Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - ERSTE ABTEILUNG - Allgemeine Rechtsbegriffe - VERSCHOLLENHEIT

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



VERSCHOLLENHEIT

Die Vermutung des Todes, die die gerichtliche Todeserklärung infolge langdauernder V. im Gefolge hat, ist dem j. Recht unbekannt. Im Gegensatz zu den modernen Gesetzgebungen, die ein genau geregeltes Aufgebotverfahren kennen, durch das der Tod eines Abwesenden oder Vermißten erklärt wird (vgl. z. B. BGB, § 13-20), läßt das j. Recht eine Vermutung des Todes nur durch eine Zeugenaussage oder einen gleichwertigen Beweis eintreten, nicht aber durch einen gerichtlichen Akt. Im allgemeinen wird im j. Recht die Vermutung, daß der Verschollene lebe, als primär und durchschlagend angenommen (Gitt. 3, 3f.). Gestützt auf Ps. 90, 10 wird jedoch im Talmud (b. Gitt. 28a) die Ansicht geäußert, daß der Tod eines Abwesenden bei einem Lebensalter von 80 Jahren zu vermuten ist (E. H. 141, 68); bei der V. findet aber dieser Grundsatz keine Anwendung. Die Regelung der V. ist von weittragender Bedeutung vor allem auf dem Gebiete des Eherechts für die Frage, ob der Ehefrau die Eingehung einer neuen Ehe gestattet werden kann. Die Frage der Wiederverheiratung einer Aguna, d. h. der Frau eines Verschollenen, findet in der talmudischen Rechtslehre bis auf die Gegenwart eingehende Regelung, deren Tendenz dahin geht, der Frau nach Möglichkeit die Wiederverheiratung zu gestatten und anstelle des klassischen Zeugenbeweises für den Tod des Mannes beweiskräftige Indizien treten zu lassen.