Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - ERSTE ABTEILUNG - Allgemeine Rechtsbegriffe - WAISE

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



WAISE

(jatom). Die W. nehmen im Rechte eine Sonderstellung ein. Der biblische Rechtssatz: "Du sollst das Recht des Fremdlings und der Waise nicht beugen" (Deut. 24, 17) warnt nicht nur den Richter vor Rechtsbeugungen, sondern appelliert an jedermann, sich des Rechts der Waisen in der menschlichen Gesellschaft anzunehmen.  Es ist Pflicht, ihnen mit besonderer Milde zu begegnen (Ex. 22, 22).  Die jüdischrechtlichen Normen zugunsten der Waisen erweisen sich nicht bloß als "Fürsorge"-Bestimmungen, da auch die Beugung des Rechts eines begüterten Waisenkindes oder einer reichen Witwe verpönt ist. "Auch das Recht der reichen Witwe 'Martha', der Tochter des Boetos, darf nicht gekrümmt werden", bemerkt Sifri zu Deut. 24, 17.

Eine Rechtsbeugung an diesen hilflosen Waisen und Witwen erscheint den Propheten als erschreckendes Symptom der Sittenlosigkeit, und sie werden nicht müde, gegen diese Krümmungen des Rechts der Waisen aufzutreten. In seiner gewaltigen Strafpredigt fordert Jesaja (1, 17) die Bewohner Jerusalems auf, ihr Leben der Scheinheiligkeit aufzugeben, und ermahnt sie zum ersten und wichtigsten Werk der Reue: "Schaffet Recht den Waisen, führt den Streit der Witwe" (vgl.  Ps. 82, 3).  Die Vorstellung, daß Gott als ihr Beschützer auftritt, ihr Wehgeschrei sehr wohl vernimmt (Ex. 22, 23; Deut. 10, 18) und eilends als Zeuge herbeieilt, wenn es gilt, sich ihres Rechts anzunehmen (Mal. 3, 5), ist im j. Schrifttum so ausgeprägt, daß z. B. im Midrasch (Echa R. 1, 1; 5, 3) oft Israel mit einer Waise, Jerusalem mit einer Witwe verglichen werden, um dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß beide auf dauernden Schutz des Ewigen zählen können.

Außer der Qualifizierung der allgemeinen Rechte stehen den W. nach j. Recht manche Sonderrechte zu.  Sie sind von der Verpflichtung zu öffentlichen Abgaben befreit und werden zur Armensteuer nicht herangezogen.  Sie sind nicht zum Ersatz des Schadens (Nesikin), den ein ihnen gehörendes, noch nicht "verwarntes" Tier angestiftet hat, verpflichtet (b.  B. K. 39a).  Sie können nicht auf irgendwelche Vorteile verzichten (b.  B. M. 22b).  Ihnen gegenüber gilt das im Nachbarrecht bedeutsam Vorkaufsrecht des Grenznachbars nicht (b.  B. M. 108b).  Einige Bestimmungen schützen die W. vor dem Eingriff etwaiger Gläubiger der Eltern; vor ihrer Volljährigkeit kann überhaupt nicht gegen sie vorgegangen werden.  Sie hafteten ursprünglich nur mit den im Nachlaß befindlichen Immobilien.  Die Gläubiger hatten - bis zu einer gaonäischen Verordnung - zum beweglichen Vermögen der Waisenkinder überhaupt keinen Zugriff; das biblische Pfändungsverbot, das in Deut. 24, 17 nur für die Witwe ausdrücklich festgesetzt wird, braucht deshalb auf die W. nicht ausgedehnt zu werden.  Die Forderungen der W. verjähren im Jahre des Schuldenerlasses (Schemitta) nicht; diese Bestimmung basiert auf der Fiktion, daß die j. Behörde als "Vater der W." zur Einziehung der Waisenforderungen ohne weiteres berechtigt ist und es somit hierfür der besonderen durch den Prosbul von Hillel vorgesehenen Verschreibung nicht bedarf.  Die W. sind ferner nicht so streng an die Bestimmungen des Zinsverbots gebunden, indem sie Gelder "nahe zum Gewinn und fern vom Verlust" verleihen dürfen, eine Klausel, die bei anderen Geldgebern als "Halbwucher" verpönt wäre.  In alter Zeit scheint den W. das Recht zugestanden zu haben, ihre Gelder im Tempel zu deponieren, womit diese allen als unantastbar galten.  In 1I.  Makk. 3, 10 wird in anschaulicher Weise die Erregung geschildert, die sich des ganzen Volkes bemächtigte, als ein Raub dieser Gelder der W. geplant war (vgl.  Gitt. 52a).

Besonderen Schutz läßt das j. Recht den unbemittelten W. angedeihen; der zweite Zehnt (ma-asser scheni), der nach Jerusalem verbracht und dort, in Naturalien oder in der entsprechenden Auslösungssumme, verzehrt werden mußte, wird in jedem dritten und sechsten Jahr zu einem Armenzehnt, der neben den Leviten und Fremden vor allem den Witwen und Waisen zugutekommen sollte (Deut. 14, 28f.). Außerdem hatten die W. Anspruch auf die Nachlese auf dem Felde, auf die zurückgelassene Krone beim Ölbaum und auf die einzelnen Beeren im Weinberg (Deut. 24, 19).  Diese Abgaben sind aber keine Almosen, sondern rechtliche Ansprüche, die den W. zustehen; der Eigentümer des Feldes hat nicht einmal Befugnis, über diese Abgaben zugunsten bestimmter W. zu verfügen.

Sind hinsichtlich ihrer Rechte als W. im allgemeinen Knaben und Mädchen gleichgestellt, so ist das Mädchen doch hinsichtlich ihrer Ausstattung privilegiert; die Verwalter der Armenkassen müssen sogar nötigenfalls eine Anleihe aufnehmen, um eine Waise verheiraten zu können ü. Ket. 6, 5).  Die Pflegschaft über die W. hatten zunächst wohl die Blutsverwandten zu übernehmen (was schon aus den Vorschriften in Lev. 25, 25 und 47-49 gefolgert werden kann), wie auch die Verpflichtung zur Auslösung des verkauften Feldes oder zur Eingehung der Schwager-(Levirats-) Ehe. Einer Zeit, in welcher das durch die Bande der Natur begründete Familienverhältnis im Vordergrunde stand, konnte die Adoption fremd bleiben. Späterhin scheint die besondere Ernennung eines Pflegers, des eigentlichen Vormunds, durch die Behörde als Vertreter der Gesamtheit nötig geworden zu sein.  Als besonderes Verdienst wird im j. Schrifttum die Erziehung der W. im eigenen Hause hervorgehoben (b. Ket. 50a). Bei der Einschärfung der j.-rechtlichen Vorschriften über die Pflichten gegenüber den W. wird stets an die Sklavenzeit in Ägypten erinnert, da die dankbare Empfindung für die Befreiung aus dieser Knechtschaft sich in stete Hilfsbereitschaft gegenüber den Schwachen umsetzen soll.