenen Kämpfen in die Heimat zurückzukehren. Da kam einmal ein fahrender Ritter, der sich kaum noch auf seinem Streit­ross aufrecht halten konnte, nach Troyes, wo er im Krankenhaus Aufnahme fand. Er bat einen Wärter, ihm einen zuverlässigen Handelsmann zuzuführen, mit dem er, ohne übervorteilt zu werden, einen Handel abschließen könne. Der Jude Isaak, der allgemein als ein außerordentlich ehrlicher Mann galt, wurde gerufen, und der Ritter zeigte ihm eine kostbare Perle von seltener Größe und Reinheit, die er im fernen Osten erbeutet hatte, die er niemals hatte von sich geben wollen, von der nun aber die Not ihn zwang, sich zu trennen. Der Ritter verlangte für die Perle zehntausend Franken. Isaak, der ein so großes Vermögen nicht besaß, lieh von Freunden und Bekannten, die ihm vertrauten, den Rest des Geldes und kaufte die Perle, die er am Hofe des prunkliebenden Königs von Frankreich für einen höheren Preis zu ver­kaufen gedachte. Schon rüstete er sich zur Reise nach Paris.

Inzwischen aber hatte sich bereits die Kunde von dem seltenen Kleinod des Juden in Stadt und Land herumgesprochen, und viele kamen, um die Perle zu bewundern. Eines Tages erschien auch der Prior eines reichen Klosters der Nachbarschaft, und er fasste den Entschluss, die Perle als Schmuck für ein wundertätiges Altarbild, das dort verehrt wurde, zu kaufen. Isaak erschrak, als er es hörte. Nach seiner tiefinnerlichen religiösen Überzeugung konnte und durfte er die Perle nicht zur Zierde eines Bildes hergeben, das göttliche Anbetung fand. Aus leicht begreiflichen Gründen getraute er sich nicht, dies dem Prior offen zu Legenden. Um ihn jedoch vom Kaufe abzuschrecken, forderte er fünfzigtausend Franken, einen maßlos hohen Preis. Doch wie ward ihm zu Mute, als schon nach wenigen Tagen der Amtsdiener erschien und ihn einlud, mit ihm aufs Rathaus zu kommen, wo bereits der Prior anwesend sei, um gegen Erlegung der Kaufsumme die kostbare Perle in Empfang zu nehmen. Isaak war äußerst betroffen. Nur einen Augenblick besann er sich, dann legte er die Perle in seine Tasche und ging mit dem Amtsdiener. Auch einige Nüsse steckte er zu sich. Er öffnete sie unter­wegs, aß die Kerne und tat die Schalen scheinbar achtlos ebenfalls in seine Tasche. Mitten durch Troyes fließt ein kleines Flüsschen. Als sie über die Brücke kamen, warf Isaak die Schalen ins Wasser. Dann aber fing er zu jammern und zu wehklagen an: „Meine Perle, meine Perle, mein ganzes Besitztum ist verloren. Ich habe aus Versehen meine Perle ins Wasser geworfen!”

Alle bemitleideten den armen Mann, wusste man doch, dass die Perle, deren Verkauf ihm großen Reichtum ge­bracht hätte, sein ganzes Vermögen darstellte, dass ihr Ver­lust ihn zum Bettler machte, ja, ihn noch in Schulden stürzte, deren Abzahlung ihm auf Jahre hinaus schwere Sorgen auflud. Niemand ahnte, dass Isaak freiwillig und mit voller Überlegung die Perle ins Wasser geworfen hatte, um sie nicht für ein Heiligenbild herzugeben, dessen Anbetung er für Götzendienst hielt. Man suchte den ganzen Fluss vergeblich ab, man fand die Perle nicht mehr. In der darauf folgenden Nacht konnte Isaak lange nicht einschlafen. Die Aufregung und kummervolle Gedanken ließen ihn nicht ruhen. Als er aber endlich einge­schlummert war, glaubte er eine Stimme aus himmlischen Höhen zu vernehmen, die ihm zurief: „Isaak, du hast eine kostbare Perle weggeworfen, deinem Gott zu Ehren. Nun verleiht dir Gott zum Lohn dafür eine Perle, welche die Welt mit ihrem Glanze erleuchten und deinen Namen tragen wird bis an das Ende aller Tage.” Nach einem Jahr gebar die Frau des Isaak einen Sohn. Das war Raschi, der mit seinem Namen den seines Vaters verband; denn Raschi ist eine Ab­kürzung und bedeutet Rabbi Schelomo Jizchaki (Ra. Sch. I.).

Eine weitere Legende von der Geburt Raschis

Nicht völlig im Einklang mit diesem Bericht steht eine Legende, nach der Raschi in Worms zur Welt ge­kommen ist, wo für ihn schon vor seiner Geburt ein Wunder geschehen sein soll. Die Mutter Raschis, so wird erzählt, begab sich einmal, als sie guter Hoffnung war, in die Synagoge. Sie ging gerade durch ein schmales Gässchen, als auf schwer beladenem Wagen ein roher Fuhrmann herankam, der, ohne sich um die flehenden Rufe der armen Frau zu kümmern, seine Rosse zu noch größerer Eile antrieb. Die arme Frau wollte entfliehen, doch es war zu spät. Da drückte sie sich an die Wand und erwartete angstvoll den Tod, den die heranstürmenden Pferde ihr im nächsten Augenblick bringen mussten. Allein Gott war barmherziger als die Menschen; die Wand wich zurück und gewährte ihr wie in einer Nische Schutz und Zuflucht. Noch heute wird in Worms die Wand gezeigt, in der sich ein Abdruck wie von einer menschlichen Figur befindet. Die gleiche Erzählung wie von Raschi, der ja in Troyes und nicht in Worms das Licht der Welt erblickt hat, wird auch von Rabbi Jehuda Chassid, Rabbi Jehuda dem Frommen, berichtet.

Die Legende von Gottfried von Bouillon

Ein anderer Legendenhafter Bericht bringt Raschi in Verbindung mit Gottfried von Bouillon, dem helden­haften und tapferen Führer des ersten Kreuzzuges. Der Ritter soll von der Weisheit Raschis gehört und be­schlossen haben, bevor er den Zug ins heilige Land unternahm, den Rat desselben einzuholen. Er begab sich nach Troyes und betrat das Haus des berühmten Mannes. Der Ritter, der Raschi für einen großen Zauberer halten musste, bat ihn, ihm zu raten, ob er gegen die Ungläubigen zu Felde ziehen solle, und ihm zu Legenden, ob er siegesgekrönt in die Heimat zurückkehren werde. Nach einiger Überlegung habe Raschi ihm geantwortet: Ich weiß, du wirst meinen Rat nicht befolgen. Dennoch will ich deinen Wunsch erfüllen und dir die Zukunft entschleiern. Wisse, du wirst die heilige Stadt erobern; drei Tage wirst du darin Herr sein, am vierten aber wirst du entweichen müssen, und unglücklich und geschlagen wirst du mit drei und einem halben Rosse in diese Stadt zurückkehren. Da habe Gottfried zornig ausgerufen: und wenn ich nur mit einem halben Ross zurückkomme, so sollst du, Jude, deine Lüge mit dem Tode büssen. Es sei aber, so fährt die Legende fort, alles genau so eingetroffen, wie Raschi es verkündete. Die Christen eroberten Jerusalem und hielten sich darin drei Tage, am vierten mussten sie der Übermacht weichen. Immer mehr schmolz ihr Heer zusammen, und schließlich mussten sie die Heimreise antreten. Als Gottfried von Bouillon in die Nähe von Troyes kam, erinnerte er sieh der Prophezeiung Raschis. Er schaute um sich. Noch hatte er vier Rosse. So hast du doch gelogen, Jude! rief er aus. Er klopfte an die Tore der Stadt, die nach mittelalterlichem Brauche verschlossen waren. Auf seinen Anruf hin wurde die Fallbrücke herabgelassen, über die er mit seinen Begleitern zog. Aber aus Versehen ließ der Wächter den Torbalken zu früh herabfallen, und dieser durchschnitt im Herniedersausen das vierte Ross mitsamt seinem Reiter, und mit drei und einem halben Pferde, wie es Raschi vorher verkündete, war Gottfried von Bouillon in Troyes eingezogen. Nun wollte der Ritter dem großen Manne seine Huldigung darbringen, doch hörte er zu seinem Bedauern, dass Raschi schon gestorben sei. In Wirklichkeit ist Gott­fried von Bouillon überhaupt nicht nach Europa zurückgekehrt, sondern im heiligen Lande, fünf Jahre vor Raschi, gestorben. Unerklärlich bleibt es, warum gerade Raschi diese Hinneigung zur Zauberei und zur Ent­hüllung der Zukunft zugeschrieben wird. Man wird in Raschis sämtlichen Werken vergeblich nach einer Spur suchen, aus der man die Berechtigung hierzu ableiten könnte. Raschi war, wie alle wahrhaft frommen Juden, von jedem Aberglauben frei und huldigte dem im Talmud als maßgebend aufgestellten Grundsatz: „Nichts ist außer Gott, es gibt keine geheimnisvolle Macht außer der seinigen.“

Die Legende von Raschis Kommentar

Eine andere Legende lässt Raschi die verschiedensten Länder durchwandern und ihn bald hier, bald dort, bald in Spanien, bald in Böhmen auftauchen. Überall hört er im Lehrhause seltsame und scheinbar unver­ständliche Stellen aus dem neu erschienenen Raschi-Kommentar diskutieren. Er löst mühelos zum Erstaunen der Gelehrten die vorhandenen Schwierigkeiten und gibt sieh, bald durchschaut, schließlich als der berühmte Raschi zu erkennen. Auch diese Erzählung entspricht nicht der Wahrheit; sie zeigt uns nur, wie verbreitet Raschis Werke schon zu seinen Lebzeiten waren, und wie sie das Gemeingut der Gelehrten aller Länder wurden, obwohl sie damals nur durch Abschreiben vervielfältigt werden konnten.

Vielleicht gibt es darum so viele Legenden über Raschi, weil wir über diesen großen und einzigartigen Mann so wenig wissen und nur spärliche und dürftige Nachrichten über ihn an die Nachwelt gekommen sind, die noch heute sich an seinen Werken erfreut und gern etwas aus seinem Leben erfahren möchte. Wohl wenige Männer hat es gegeben, die, abgesehen vom Inhalt, auch nur quantitativ so viel wie Raschi ge­schrieben haben. Aber die außerordentliche Bescheidenheit des seltenen Mannes zeigt sich darin, dass er von sich selbst fast niemals spricht. Es geht uns ihm gegenüber wie dem Ritter. Wir sehen seine Manuskripte mit ihrem reichen Inhalt aufgerollt vor uns liegen, wir hören seine Stimme, welche die Jahrhunderte durchdringt, uns heute noch zu belehren, aber ihn selbst erblicken wir nicht. Versuchen wir das wenige zusammenzustellen, was über ihn geschichtlich feststeht.

Weitere Legende um Raschis Geburt

Zu dem Vers in Kohelet „die Sonne geht auf, und die Sonne geht unter“ macht der Midrasch die Bemerkung, dass immer, wenn ein Großer in Israel, ein geistiger Führer des jüdischen Volkes stirbt, ein gleichwertiger Genius der Welt geboren wird, der bestimmt ist, an die Stelle des Verstorbenen zu treten. Im Jahre 1040 war Rabbenu Gerschom, der Rabbiner von Mainz, gestorben, den man das „Licht der Diaspora” nannte, weil die Juden aller Länder ihn als unbestrittene Autorität verehrten. Er war es, der die erste Rabbinerversammlung einberief und gemeinsam mit hundert Rabbinern die Monogamie für die abendländischen Juden einführte. Seine Anordnungen werden noch heute mit der größten Genauigkeit erfüllt. In demselben Jahre nun, in welchem Rabbenu Gerschom aus dem Leben schied, wurde in Troyes in Frankreich - nicht, wie man früher glaubte, in Lunel - Raschi geboren.

Wahrscheinlich um Raschis Größe, was wirklich nicht notwendig war, noch mehr hervorleuchten zu lassen, hat man behauptet, sein Vater sei ein unwissender Mann gewesen. Allein das ist eine Fabel; denn an zwei Stellen in seinem Kommentar erwähnt Raschi seinen Vater als Lehrer. Raschis Mutter entstammte einer angesehenen Familie. Sicher ist, dass ihr Bruder jener Simon ben Isaac ben Abun war, den die Zeitgenossen den Grossen nannten, weil er durch seinen Einfluss es durchgesetzt hatte, dass die von Mainz vertriebenen Juden dorthin zurückkehren durften, und dessen daher die Juden von Mainz an jedem Schabat in ihrem Gebet dankbar gedachten.

Raschis Jugend

Von Raschis Jugend wissen wir gar nichts. Er hat sich früh vermählt, dann aber, wie es im Altertum nicht selten vorkam, seine Gattin, mit ihrer Einwilligung natürlich, verlassen, um in anderen Ländern sein Studium fortzusetzen. Sein Wissensdurst führte ihn nach Deutschland, wo damals das geistige Leben in höchster Blüte stand. Galt doch damals das Sprichwort „die Tora geht aus von Deutschland und das Wort Gottes von Frankreich.” In Speyer wurde Rabbi Eljakim, in Mainz Rabbi Jakob ben Jakar, in Worms Rabbi Isaak Halevi und Rabbi Isaak ben Jehuda seine Lehrer. Ahnten es die Mitstudenten, ahnten es die Gemeindemitglieder, in deren Mitte Raschi lebte, dass der Jüngling, der so fleißig studierte, einst ein Licht des Judentums werden würde, das noch nach acht Jahrhunderten an Glanz nichts einge­büsst hat? Seine Lehrer wenigstens scheinen es geahnt zu haben. Der eine schreibt an ihn in einem Gutachten: „Bei jedem Fremden, der aus deiner Heimat kommt, erkundige ich mich nach dir und deinem Wohlergehen.“ Ein anderer schreibt: „Durch dich ist das Zeitalter nicht verwaist. Deinesgleichen möge es Viele in Israel geben. Und ein dritter bricht in den Lobeshymnus aus: „O, du im Himmel Geliebter und auf Erden Wohlgelittener, du beherrschest die Königsschätze, tief eindringend in das Verborgene!”

In Deutschland hat Raschi die Grundlage zu seinem staunenswerten Wissen gelegt. Eine Folge seines Aufenthaltes in Deutschland ist es, dass wir bei ihm bisweilen auch deutschen Worten begegnen, während er sonst zur Klarstellung in seinem Kommentar in der Regel die französische Bezeichnung des Gegenstandes beifügt.

Voller Gelehrsamkeit und voller Pläne, kehrte Raschi in die Heimat zurück. In Worms hat man aller­dings lange an der irrigen Meinung festgehalten, Raschi sei Rabbiner dieser Stadt gewesen. Noch heute zeigt man in Worms die so genannte Raschi-Kapelle, ein neben der uralten Synagoge liegendes Lehrhaus. In einer Nische in der Westwand steht, aus rohen Steinen hergestellt, der „Raschi-Stuhl“, auf welchem der große Mann gelehrt haben soll. Raschi hat in Worms gelernt, aber nicht ge­lehrt. Die Raschi-Kapelle ist erst 500 Jahre später, im Jahre 1624, von zwei reichen Brüdern, David und Josua Joseph Oppenheim, erbaut worden.

Fünfundzwanzig Jahre alt kehrte Raschi nach Troyes zurück. Es ist nicht sicher, wenn auch in hohem Grade wahrscheinlich, dass er in seiner Heimat das Amt eines Rabbiners bekleidet hat. Es wäre wohl kaum denkbar, dass die Juden seines Heimatortes ihn nicht als ihren Führer sollten anerkannt haben, während er doch bald eine Autorität ersten Ranges für die ganze Judenheit wurde, und Anfragen aus allen Ländern, von nah und fern, an ihn gerichtet wurden. In jedem Falle bezog Raschi für seine Tätigkeit als Rabbiner keine Besoldung und keinerlei Entschädigung. In jenen Zeiten galt es allgemein als selbstverständliche Pflicht, die Tora um ihrer selbst willen zu studieren, und unsere Vorfahren hielten sich gewissenhaft an die Vorschrift, die Tora nicht zu gebrauchen, weder als Krone, um damit zu glänzen, noch als Spaten, um damit zu graben. Ora et labora, „bete und arbeite” lautete stets die Devise.

Raschi Weinhändler?

Raschi scheint, wie die meisten Juden jener Zeit, Geschäfte getrieben zu haben. Wenigstens geht dies mit ziemlicher Sicherheit aus dem Bericht eines seiner Schüler hervor, welcher erzählt, dass Raschi gemein­sam mit einem Christen ein Geschäft abgeschlossen habe. Es kam zu Differenzen, die zu einem Prozess führten, in dessen Verlauf der Christ, nach dem Brauche jener Zeit, bei den Reliquien eines Heiligen einen Eid zu schwören sich bereit erklärte. Um dieses zu ver­hüten, verzichtete Raschi - ein Beweis für seine prak­tische Frömmigkeit - auf das eingeklagte Geld, nahm sich aber vor, künftighin nicht mehr mit einem Christen als Teilhaber ähnliche Geschäfte zu machen. Vielleicht war Raschi gar - horribile dictu - ein Weinhändler! Dass er in der Champagne wohnte, wo der beste fran­zösische Wein wächst, wissen wir. Von der Herstellung des Weines hatte er gründliche, jedenfalls aus eigener Anschauung geschöpfte Kenntnisse, denn in einem Brief an seinen Schwiegersohn beschreibt er die in Troyes übliche Art des Trottens und Kelterns zum Unterschied von der im Altertum gebräuchlichen, sachgemäß und mit großer Klarheit. Überdies entschuldigt er sich in einem Gutachten, er müsse sich kurz fassen, denn er und seine Familie seien in den Weinbergen mit der Weinlese beschäftigt.

Wissenschaftliche Leistung

Doch zum Trost und zur Beruhigung für die­jenigen, die es als sonderbar empfinden, dass einer der erlesensten Geister des Judentums, ein Mann, von dem man mit den Worten der Fabel Legenden kann, dass er mit den Füssen auf der Erde stand, aber mit seinem Kopfe in den Himmel ragte, sich mit Weinhandel beschäftigt haben soll, sei bemerkt, dass Raschi jedenfalls nur wenig Zeit für den Handel übrig gehabt haben kann. Hat er doch nur ein Alter von fünfundsechzig Jahren erreicht, war in seinen letzten Lebensjahren kränklich und leidend, und hat während dieser verhältnismäßig kurzen Zeit ein fast unglaubliches Maß von Arbeit geleistet. Dreißig Traktate des Talmuds hat er mit einem fortlaufenden Kommentar versehen, wobei jeder Satz, ja fast jedes Wort scharf zugespitzt und gefeilt, wohl überlegt und tief durchdacht ist. Die Erklärungen hat er selbst ge­schrieben. Noch lange nachher beriefen sich die Ge­lehrten auf die Handschrift, die „seine heilige Hand” - so sagten seine Verehrer - angefertigt hat. Um dieses Werk zu schreiben, musste Raschi nicht nur ein fabelhaftes Wissen besitzen, er musste viele tausende Stellen, nachschlagen und vergleichen. Diesen ganzen Kommentar hat Raschi überdies zweimal bearbeitet und niedergeschrieben, und das zweite Mal an vielen Stellen wichtige und be­deutsame Änderungen vorgenommen.

Diesem ersten Riesenwerk stellte sich ein zweites würdig an die Seite: Raschis Kommentar zu den vierundzwanzig Büchern der Heiligen Schrift. Nur der Kommentar zu den Büchern der Chronik stammt von einem seiner Schüler. In diesem Werke hat Raschi auf fast jeden Vers der Heiligen Schrift Bezug genommen und alle Schwierigkeiten zu ebnen, alle Rätsel zu lösen gesucht.

Hierzu kamen, außer mehreren anderen wissenschaftlichen Schriften, deren Bedeutung jedoch durch die beiden Meisterwerke Raschis verdunkelt wird, synagoga1e Poesien Raschis, die von seinem dichterischen Talent Zeugnis ablegen und von denen zwei in die Sammlung am Versöhnungstage übergegangen sind, und endlich eine Reihe tiefdurchdachter Gutachten, in denen Raschi die verschiedensten Fragen, die an ihn gerichtet worden sind, mit der ihm eigenen Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit erörtert. Man begreift schwerlich, wann Raschi all das gedacht, wann er all das geschrieben hat. In jedem Fall kann er dem Handel nur einen kleinen Bruchteil seiner Zeit gewidmet haben. Seine ganze unermüdliche Kraft aber hat er in den Dienst seiner unsterblichen Werke gestellt.

Raschis Familie

Von Raschis Frau, von der nicht einmal der Name überliefert worden ist, und von seinem Eheleben wissen wir gar nichts; und wenn nach dem Ausspruch des Pericles diejenige Frau die beste ist, von der man am wenigsten redet, so muss sie ein wahres Muster ihres Geschlechtes gewesen sein. Söhne hatte Raschi nicht, hingegen besaß er drei Töchter, die an große Talmudgelehrte verheiratet wurden. Seine Tochter Rachel war sehr gelehrt. Wenn der Vater leidend war, führte sie ihm seine hebräische Korrespondenz, und Raschi hing an ihr mit besonderer Liebe. Eine Enkelin Raschis, Mirjam, war in der rabbinischen Literatur so bewandert, dass ihr sogar schwierige kasuistische Fragen vorgelegt wurden. Eine andere Enkelin Raschis, Anna, unterrichtete die in Rameru wohnenden jüdischen Mädchen und Frauen in ihren religiösen Pflichten.

Viel berühmter aber wurden im Judentum, zu dessen glänzendsten Gestalten sie gehören, drei Enkel Raschis, Söhne des Rabbi Meir von Ramerü, einem kleinen Städtchen bei Troyes. Der älteste von ihnen, Samuel, nach der damals gebräuchlichen Abkürzung Raschbam genannt, wetteiferte mit seinem Großvater in der Kommentierung der heiligen Schrift, indem er, dem Zuge seiner Zeit folgend, nach einfacher und sinngemäßer, oft darum etwas nüchterner Auslegung des Textes strebte; der zweite, Isaac ben Meir, Ribam genannt, war ein großer Talmudforscher, dessen scharfsinnige Deduktionen wir in den Tossafot, den so genannten Zusätzen zum Talmud, finden. Der dritte und berühmteste von allen, Jacob, im Volksmunde Rabbenu Tam genannt, war wie sein Großvater der geistige Führer seiner Zeit. Er veranstaltete in Frankreich die erste Rabbinerversammlung, und er war die höchste Autorität, vor dessen Entscheidungen die Juden Deutsch­lands, Frankreichs und der angrenzenden Länder sich willig beugten.

Die Legende vom Enkel

Im Volksmund hat sich eine Erzählung fortgepflanzt, nach welcher Raschi seinen Enkel, den späteren Rabbenu Tam, als dieser noch ein Knabe war, auf seinem Schosse gehalten habe, als er gerade den Abschnitt über die Tefillin schrieb. Der Kleine spielte mit dem Tintenfasse, wie Kinder pflegen, und schüttete es um, so dass die Arbeit seines Großvaters unleserlich wurde. Dieser aber sprach ahnungsvoll: Wer weiß, ob dieses Kind nicht einmal umstoßen wird, was ich hier geschrieben habe. Was Raschi ahnte, ist zur Wirklichkeit geworden. Der Enkel verehrte seinen Großvater, wie er es verdiente, aber höher als die Liebe zu dem Ahn stand ihm die Liebe zur Wahrheit, und freimütig und offen hat Rabbenu Tam die Ansichten Raschis geprüft, kritisiert und nicht selten bekämpft.

Die Kreuzzüge

Von den äußeren politischen Verhältnissen, unter denen Raschi lebte, erfahren wir aus seinen großen Werken gar nichts. Es ist, wie wenn Raschi mit seinem Studierzimmer eine andere Welt betreten hätte, in die der Lärm der Strasse nicht hereinzudringen vermochte. Raschi schrieb eben nicht für seine Zeit, er schrieb für die Ewig­keit. Ja, es herrscht in seinen Werken ein objektiver Ton und eine olympische Ruhe und Klarheit des Geistes, als wenn Raschi unter den glücklichsten äußeren Ver­hältnissen gelebt hätte. Und doch wissen wir, dass das Gegenteil der Fall war. Raschi hat neun Jahre vor seinem Tode die Gräuel des ersten Kreuzzuges erlebt. Damals rüsteten sich hunderttausende von kampflustigen Männern zu einem Zuge in den fernen Osten, um die „heiligen Gräber” aus der Macht der Ungläubigen zu befreien. Nur wenige Kreuzfahrer waren von edlen Gesinnungen erfüllt, viel niedriges Gesindel war unter ihnen, nur allzu Viele unter jenen blut- und geldgierigen Scharen hatten alle menschlichen Regungen abgestreift. Als daher ein fanatischer Mönch jenen wilden Horden zurief: „Bevor wir die Ungläubigen im fernen Osten be­kämpfen, wollen wir sie im eigenen Lande vernichten”, da bedurfte es nur dieses Funkens, um eine Explosion herbeizuführen. Man ließ den Juden nur die Wahl, die Taufe anzunehmen oder zu sterben. Nur wenige entschlossen sich zum Wechsel der Religion, die allermeisten zogen den Tod einem Leben der Lüge und der Untreue vor. So kamen insgesamt 52000 Juden (in Mainz allein 1300, in Worms 800) als Opfer des ersten Kreuz­zuges ums Leben. In Raschis synagogalen Poesien zittert noch ein Nachklang von den ausgestandenen Schreckens­szenen, während deren wohl auch die Juden von Troyes um ihr Leben bangen mussten. Aber in Raschis wissenschaftlichen Werken - so wusste dieser große Meister sich selbst zu beherrschen - finden wir auch nicht eine Andeutung von allem, was sich damals begab, und was gewiss auch sein Herz erschüttert hat.

Raschis Tod

Während große Männer oft erst nach ihrem Tode gewürdigt worden sind, hat Raschi schon bei seinen Lebzeiten volle Anerkennung gefunden. Im Anfang zwar nennen ihn die Gelehrten jener Zeit noch zurückhaltend „hazarfati”, „der Franzose”. Dann aber heißt er in der Sprache jener Tage „der Stolz der Weisen, das Haupt der Kundigen, die Krone der Einsichtigen”, und ein Zeitgenosse schreibt über ihn: „seine Lippen waren voll von Erkenntnis, die Tora gewann neues Licht durch seine Erklärungen, Worte der Wahrheit waren in seinem Munde, in Frieden und Rechtschaffen­heit wandelte er; er hat das Judentum gekräftigt und die Tora groß und herrlich gemacht”. Nach der Über­lieferung war das letzte Wort, das er in der Erklärung des Talmuds schrieb, das Wort „rein”. An dieser Stelle findet sich in der Handschrift in Parma am Rande die Bemerkung: „die heilige Bundeslade, unser großes Licht, unser Lehrer Salomon ben Isaac, der Franzose, wurde am Donnerstag, den 29. Tamus 4865 (1105), von uns genommen, er war erst 65 Jahre alt, als er vor das himm­lische Gericht gerufen wurde.” Eine ähnliche Bemerkung finden wir am Schlusse des Kommentars zum Buche Hiob: „So wie derjenige, der den Feigenbaum gepflanzt, die Zeit kennt, in der die Früchte reifen, um sie zu pflücken zur rechten Zeit, so kannte der Allgütige die Zeit unseres Lehrers Salomon und rief ihn ab zu seiner Zeit, um ihn in die höhere Welt einzuführen; und er war nicht mehr, denn Gott hatte ihn zu sich genommen.“

Die jüdische Anschauung verbietet es, großen Männern Denkmäler zu errichten. Auch nicht einmal der bescheidene Denkstein ist erhalten geblieben, der auf dem Friedhof in Troyes stand, wo seine irdischen Überreste ruhen. Vielleicht haben ihn bei einer der häufigen Judenverfolgungen rohe Horden herausge­rissen, um damit etwa die Stadtmauer zu flicken, wie es z. B. in Basel geschehen ist, wo man nach dem Bericht des Chronisten im Mittelalter an zahlreichen Stellen der Mauer jüdische Grabsteine erblicken konnte, auf denen noch die letzten Worte deutlich zu lesen waren "Amen, Amen, Amen Sela".» Raschi braucht aber auch kein äußeres Zeichen, um vor Vergessenheit bewahrt zu bleiben. Dauernder als Steine und Erz hat er sich ein Denkmal im Herzen des jüdischen Volkes gestiftet, denn durch seine unsterblichen Werke hat er das geistige Leben im Judentum rege erhalten.

Der Talmudkommentar

Das hat er vornehmlich durch seinen Talmudkommentar getan. Der Talmud ist den meisten Juden leider nur vom Hören-Legenden bekannt. Und doch ist nächst der Bibel für den Juden der Talmud das wichtigste Werk, denn er enthält die mündliche Lehre, die neben der schriftlichen und zur Er­läuterung derselben uns am Sinai gegeben worden ist. Unsere Weisen vergleichen einmal die schriftliche Lehre mit dem Tage, die mündliche mit der Nacht. Sie haben damit ein bedeutsames Wort ausgesprochen. Wie Tag und Nacht zusammengehören und sich gegen­seitig ergänzen, so die schriftliche und die mündliche Lehre. Wie der Tag keines anderen Lichtes bedarf, denn er selbst ist das Licht, so die schriftliche Lehre. Wie aber die Nacht durch das von Menschen hergestellte Licht taghell erleuchtet wird, so wird die mündliche Lehre durch das Licht des menschlichen Verstandes, des menschlichen Scharfsinns erläutert und verständlich gemacht. Kennt man nur die hebräische Sprache, in der die Heilige Schrift geschrieben ist, so kann man wenigstens oberflächlich deren Sinn erfassen. Anders ist es mit dem Talmud. Wiewohl er nun schon seit vierzehnhundert Jahren niedergeschrieben ist, ist er doch in gewissem Sinne immer traditionell geblieben und kann ohne die mündliche Überlieferung des Lehrers an den Schüler nicht völlig begriffen werden. Darum gibt es viele christ­liche Gelehrte, die den Talmud übersetzen können, aber nur sehr wenige, die ihn verstehen. So gehört der Talmud seinem Wesen und seiner Eigenart nach uns Juden allein, weil nur der Jude ihm das hingebende und eifrige Studium widmet, welches notwendig ist, wenn man den Schlüssel zu seinem Verständnis finden will. Für uns Juden ist der Talmud von größerer Bedeutung, da er erst dem Bibelwort die entscheidende und endgültige Erklärung gibt. Wir könnten weder Schabat noch Feiertage noch irgend ein Gebot der Bibel richtig beachten ohne die bis ins Einzelne gehenden genauen Bestim­mungen und Erläuterungen, die wir im Talmud finden. Ja, oft erhält der scheinbar klare Sinn der Heiligen Schrift durch die Überlieferung eine ganz andere Bedeutung. In der Bibel steht z. B. der bekannte, vielfach ange­feindete Satz: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.” Der Talmud jedoch, dessen Auslegung der Heiligen Schrift die für uns Juden maßgebende ist, sagt uns, dass dieser Ausspruch nicht buchstäblich gemeint ist und nicht so gemeint sein kann, dass vielmehr derjenige, der einen andern verletzt, dem Beschädigten nach richterlichem Urteil eine entsprechende Geldsumme zahlen muss, wie dies in ähnlichen Fällen auch heute noch geschieht.

Der Talmud ist nicht hebräisch, sondern in chal­däisch-aramäischem Idiom geschrieben, er enthält überdies zahlreiche Worte aus dem Lateinischen, Griechi­schen und Persischen. Was aber vollends die Schwierig­keit, die Diskussionen der neunhundert Gelehrten, die im Talmud zu Worte kommen, zu erfassen, bis ins Un­gemessene steigert, ist der Umstand, dass der Talmud ganz ohne Interpunktion geschrieben ist. In kurzen abgerissenen Sätzen wird uns eine Art Protokoll der Gespräche und Auseinandersetzungen über biblische und halachische Fragen, welche die Weisen beschäftigten, gegeben, und kein Punkt sagt uns: hier kannst du ausruhen, kein Fragezeichen kündet uns eine Frage, kein Ausrufungs­zeichen einen Ausruf an. So wird der Talmud geradezu zu einem Labyrinth, in welchem man ohne den Ariadne-Faden der Erklärer sich unmöglich zurechtfinden könnte. Heute, wo wir die lichtvollen Ausführungen Raschis auf der einen Seite neben dem Text in jedem Talmud-Exemplar gedruckt finden, während auf der anderen die geistvollen Erörterungen der französischen Tossa­phisten-Schule stehen, die, von Raschis Enkeln gegründet, auf dem Fundament, das er gegeben hat, weiter baut, können wir gar nicht begreifen, wie man vor Raschis Zeiten „gelernt”, und wie man damals den Talmud verstanden hat. Die Lernenden müssen eben noch viel mehr als heutzutage von ihren Lehrern abhängig gewesen sein. Heute existiert sicherlich kein Gelehrter, und .wäre er noch so groß, der den Talmud ohne Raschis Kommentar zu studieren vermöchte; und bei jeder Diskussion der späteren Forscher ist die erste Frage: was sagt Raschi? Dabei wird Raschis Eigenart durch eine Bemerkung charakterisiert, die über ihn im Volksmunde kursiert. Man sagt, der Tropfen Tinte habe zu Raschis Zeiten einen Dukaten gekostet. Denn Raschi schreibt überaus kurz; einfach und präzis sind seine Erklärungen. Seine große Bescheiden­heit zeigt Raschi, indem er nie oder doch fast nie sagt: hier ist eine Schwierigkeit, ich löse die Frage auf fol­gende Art, sondern Raschi schneidet die Frage kurz an, man merkt, dass sie ihn beschäftigt hat, und man sieht ihre Lösung, die sich einfach und natürlich wie das Ei des Kolumbus ergibt. Wenn Raschi einen bestimmten Ausdruck gebraucht „kelomer”, d. h. „das will Legenden”, so ist dies regelmäßig ein avis au lecteur, dass hier die Fussangeln eines Irrtums ruhen, denen auszuweichen der kundige Führer uns mahnt. Mit der größten Kürze verbindet Raschi durchsichtige Klarheit. Wir sehen dies am besten dort, wo sein Kommentar nach seinem Tode von anderen, ebenfalls hervorragenden Männern fortgesetzt worden ist. Sie brauchen den zehnfachen Raum wie Raschi, ohne doch so klar und deutlich zu werden wie er.

Raschis Allgemeinwissen

Dabei entwickelt Raschi ein fabelhaftes Wissen, das nicht nur auf der Kenntnis der Bücher, sondern auch auf der des praktischen Lebens beruht. An einer Stelle spricht er über medizinische Fragen wie ein kun­diger Arzt, an einer andern zeigt er, dass er in die Wissen­schaft der Astronomie tief eingedrungen gewesen sein muss. Raschi weiß auch, dass man in Venedig von Haus zu Haus mit einer Gondel fährt, obwohl sein Fuß niemals Italien betreten hat; er beschreibt zweimal genau und anschaulich Ebbe und Flut, obgleich er stets im Binnenlande gelebt hat, und er berichtet von einer Mauer, die zu seiner Zeit das Ungarland umgab, obgleich er Ungarn nie gesehen hat. Woher wusste Raschi dieses und noch vieles andere, was nicht in den Lehrhäusern gelehrt wurde? In Troyes fanden zweimal im Jahre große Messen statt; vom 15. Juli bis zum 15. September und vom 2. No­vember bis zum 2. Januar war Troyes das Rendez-vous der Händler und Kaufleute aus Frankreich und Italien, aus Deutschland und Flandern, aus Spanien und Eng­land. Auf diesen großen Märkten scheinen Juden aus allen Ländern als Vermittler tätig gewesen zu sein. Zur Zeit Raschis regierte über Troyes Thibault 1., Graf der Champagne, der den Juden in Handel und Wandel voll­kommene Freiheit ließ. Auf diesen Messen hat Raschi ohne Zweifel von den zahllosen Fremden Kunde über alles Wissenswerte und alles, was ihn interessierte, erhalten. Raschi hatte überhaupt bei aller seiner Bücher­gelehrsamkeit einen scharfen Blick für das praktische Leben. So beschreibt er ganz genau die Herstellung von Münzen, die er wohl in der berühmten Münzstätte von Troyes beobachtet haben wird, und kennt das Verhältnis der einzelnen Münzen der verschiedenen Länder zu einander. Auch den Prozess des Lötens be­schreibt Raschi sehr anschaulich, ebenso den der schwärz­lichen Zeichnung auf Gold und Silber, was man schon damals emailliert nannte. Raschi kennt auch den Bau der Schiffe und die Art der Schifffahrt, er beschreibt die Be­handlung von Seide und Flachs, für welche Troyes ein Haupthandelsplatz war; es ist ihm bekannt, wie die Frauen Figuren mit der Nadel sticken, Broderies genannt; er weiß, wie Seide mit Goldfäden durchzogen wird, und kennt einen sehr teuren Taft-Stoff, der mit Silber durchwirkt war, er hieß Cendal und wurde aus Lucca, einem italienischen Städtchen, auf den Markt gebracht. Auch von der verschiedenen Art des Webens gemusterter Stoffe und von Figuren im Webstoffe spricht Raschi mit einer Sachkenntnis, die er nur aus eigener Anschauung erworben haben kann, und wenn der Talmud sich tadelnd darüber ausspricht, dass die Frauen im Altertum sich in einen allzu durchsichtigen Stoff zu hüllen pflegten, so fügt Raschi hinzu: so kleiden sich noch heute die christlichen Frauen in Frankreich.

Diese allerdings unvollständige Aufzählung mag uns eine Idee von Raschis vielseitigen Kenntnissen geben; wovon sich aber derjenige, der Raschi selbst nicht zu lesen vermag, keinen Begriff machen kann, das ist die peinliche Genauigkeit, mit der er den Text des Talmud feststellt, - an und für sich schon ein überaus verdienst­liches Werk, - das ist die Geistesschärfe und die Genialität, mit der er die schwersten Rätsel löst, das ist die unbeugsame Logik, die ihn bei seiner Beweisführung leitet, die großartige Gradheit und Ehrlichkeit, mit der er auf die Schwächen seiner eigenen Erklärung oft selbst aufmerksam macht. Keiner der Früheren und keiner der Späteren hat Raschi auch nur annähernd erreicht. Wohl ist eine Erklärung kein Originalwerk, aber kein Originalwerk hat den gleichen Einfluss ausgeübt wie Raschis Kommentar. Hat doch Raschi durch seine Erklärungen den Talmud Abermillionen von Juden zu­gänglich gemacht und damit dem Judentum das geistige Leben erhalten.

Nähe zu den Gelehrten und zum einfachen Volk

Während die Christen im Mittelalter vielfach in Barbarei versunken waren und es sogar Kirchenfürsten gab, die kaum lesen und schreiben konnten, schöpfte der Jude wie aus einem nie versiegenden Born Bildung und Kultur, Kenntnisse und Wissen aus dem Talmud. Der Talmud belehrte ihn über Tiere und Pflanzen, über Länder und Völker, über die Erde und die Welt der Ge­stirne, die am Himmel kreisen, er lehrte ihn scharf zu denken und weich zu empfinden, er gab ihm Klarheit über die Aufgabe Israels und über sein Verhältnis zu den anderen Völkern und zu Gott; er rief ihm in farben­prächtigen Bildern seine glorreiche Vergangenheit vor Augen und flösste ihm die Hoffnung ein auf eine herr­liche Zukunft. So gab der Talmud unsern Vätern geistige Spannkraft und Regsamkeit, er bewirkte, dass während der trüben Zeiten des Mittelalters der Gepeinigte geistig hoch über seinem Peiniger stand, der Eingekerkerte über seinem Kerkermeister.

Mit seinem Talmudkommentar hatte Raschi für die jüdischen Gelehrten gesorgt, für deren Studium der Talmud die eigentliche Domäne ist, aber auch den einfachen Mann aus dem jüdischen Volke hat Raschi mit einem kostbaren Gute beschenkt: das sind seine Er­klärungen zur heiligen Schrift. Wenn wir uns von dem Vorzug und der Eigenart dieses echt jüdischen Werkes einen Begriff machen wollen, so müssen wir zunächst den Unterschied zwischen der jüdisch-spanischen Schule, die ihren glänzendsten Vertreter in Maimonides hatte, und der jüdisch-französischen Schule charakterisieren, an deren Spitze Raschi stand.

Die Juden in Spanien

In sozialer Beziehung war die Lage der Juden in Spanien, solange es sich unter der Herrschaft der moham­medanischen Araber befand, eine außerordentlich günstige. Den Juden standen in Spanien alle Berufe offen, und sie nahmen teil an dem Wettbewerb in Kunst und Wissen­schaft. Es gab jüdische Astronomen, Ärzte und Dichter in großer Zahl, ja auch an hohen Beamten und selbst an jüdischen Ministern fehlte es nicht, die zum Segen des Landes ihr einflussreiches Amt verwalteten. Der Vorwurf des Wuchers ist den spanischen Juden nie gemacht worden. Ganz anders war die Lage der Juden in Deutsch­land und in Frankreich. Von allen Ämtern und Ehren waren sie ausgeschlossen, ihr Leben und Eigentum war in beständiger Gefahr und musste durch große Opfer von den jeweiligen Machthabern immer aufs Neue erkauft werden. Dabei ließ man den Juden keinen anderen Erwerbszweig als den Wucher, und wenn sie sich durch diesen bereichert hatten - soll doch den Juden vor ihrer Vertreibung aus Frankreich, wie ihre Feinde wenig­stens behaupten, halb Paris gehört haben - so wurde der Hass und die Feindschaft des Volkes erweckt, die schließlich zu einer Katastrophe führten. Wie gering die Juden zu jener Zeit geachtet wurden, geht aus einem an und für sich geringfügigen, damals geführten Prozesse hervor, in welchem ein Edelmann eine Kutsche, die er einem Juden als Pfand gegeben, zurückzunehmen sich weigerte, weil eine jüdische Frau dieselbe benutzt habe, niemand aber seiner Gattin zumuten könne, in einer Kutsche zu fahren, in der eine Jüdin gesessen habe! Je mehr aber die Juden bedrückt wurden, umso mehr schlossen sie sich an ihre Religion an. Von Übertritten zum Christentum hört man selbst dort, wo Gewalt angewendet wurde, in jener Zeit nur äußerst selten.

Aus dieser so verschiedenen sozialen Stellung erklärt es sich, dass die Juden in Spanien die ganze arabische Kultur in sich aufnahmen, und dass die hervorragenden Führer des Judentums die Bildung ihrer Zeit voll und ganz besaßen und ihre Werke sogar arabisch schrieben, während die Juden in Frankreich die Landessprache wohl kannten, sich aber dennoch in ihren wissenschaft­lichen Arbeiten hauptsächlich der hebräischen Sprache bedienten, weil sie Juden, nichts als Juden sein wollten und der sie umgebenden Kultur ablehnend gegenüber standen.

Gegensatz zu Maimonides

Dieser Umstand ist nun von großer Wichtigkeit bei der Behandlung der heiligen Schrift geworden. Maimo­nides zum Beispiel ist ein feuriger Anhänger der Philo­sophie des Aristoteles, die zu jener Zeit die Welt be­herrschte. Freilich war er, ebenso wie von der Wahrheit der Philosophie, von der Göttlichkeit der heiligen Schrift überzeugt, und er betrachtete es als seine Lebensauf­gabe, beide miteinander in Einklang zu bringen und zu zeigen, dass man ein denkender Geist und ein gläubiger Jude zugleich sein könne. Dieses Streben war ja sehr verdienstvoll, es hatte aber auch seine Schattenseiten. Denn Maimonides war von der Idee befangen, den Aristo­teles in der Bibel und die Bibel in Aristoteles wieder zu finden. Bekannt ist sein Ausspruch, dass, wenn er gleich Aristoteles glauben würde, die Welt sei nicht erschaffen worden, sondern bestehe von Ewigkeit her, er versucht hätte, auch diese Ansicht mit dem Wortlaut der Bibel in Einklang zu bringen. Wie er das vermocht hätte, ist allerdings sein Geheimnis geblieben. Wir sehen aber hieraus, dass sich die Bibel, wenn sie mit der Philo­sophie nicht übereinstimmen wollte, ziemlich viel gefallen lassen musste. Dabei lebte Maimonides in der irrigen Meinung, die Philosophie des Aristoteles werde wie zu seiner Zeit ewig die Gemüter beherrschen. Wie sehr hat er sich in diesem Punkt geirrt. Beinahe in jedem Geschlechte werden neue philosophische Lehrgebäude errichtet, die schon von dem nächsten großen Denker wieder zerstört werden.

Ganz anders verfuhr Raschi und seine Schule. Durch philosophische Begriffe und Axiome war er nicht voreingenommen, war sein Urteil nicht getrübt. Er las die heilige Schrift als Jude, nur als Jude, die heilige Schrift war ihm das Gegebene, und ob sie mit irgendetwas, was außer ihr lag, harmonieren wollte oder nicht, war ihm völlig gleichgültig. Umso mehr aber vertiefte er sich in das Bibelwort, suchte es zu ergründen und in seinen geheimsten Tiefen zu erforschen, und zeigte hierbei einen natürlichen Takt und einen scharfen Verstand. Damit aber nicht nur der Geist, sondern auch das Gemüt zu seinem Rechte komme, benutzte Raschi fleißig den Midrasch; und wer die wunderbare Poesie des Midrasch kennt, den der Dichter mit blühenden Gärten verglichen hat, wird begreifen, welchen Schatz damit Raschi dem Mann aus dem jüdischen Volk zugänglich gemacht hat. Raschi gibt sich übrigens dem Midrasch nicht blind gefangen. Oft sagt er, der Midrasch befriedige ihn nicht, und strebt neben der poetischen nach einer nüchternen Erklärung des Sinnes. So ist Raschis Bibelkommentar zugleich verstandesmäßig und phantasievoll, voll von Kritik und von Poesie. Er verdankt es dieser seltenen Mischung, dass es ein Volksbuch in des Wortes bestem Sinne geworden ist, ein Werk für Alt und Jung. Mehr als siebzig Werke haben sich eingehend mit Raschi beschäftigt, und eine ganze Anzahl von Superkom­mentaren sucht Raschis Ausführungen in ihrer ganzen Tiefe zu erfassen.

Raschi und Luther

Wie im Fluge eroberte sich Raschis Kommentar die jüdische Welt. Ibn Esra, ebenfalls ein hervorragender Erklärer, fand ihn kurze Zeit nach Raschis Tod schon in Rom vor. Verhältnismäßig früh wurde Raschi ins Lateinische übersetzt und von christlichen Gelehrten benutzt, besonders von Nikolaus von Lyra, den man wegen seiner Abhängigkeit von Raschi „Raschis Affen” nannte. Dieser Nikolaus von Lyra war es, aus dessen Schriften Reuchlin, der Vorkämpfer der Reformation und selbst Luther, der große Reformator, schöpften, so dass man im Volksmunde sagte: „Hätte Lyra nicht geleiert, hätte Luther nicht getanzt.“ Auch Luther ist daher, das steht unumstößlich fest, von Raschi geistig abhängig gewesen. Wenn er dies gewusst hätte, hätte er die Juden vielleicht weniger gescholten, eingedenk des Wortes: „In einen Brunnen, aus dem du getrunken, sollst du keinen Stein werfen.”

Raschis Lehrer

Obschon Raschi, wie ich schon erwähnte, von sich selbst wenig oder gar nicht spricht, können wir doch ohne Mühe einige Charakterzüge, die ihn auszeichnen, feststellen, für die sich in seinen Schriften zahlreiche Belege finden. Mit großer Verehrung spricht Raschi von seinen Lehrern, und selbst der Mann, der schon mittelbar und unmittelbar zahlreiche Schüler besitzt, hält mit kindlicher Ehrfurcht das Wort seiner Lehrer hoch. Noch höher freilich als die Autorität steht ihm die Wahrheit, und häufig erlaubt er sich, die Anschauung seiner Lehrer, allerdings mit schonenden Worten, zu bekämpfen. Einmal erzählt er, dass er von seinem Lehrer in Worms eine religiöse Entscheidung vernommen habe, die für das praktische Leben von großer Wichtigkeit war. Als er aber nach Troyes übergesiedelt war, habe er bei eingehendem Studium gefunden, dass der Lehrer sich geirrt haben müsse. Trotzdem war die Verehrung für den Meister so groß, dass er, zumal bei der Wichtigkeit der Sache, sich nicht getraute, das Urteil seines Lehrers umzustoßen, bis er zum zweiten Male nach Worms reiste, wo es ihm gelang, seinen Lehrer umzustimmen, und die Richtigkeit seiner eigenen Anschauung zu erweisen.

Raschis Schüler

War Raschi verehrungsvoll gegen seine Lehrer, so betonte er andrerseits niemals seine Autorität seinen Schülern gegenüber. In den Briefen redet er sie stets „mein Bruder” oder „mein Freund” an. Mehrmals be­kennt er, von seinen Schülern gelernt zu haben, wie er überhaupt von jedermann Belehrung annahm. Dieses Wort habe ich von Rabbi Jose gehört, und es machte mir Vergnügen, lesen wir einmal bei ihm, oder ein anderes Mal: „Dies hat mir mein Schüler erklärt, und ich habe Freude daran empfunden.” Seine Ehrlichkeit und Wahr­heitsliebe zeigt Raschi, indem er an vielen Stellen un­umwunden eingesteht: „ich habe mich geirrt und muss meine frühere Erklärung zurücknehmen”.

Bescheidenheit und Milde

Seine ganz außerordentliche Bescheidenheit leuchtet aus zahlreichen Gutachten hervor. Die Gemeinde von Cavaillon hatte ihn ersucht, einen Bann, den Rabbenu Gerschom ausgesprochen hatte, als Autorität seiner Zeit zu erneuern. „Wie käme ich dazu, und wer bin ich”, ruft er ganz entrüstet aus, „mich als Autorität aufzuspielen, da ich doch nur gering bin und meine Hände schwach sind wie die von Waisenkindern.”

Außerordentlich milde zeigte sieh Raschi im Urteil. Während der Judenverfolgungen in Deutschland hatten manche aus Not das Judentum verlassen, bis Kaiser Heinrich IV. ihnen die Rückkehr zum Judentum ermög­lichte. Nun aber wollten in übergroßer Strenge die jüdischen Gemeinden die Abgefallenen nicht mehr aufnehmen und als Juden anerkennen. Raschi aber trat mit dem ganzen Gewicht seines Namens, wie übrigens vor ihm schon Rabbenu Gerschom, für die Unglücklichen ein. Er war es auch, der hierbei zuerst den seither oft zitierten Satz anwandte: „Ein Jude, und wenn er auch gesündigt hat, bleibt ein Jude und kann nie aufhören, ein Jude zu sein.”

Bei allem Ernsten fehlt übrigens in Raschis Wesen auch ein humoristischer Zug nicht. Ein Nicht-Jude hatte einen Juden, der eine Kanne mit Wein in der Hand hielt, gestoßen, so dass ein Teil des Weines verschüttet wurde. Man fragte Raschi, ob man den Wein gebrauchen dürfe. Lächelnd antwortete Raschi: „Nur der verschüttete Wein darf nicht getrunken werden.” Nicht nur bei dieser Gelegenheit, sondern auch sonst äußert Raschi häufig eine freundliche Gesinnung den Christen gegenüber. Diese milde Denkungsart ist ihm umso höher anzurechnen, als er, wie wir gesehen, die Gräuel des ersten Kreuzzuges miterlebt ha Raschi ist uns so ein lebendiges Beispiel dafür geworden, wie man Gerechtigkeit und Milde selbst denen gegenüber üben soll, die uns hassen und verfolgen.

Urteil in Ehesache

Als Zeichen von Raschis edler Sinnesart sei nur eines seiner Gutachten angeführt. Eine Frau klagte über ihren Mann, der sie aus dem Hause gestoßen, weil sie angeblich mit Aussatz behaftet sei und diese Krank­heit schon vor der Eheschließung gehabt habe Raschi fällte folgendes Urteil: „Durch die aus Legenden von einwandfreien Zeugen steht es fest, dass die Frau im Hause ihrer Eltern von körperlichen Gebrechen frei war. Es fehlt also jede Veranlassung, die Ehe nach dem Antrage des Mannes für ungültig zu erklären. Aber durch sein ganzes Vorgehen hat der Mann sich als nichtswürdig erwiesen, unwürdig eines Nachkommen unseres Stamm­vaters Abraham, dessen Söhne sich der unglücklichen Menschen zu erbarmen pflegen. Er hat sein Herz ver­härtet gegen die eigene Gattin, mit der er doch den Bund fürs Leben geschlossen, „und Gott war Zeuge zwischen ihm und dem Weibe seiner Jugend. Will der Mann seine Frau nicht in Ehren wieder bei sieh aufnehmen, so muss er ihr den Scheidebrief geben und sie nach den Bestim­mungen des Ehevertrags entschädigen. Um wie viel besser wäre es jedoch, wenn der Mann sein Unrecht einsähe und sich seiner Frau wieder zuwendete, damit ihm vom Himmel her Erbarmen zu teil werde, und er gewürdigt werde, mit ihr sein Haus zu erbauen, weit und geräumig, frei von jeder Angst und jeder Be­drängnis.“