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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - ERSTE ABTEILUNG - Allgemeine Rechtsbegriffe - WOHNSITZ

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



WOHNSITZ

Der Ort, an dem jemand mit der Absicht dauernden Verweilens wohnt, begründet für ihn in mancher Hinsicht Rechte und Pflichten. Nach talmudischem Recht verpflichtet zwar schon ein Aufenthalt von 30 Tagen zur Zahlung von gewissen Steuern, jedoch gilt erst nach Verlauf von zwölf Monaten der W. als gewählt, so daß der Niedergelassene erst dann gleich allen dort Wohnhaften zu sämtlichen Lasten herangezogen werden kann (B. B. 1, 5; b. B. B. 82i). Eine besondere Rolle spielte der W. hinsichtlich der Sabbat-Vorschriften, indem man, um den erlaubten Fußweg außerhalb des Aufenthaltsortes um die zulässigen 2000 Ellen zu verlängern, jeweils am Endpunkte der ersten 2000 Ellen einen W. durch einen Eruw begründete. Durch diese Fiktion wurde ein Wohnsitz ergriffen, der den Ausgangspunkt für eine weitere Sabbatweggrenze (techum) bildete. Von Bedeutung ist der W. vor allem, sowohl auf rechtlichem wie auf religiösem Gebiet, für die Anwendung der am W. geltenden. Gewohnheitsrechte und Bräuche (minhagim) auf den Niedergelassenen (vgl. B. B. 1, lff.).

Im Eherecht ist der W. insofern von Bedeutung, als die Ehefrau verpflichtet ist, dem Mann an seinen W. zu folgen (Ket. 13, 10. 11). Bes. bestimmt wird, daß die Ehefrau nicht verpflichtet ist, dem Mann zu folgen, falls er das Heilige Land verläßt. Hingegen muß sie ihm an seinen W. folgen, falls er in das Heilige Land übersiedelt oder falls er aus einer Stadt des Heiligen Landes nach Jerusalem übersiedeln will. Auch kann die Ehefrau jederzeit von ihrem Ehemann verlangen, daß er das Heilige Land oder die Stadt Jerusalem als seinen W. erwählt (b. Ket. 110b ff.).

Im Mittelalter galt in vielen Gemeinden ein besonderes Recht der Niederlassung; es wurde dem von auswärts kommenden Juden die Niederlassung nur unter bestimmten Voraussetzungen gewährt. Für die bereits Niedergelassenen galt ein besonderes Recht auf Beibehaltung des W. (cheskat jischuw).