Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - Marcus Cohn - Veröffentlichungen - Einerlei Maß

Einerlei Maß

von Marcus Cohn

Vorwort von Gabriel Miller

Als 1916/17der folgende Beitrag von Marcus Cohn in der Schweiz veröffentlicht wurde, gab es dafür einen aktuellen Anlass. Es bestanden Vorurteile gegen die Juden, die durch Verdächtigungen, möglicherweise Verfehlungen einzelner Juden, in der Öffentlichkeit grassierten. Marcus Cohn fühlte sich berufen, dagegen seine Stimme zu erheben. Er wandte sich jedoch nicht insbesondere gegen die Verleumder und Antisemiten, er wollte vielmehr seiner eigenen Glaubensgemeinschaft erklären, worin das Wesen des jüdischen Glaubens und des jüdischen Rechts liegt. In seiner religiösen und aufgeklärten Einstellung erkannte er, dass es darauf ankommt, den Juden das Wesen ihrer Lehre, ihrer Tora, den Glauben an Gerechtigkeit und Gleichheit klar zu machen. Nur wenn man das Wesen der eigenen Religion erkennt und dazu steht, kann man es auch gebührend und wirkungsvoll verteidigen. „Dein Lager soll rein sein“ heiß es in der hebräischen Bibel. Nur das zählt. Insofern ist die Philosophie des Judentums nach Marcus Cohn auch heute wie vor neunzig Jahren aktuell. Auch heute sollte dies deutlich zum Ausdruck gebracht werden!

Der Beitrag wurde aus nahe liegenden Gründen redigiert und leicht gekürzt, wird aber im wesentlichen unverändert wiedergegeben.


Einerlei Maß

von Marcus Cohn

„Halte nicht in deinem Hause zweierlei Maß, großes und kleines.”

(5. Buch Moses 25, 14.)

Die Verfehlungen eines Juden dürfen nicht sämtlichen Juden zur Last gelegt werden. Jeder büsse seine eigene Schuld, dieser Grundgedanke des biblischen Strafsystems verdient es, endlich auch in unserem modernen Staatswesen Eingang zu finden. Vom Richter und vom Volke sollte immer nur der Angeklagte verurteilt werden, nicht aber die Gesamtheit, der er als Glied angehört.

Verdächtigungen muss stets entschieden entgegengetreten werden, soweit sie sich gegen das Judentum als Allgemeinheit oder gegen die Juden als Gesamtheit richten. Für die Fehler Einzelner darf nicht die Gesamtheit verantwortlich gemacht werden.

Es muss entschieden dagegen Stellung ge­nommen werden, dass der jüdischen Religion die Billi­gung von Grundsätzen angedichtet werde, die sie aus­drücklich verpönt, und die auch jedes jüdische Gemüt mit Entrüstung von sich weisen wird.

Doch bei dieser Abwehr der gegen uns erhobenen Verleumdungen darf es nicht sein Bewenden haben. Es genügt nicht, wenn wir die Beschuldigungen als ungerechtfertigte Verallgemeinerungen zurückweisen. Denn die Tatsache bleibt bestehen, dass auch Juden, selbst solche, die sich noch in irgendeiner Form zum Juden­tum bekennen, sich verwerflicher Treibereien schuldig gemacht haben. Und wenn auch diese Tatsache in keiner Weise zu allgemeinen Angriffen auf die Juden und das Judentum berechtigt, uns selbst muss sie zu denken geben, muss veranlassen, dass wir diesem wunden Punkt nicht ängstlich ausweichen, sondern offen und ehrlich Einkehr halten und uns fragen: Was kann die jüdische Gesamtheit gegen derartige Verstöße in ihren eigenen Reihen tun?

Nachdem aber in den staatlichen Gesetzen sämt­liche Fragen betreffend Handel und Wandel ihre Regelung gefunden haben, bleibt da noch ein Raum für eine Sondertätigkeit von unserer Seite? Diese Frage sollte, wie mir scheint, von allen einfluss reichen jüdischen Führern, denen das Judentum am Herzen liegt, von allen maßgebenden jüdischen Organisationen, die für jüdische Interessen einzutreten gewillt sind, kräftig bejaht werden. Neben den staatlichen Be­hörden, die mit der Waffe des Gesetzes arbeiten, obliegt es der jüdischen Gemeinschaft, in ihren Reihen mit allen ihr zu Gebote stehenden moralischen Mitteln gegen die Unmoral im Geschäftsleben anzukämpfen.

Als ein solches taugliches Kampfmittel erweist sich vor allem der deutliche Hinweis darauf, dass nach jüdischer Anschauung die Beobachtung von Gesetz und Recht die Vorbedingung aller jüdischen Gebote ist. In vielen jüdischen Kreisen finden sich nämlich törichte Meinungen darüber verbreitet, welchen Wert die jüdische Lehre der Ehrlichkeit und Redlichkeit im Handel und Wandel beimisst. Diesen Irrtümern soll in den fol­genden Darlegungen entgegengetreten werden. Es soll gezeigt werden, dass im Sinne der jüdischen Religion der Jude den Menschen zur Voraussetzung hat, dass die rein menschlichen Pflichten auch religiöse Satzungen sind, die an die Spitze der jüdischen Religion gestellt werden müssen.

Die jüdische Gesetzeslehre kann, wie Maimonides in seinem Kommentar zu Peah (I, 1) ausführt, in zwei Teile geschieden werden. Der erste umfasst die Gesetze, Chukim, diejenigen Gebote und Verbote, die das Verhältnis der Menschen zu Gott regeln und die Vervollkommnung der menschlichen Seele bezwecken. Dahin gehören z. B. das Verbot des Götzendienstes, die Be­obachtung der Sabbate und Feiertage, die Speisegesetze und die symbolischen Handlungen (Zizit, Tephilin, Mesusa). Der zweite Teil umfasst die Rechtssatzungen, Mischpatim, diejenigen Gebote und Verbote, die der Mensch im Verkehr mit seinen Nebenmenschen, der Gesellschaft und dem Staat zu beobachten hat. Dahin gehören in erster Linie alle diejenigen biblischen Normen, die das Leben, die Ehre und das Eigentum des Nebenmenschen schützen und die als grundlegende Normen in die Strafgesetzbücher sämtlicher zivilisierter Völker übergegangen sind. Dahin gehören ferner die Vorschriften privat rechtlichen Inhalts, sowie auch die ethischer Natur, z. B. Verbot der Feindschaft und Rache, Gebote der Elternliebe und Armenfürsorge, der Ehrerbietung gegen Waisen und Greise. Auch die Mischpatim bezwecken die Veredelung der menschlichen Seele, sie tragen aber zugleich zum Wohl der menschlichen Gesellschaft bei. Im Gegensatz zu den Chukim leuchtet ihr Sinn ohne weiteres ein. Sie regeln die rechtlichen Beziehungen der Menschen zu einander, in einer Weise, wie dies zumeist heute bei allen Völkern der Fall ist. Ehrlichkeit und Redlichkeit sind allgemein menschliche Tugenden. Sie werden von den Nichtjuden in gleicher Weise gefordert wie von den Juden. Die Chukim hingegen erweisen sich als vorzugsweise jüdische Pflichten; sie geben dem Juden das charakteristische Gepräge.

Diese theoretische und begriffliche Scheidung der beiden Gesetzesgruppen darf jedoch nicht zu der ver­kehrten Annahme verleiten, man könne den einen Teil zwar erfüllen, dem andern aber den Gehorsam ver­weigern. Es wäre töricht zu wähnen, man könne die Chukim unbeachtet lassen und seinen jüdischen Pflichten allein durch die Beobachtung der Mischpatim genügen. Ebenso falsch wäre es aber auch, die Mischpatim als nebensächlich anzusehen. Ein derartiger Gedanke würde auf grobem Irrtum beruhen, denn er lässt außer Acht, dass nach jüdischer Anschauung, die eigentliche Zweck­bestimmung der ganzen Tora der nach sittlichen und sozialen Gesichtspunkten geordnete, menschliche Ver­kehr ist; dass des Juden heiligste Aufgabe die Beobach­tung seiner Pflichten gegenüber dem Nebenmenschen ist. Denn nur zu dem Zwecke ward Israel zum Volke erwählt, dass es in den Wegen Gottes wandle: Ge­rechtigkeit übe und Recht (I Buch Moses 18, 19). Ohne die Mischpatim sind die Chukim sinn- und zwecklos. Beide zusammen machen das Judentum aus. „Nur wenn du beide mit gleichem Ernst, mit gleicher Gewissen­haftigkeit erfüllest, bist du Jude“ (S. R. Hirsch, Gesam­melte Schriften 1, 165.)

Denn das Recht ist eine göttliche Sache (V. Buch Moses I, 17). Auch die Mischpatim sind religiöses Recht und wollen strikt beobachtet sein. Ihrer hervorragenden Bedeutung entsprechend sind diese Rechtssatzungen dem Volke vor den Gesetzen betreffend Kultus und Ritus vorgelegt worden (Mechilta zu II B. M. 2). Der Gerechtigkeit unermüdlich nachzustreben, sei des Juden vornehmste Pflicht und ausdrück­lich wird im Talmud gesagt: Wer fromm sein will, der beobachte streng die Satzungen betreffend Mein und Dein.

„Warst du redlich in Handel und Wandel?“  so wird nach einem Ausspruch des Talmuds (Sabbat 31a) die erste Frage lauten, die uns am Tage der Verantwortung vorgelegt werden wird. Verfehlungen im Verkehr mit den Nebenmenschen sind so schwerer Natur, dass sie selbst durch reumütige Busse am Versöhnungstage nur gesühnt werden können, wenn der Geschädigte zuvor befriedigt worden ist. Dies zeigt deutlich, welches Gewicht nach jüdischer Auffassung auf die Rechtssatzungen gelegt wird.

Immer wieder wird in den talmudischen Schriften die verpflichtende Kraft des Versprechens, die Unverbrüchlichkeit des gegebenen Wortes hervorgehoben. Dein „Ja” sei Ja, dein „Nein” sei Nein, diese Kardinalforderung wird im Talmud (Baba Mezia 49a) an die biblischen Bestimmungen betreffend die Masse angeknüpft: „Tut kein Unrecht im Rechtsausspruch, im Längenmass, im Gewicht und im Hohlmass. Gerechte Wage, gerechte Gewichtsteine, gerechtes Epha und gerechtes Hin sollt ihr haben, denn ich bin der Ewige, euer Gott, der euch aus dem Lande Ägypten geführt hat (III. Buch Moses 19, 35 ff.). „Du sollst nicht in deiner Tasche haben zweierlei Gewichtssteine, großes und kleines. Du sollst nicht in deinem Hause haben zweierlei Maß, großes und kleines. Vollkommen und gerecht sei dein Gewichtstein, vollkommen und gerecht dein Maß“ (I. Buch Moses 25, 13 ff.). Diese jüdische Maßgerechtigkeit ist das Fundament, auf dem sich nach jüdisch rechtsphilosophischer Anschauung das gesamte Rechtsgebäude aufbaut. Denn die Maßbestimmungen sind ein unentbehrliches Hilfsmittel für den Handwerker, wie für den Kaufmann. Ohne sie ist ein auch nur einigermaßen entwickelter Rechtsverkehr nicht denkbar. Da muss jedem Einzelnen das Vertrauen geschenkt werden können, dass er ehrlich zählen, messen und wägen werde, um den Umfang von Leistungen zu bestimmen, die er schuldet. Mit falschem Maß und falschem Gewicht werden die Ge­danken der Menschen bestohlen (Mechilta zu V. B. M. 25, 16), und Gedankendiebstahl ist im jüdischen Recht ein qualifiziertes Verbrechen. Eine richterliche Gewalt ruht in jedem Einzelnen, wenn er entscheiden darf über Maß und Inhalt seiner Pflichten. Missbraucht er sie, so begeht er einen schweren Rechtsbruch, denn er würde Treue und Glauben erschüttern und dadurch den gesicherten Rechtsverkehr ins Wanken bringen. Darum ergeht an jeden Juden die Mahnung, dass heilig sein Wort sei und unverbrüchlich. „Sprich nicht: Siehe, es ist doch nur ein ‚Wort’! Siehst du denn nicht, wie aufs Wort und auf Treue und Achtung des Wortes die Menschengesellschaft erbaut wird, der reinste Abdruck des Menschen sein Wort ist, mit dem Worte er seine Weltaufgabe vollendet, und es sein Menschentum abwerfen heißt, abzuwerfen die Treue dem Worte?" (S. R. Hirsch, Versuche über Israels Pflichten, § 350).

Wer die jüdische Maßgerechtigkeit leugnet, spricht der Befreiung aus ägyptischer Knechtschaft Sinn und Zweck ab. „Denn nur unter der Voraussetzung habe ich euch aus Ägypten geführt, dass ihr die Maßvorschriften beobachtet.“ In dieser Weise wird in Torat Kohanim z. St. der Hinweis auf die Erlösung aus Ägypten (III. Buch Moses 19, 36) formuliert. Es wird dadurch deutlich ausgesprochen, welch hervorragende Stelle die Maßgerechtigkeit nach alter jüdischer Anschauung in der Gesetzgebung einnimmt. Durch die strikte Beobachtung der Bestimmungen betreffend Maße und Gewichte wird erst der Rechtsverkehr geordnet und gesichert und die segensreichen Wirkungen von der strengen Erfüllung der Maßvorschriften kommen daher den Menschen selbst zugute. Wer mit Maßen lügt, begeht ein schweres Verbrechen, und schwer sind auch die Folgen, die dieses Delikt nach sich zieht. Seiner Menschenwürde beraubt sich, wer solches Unrecht tut; „wenn er sich Jude nennt und nicht aufs gewissenhafteste das Recht im Menschenverkehr wahrt. Der Jude mit falscher Elle und falschem Gewicht darf Gott nicht mehr ‚seinen’ Gott nennen.” (S. R. Hirsch, V. Buch Moses 25, 16.)

Eine gesteigerte Bedeutung erhält die jüdische Maßgerechtigkeit noch, wenn wir an die verschiedenartige Bewertung denken, die fälschlich den beiden Gesetzesgruppen Chukim und Mischpatim in manchen jüdischen Kreisen zuteil wird. Mit zweierlei Maß tritt man an sie heran, misst mit großem und kleinem Epha ihren Einfluss und ihre Stärke, und kommt dadurch zu einer ungleichen Einschätzung und zu einer von der jüdischen Anschauung so scharf verpönten Geringschätzung einzelner Teile der jüdischen Gesetzeslehre. Auch in dieser Hinsicht verlangt von uns die jüdische Maßgerechtigkeit, dass vollkommen und gerecht sei das Maß in unserem Hause. Auf gerechter Wage will die Tora selbst gewogen, mit gerechtem, vom jüdisches Gesetz geeichten Maßstab will ihr Inhalt gemessen sein.

Diese Mahnung geht ganz besonders an diejenigen unter uns, die dem jüdischen Gesetze die Treue bewahren. Sie vor allem müssen dafür sorgen, dass kein Seufzer und keine Träne hafte an ihrem Gute, kein Kummer an dem Werk ihrer Hände; dass sie redlich seien im Nehmen und im Geben, im Verpflichten und im Leisten. Wer Speisegesetze und Feiertage nach den Vorschriften der Tora beobachtet, wer sich oft und gern im Lehr- und Gotteshaus einfindet, der muss auch mit blankem Schild dastehen vor seinen Mitmenschen; denn er würde sich andernfalls nicht nur an seinen heiligsten menschlich-jüdischen Pflichten vergehen, er würde obendrein die jüdische Religion verhöhnen bei denen, die sie nicht kennen; er würde das begehen, wovor jeder Jude ängstlich zurückschrecken sollte: eine Entweihung des göttlichen Namens (einen Chilul Haschem).

In der Nähe des Altares musste der Gerichtshof errichtet werden (Raschi zu II. B. M. 21, 1). Immer wieder sollte dadurch jedem Juden eingeprägt werden, dass nur dann, wenn er rein dasteht im Leben, wenn er unbescholten ist in seinem Verkehr mit den Neben­menschen, dass nur dann er sich dem Altare nahen dürfe, um dort den Weg zu finden zu Gott. Nur dann: denn wie wollte er Gott erkennen, Jude sein, wenn er zuvor seiner Menschenwürde entraten? Er würde den Frevel durch Hohn vermehren, wenn er über unredlich erworbenes Gut den Segen spräche, wenn er die Menschen betrügen und Gott „beschenken“ würde. Die Grundlagen des Judentums hat geleugnet, wer seine menschlichen Pflichten vernachlässigt. Er soll und darf sich nicht im Heiligtum sehen lassen. An die jüdische Gesamtheit ergeht die Pflicht, solche Schein­heiligkeit bloßzustellen. Der Gott des Rechtes kann ein Unrecht in seinen Hallen nicht ertragen. Gerechtigkeit liebt der Ewige, aber er hasst den Raub beim Opfer. An diese Worte Jesajas wird im Talmud die halachisch bedeutsame Lehre geknüpft, dass aus einer Verfehlung niemals eine gute Tat entstehen kann, denn ein ver­werfliches Mittel wird nach jüdischer Anschauung selbst durch edle Zwecke nicht geheiligt.

Mit gleichem Maßmüssen Chukim und Mischpatim, die Pflichten gegen Gott und die Nebenmenschen ge­messen werden; denn in ihrer Synthese erst liegt Sinn und Zweck der sinaitischen Gesetzgebung begründet.

Doch nicht nur die beiden Gesetzesgruppen an sich werden zu Unrecht verschieden gewertet, auch in anderer Hinsicht wird mit falschem Maß und Gewicht gemessen und dadurch des Gesetzes wahrer Inhalt verkannt. Von judenfeindlicher Seite wird seit Pfefferkorns Tagen (im späten Mittelalter agierender konvertierter Jude, der sich als schlimmer Antisemit hervortat G.M.) immer wieder der Versuch unternommen, die Ethik des Talmud und des Schulchan Aruch anzuschwärzen, nachzuweisen, dass die humanen jüdischen Pflichten gegen die Mit­menschen sich lediglich auf die Juden beziehen, den Nichtjuden gegenüber alles erlaubt sei. Es ist das große, unbestrittene Verdienst von David Hoffmann, dem Meister der Halacha, in seiner bekannten Schrift „der Schulchan Aruch und die Rabbiner über das Verhältnis der Juden zu den Andersgläubigen” (2. Aufl. 1894), sämtliche Widersacher von Professor Gildemeister bis zu Theodor Fritschens Hammerbund in den Augen aller vorurteilslos Denkenden gerichtet und unzweideutig gezeigt zu haben, dass Talmud und Schulchan Aruch die Verpflichtung zur uneingeschränkten Menschenliebe, zur Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit allen Menschen gegenüber lehren. In einem veröffentlichten Gutachten (Jeschurun, Monatsschrift für Leben und Lehre im Judentum, III. Jahrgang 1916, S. 298) hat Hoffmann die hauptsächlich in Betracht kommenden Gesichtspunkte programmatisch zusammengefasst.

Von allen jüdischen Gesetzesforschern wird hervorgehoben, dass alle Gesetze, die ursprünglich in ihrer obligatorischen Anwendung auf die jüdischen Volksgenossen beschränkt waren, in der heutigen Zeit gegenüber jedermann Geltung haben. In unzähligen Aus­sprüchen in den talmudischen Schriften wird es deutlich gesagt, oder als selbstverständlich vorausgesetzt, dass die Forderungen, die das jüdische Gesetz an die Ehrlichkeit und Redlichkeit der Juden stellt, in vollem Maße auch im Verkehr mit den Nichtjuden zu Recht bestehen. Man darf sie ebenso wenig, wie die eigenen Volksgenossen, täuschen und betrügen, darf nach einem Ausspruch im Talmud (Chulin 94) auch nicht ihre Gedanken und ihre Gesinnung stehlen, d. h. auch die konventionelle Lüge, wie sie das gesellschaftliche Leben so häufig mit sich bringt, ist Juden wie Nichtjuden gegenüber verboten.

Und gerade bei den jüdischen Maßgesetzen wird von allen Kommentatoren besonders hervorgehoben (Choschen Mischpat 231, I), dass die Anwendung von falschem Maß und Gewicht allen Menschen gegenüber vom Gesetz verpönt ist (vgl. auch die bemerkenswerten Grundsätze in Ch. M. 388, 12 und 425, I). So fordert das jüdische Recht, dass unsere Waage vollkommen sei und gerecht, gleichviel, mit wem wir handeln. Im Ver­kehr mit Nichtjuden einen andern Maßstab anzulegen wäre eine Versündigung an der jüdischen Maßgerechtigkeit, am Geiste der jüdischen Religion.

Ein weiterer Irrtum wäre es ferner zu denken, dass wohl allen Einzelmenschen gegenüber die für den Rechtsverkehr normierten Pflichten erfüllt werden müssen, dass es hingegen der Gesamtheit, dem Staat gegenüber mit diesen Pflichten nicht so genau zu nehmen sei.

Da sei auf die jüdische Anschauung hingewiesen, die im Talmud und bei den Kommentatoren immer wiederkehrt, und die sich in dem Satz zusammenfassen lässt: „Das Staatsgesetz ist gültiges Gesetz.”

Die Befolgung der Verordnungen und Befehle der Behörden ist dem Juden zugleich religiöse Pflicht. Die Hinterziehung von Steuern und Zöllen wird im Talmud ausdrücklich als Raub gewertet. Diese unbe­dingte Unterwerfung unter den Fiskus und seine Ansprüche, die schon in alter Zeit von den jüdischen Gesetzesforschern gefordert wurde, gilt heute noch in viel höherem Masse, da wir heute in Verfassungs- und Rechtsstaaten leben, in denen die Bürger nicht nur Objekte, sondern auch Subjekte der Gesetzgebung sind, in denen die Macht der Re­gierungen selbst und ihrer Organe in den Gesetzen ihre Schranken findet.

Vielgestaltig sind, wie wir gesehen haben, die Ansprüche, die die jüdische Maßgerechtigkeit an uns stellt. Einerlei Maß fordert sie von uns, im Verhältnis zu Gott und zu den Menschen, im Verkehr mit den jüdischen Volksgenossen und mit den Nichtjuden, gegenüber den Einzelnen und gegenüber der Gesamtheit. Untrennbar sind die Forderungen miteinander verknüpft; unteilbar sind sie nach ihrem Sinn und Zweck. Sie dürfen nicht verschieden von uns gewertet werden. Mit einerlei Maß müssen wir sie beurteilen.

Eine Waage der Gerechtigkeit sollte sich in jedem jüdischen Hause befinden. Neben den Torarollen ist ihr Platz. Gleich ihnen verdient sie ehrfurchtsvollen Respekt, beansprucht sie unbedingten Gehorsam. Neben Zizit und Tephilin sollte jeder Jude die vom jüdischen Gesetz geeichten Gewichtsteine im Hause haben, die ihm stets anzeigen, wie er sich in Handel und Wandel als Jude zu betätigen hat, die ihn stets wieder daran erinnern, dass die jüdische Lehre die peinliche Beobachtung der Gesetze auch im Verkehr mit den Andersgläubigen und gegenüber dem Staate fordert, dass er nicht nur im Gotteshaus und im Familienkreis sein Judentum pflegen muss, sondern dass er überall, wohin ihn der Beruf führt, sich auf heiligem Boden befindet: auf dem Boden der jüdischen Pflicht.

Im Mittelalter, als die Juden im Ghetto ein von der Umwelt zwar gesondertes, dafür aber selbständiges Dasein führten, pflegten, wie uns in Talmudkommen­taren berichtet wird, die Vorsteher der jüdischen Gemeinden aufmerksam darüber zu wachen, dass ihre Mitglieder Redlichkeit im Geschäftsleben übten und sich insbesondere den Nichtjuden gegenüber keiner Betrügereien schuldig machten. Rabbi Gerschom hat im elften Jahrhundert einen Bann über diejenigen ausgesprochen, die Betrügereien begehen (vgl. Hoffmann, Der Schulchan Aruch usw., S. 78 ff.). Heute werden Bannflüche nicht mehr erlassen, denn sie haben ihre Wirkung verloren. Diejenigen, welche sich so sehr gegen den Geist des Judentums versündigen, dass sie verdienen, in den Bann getan zu werden, haben sich zumeist auch schon soweit vom Judentum entfernt, dass sie sich nicht mehr viel um die Meinung seiner Autoritäten bekümmern. Aber der gesellschaftlichen Verachtung sollten alle diejenigen preisgegeben werden, die gar in so schwerer Zeit zu verwerflichen Erwerbsmitteln greifen. Auf diese Weise ist es, wie mir scheint, jedem Einzelnen möglich, seinen Teil dazu beizutragen, dass unliebsame Erscheinungen schwinden. Doch da wird es vor allem erforderlich sein, dass ein jeder auch bei der Beurteilung des Menschen den jüdischen Maßstab anlege.

Seien wir ehrlich: Sind nicht zumeist Hab und Gut der Wertmesser, den wir an den Menschen anlegen? Wird nicht allzu viel auf den Erfolg geschaut, ohne dass beachtet wird, wie er erreicht wurde? Fördern so nicht Viele durch einseitige Bewertung der Menschen nach Habe und Besitz diejenigen Kreise, die nur den Erfolg kennen, und um ihn erreichen, sich oft skrupellos über die Schranken der Redlichkeit und Wahrhaftigkeit hinwegsetzen? Da gilt es umzulernen und eine Umwertung der Werte zu vollziehen. „Dein Schätzen sei nach heiligem Gewicht” (III. B. M. 27, 25). Wie beim Schätzen für das Heiligtum richtet sich der wahre Wert eines Menschen nicht nach seinem Vermögen und seinem äußern Schein. Nicht nach dem, was sie haben, dürfen wir die Menschen beurteilen, sondern nach dem, was sie sind. Nicht Silber und Gold: das Silberhaar, das auf dem Wege der Gerechtigkeit gefunden wird, ist eine Krone des Ruhmes. Nicht der Beruf verdient ohne weiteres am meisten Ansehen, der rasch zu Reichtum und Genuss führt; denn der Mensch ist es erst, der dem Platz, auf dem er steht, die Würde verleiht. Daher verdient nach jüdischer Anschauung derjenige Ehre von den Menschen, der sich in seinem Beruf, gleichviel in welchem, bewährt und sich ihm mit seinem ganzen Können widmet, im stolzen Bewusstsein, den Platz würdig auszufüllen, den er in der Gesamtheit einnimmt. Und jeder Beruf ist ein notwendiges Glied in der endlosen Kette menschlichen Schaffens.

So könnten wir durch eine tiefere Beurteilung der Menschen eine bessere Orientierung unseres gesellschaftlichen Lebens herbeiführen. Und dadurch würden wir, soweit es in unserer Macht steht, dazu beitragen, dass unser jüdischer Schild blank sei und rein, und dass auch heute, wie zur Zeit jenes alten heidnischen Sehers, kein Unrecht erblickt werde unter Jakobs Söhnen. Dadurch wäre den Abwehrbestrebungen der beste Erfolg beschieden. Wenn Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit ihre sichere Stätte in unserer Mitte finden, dann wird sich zu ihnen auch die letzte und wichtigste der drei Grundsäulen, auf denen die Welt ruht, gesellen: der Frieden.

Durch ein Leben der Gerechtigkeit und Wahr­haftigkeit, das von den Einzelnen dann auf die Staaten übergehen muss, trägt jeder zugleich etwas zur Herbeiführung eines dauernden, ewigen Friedens bei.

Die Folge gerechten Tuns ist ewiger Frieden, Ruhe und Sicherheit (Jesaia 32, 17). Denn die besten Friedens­bürgschaften sind Recht und Wahrheit.